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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was bedeutet Straßenkindheit?
2.1. Theoretische Annäherungsversuche und Begriffsdefinitionen
2.2. Sozialpolitische Reaktionen und politische Maßnahmen

3. Straßenkindheit in Deutschland

4. Straßenkindheit im Senegal
4.1. Das Bildungssystem im Senegal
4.2. Haltung von Politik und Hilfsorganisationen
4.3. Ausgewählte Projekte, ihre Arbeitsweisen und ihre Erträge

5. Vergleich zwischen Senegal und Deutschland

6. Schlusswort

7. Lektürenachweis

1. Einleitung

Viele wissenschaftliche Studien im Bereich der Pädagogik sind bezüglich ihres Forschungsgegenstandes eurozentrisch oder gar lediglich punktuell auf ein Land Europas und auf in ihm auftretende Mikrophänomene bezogen. Eine mangelnde wissenschaftliche Hinwendung zur Thematik der Straßenkindheit mag ebenfalls nicht zu sehr erstaunen, denn dieses Thema ist in Deutschland sowie im restlichen Europa selten präsent und Gegenstand aktueller Diskussionen, zumal Straßenkinder weniger mit deutschen Bahnhöfen, als viel mehr mit Entwicklungsländern in Verbindung gebracht werden. Jedoch ist dies ein reales Phänomen, das nicht mit verschwindend geringen Zahlen und Fakten belegt ist, sondern im Gegenteil ständig wächst und an Bedeutung gewinnt.

Mit dem Begriff des Straßenkindes sind gewisse Vorstellungen verbunden, die nach dem jeweiligen Ort des Vorkommens, z.B. den so genannten „Ländern der 3.Welt“, variieren und in einen Zusammenhang mit gängigen Klischees gebracht werden. So ist es die Aufgabe der Pädagogik, zuerst diesen Begriff zu definieren und die Bedeutung dessen aufzuzeigen. Diese theoretischen Annäherungsversuche schließen auch die sozialpolitischen Reaktionen und einen Überblick über schon getroffene politische Maßnahmen mit ein. Hierbei ist ein interkultureller Dialog erforderlich, um zum einen die Unterschiede zu analysieren und zum anderen vielmehr die hervorstechenderen Parallelen zu erkennen, um Rückschlüsse auf das eigene Land ziehen zu können. So können Entwicklungen vorhergesehen werden und vom Erfahrungsschatz anderer Kulturen gelernt werden, um die Wahl der Maßnahmen zu vereinfachen und schneller, sowie effizienter reagieren zu können. So kristallisieren sich die erfolgreichsten Vorgehensweisen heraus, die - theoretisch angedacht - als bald möglichst in die Praxis umgesetzt werden können.

Ein interessantes Beispiel für Straßenkindheit und die damit eng verbundene Kinderarbeit, neben der Situation und dem Ausmaß in Deutschland, liefert der westafrikanische Staat Senegal, mit seinem Phänomen der „talibés mendiants“. Mögen die Unterschiede in den Gründen und Ursachen gravierend sein, so bleibt das Faktum doch bestehen, dass diese Kinder gezwungen sind auf der Straße zu arbeiten, teilweise auf der Straße zu leben und ein unvergleichbar härteres Schicksal erleiden als die Kinder in den „Industrienationen“ dieser Erde.

Hiermit wäre der weitere Verlauf dieser Arbeit vorgezeichnet, die diesen letzten zentralen Punkt trotz der gewissen Distanz, die in der Natur theoretischer Annäherungsversuche liegt, nicht ganz aus den Augen verlieren möchte.

2. Was bedeutet Straßenkindheit?

Nach Erhebungen von UNICEF lebten 1998 etwa 80 Millionen Kinder auf der Strasse wobei mit einer steigenden Tendenz zu rechnen ist. Von diesen Kindern leben die meisten in den als „Entwicklungsländern“ bezeichneten Nationen, jedoch ist auch eine Tendenz dahingehend zu erkennen, dass sich die Straßenkinderproblematik alleine schon quantitativ in Deutschland und vor allem in ost-europäischen Ländern intensivieren wird. Um sich eingehender mit der Situation der so genannten Straßenkinder zu befassen scheint es notwendig, diesen Begriff abzugrenzen, bzw. mögliche Definitionen in Betracht zu ziehen.

Der augenscheinlichste Aspekt einer Einteilung, und zwar das Alter, lässt den Terminus des Straßenkindes schon als unscharf erscheinen, denn es lassen sich zwei Altersgruppen unterscheiden: Die vollends Minderjährigen von 10–14 Jahren, sowie Jugendliche im Alter von 16-18 Jahren. Letztere können daher nicht mehr als Kinder bezeichnet werden und werden weitergehend durch das Abtauchen in subkulturelle Kontexte als in einem „Prozess vorgezogener Verselbstständigung“[1] angesehen.

Eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie lange die Kinder auf der Strasse leben, erbrachte drei Einteilungen: Als “Ausreißer/Innen“ werden jene bezeichnet, welche einer Konfliktsituation zu Hause entfliehen wollen und die Lösung in einem Aufenthalt auf der Strasse sehen, der meist kurzfristig ist. Als „Aussteiger/Innen“ werden solche betitelt, die sich in ihrer Freizeit hauptsächlich in alternativen Szenemilieus „auf der Strasse“ aufhalten und deren Lebensstil durch partielle Regelverletzungen und Abkehr von bürgerlichen Lebenskontexten gekennzeichnet ist, ohne dass es jedoch zu einem dauerhaften Bruch mit der Familie oder dem Heim kommt. Die kleinste Gruppe bilden die „Trebegänger/Innen“ oder auch „Treber“, welche dauerhaft oder für einen längerfristigen Zeitraum ohne festen Wohnsitz und ohne regelmäßige Einkünfte auf der Strasse leben.

Auch in der internationalen Diskussion[2] haben sich Unterscheidungen etabliert, welche die Kinder und Jugendlichen in „Kinder der Strasse“ und „Kinder auf der Strasse“ einteilen. Diese Differenzierung rührt daher, dass sich viele Kinder, welche einem relativ geregelten leben auf der Strasse nachgehen durch das Etikett „Straßenkind“ diskriminiert und in ihrer Würde als hart arbeitende Kinder verletzt sahen. Es bürgerte sich aus diesen Gründen auch eine Unterscheidung in „Straßenkind“ und „arbeitendes Kind“ ein. Jedoch muss hierbei beachtet werden, dass arbeitende Kinder auch auf dem Land anzutreffen sind, „sei es weil Kinderarbeit zu den Ökonomischen Traditionen einer betreffenden Kultur … zählt, sei es aus Gründen der Armut ... im Zuge von voranschreitender Industrialisierung … und Ausbeutung durch Großgrundbesitzer.“[3] Solche finden sich auch häufig in so genannten informellen Bereichen der Ökonomie oder treten auch als so bezeichnete „auf der Strasse arbeitende Kinder“ auf und sind auch oft nicht mit ihrer Familie oder Herkunft gebrochen. In der Realität sind solche Kinder noch in eine Verbindung zur Familie auf dem Land gebettet, sind jedoch aus unterschiedlichen, oft versorgungstechnischen Gründen in einer Stadt gelandet.

Um die Lebenslage der betroffenen Kinder und Jugendlichen näher zu beschreiben differenziert die internationale „Nicht-Regierungs-Organisation“ ENDA: „Ein Teil der Kinder sind – vor allem angesichts der Armut, fehlenden Bildungsmöglichkeiten und Arbeitslosigkeit – solche, die dem Müßiggang preisgegeben sind…“[4]. Manche davon werden sich als Gelegenheitsarbeiter verdingen, betteln, als Dienstmädchen im elementarsten Sinne arbeiten oder sich prostituieren. Kinder die gänzlich mit ihrem Herkunftsmilieu brachen bilden meist die kleinste Gruppe der „wahren Straßenkinder“.

Ein weiterer Definitionsversuch betrachtet den Norm-Komplex Straße hinsichtlich der Sozialisation als von der Außenwelt abweichend: „Straßenkinder im engeren Sinne wären dann solche, deren Nutzungsverhalten der Straße den jeweils gesellschaftlich herrschenden Normen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen widerspricht und daher zu Reaktionen sozialpolitischer und pädagogischer Art führt.“[5]

2.1. Theoretische Annäherungsversuche

Ausgehend von verschiedenen Begriffsdefinitionen existieren unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Erklärungen bzw. Ursachen für das Phänomen einer „Straßenkindheit“.

Ein „medizinisch–psychiatrischer“ Erklärungsansatz ist ein vergleichsweise älterer und versucht, die Flucht von zu Hause als psychisch „krankhaft“[6] zu begründen. Diese Vorstellung ist heute auch noch in neueren sozialpsychiatrischen Konzepten auffindbar, wobei hier Mängel in der Sozialisation gegenüber einem expliziten Krankheitsbegriff stehen. Dennoch existiert eine abgeschwächte Krankheitsvorstellung[7].

Der „sozialisationstheoretische“[8] Ansatz beschäftigt sich vorwiegend mit der freiwilligen oder unfreiwilligen Flucht aus der Herkunftsfamilie. Das Weglaufen wird dabei auch als Problemlösung betrachtet. Hier unterscheidet man auch zwischen so genannten `Defizit-` oder `Konfliktfamilien`[9], welche Ursache des Ausreißens sind und überwiegend in der „Unterschicht“ zu finden sind.

Eine andere Richtung weist der „Etikettierungsansatz“ oder auch „labeling approach“[10] auf. Hierbei wird kritisch hinterfragt, ob nicht erst durch eine negative Stigmatisierung der Ausreißer oder Treber durch die Gesellschaft das Verhalten der betroffenen Kinder und Jugendliche als anormal und abweichend gesehen wird.

Ein „systemisches Erklärungsmodell“[11] sucht die Ursache nicht in der einzelnen Person, sei es der Ausreißer selbst oder sei es ein Elternteil, sondern in der gesamten Personenkonstellation einer Familie. Die Familie wird hier als geschlossenes System, bzw. als geschlossener Lebensraum betrachtet. Eine direkt vorherrschende Wissenschaftsrichtung existiert nicht, da das Phänomen mit einer großen Komplexität behaftet ist, d.h., es gibt zu viele Merkmale einer Straßenkindheit, so dass das Phänomen nicht unter einem einzigen Theoriegebäude in all seinen Einzelheiten beschrieben werden kann. Dies gilt ebenfalls für die sog. „Entwicklungsländer“, in welchen keine allumspannenden Erklärungskonzepte existieren. –dennoch unterscheidet man zwischen „individualzentrierten“ und „soziozentrierten“ Denkweisen[12].

Ein Ansatz, der das „Straßenkind“, als ein auf der Straße lebendes Individuum untersucht, ist der so genannte psychopathologische Ansatz, der bei den Kindern klinische Symptome erkennt wie Hang zum Diebstahl und zur Aggression, Neurosen, Bindungsunfähigkeit und eine Reihe weiterer Defizite. Der so genannte „romantische“ Ansatz ist ebenfalls individualzentriert und sieht das Straßenkind im Versuch, durch Abenteurertum bzw. Bandentum seine persönliche Identität zu finden. Somit wird der Lebenswelt ein anderer Erlebnishorizont gewährt, da man ihr Abwechslungsreichtum eingesteht und sie als individueller Ausdruck einer Persönlichkeit anerkennt. Der „personalistische Ansatz“ scheint den „psychopathologischen“ in seinem Inhalt umzukehren und sieht die Straßenkinder auf Grund ihres sozialen Umfeldes als Ich-stärker, aktiver, durchsetzungsfähiger, robuster und betont ihren Überlebenswillen.

Zu einer soziozentrierten Auffassung zählt der „Autoritarismus - Ansatz“, welcher wiederum die Flucht als Ausstieg von einer autoritären Welt sieht. Die Flucht wird als kleineres Übel gesehen mit einem größeren Freiheitsgrad.

Der „Modernisierungsansatz“ andererseits macht den dynamischen gesellschaftlichen Wandel für die Problematik verantwortlich. Die rasant zunehmende Pluralität der Gesellschaft schafft hierbei das Problem der Orientierungslosigkeit, da man unter vielen Entscheidungsmöglichkeiten auch unter einen gewissen Entscheidungsdruck und Zwang gerät, dem man nicht entkommen kann. In den Entwicklungsländern greift dieser Ansatz ebenfalls, nur werden hier die Ursachen für das Phänomen des Straßenkindes in den abhängigen und „disruptiven“ Modernisierungsprozessen gesucht.

In eine ähnliche Richtung geht der „sozialstrukturelle Ansatz“, der die Ursachen in kulturspezifischen Klassen- und Schichtstrukturen sieht und eine weitere Hauptursache in der unterdrückerischen Situation und der sozialen Ungleichheit erkennt[13].

Der „sozio-historische Ansatz“ untersucht die Krisensymptomatik in den Entwicklungsländern von der Kolonialzeit ausgehend, in welcher eine Großmacht irreparabel in die ursprüngliche Gesellschaftsform eingriff.

Ein „sozio-kultureller Ansatz“ sieht die das Fernbleiben eines Kindes von der Familie und damit die Flucht vor einer mutterzentrierten Erziehung in eine patriarchalische Gesellschaft als Ablösungs- und Individuationsprozess.

2.2. Sozialpolitische Reaktionen und Pädagogische Maßnahmen

Das Phänomen von Straßenkindheit fordert Reaktionen der Politik und der Pädagogik. Die Reaktionen auf diese Problematik und die Entwicklungen dieser können sehr gut am Beispiel von Lateinamerika und hier im Besonderen am Beispiel Brasiliens aufgezeigt werden, was stellvertretend für die Situation in den Entwicklungsländern stehen soll. Die Entwicklung der pädagogischen Maßnahmen in Brasilien beeinflusste auf Grund der vielfältigen und eingehenden Studien vor Ort auch die Entwicklungen auf anderen Kontinenten und so können eben eine Reihe von Parallelen zu Europa und auch Deutschland gezogen werden.

[...]


[1] Jordan /Hard 1994, S. 7, Hervorh. In Original, zitiert aus: ADICK (1997), S.10

[2] Die „internationale Diskussion“ wird vor allem durch Publikationen aus und über den lateinamerikanischen Raum beeinflusst. Diese macht sich zum einen in der Quantität der verfügbaren Publikationen bemerkbar, aber auch inhaltlich in dem Sinne, als dass die meisten Texte einem gewissen politischen Kontext entspringen oder thematisieren, wie z.B. `Selbstorganisation`, `Jugendparlamente`, `Kinderrechte` usw.. Diese Form von angestrebter politischer Selbst- und Mitbestimmung ist in Texten aus oder über andere Regionen der Erde in der Regel zu vermissen.

[3] ADICK, CH. (1997), S.11

[4] ADICK, CH. (1997), S.11

[5] ADICK, CH. (1997) S.,11

[6] vgl.: Hosemann/Hosemann 1984, zitiert aus: ADICK, CH. (1997), S.13

[7] vgl.: DEGEN (1995), S.41f., zitiert aus: ADICK, CH. (1997), S.13

[8] JORDAN/TRAUERNICHT (1981), ebenda zitiert

[9] In so bezeichneten `Defizitfamilien` wird materieller und immaterialer Mangel im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt gesehen, während in Konfliktfamilien mit Stress belastete Beziehungen jeglicher Art vorherrschen.

[10] DEGEN (1995), S.44 mit Bezug zu JORDAN/TRAUERNICHT (1981), zitiert aus: ADICK, CH. (1997), S. 14

[11] ebenda

[12] ROGGENBUCK (1993), S.8ff., ebenda zitiert

[13] hier ist wieder klar die lateinamerikanische Herkunft dieses Ansatzes zu erkennen, dessen Themen durchaus globale Geltung besitzen, aber aus - dem Autor unerklärlichen - Gründen verstärkt in Publikationen mit einem Bezug zu Lateinamerika verbalisiert werden.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638608077
ISBN (Buch)
9783638673884
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69960
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Schlagworte
Straßenkindheit Westafrika

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Titel: Straßenkindheit in Westafrika