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Zur Bedeutung, Zielsetzung und Realisierung der Umwelterziehung und Umweltbildung im Geographieunterricht an Realschulen

Essay 2006 10 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

I

Angesichts der Gegebenheit, dass der Mensch in seiner Wesenheit als zoon politikon im aristotelischen Sinne, ohne mit der ihn umgebenden Welt in Dialog zu treten und den Versuch zu unternehmen, sie erfassen zu wollen, zu leben nicht befähigt sein kann, und da er gerade diese seine Umwelt zunehmend gefährdet, sich somit selbst die Grundlage seines Menschseinkönnens zu entziehen droht, soll in folgendem Aufsatz die Frage erörtert werden, welchen Stellenwert die Umwelterziehung und Umweltbildung für Kinder und Jugendliche im Geographieunterricht unweigerlich einnehmen muss.

Zunächst erscheint es mir als sinnvoll hervorzuheben, dass der Begriff der Umwelterziehung losgelöst von dem der Umweltbildung nicht denkbar sein kann und darf. Klafki definiert einen kategorialen Begriff von Bildung als den Zustand, bei dem „[...] sich dem Menschen seine Wirklichkeit kategorial erschlossen hat, und dass eben damit er selbst dank der selbst vollzogenen kategorialen Einsichten, Erfahrungen, Erlebnisse für diese Wirklichkeit erschlossen ist“[1]. Da Bildung als die „wachsende Teilhabe an der Kultur“[2] mit dem Ziel einer durch Werte geleiteten einträchtigen Persönlichkeit verstanden wird, ist ihr in der Schule höchste Priorität einzuräumen.

Das Fach Geographie hat eo ipso unverzichtbare Orientierungsfunktionen und Perspektiven inne, dem Schüler eine Hilfe an die Hand zu geben auf dem Wege, die Wirklichkeit für sich zu erschließen. Die im schulischen Geographieunterricht eingebettete Umwelterziehung und Umweltbildung besitzt aufgrund ihres für eine integrale Bildung unabdingbaren Instrumentariums an Inhalten und Methoden eine Schlüsselfunktion[3]. Neben der Raumverhaltenskompetenz bzw. der räumlichen Handlungskompetenz ist das ethische Raumverhalten ein übergeordnetes Ziel des Geographieunterrichtes. Beide umfassen die dringende Forderung nach der Bewahrung der Erde, nach Zukunftsfähigkeit sowie nach territorialer Identität[4].

Genau in der Bedrohtheit dieser Punkte liegen „epochal typische Strukturprobleme“[5], jene Schlüsselprobleme, mit denen es sich in der Schule im Rahmen der Umwelterziehung und Umweltbildung zu befassen gilt! Denn welches Thema ist dringender angegangen und behandelt zu werden in einem Fach, das „Geo“ – also Erde – in seinem Namen trägt, als ein ebensolches, das sich mit der Gefährdung des Geosystems befasst? Vosskuhle spricht zu Recht davon, dass „mehr und mehr sich die Bewältigung der Umweltverschmutzung als zentrale Überlebensfrage der modernen Industriegesellschaft herauskristallisiert“[6]. Die Tatsache, dass jeder einzelne Mensch an der Alteration und Zerstörung der lokalen und globalen Umwelt teilhat – ob er es denn nun begreifen möchte oder nicht – macht die Bedeutung des Stellenwertes von Umwelterziehung und Umweltbildung im Geographieunterricht mithin aus! Infolgedessen ist der Kritik Richters insofern zu widersprechen, als dass sie erklärt, die von Klafki postulierte Fragestellung der epochalen Schlüsselprobleme ginge an der Lebenswirklichkeit der Schüler vorbei[7]. Welche Thematik aber geht Schüler denn mehr an, als die, die ihre Gegenwärtigkeit und ihre Zukunft betrifft?

Es ist unbestritten, dass die Befassung mit Schlüsselproblemen nicht den Geographieunterricht erschöpfend ausfüllen kann – allein schon die Notwendigkeit, didaktisch zu reduzieren auf der einen Seite, die Stofffülle auf der anderen, stünden einer solchen Forderung im Wege. Gleichwohl kann daraus nicht die absurde Konsequenz gezogen werden, es sei all dasjenige nicht relevant, was an Schülerinteressen vorbei gehe. Jeder der sich pädagogisch betätigt weiß, wie oft das momentane kurzfristige persönliche Interesse von Kindern und Jugendlichen mit dem langfristig von allgemeiner Relevanz Seienden in Widerstreit steht.

[...]


[1] KLAFKI, W.: „Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung“. Weinheim und Basel, ²1963. S. 298.

[2] HENZ, H.: „Bildungstheorie“. Frankfurt, 1991. S. 126.

[3] Vgl. RICHTER, D. in: „Didaktik der Geographie konkret“. München, 1997. S. 156.

[4] Vgl. RICHTER, D. in: „Didaktik der Geographie konkret“. München, 1997. S. 150 und MINISTERIUM FÜR KULTUS UND SPORT BADEN-WÜRTTEMBERG: „I. Leitgedanken zum Kompetenzerwerb für EWG“ in: „Bildungsplan für die Realschule“. Stuttgart, 2004. S. 116.

[5] KLAFKI, W.: „Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik“. Weinheim und Basel, 1985. S. 20.

[6] VOSSKUHLE, A. in: „Grundkurs Umweltrecht“. Heidelberg und Berlin, 1998. S. 14.

[7] RICHTER, D. in: „Didaktik der Geographie konkret“. München, 1997. S. 174.

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638622974
ISBN (Buch)
9783638793322
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69936
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Zielsetzung Realisierung Umwelterziehung Umweltbildung Geographieunterricht Realschulen

Autor

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Titel: Zur Bedeutung, Zielsetzung und Realisierung der Umwelterziehung und Umweltbildung im Geographieunterricht an Realschulen