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Die Ursachen der 68er

Zwischenprüfungsarbeit 2004 23 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Abriss der Gesellschaftsentwicklung in der BRD Anfang der vierziger bis Ende der sechziger Jahre

3. „Bildungskatastrophe“ und Reformdebatten
3.1. Die Ausgangslage
3.2. Bildungsreformdiskussionen

4. Die Resonanz der Großen Koalition in der Öffentlichkeit

5. Die Entstehung und Entwicklung der Außerparlamentarischen Opposition (APO)

6. Internationale Ereignisse und ihre Auswirkungen auf die Studentenbewegung

7. Rudi Dutschke und die Osterunruhen 1968

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Die Ursachen der 68er Bewegung

1. Einleitung

Obwohl es außerparlamentarische Bewegungen bereits in den fünfziger Jahren gegeben hat, war die Nachkriegsbewegung der 68er aufgrund ihrer Breitenwirkung, die Gewalttätigkeit einzelner Aktionen sowie die Schärfe der politischen Polarisierung ein neuartiges Phänomen in der Nachkriegsgeschichte.[1] Doch Notstandgesetze und Bildungsmisere können, wie oft behauptet wird, nicht die einzigen Gründe für diese bisher einzigartige Bewegung in der noch jungen BRD sein. In meiner Arbeit möchte ich auf weitere Ursachen eingehen und dabei diese in Beziehung zueinander setzen.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich auf die Gesellschaft der BRD Anfang der vierziger bis Ende der sechziger Jahre eingehen und herausstellen, welche Bedingungen für den Protest der 68er vorteilhaft waren. Im Anschluss gehe ich auf die „Bildungskatastrophe“ und die daraus resultierenden Reformdebatten ein, durch die der Protest überhaupt erst zustande gekommen ist. Weiterhin möchte ich die Resonanz der Großen Koalition in der Bevölkerung darstellen, welche die Bildung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) durch die Notstandsgesetze und die Ausschaltung der Opposition begünstigte, um dann anschließend auf die Entstehung und Entwicklung der APO einzugehen. Als vorletzten Punkt diskutiere ich internationale Ereignisse und ihre Auswirkungen auf die Studentenbewegung. Abschließend werde ich noch kurz die Rolle Rudi Dutschkes und die Osterunruhen behandeln, mit denen die Studentenproteste ihren Höhepunkt fanden.

In meiner Ausarbeitung werde ich nicht primär auf den Verlauf der Studentenbewegung, insbesondere nach 1968, und auf ihre Ziele eingehen. Ferner beziehe ich mich in meiner Arbeit fast ausschließlich auf neuere Literatur, da die Autoren älterer Literatur entweder mit der 68er Bewegung sympathisierten oder sie kategorisch ablehnten. Diese Selektion schien mir wichtig, um zu einem möglichst neutralen Bild der Ursachen zu gelangen.

Auf den weiblichen Plural habe ich der Einfachheit halber und, um einen problemlosen Lesefluss zu garantieren, verzichtet.

2. Ein Abriss der Gesellschaftsentwicklung in der BRD Anfang der vierziger bis Ende der sechziger Jahre

Die Aktivisten der 68er Bewegung waren hauptsächlich um 1940 Geborene, welche der Kontrolle der Eltern weitgehend entzogen waren, da Letztere mit der Organisation des Notwendigsten während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt waren. Diese Periode der Selbstständigkeit verging jedoch in den frühen fünfziger Jahren, als wieder Ordnung ins Leben gebracht werden sollte. Mit dem beginnenden Wohlstand kehrten die Mütter in ihren häuslichen Bereich zurück, und die restaurierten Väter erinnerten sich an ihre Erziehungsaufgabe. Der vielfach beschriebene Rückzug auf die kleinräumlichen Beziehungen bedeutete für die heranwachsenden Kinder eine Einsperrung in die familiäre Enge. Hier presste sich zusammen, was sich nicht äußern konnte. Die Väter erzählten in endlosen Geschichten von dem verlorenen Krieg, und die Mütter fügten sich in stummer Geschäftigkeit ihrem Schicksal. Zugedeckt von der Toleranz der gemeinsamen Not schien jeder mit seiner Enttäuschung allein. So erlebten die Kriegskinder einen Zwiespalt zwischen einer ungebundenen Kindheit und einer eingezwängten Jugend. Aufgrund dieses am eigenen Leibe empfundenen Zwiespalts, wird der rebellische Charakter dieser Generation erklärt. Die um 1940 Geborenen hatten in ihrer Kindheit Ahnung von Freiheit und Abenteuer bekommen, und daher konnten sie auf das in den fünfziger Jahren zwanghaft wiederhergestellte Patriarchat nur mit Hohn und Spott reagieren. In der Atmosphäre einer in stiller, großer Gleichgültigkeit dahinziehenden Zeit wuchs die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Als sie dann noch ohne Widerrede froh sein sollten über eine blühende Wirtschaft und ein stabiles politisches System, bereitete es ihnen im Gegensatz zu ihren Eltern keine Schwierigkeiten, dieses abzulehnen. Dieses mündete zuerst in den Protesten der Halbstarken von 1956 bis 1958. Allerdings waren diese Proteste nicht so erfolgreich wie die Bewegung der 68er, da die politische Gelegenheitsstruktur für eine Kulturrevolte Ende der fünfziger Jahre nicht so günstig gewesen war, welches sich z.B. an dem Wahlkampfslogan Adenauers „Keine Experimente“ aus dem Jahre 1957 verdeutlichen lässt.[2] Die Kinder der Mittelklasse, die in den sechziger Jahren protestierten, brauchten länger, da sie sich noch in den Bildungsinstitutionen befanden, im Gegensatz zu den Arbeiterjugendlichen, die schon früher über die materiellen und symbolischen Mittel verfügten, um ihren Protest gegenüber der alltäglichen Korrektheit auszudrücken.[3] In der Zeit zwischen 1958 und 1968 konnte die Jugend als Großgruppe ein eigenes Bewusstsein bilden, mittels des Rock’n’Rolls oder des Existentialismus, um so das Gefühl für ein anderes Leben zu erhalten.[4]

Der Rest der Gesellschaft hingegen stagnierte in seiner Entwicklung. Der weiter zunehmende Wiederaufbau, der in der Person von Wirtschaftsminister Erhard seine Repräsentationsfigur für Tüchtigkeit und Wohlstand fand, diente nur dazu, die politische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Fixierung auf das Wirtschaftswunder ließ auch weite Teile der Kriegsgeneration an sozialen und politischen Fragen uninteressiert.[5] So war die Verehrung Adolf Hitlers als besten Staatsmann, den das deutsche Volk jemals hatte, in breiten Kreisen der Bevölkerung in den 50er und 60er Jahren vorherrschend. Nur ein Drittel der Bevölkerung konnte sich der Meinung anschließen, dass die Demokratie die beste der denkbaren Herrschaftsformen ist.[6] Aufgrund der Forderungen der Studentenbewegung in Folge der Erschießung Benno Ohnesorgs 1967 kam das Thema der Verdrängung des Nationalsozialismus wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft. Die 68er kritisierten, dass die Eltergeneration durch die Verdrängung erst ermöglicht hatten, dass in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in der Justiz und Politik, Repräsentanten des NS-Staates auch in der BRD unangefochten hohe Ämter bekleiden konnten.[7]

Durch diese allgemeine Transformationssperre in Politik und Gesellschaft bis Anfang der frühen sechziger Jahre waren die Erfolgsbedingungen der Studentenbewegung möglich.[8]

3. „Bildungskatastrophe“ und Reformdebatten

Die Situation an den Schulen und an den Hochschulen bildete eine der wichtigsten Ursachen für die im Kern von Studenten getragene Protestbewegung. Der Protest gegen den Bildungsnotstand von 1965 bis 1967 wird auch als Vorphase der Studentenbewegung bezeichnet. Er fand ausschließlich an den Hochschulen statt, insbesondere an der Freien Universität Berlin.[9]

Die Bildungspolitik gehörte erstmals in den sechziger Jahren und frühen siebziger Jahren wieder zu den großen innenpolitischen Themen, nachdem sie zuvor im Schatten des ökonomischen Wiederaufbaus und der Außenpolitik gestanden hatte. Auch hier gab es zwar lange vor der Außerparlamentarischen Opposition (APO) Reformdiskussionen und -konzepte, wovon die Öffentlichkeit jedoch keine besondere Notiz nahm.

In den fünfziger Jahren war nach den meist gescheiterten Reformversuchen der Alliierten das überkommene dreigliedrige Schulsystem mit seiner geringen Durchlässigkeit und starken sozialen Selektionswirkung im wesentlichen restauriert worden. Für die Universitäten galt sowohl hinsichtlich ihrer Binnenorganisation wie ihrer Lehrpläne das Gleiche. Im Bereich der Grundschulen und der Lehrerausbildung gehörte die Konfessionalisierung bis in die sechziger Jahre zu den tragenden Säulen des westdeutschen Bildungssystems. Die Bekenntnisschule fügte sich insofern in das doppelt, antitotalitär getragene Selbstverständnis der Bundesrepublik, als damit die vom Nationalsozialismus begonnene Entkonfessionalisierung rückgängig gemacht und zugleich ein Kontrast zur sozialistischen Einheitsschule in der DDR geschaffen wurde. Das Extrembeispiel bot Bayern, wo noch 1967 89,2 Prozent der Volksschüler die konfessionelle Bekenntnisschule, darunter aber auch viele Zwergschulen, besuchten.

Dass sich die Restauration im Bildungswesen so problemlos durchsetzte und einen Zustand konservierte, der die Bundesrepublik im internationalen Vergleich zunehmend als rückständiges Gebilde erscheinen ließ, hing aber nicht nur ideologisch mit der politischen Entwicklung Deutschlands zusammen.[10] Durch die Existenz der beiden, miteinander konkurrierenden deutschen Gesellschaftssysteme wurden bis zum Mauerbau im August 1961 dem bundesdeutschen Beschäftigungssystem ausgebildete Arbeitskräfte aufgrund von Abwanderungen aus der DDR zugeführt, ohne dass zu deren Qualifikation irgendwelche ausbildungspolitischen Anstrengungen hätten unternommen werden müssen. Darüber hinaus war jede Art einer staatlichen Gesamtplanung der BRD – nicht nur im Bildungsbereich – „planwirtschaftsverdächtig“, da sich die DDR schon früh gezwungen sah, eine zielgerichtete Bildungspolitik zu betreiben.[11] Aufgrund der Planungen der späten fünfziger Jahre brach in der BRD erst in den frühen sechziger Jahren eine heftige bildungspolitische Diskussion aus, in der sich demographische und ökonomische Veränderungen und der daraus resultierende Ruf nach Reformen mit einem neuen Politik- und Demokratieverständnis vermengten. Da Ergebnisse meistens mit einer enormen Verzögerung vorliegen konnten, hat dies zu einer dramatischen Wahrnehmung des „Bildungsnotstands“ und zur Verschärfung der innenpolitischen Spannungen beigetragen.

3.1. Die Ausgangslage

Quantitativ bot das Schulsystem vor und nach der Bildungsexpansion etwa folgendes Bild: Auffallend ist neben der allgemein steigenden Schülerzahl vor allem der rapide Anstieg der Realschüler und Gymnasiasten. Zu den Kennzeichen des allgemeinen Schulsystems vor der Reform gehört der starke Selektionsdruck der Gymnasien gegenüber den sozialen Unterschichten. Soziale Stellung und Bildung der Eltern bestimmten die Rekrutierung der Schüler an den Gymnasien. So waren noch 1965 in der 10. Klasse von nur 10 Prozent der Gymnasiasten die Väter Arbeiter, aber von 25,1 Prozent Beamte, und in der 13. Klasse verschoben sich die Relationen noch drastischer: 6,4 Prozent Arbeiter gegenüber 27,6 Prozent Beamten. Noch ausgeprägter zeigt sich diese Benachteiligung der unteren Schichten an den Hochschulen: Die Zahl der Studenten an Universitäten und Technischen Hochschulen war von 100339 (im Sommersemester 1950) auf 272038 (im Sommersemester 1966) gestiegen. Die Quote der Arbeiter- und Landarbeiterkinder bei den 20- bis 30jährigen lag 1950 bei 1,3 Prozent, 1965 bei 3 Prozent und erhöhte sich bis 1974 auf 7,5 Prozent. Demnach waren Unterschichtenkinder insgesamt extrem unterrepräsentiert, Akademiker- und Beamtenkinder hingegen überproportional vertreten. Der unbedeutende Anteil der Mädchen bzw. Frauen verweist auf die spezifischen Formen der Benachteiligung, die auf den unteren Stufen relativ gering, auf den höchsten Qualifikationsebenen jedoch extrem war und z.T. auch geblieben ist. So lag der Anteil der Mädchen an den Gymnasien 1950 bei 32,4 Prozent, 1970 bei 40,3 Prozent. Der Frauenanteil betrug bei den Studienanfängern 1950 18 Prozent, 1970 40,6 Prozent, unter den Staats- und Diplomprüflingen 1950 15,8 Prozent, 1970 30,5 Prozent. Unter der Hochschullehrerschaft insgesamt war der Frauenanteil in den fünfziger Jahren besonders gering und tendierte unter den Ordinarien gegen Null. Zu den meist diskutierten Problemen der Hochschulsituation gehörte auch die gestiegene Studiendauer. So betrug die Zahl der durchschnittlichen Fachsemester ohne Prüfungssemester 1960 9,7 Semester; 1965 war sie bereits auf 10,8 Semester gestiegen mit weiter ansteigender Tendenz.[12]

[...]


[1] Christoph Kleßmann: Zwei Staaten, eine Nation- Deutsche Geschichte 1955- 1970 (Bonn 1997), S. 264f.

[2] Heinz Bude: Das Altern einer Generation- Die Jahrgänge 1938 bis 1948 (Frankfurt am Main 1995), S. 54f.

[3] Vgl. ebd., S. 49.

[4] Vgl. ebd., S. 55.

[5] Ursula Kreuzer: Zwischen politischem Kampf und „Erfahrungshunger“- Die 68er Studentenbewegung und der Gruppenboom der 70er Jahre am Beispiel von Selbsthilfegruppen in der BRD (Göttingen 1985), S. 10.

[6] Eberhard Seidel- Pielen: Antiautoritäre Erziehung, in: Christiane Landgrebe, Jörg Plath (Hg.): `68 und die Folgen- Ein unvollständiges Lexikon ( Berlin 1998), S. 16.

[7] Axel Jansa: Pädagogik, Politik, Ästhetik- Paradigmenwechsel um `68 (Frankfurt am Main 1999), S. 72.

[8] Heinz Bude: Das Altern einer Generation- Die Jahrgänge 1938 bis 1948 ( Frankfurt am Main 1995), S. 29.

[9] Axel Jansa: Pädagogik, Politik, Ästhetik- Paradigmenwechsel um `68 (Frankfurt am Main 1999), S. 68.

[10] Christoph Kleßmann: Zwei Staaten, eine Nation- Deutsche Geschichte 1955- 1970 (Bonn 1997), S. 256.

[11] Axel Jansa: Pädagogik, Politik, Ästhetik- Paradigmenwechsel um `68 (Frankfurt am Main 1999), S. 47.

[12] Christoph Kleßmann: Zwei Staaten, eine Nation- Deutsche Geschichte 1955- 1970 (Bonn 1997), S. 257- 260.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638614221
ISBN (Buch)
9783638681001
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69969
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Ursachen Jugendkultur Jugendprotest

Autor

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