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Die psychosoziale und gesellschaftliche Situation von türkischen homosexuellen Jugendlichen in Deutschland

Eine Untersuchung

Diplomarbeit 2006 101 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Anlass und Problemstellung
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Homosexualität und Coming Out
2.1. „Homosexualität“ und „Coming Out“- Begriffsklärung
2.2. Aktuelle Erscheinungsformen und gesellschaftliche Ansichten
2.3. Jugendliche und Homosexualität- Sozialisationsprozesse und Identitätsfindung
2.4. Schwule und lesbische Jugendliche - Aspekte der Geschlechtszugehörigkeit

3. Türkische homosexuelle Jugendliche in Deutschland
3.1. Geschichtliche Entwicklung und Situationsanalyse
3.2. Psycho- Soziale Aspekte
3.2.1. Sozialisation, Identität und Coming Out im Vergleich zu deutschen Jugendlichen
3.2.2 Das Coming- Out und seine Folgen

4. Türkische Kultur und Homosexualität
4.1. Die Relevanz von muslimischer Kultur und Religion für türkische Jugendliche, die in Deutschland leben
4.2. Zentrale Wert- und Normhaltungen
4.3. Familienleben und Familienverhältnisse
4.4. Erziehung und Sozialisation in Bezug auf die Sexualität
4.5. Geschlechterrollen- Männer und Frauenbilder
4.6. Freunde, Freizeit und weiteres soziales Umfeld
4.7. Homosexualität und türkische Kultur

5. Homosexualität und Homophobie
5.1. Diskriminierung, Vorurteile, Homophobie- Definitionen, Erklärungen, Auswirkungen
5.2. Homophobe Einstellungen türkischer Jugendlicher
5.3. Diskriminierung gegenüber homosexuellen türkischen Jugendlichen

6. Zur Situation von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Deutschland Eine qualitative Studie
6.1. Zentrale Fragestellungen und Inhalte der Studie
6.2. Methodische Anlage der Studie
6.2.2. Vorstellung der einzelnen InterviewpartnerInnen
6.3. Ergebnisse der Studie
6.3.1. Homosexualität und Coming Out
6.3.1.1. Inneres Outing
6.3.1.2. Äußeres Outing und Situation in der Familie
6.3.1.3. Outing in Bezug auf das nähere soziale Umfeld
6.3.2. Türkische Kultur und Homosexualität
6.3.2.1. Islam und Homosexualität
6.3.2.2. Zentrale Werte und Normen und deren Auswirkungen
6. 3.2.3. Geschlechtsspezifische Bedingungen
6.3.3. Diskriminierung und Homophobie
6.3.3.1. Diskriminierung und Homophobie ausgehend von Türkei- Stämmigen im Umfeld der Befragten
6.3.3.2. Diskriminierung im privaten Bereich
6.3.3.3. Diskriminierung in der Öffentlichkeit
6.3.4. Unterstützungsmöglichkeiten und Soziale Arbeit
6.3.4.1. Nutzungsverhalten in Bezug auf Unterstützungsmöglichkeiten
6.3.4.2. Lücken im Unterstützungssystem
6.3.4.3. Soziale Arbeit und Kompetenzen
6.3.4.4. Ziele und Inhalte von Unterstützungsarbeit
6.3.4.5. Integration und Unterstützung auf politischer Ebene
6.4. Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie

7. Konsequenzen für Soziale Arbeit und Politik
7.1. Bestandsanalyse und Lücken im Unterstützungssystem
7.1.1. Lücken ausgehend von den bestehenden Initiativen
7.1.2. Lücken auf dem Hintergrund der Forschungsergebnisse
7.2. Wege zu einem Konzept einer auf türkische homosexuelle Jugendliche bezogenen Sozialen Arbeit
7.2.1. Schritte der Konzeptentwicklung
7.2.2. Unterstützungsmöglichkeiten für homosexuelle türkische Jugendliche und deren Familien
7.2.2.1. Ziele von Unterstützungsarbeit
7.2.2.2. Inhalte von Unterstützungsarbeit
7.2.2.3. Methoden von Unterstützungsarbeit
7.3. Homosexualität und Integrationspolitik

8. Schlusswort

Anlagen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Anlass und Problemstellung

Homosexuelle türkische Jugendliche in Deutschland- Ein Thema, das bei den Meisten erst einmal ein Stocken hervorruft: „Es gibt homosexuelle Türken?“, „Die sind doch niemals geoutet, die Armen“, „ Wie können die denn unter solchen schlimmen Familienbedingungen leben?“- Dies sind nur einige Auszüge von Reaktionen, die ich bekomme, wenn ich das Thema dieser Diplomarbeit nenne. Ansichten einer Gesellschaft, die das Thema Homosexualität unter MigrantInnen bisher weitestgehend ignoriert. Aussagen als Resultat einer zu geringen Aufklärung und vorurteilsbelasteten Meinungen- gegenüber MigrantInnen und gegenüber Homosexuellen.

Auf der anderen Seite diskutiert die Gesellschaft, die Politik, die Medien. Seit Jahren und insbesondere durch das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz, das Deutschland als Einwanderungsgesellschaft definiert und Integration zum ersten Mal zur Aufgabe des Staates macht, ist die Frage der Integration brisant, umstritten und vor allem: Von vielen Seiten diskutiert. Dabei fällt besonders die Gruppe der TürkInnen in den Blickwinkel: Nach Angaben des statistischen Bundesamtes stellen diese mit ca. 1,8 Millionen gemeldeten EinwohnerInnen die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland dar. (vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p1340025.htm , verfügbar am 15.8.06). Integrationsarbeit muss sich nun also mit der Situation von TürkInnen oder türkei- Stämmigen in Deutschland auseinander setzen, um so auf mögliche Integrationspotentiale schließen zu können. Beachtet werden muss hierbei insbesondere auch das Thema der Diskriminierung und Ausschlussmechanismen durch die Gesellschaft.

Genau an diesem Punkt will diese Arbeit ansetzen: In der gesamten Diskussion um Integration von MigrantInnen wurden bislang homosexuelle TürkInnen größtenteils nicht beachtet. Integration beinhaltet nun aber, genau solche Gruppen nicht auszulassen und auch auf interne Verschiedenheiten innerhalb der Gruppe der MigrantInnen einzugehen, um plurale Lebensformen im Sinne einer Demokratie zu unterstützen. Während also die Existenz von homosexuellen TürkInnen oftmals schlichtweg ignoriert wird, zeigt die Realität doch andere Notwendigkeiten. Durch den hohen Zulauf von Unterstützungseinrichtungen speziell für die Zielgruppe der homosexuellen TürkInnen, durch Internetcommunities, große Partys und verschiedene Initiativen kann man erkennen: Homosexuelle TürkInnen sind präsent und aktiv.

Das am 18. August 2006 in Kraft getretene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz greift zum ersten Mal die sexuelle Identität eines Menschen auf, um so vor Diskriminierung zu schützen.

Um aber wirkungsvoll gegen Diskriminierung zu arbeiten, ist zunächst einmal eine an Tatsachen orientierte Darstellung der Lebenssituation der diskriminierten Gruppe notwendig. Diese sollte abseits von medienwirksamen Sensationsberichten, beispielsweise über Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde oder die „böse“ türkische Kultur an sich geschehen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Situation der bisher noch kaum beachteten Gruppe der homosexuellen türkischen Jugendlichen fachgerecht darzustellen. Durch eine sachliche Betrachtung ihrer Lebensweise, auf sie einwirkende Faktoren, sowie aktiven Handlungsweisen, soll ein Beitrag zur Aufklärungsarbeit in einem oftmals sehr stark tabuisierten Themenbereich geleistet werden.

Die Gruppe der Jugendlichen wird dabei angesprochen, da diese noch im Entwicklungsprozess zu einer homosexuellen Identität stehen und daher besonders von Herausforderungen wie der Bewältigung des Coming Outs oder des Umgangs mit der Familie betroffen sind. Jugendliche können somit vorwiegend die Zielgruppe von Unterstützungsarbeit sein und außerdem schon früh dazu befähigt werden, ihre Ressourcen zu nutzen und somit zur Aufklärungs- und Integrationsarbeit beizutragen, da die Zukunft ja bekanntlich in den Händen der Jugend liegt.

Ein besonderes Anliegen der Arbeit ist es hierbei, die subjektive Lebensrealität der Betroffenen darzustellen. Deshalb sollen die Informationen nicht nur aus Büchern entnommen werden, sondern verschiedene Jugendliche kommen selbst in Interviews zu Wort. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass ich speziell zum Thema „Homosexuelle türkische Jugendliche“ keine Primärliteratur finden konnte. Bisherige wissenschaftliche Abhandlungen beziehen sich meist auf das Thema „Islam und Homosexualität“, nehmen aber nicht speziell die Zielgruppe der Jugendlichen ins Blickfeld. Die vorliegende Arbeit ist nun ein erster Beitrag zur Schließung dieser wissenschaftlichen Lücke.

Die zentrale Fragestellung beschäftigt sich dabei also mit der gefühlten und erlebten Situation von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Bezug auf den Prozess der sexuellen Identitätsfindung und untersucht dabei beeinflussende Faktoren wie die Familie, das soziale Umfeld und kulturelle Bedingungen. Des weiteren stellt sich die Frage nach Ursachen von Diskriminierung, Diskriminierungserfahrungen sowie dem Umgang damit. Das Ziel dieser Arbeit ist es dabei letztendlich, eine fachgerechte Darstellung der Situation von homosexuellen Jugendlichen zu liefern, ihre individuelle Lebenswelt und Handlungsweisen zu erkennen, sowie die Ergebnisse auf die Soziale Arbeit zu übertragen und somit Unterstützungsmöglichkeiten zu erkennen. Des weiteren soll sie auch auf politischer und gesamtgesellschaftlicher Ebene einen Beitrag zur Diskussion über Integration und Diskriminierung bieten.

1.2. Aufbau der Arbeit

Inhaltlich ist die Arbeit so aufgebaut, dass sie sich zuerst mit der Homosexualität und dem Coming Out im Allgemeinen beschäftigt, um so einen Einstieg in das Thema zu ermöglichen.

Danach wird die Situation von türkischen Jugendlichen in Bezug auf ihre Sozialisationsbedingungen beschrieben, um dies schließlich mit dem Coming Out Prozess von homosexuellen Jugendlichen in Verbindung zu bringen.

Da türkische Jugendliche, wie noch dargestellt werden soll, in ihrem Sozialisationsprozess auch besonders durch die Normen und Werte ihrer Herkunftskultur beeinflusst sind, werden diese im nächsten Kapitel, in Bezug auf die Homosexualität betrachtet, beschrieben.

Das nachfolgende Kapitel bezieht sich dann auf die Diskriminierung- zum Einen von Seiten türkischer MigrantInnen und zum Anderen in Anbetracht möglicher Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen TürkInnen.

In der darauf folgenden Studie sollen dann die bisherigen, auf Literatur basierenden Erkenntnisse überprüft und auf die individuelle und subjektive Situation von Jugendlichen bezogen werden.

Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die Umgangsstrategien und Ressourcen dieser Jugendlichen gelegt, um so auch auf sozialpädagogische Handlungsstrategien schließen zu können, welche im 7. Kapitel behandelt werden.

Ausgehend von den Einflussmöglichkeiten der Sozialen Arbeit bezieht sich das abschließende Kapitel auf die gesamtgesellschaftliche und politische Ebene, um hier aufgrund der gemachten Ergebnisse Anstöße und Ideen zur Antidiskriminierungs- und Integrationsarbeit darzustellen und somit einen Beitrag zur Aufklärungsarbeit zu leisten.

2. Homosexualität und Coming Out

2.1. „Homosexualität“ und „Coming Out“- Begriffsklärung

Der Begriff der Homosexualität wurde erst im Jahre 1869 von dem deutsch-ungarischen Schriftsteller Karl- Maria Kerthbeny geprägt. Vor dieser Zeit wurde Homosexualität im Volksmund als „Sodomie“ bezeichnet, was Bezug auf etwas Sündhaftes, Perverses und Abscheuliches nimmt.

Kerthbeny setze nun den griechischen Begriff „homo“ was soviel wie „gleich“ oder „gleichartig“ bedeutet, mit dem lateinischen Wort „sexus“ zusammen, das sowohl für das männliche als auch für das weibliche Geschlecht steht. Mit der Schaffung des Wortes Homosexualität wurde nun auch gesellschaftlich anerkannt, dass es neben der Heterosexualität eine weitere Form der sexuellen Orientierung, nämlich die der gleichgeschlechtlichen Liebe gibt (vgl. Kösser u.a. 2005, 4-5).

Bis zum heutigen Zeitpunkt konnte die Sexualforschung keine explizite wissenschaftliche Erklärung für die verschiedenen Formen der sexuellen Orientierung bieten. Nach Freud hat z.B. jede/ jeder homosexuelle Neigungen, die sich entweder zu einer homosexuellen Orientierung ausformen, oder aber in einer heterosexuellen Lebensweise unbewusst unterdrückt werden (vgl. Schledt 1997, 17).

Wissenschaftlich festgelegt ist aber bislang nur, dass viele Faktoren auf die sexuelle Orientierung einwirken und dass eine erste Prägung bereits in den ersten Lebensjahren entsteht.

Die ersten homosexuellen Empfindungen sind dabei meist schon vor dem ersten sexuellen Kontakt vorhanden. Es gibt also auch einen Unterschied zwischen der sexuellen Orientierung und dem konkreten Verhalten, worauf gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Selbstwahrnehmung einen Einfluss haben. Wissenschaftlich belegt ist außerdem, dass niemand zu einer sexuellen Orientierung verführt oder erzogen werden kann. Homosexualität ist, widersprüchlich zu veralteten Ansichten, also nicht veränderbar oder gar therapierbar.

Festzuhalten ist darüber hinaus, dass mit dem Begriff der „Sexualität“ nicht nur der eigentliche Geschlechtsakt an sich gemeint ist. Vielmehr beschreibt Sexualität einen bestimmten Lebensstil und hat Auswirkungen auf das körperliche, psychische und soziale Leben. Außerdem ist mit der Sexualität auch eine bestimmte Art der Selbstwahrnehmung verbunden, die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sowie die Sozialen Kontakte hat.

(vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 18, 22-23).

Spricht man von Homosexualität, sollte man also nicht nur die sexuellen Vorlieben und Praktiken der/ des Einzelnen betrachten, sondern damit verbundene Entwicklungsprozesse, Lebensentwürfe und Selbstbilder.

Um eine homosexuelle Identität entwickeln zu können, muss der/ die Einzelne einen Prozess durchlaufen, der in der Sexualwissenschaft und im Volksmund als „Coming Out“ beschreiben wird.

Das Coming Out, das mit „Herauskommen“ übersetzt wird, kann als ein Prozess der Selbstwahrnehmung und der Klärung der eigenen Gefühle beschrieben werden.

Es wird dabei zwischen dem äußeren und dem inneren Coming Out unterschieden. Beim inneren Coming Out werden zum ersten Mal homosexuelle Gefühle erkannt und sich selbst eingestanden. Vor anderen Menschen zur Homosexualität zu stehen, geschieht dann im äußeren Coming Out. Dieser Prozess der Identitätsfindung als Homosexuelle(r) beginnt meist in der Pubertät, kann sich dann aber über mehrere Jahre hinweg ziehen. Als erfolgreiches Coming Out kann bezeichnet werden, wenn an dessen Ende die Selbstannahme und der Entwurf eines homosexuellen Lebenskonzepts steht.

(vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 20-32).

2.2. Aktuelle Erscheinungsformen und gesellschaftliche Ansichten

Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung der Einstellung gegenüber Homosexualität, ist ein ihr anhaftendes Negativimage mit weitreichenden Folgen zu erkennen. So wurde Homosexualität durch den, während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen, Paragraph 175 unter Strafe gestellt. Homosexuelle Handlungen wurden darin mit bis zu zehn Jahren Gefängnisstrafe geahndet. Nachdem der Paragraph im Jahre 1969 bearbeitet und die Strafbarkeit von Homosexualität zwischen über 21- jährigen abgeschafft wurde, erfolgte 1973 auch die Streichung der Bestimmung über Straffälligkeit von Homosexualität zwischen über 18- jährigen. Vollständig wurde der Paragraph 175 aber erst 1994, also sehr spät, aus dem Strafgesetzbuch entfernt ( vgl. Risse 1998, 48 ; Kösser u.a. 2005, 16).

Außerdem Auswirkungen auf das Negativimage der Homosexualität hatte die Pathologisierung derselbigen. Im Jahre 1968 wurde Homosexualität offiziell als psychische Krankheit kategorisiert, die durch Therapiemethoden wie Elektroschocks, hirnchirurgische Eingriffe oder Kastrationen zu „heilen“ versucht wurde. (vgl. Ulrich (Hrsg.) 1998, 8)

Parallel zu dieser gesellschaftlich negativen Bewertung der Homosexualität entwickelte sich in den siebziger Jahren, angeregt von Demonstrationen und Bewegungen in den USA, auch in Deutschland eine Schwulen- und Lesbenbewegung, die für mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber der sexuellen Orientierung sorgen sollte. So gründeten sich 1971 mit der „Homosexuellen Aktion Westberlin“ und der „Rote Zelle Schwul“ erste Organisationen für Homosexuelle, die sich für deren Rechte einsetzten. Es folgten Demonstrationen und Paraden wie z.B. dem ersten Christopher Street Day in Deutschland im Jahre 1979. Im Zeichen der Lesbenbewegung entstanden Anfang der siebziger Jahre Frauenbuchläden, Frauenzeitschriften, Frauenbildungshäuser und Lesbengruppen. (Risse 1998, 55). Die sexuelle Revolution und die Schwulen-und Lesbenbewegung in den Siebziger Jahren waren also der Anfang auf einem langen Weg zur gesellschaftlichen Toleranz von Homosexualität.

Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg stellt das am 1.August 2001 in Kraft getretene Lebenspartnerschaftsgesetz dar. Ab diesem Zeitpunkt wurden amtlich eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare, im Volksmund auch „Homoehe“ genannt, gesetzlich ermöglicht. Aus diesem Gesetz hervorgegangen Vorteile sind z.B. die Anerkennung als Familienangehörige, die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebenspartnerschaftsnamen, Unterhaltspflicht oder das Aufenthaltsrecht für ausländische PartnerInnen aus nicht EU- Ländern (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 62-63).

Auch wenn das Lebenspartnerschaftsgesetz noch keine Gleichstellung mit der Ehe bedeutet-so fehlt z.B. das Adoptionsrecht- wird es dennoch als großer Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung von Homosexualität in Deutschland gesehen.

Darüber hinaus fand die Thematik der Homosexualität auch in anderen Bereichen der Politik Unterstützung. So bekam bei der Kommunalwahl 1996 in München eine schwul-lesbische Partei, die Rosa Liste, mit 1,8 % der Stimmen einen Sitz im Stadtrat. (vgl. Ulrich (Hrsg.) 1998, 61). Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit outete sich 2001 mit den Worten „Ich bin schwul- und das ist auch gut so“ und erntete damit viele Sympathiepunkte. (vgl. Risse 1998, 54).

Diese Beispiele lassen besonders gut die zunehmende Akzeptanz von Homosexualität in Deutschland erkennen. Zudem findet das brisante Thema auch in der Medienlandschaft Zuspruch. So gibt es zum Beispiel kaum eine abendliche Sitcom wie „Marienhof“ oder „Verbotene Liebe“, in der kein homosexuelles Pärchen auftaucht.

Die deutsche Gesellschaft wird also in vielerlei Bereichen zunehmend mit der Thematik der Homosexualität konfrontiert und das oft im positiven Sinne.

Trotz dieser Fortschritte in der Anerkennung berichten immer noch viele Homosexuelle von Diskriminierung und Vorurteilen, entweder aus dem engen Freundeskreis oder aus der breiten Öffentlichkeit, denen sie begegnen. Homosexualität ist noch immer erklärungsbedürftig und wird längst noch nicht als so selbstverständlich angenommen wie Heterosexualität. Diese ist als sexueller Weg meist vom sozialen Umfeld vorgelebt und erwartet. Trotz einer stark individualisierten Gesellschaft werden immer noch typische geschlechtsspezifische Rollenbilder von Mann und Frau vermittelt. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 13).

Im Gegensatz zu Ländern wie den USA, Großbritannien und Frankreich, fehlt in Deutschland bisher eine umfassende sexualwissenschaftliche Erhebung zur Häufigkeit von Homosexualität. Wissenschaftlicher schätzen, dass ca. 3% der Männer über 20 sich als homosexuell bezeichnen, wobei weitere 3% in ihrem bisherigen Leben schon über einen längere Zeit hinweg sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht hatten. Lesben sind dabei statistisch kaum erfasst. Bei allen Schätzungen muss allerdings auch beachtet werden, dass Umfragen verfälscht werden und kein repräsentatives Ergebnis erzielt werden kann, da nicht jede(r) Homosexuelle zu seiner/ ihrer Neigung steht. (vgl. http://www.homosexualitaet.de/, verfügbar am 9.11.06; http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität. Verfügbar am 09.11.06)[1]

2.3. Jugendliche und Homosexualität- Sozialisationsprozesse und Identitätsfindung

Sozialisation ist nach Geuel und Hurrelman der „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“ (Geuel und Hurrelmann 1980 in Schledt 1997, 11)

In einem Sozialisationsprozess werden also Bedingungen, die auf die Entwicklung der Einzelnen Einfluss nehmen, sowie deren aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt betrachtet. Eine wichtige Sozialisationsaufgabe ist dabei die Identitätsfindung.

In diesem Kapitel wird nun beschrieben, welche Einflüsse die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen bedingen und unter welchen Umständen Jugendliche eine homosexuelle Identität ausbilden können. Besonders werden dabei auch die speziellen Schwierigkeiten betrachtet,die sich, im Gegensatz zu heterosexuellen Jugendlichen, einem/ einer homosexuell orientierten Jugendlichen in seinem/ ihrem Sozialisationsprozess stellen.

Da das Coming Out die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen bestimmt, soll diese nun anhand des Coming Out Prozesses beschreiben werden. Dabei wird die Sozialisation zur homosexuellen Identität nun anhand der vier Phasen des Coming Outs, definiert nach Dannecker und Reiche, dargestellt.

Das Coming Out wird danach in folgende 4 Phasen unterteilt:

- Auftauchen der homosexuellen Treibrichtung im Bewusstsein
- Zurückdrängung der ersten vagen Idee, homosexuell zu sein
- Selbstwahrnehmung als Homosexuelle(r)
- Selbstakzeptanz als Homosexuelle(r) (vgl. Schledt 1997, 41)

Entdecken Jugendliche homosexuelle Gefühle, werden diese anfangs meist zurückgedrängt. Wie schon im vorherigen Kapitel beschrieben, gilt Homosexualität noch längst nicht als normal und wir als abweichend betrachtet, der/ die Jugendliche fällt somit aus der ihm/ ihr zugeschriebenen Rolle. Die Gesellschaft und ihre Ansichten üben so einen Druck auf die Jugendlichen aus, wer nicht heterosexuell fühlt, ist abweichend und muss sich erklären. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 12- 13)

In identitätstheoretischer Ausdrucksweise lässt sich dies auch als Rollendiffusion darstellen. Diese ergibt sich aus den von Mead benannten zwei Aspekten von Identität: Dem „Me“ und „I“. Mit dem „Me“ sind die verinnerlichten Einstellungen der Anderen, also die gesellschaftlichen Normen und Werte gemeint. Das „I“ beschreibt das Individuelle, die Festigung des eigenen Selbst. Eine Rollendiffusion kann bei Jugendlichen nun entstehen, wenn die vorgegebene heterosexuelle Rolle und die gesellschaftlichen Erwartungen den eigenen homosexuellen Empfindungen widersprechen.

Da diese Rollenzugehörigkeiten und gesellschaftlichen Werte von vielerlei Seiten, insbesondere durch die Eltern, die primäre Trägerinstanzen von gesellschaftlichen Erwartungen darstellen, an die/ den Jugendliche(n) herangetragen wurden, hat sie/ er diese im Lauf ihrer/seiner Sozialisation internalisiert. Stellt sie/er nun abweichende Gefühle fest, fühlt sie/er sich meist zuerst „abnormal“ oder als „Störfall.“ Von Goffmann wird dieser Prozess als „Stigmatisierung“ beschrieben. Danach werden durch die Gesellschaft einer Person bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die nicht unbedingt ihrem wirklichem Charakter entsprechen.

In einer ersten Phase der Stigmatisierung wird nun vom Individuum die Meinung der anderen erkannt und internalisiert. Diese verändert dann in der zweiten Phase die eigene Selbstwahrnehmung und führt zu bestimmten Verhaltensmustern. Bei Homosexuellen werden so z.B. gesellschaftliche Vorurteile und Rollenzuschreibungen unreflektiert übernommen, was wiederum zu Schuldgefühlen gegenüber den eigenen Empfindungen führt, der Verbotscharakter der Homosexualität wird aufgenommen. (vgl. Schledt 1997, 20-33, 61)

Die Gesellschaft stellt dabei bestimmte Regeln auf, um zu definieren,was normal ist. Wer dagegen verstößt, wird als abweichend etikettiert. Abweichendes Verhalten wird also erst durch gesellschafltiche Festlegung zu solchem, individuelle Interessen treten in den Hintergrund, was in soziologischen Begriffen auch als „labeling approach“ betitelt wird. Durch Internalisierung dieser Bewertungen, fühlt sich der/die Betroffene selbst also immer als abweichend (vgl. Schledt 1997, 23).

Diese Faktoren können dann zu dem in Phase 2 beschriebenen „Zurückdrängen der ersten vagen Idee, homosexuell zu sein“ führen. Dieses Verdrängen kann zur Folge haben, dass sich der/die Jugendliche entweder von seiner/ihrer Umwelt isoliert, die Sexualität insgesamt verdrängt oder sogar heterosexuelle Beziehungen eingeht, um den eigenen Gefühlen zu entkommen. Dieses Versteckspiel raubt aber sehr viel Energie und schadet auf Dauer gesehen immens dem Selbstwertgefühl. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 35-37).

Der/die Jugendliche muss in dieser Zeit also mit vielerlei Ängsten umgehen, so z.B. der Angst vor Diskriminierung oder vor Ablehnung durch die Eltern oder dem sozialen Umfeld. Erschwerend in diesem Prozess sind die mangelnde Aufklärungsarbeit und fehlende Informationen über Homosexualität, die leider in der Bildungsarbeit noch sehr wenig vermittelt werden.

Der/die homosexuell empfindende Jugendliche ist nun also von dem Konflikt betroffen, dass gesellschaftliche Rollenerwartungen nicht seinen/ihren eigenen Interessen entsprechen. Versteht man erfolgreiche Sozialisation nun als Anpassung an gegebene Normen und Erwartungen, muss der/die Homosexuelle scheitern. Passender kann man Sozialisationsprozesse nun aber mit dem Symbolischen Interaktionismus nach Mead beschreiben. Sozialisation ist danach ein Kommunikationsprozess. Das Individuum passt sich also nicht nur dem Vorgegebenen an, sondern betreibt einen Interaktionsprozess zwischen den eigenen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Dazwischen muss das Individuum seine Rolle finden, mit den eigenen Bedürfnissen soll also an die gesellschaftlichen Erwartungen herangetreten werden.(vgl. Schledt 1997, 20- 21). Um Selbstwertgefühl zu erlangen, ist die Interaktion mit anderen also von großer Bedeutung. Nur durch äußere Unterstützungssysteme können die nach Dannecker und Reiche beschriebene 3. und 4. Phase des Coming Out- Prozesses erfolgreich gemeistert werden (vgl. Zuehlke 2004, 17).

Eine wichtige Rolle hierbei spielen die Eltern. Wie schon oben beschreiben, sind diese primäre Trägerinstanzen von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Sie erziehen ihre Kinder geschlechtsspezifisch und leben bestimmte Geschlechterrollen vor. Da dies nicht mit dem Konzept der Homosexualität übereinstimmt, teilen sich viele Jugendliche im Coming Out Prozess erst sehr spät oder überhaupt nicht ihren Eltern mit. Erfahren die Eltern von der Entwicklung ihrer Kinder, reagieren diese oft mit Wut, Angst oder Enttäuschung. Aufgrund fehlender Informationen und übernommener Vorurteile, sind Eltern oft nicht imstande, ihren Kindern die nötige Unterstützung und Anerkennung in dieser schwierigen Phase entgegen zu bringen. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 42 ff)

Ohne Soziale Anerkennung ist es nun aber schwer, ein positives Selbstbild und Selbstachtung aufzubauen. Nimmt sich der/die Jugendliche also nach der 3. Phase des Coming Outs als Homosexuelle(r) wahr, ist es wichtig, diese Anerkennung auch in einem anderen Umfeld zu suchen. So kann z.B. durch Kontakte zu anderen Homosexuellen das Gefühl von Akzeptanz gewonnen und soziales Kapital aufgebaut werden. Hierfür dient die Kontaktaufnahme zur Subkultur.

Eine Subkultur wird nach Simon und Gagnon als ein Kollektiv von Individuen beschrieben, die ein gleiches Interesse haben. Für Homosexuelle können dies nun bestimmte Lokale, Bars, Clubs, Vereine, Internetcommunities, Selbsthilfegruppen oder öffentliche Veranstaltungen sein. (vgl. Schledt 1997, 46). Hier bekommt der/die Jugendliche also die in der Pubertät sehr wichtige Anerkennung von außen, erfährt ein Gefühl von Akzeptanz und Zugehörigkeit, um so ein positives Selbstbild zu entwickeln.

Die vierte Phase des Coming-Outs, nämlich die der Selbstakzeptanz, kann nun auch damit beschreiben werden, das Wunschbild von sich selbst und dem, wie man von anderen gesehen werden will, in Einklang zu bringen. In Begriffen der Identitätstheorie, kann dies auch mit dem Erreichen der Ich- Identität nach Habermas umschrieben werden. Um diese zu erreichen, muss der/die Jugendliche sich also gesellschaftlichen Rollenerwartungen widersetzen und den eigenen Lebensstil finden. Dazu gehört zudem der Entwurf eines homosexuellen Lebensstils und das Herantreten an die Öffentlichkeit- entweder in Bezug auf bestimmte Vertrauenspersonen oder aber im großen öffentlichen Rahmen.(vgl. Schledt 1997, 139).

Zusammenfassend ist festzuhalten,dass das Coming Out und somit die Sozialisation und Identitätsbildung für homosexuelle Jugendiche ein sehr schwieriger und oft auch sehr langwieriger Prozess ist, der meist schon im Kindesalter anfängt und sich oft bis ins Erwachsenenalter über mehrere Jahre hinweg hinzieht. Neben den normalen Sozialisationsaufgaben von Jugendlichen in der Pubertät wie dem Aufbau von Beziehungen, Ablösung vom Elternhaus und Identitätsfindung, sind homosexuell empfindende Jugendliche noch zusätzlich mit möglichen Ängsten, Diskriminierungen, Stigmatisierungen und Rollendiffusion konfrontiert.

Das Coming Out ist also ein schwieriger Prozess, in dem der/die Jugendliche oft mit inneren Konflikten und Isolierung zu kämpfen hat. Wichtig für den erfolgreichen Verlauf des Coming Outs sind ausreichende Informationen und die Unterstützung von außen. Ist dies nicht vorhanden, können Phase 3 und 4 schwer erreicht werden. Die Selbstannahme und das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität bleiben dann aus (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004,32). Gelingt das Coming Out, steht an dessen Ende ein homosexuelles Selbstbewusstsein und der Entwurf eines eigenen Lebenskonzepts.

2.4. Schwule und lesbische Jugendliche - Aspekte der Geschlechtszugehörigkeit

Betrachtet man die Beachtung von Homosexualität in der Öffentlichkeit, kann man feststellen, dass schwulen Männern meist mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als lesbischen Frauen. So wurde z.B. durch den Paragraph 175 nur die männliche Homosexualität angesprochen. Frauen wurden dabei einfach nicht beachtet, was die allgemeine Ignoranz in Bezug auf weibliche Sexualität ausdrückt.(vgl. http://www.homosexualitaet.de/. verfügbar am 9.11.06)

Männliche und weibliche Jugendliche sind also in ihrem, ansonsten ähnlich verlaufenden, Coming-Out Prozess durch unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingung beeinflusst.

Die Lesbenbewegung wird dabei historisch stark mit der Frauenbewegung verbunden. Bei lesbischen Frauen wird demnach zwischen feministisch und nicht feministischer Orientierung unterschieden. Während es bei einer nicht feministischen Orientierung primär um die Liebe zu Frauen und um die sexuelle Orientierung geht- eine solche Lesbe kann ihre Orientierung auch geheim halten und sich der allgemeinen patriarchalischen Denkweise unterordnen- ist der Feminismus neben einer sexuellen Orientierung primär auch ein politisches Statement. Hauptanliegen sind dabei die Gleichberechtigung und der Kampf gegen den Sexismus sowie das männliche Patriarchat (vgl. Kolbe 1989, 34; Zuehlke 2004, 124).

Darüber hinaus sind im Coming Out Prozess besonders die gesellschaftlich vermittelten geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Männer und Frauen zu beachten.

So wird von Jungen erwartet, ein „richtiger Mann“ zu werden- dazu gehört der Leistungsgedanke, Stärke zu zeigen oder der Durchsetzungswille. Andere „unmännliche“ Verhaltensweisen wie Gefühle zu zeigen oder einfühlsam zu sein, werden oft als weiche, mädchenhafte Seiten beschrieben. Da Jungen also bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden, werden andere blockiert. So kann es diesen schwer fallen, sich jemandem anzuvertrauen oder Gefühle zu zeigen, was ja besonders im Coming Out Prozess eine wichtige Rolle spielt. Gesellschaftlich gesehen werden Schwule nun meist als „Tunten“, also als weibliche, weiche und sensible Männer bezeichnet. Entdeckt nun ein Junge homosexuelle Gefühle, kann er Angst haben, damit gegen die gesellschaftliche Erwartung eines starken, heterosexuellen Mannes zu verstoßen. (vgl. BzgA (Hrsg.) 2004,14)

Die Rollenzuschreibungen für Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft können beschrieben werden mit gefühlvoll, sensibel, attraktiv und weich. Auch in unserer modernen Gesellschaft sind die Rollenerwartungen oft noch durch familiäre Aufgaben bestimmt. Auf lesbische Frauen werden nun durch die Gesellschaft die Attribute hart, unerotisch und männlich angewendet, wobei diese wiederum, gesellschaftlich gesehen, aus ihrer typischen Frauenrolle fallen (vgl. BzgA (Hrsg.) 2004,15; Kolbe 1989, 23-25).

Zusammenfassend kann man also sagen, dass bezogen auf die Geschlechtszugehörigkeit homosexuelle Jugendliche meist mit festgelegten Rollenzuschreibungen durch die Gesellschaft zu kämpfen haben. Die der Homosexualität zugeschriebenen Vorurteile und Stigmata widersprechen den vorgegeben Bildern von männlich und weiblich. Auf Jugendliche kann dies die Auswirkung haben, dass sie homosexuelle Gefühle verheimlichen oder verdrängen, um nicht aus ihrer zugeschriebenen Rolle zu fallen und mit Vorurteilen belastet zu werden. Interessant ist dabei auch, dass Jugendliche oft die Vorurteile der Gesellschaft übernehmen und so auch in den Reihen der Homosexuellen oft eine Abneigung zu so genannten „Tunten“ oder „Mannsweibern“ besteht.

Zur Bildung einer homosexuellen Identität ist nun die Überwindung von solchen Rollenklischees von typisch männlich und typisch weiblich wichtig, was für die meisten Jugendlichen in einer heterosexuell geprägten Umwelt aber eine besondere Schwierigkeit darstellt.

3. Türkische homosexuelle Jugendliche in Deutschland

3.1. Geschichtliche Entwicklung und Situationsanalyse

Der geschichtliche Hintergrund zur Migrationsbewegung zwischen der Türkei und Deutschland nimmt seinen Anfang hauptsächlich in den sechziger Jahren. Wegen steigendem Wirtschaftswachstum wurden mit rund 500.000 offenen Arbeitsstellen Arbeitskräfte in der BRD dringend benötigt. So entstand 1961 das deutsch- türkische Anwerbeabkommen, in dessen Zuge bis zum Anwerbestopp im Jahre 1973, 740.000 Arbeitskräfte aus der Türkei nach Deutschland kamen. Diese stammten meist aus den ländlichen Gebieten der Türkei in Zentral- und Ostanatolien und hofften aufgrund der dortigen wirtschaftlichen Repression auf einen guten Arbeitsplatz in Deutschland. In den sechziger und siebziger Jahren bestanden die Zuwanderer meist aus Männern, die Mitte der siebziger und in den achtziger Jahren ihre Familien nach Deutschland nachholten. (vgl. Bochow 2004, 168-170)

Die meisten der heutigen türkischen oder türkei- stämmigen Jugendlichen sind also die 2., 3. oder 4. Generation von ursprünglich Zugewanderten. Zu beachten ist dabei auch, dass die eingewanderten Familien aus ländlichen Gebieten kommen und so der Bildungsstand meist sehr gering, und die Mentalität sehr traditionell und durch die Islamische Kultur geprägt ist.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stellt die Gruppe der TürkInnen heute mit 26 % und ca. 1,8 Millionen gemeldeten EinwohnerInnen die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland dar. (vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p1340025.htm , verfügbar am 15.8.06).

In Bezug auf türkische homosexuelle Jugendliche lassen sich sehr schwer zahlenmäßige Schätzungen machen. Da bisher in Deutschland ausreichende statistische Untersuchungen zum Thema Homosexualität fehlen und mit dem Thema oft, wie noch darzustellen ist, besonders in türkischen Zusammenhängen nicht sehr offen umgegangen wird, kann nur aufgrund des großen Zulaufes von Beratungsstellen, Organisationen, Internetcommunities oder Parties speziell für homosexuelle TürkInnen und bisherigen Untersuchungen über prozentualen Anteile von Homosexuellen in verschiedenen Gesellschaften, auf eine nicht zu ignorierende Anzahl von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Deutschland geschlossen werden.

3.2. Psycho- Soziale Aspekte

3.2.1. Sozialisation, Identität und Coming Out im Vergleich zu deutschen Jugendlichen

Im Folgenden sollen nun die Sozialisationsbedingungen dargestellt werden, unter denen sich türkische Jugendliche in Deutschland entwickeln. Da im zweiten Kapitel schon die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen im Allgemeinen beschreiben wurde, wird hier zunächst einmal auf Entwicklungshintergründe von türkischen Jugendlichen eingegangen. Diese werden zum Schluss mit der sexuellen Orientierung der Homosexualität in Verbindung gebracht. Dabei werden kulturelle Voraussetzungen anfangs nur angerissen, im Detail werden diese schließlich im 4. Kapitel dieser Arbeit betrachtet.

Um die Sozialisationsbedingungen von türkischen Jugendlichen darzustellen, ist es hilfreich, die unter anderem von Kelek beschriebene Modernitätsdifferenz und Kulturdifferenz-Hypothese darzustellen.

Die Modernitätsdifferenz beschreibt die deutsche sowie die türkische Gesellschaft als zwei unterschiedliche Systeme. So ist die deutsche, als westliche Gesellschaft, geprägt von Individualisierungs- und Modernisierungsprozessen. Individualisierung bedeutet nach Beck das Loslösen von traditionellen Bindungen und Sozialformen und damit den gleichzeitigen Verlust von traditionellen Sicherheiten wie Handlungsentscheidungen, Werte und Normen. Da der Mensch aber bestimmte Strukturen braucht, folgt die Re-Integration, also eine neue Art von sozialer Einbindung. (Beck 1986, 206)

Durch Individualisierungsprozesse lösen sich also traditionelle Bindungen auf und der/ die Einzelne bekommt in Bezug auf Zukunftschancen, Lebenswege, Geschlechterrollen, etc. die Chance und auch den Zwang, eigene Entscheidungen zu treffen und einen nicht vorgefertigten Weg einzuschlagen.

Die Familien von türkischen Jugendlichen haben dahin gegen meist eine traditionell geprägte Gesellschaftsform als Hintergrund. In der türkisch-islamischen Gesellschaft ist der Lebensweg von Jugendlichen oft festgelegt. Besonders wichtig sind hierbei Stichworte wie streng festgesetzte Geschlechterrollen oder die Wichtigkeit der Ehe. In der türkischen Gesellschaft stehen kollektive Strukturen im Vordergrund, die Familie spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Familiäre Bindungen sowie die Kontrollfunktion durch die Familie können stark ausgeprägt sein. Anders als in westlichen Gesellschaften, zählt in der islamischer Kultur also die Gemeinschaft, der Mensch wird primär als Sozialwesen betrachtet.

Ein(e) Jugendliche(r), der/ die nun in einer von traditionell geprägten Familie aufwächst, trifft nun aber trotzdem in seinem/ ihrem Alltagsleben auf moderne und individualisierte Verhaltensweisen. Der/die Jugendliche wird eventuell damit konfrontiert, eigene Entscheidungen treffen zu müssen, wobei auch die Identitätsfindung als persönlicher Prozess, verbunden mit individuellen Entwicklungswegen gesehen wird. Die Werte der Familie können dabei im Widerspruch zu der modernen deutschen Kultur stehen. Türkische Jugendliche müssen es nun also schaffen, zwischen eventuell widersprüchlichen Werten und Rollenerwartungen und im Übergang zwischen traditionellen und modernen Gesellschaften die eigene, persönliche Identität zu entwickeln.

Mit unterschiedlichen Werten und Normerwartungen ist bereits schon die Kulturdifferenz beschrieben. Kultur zeichnet sich dabei nach Malinowki als ein komplexes System von Glaubensvorstellungen, Sitten, Bräuche, Rechten, etc. aus. Sieht man türkische Familien als Repräsentanten türkischer Herkunftskultur (was auch schon daran erkennbar ist, dass in 80% der Familien türkisch gesprochen wird), muss man also auch eine Unterschiedlichkeit in Handlungs- und Verhaltensnormen, wie z.B. der Kindererziehung, Geschlechterrollen und Vorstellungen von Ehe und Partnerschaft benennen. (vgl. Kelek 2002, 20- 37)

Eine besonders große Rolle spielt dabei, wie in Kapitel 4 noch genauer beschrieben werden soll, die muslimische Kultur. So hängen Wert- und Menschenbilder in der türkischen Gesellschaft oft mit religiösen Ursprüngen zusammen. So spielt z.B. eine Islam-gerechte Erziehung der Kinder traditionell eine große Rolle, da nach dem Koran die religiöse Erziehung der Kinder Aufgabe der Eltern ist. Beim Aspekt der Religion ist außerdem zu beachten, dass die erste Einwanderergeneration meist alle soziale Bindungen und alles Vertraute hinter sich gelassen hat und nun in einer fremden Kultur zurechtkommen muss. Religion und Orientierung an islamischen Werten können hierbei als Identitätshalt fungieren, um die Herkunftskultur zu bewahren. (vgl. Buchow 2003, 135; Tietze 2003, 88; Kelek 2002, 84)

Die enge Verbindung zum Islam hat nun also die Folge, dass in türkischen Familien oft traditionelle, vom Islam beeinflusste, Werte gelebt werden. Dazu gehört z.B. auch der Umgang mit der Sexualität. In türkischen Zusammenhängen wird oft nicht über diese und damit zusammenhängende Wünsche und Bedürfnisse geredet. Die sexuelle Sprachlosigkeit kann dabei in Verbindung mit einem vorgegeben Weg stehen, der für Mädchen meist Jungfräulichkeit und für Jungen und Mädchen eine frühe Heirat bedeutet. (vgl. Niedersächsisches Sozialministerium (Hrsg.) 1992, 27)

Bezogen auf Identitäts- und Sozialisationsprozesse bedeutet diese kulturelle Differenz nun also, dass die Jugendlichen durch unterschiedliche Gegebenheiten zwischen Herkunftsland und Mehrheitsgesellschaft geprägt sein können. Eine Identitätsentwicklung findet also zwischen divergierenden Normsystemen statt. Die Jugendlichen haben die Werte der Herkunftsfamilie internalisiert, treffen aber in Schule und Freizeit oft auf andere Verhaltensweisen. (vgl. Kelek 2002, 17-18, Hoffmann 1990, 204)

Bei beiden Hypothesen sollte nun aber beachtet werden, dass kulturelle Systeme durchaus veränderbar sind. Kultur ist also kein starrer Begriff, dessen Schranken nicht überwunden werden können. Vielmehr entwickelt eine Einwanderungsgesellschaft meist ein eigenes kulturelles System, in dem Wechselwirkungen von kulturellen Faktoren aus beiden Gesellschaften zum Tragen kommen. (vgl. Kelek 2002,32). Außerdem ist es schwer „die“ türkische Familie oder „die“ deutsche Gesellschaft an sich zu beschreiben. Festgestellte Merkmale sind hierbei spezifisch und besonders prägend, müssen aber nicht unbedingt auf jede Familie oder auf die gesamte deutsche Umwelt zugeschrieben und somit generalisiert werden.

Zu den erschwerten Sozialisationsbedingungen zählen nun nicht nur kulturelle Unterschiede sondern auch gesellschaftliche Benachteiligungen. So bestimmen gesellschaftliche Diskriminierungserfahrungen auch die Identitätsfindung von türkischen Jugendlichen. Dazu gehören negative zwischenmenschliche Erfahrungen und der geringen sozialen Wertschätzung als „AusländerIn“, sowie damit zusammenhängenden Vorurteile, als auch arbeits- und aufenthaltsrechtliche Benachteiligungen. Im Hintergrund von solchen Diskriminierungstendenzen ist es schwer, ein positives Selbstbild und somit eine positive Identitätsform aufzubauen. (vgl. Hoffmann 1990, 200-224)

Die Frage ist nun, wie türkische Jugendliche mit solchen erschwerten Sozialisationsbedingungen umgehen und ob bzw. wie sie trotzdem zu einer stabilen Identität gelangen. Wie schon festgestellt, müssen türkische Jugendliche viel Bewältigungsleistung und Balanceakte aufbringen, um verschiedene Handlungsanforderungen, also soziale Identität mit ihren eigenen individuellen Interessen, also der personalen Identität zu vereinbaren. Die Reaktion darauf und die Copingstrategien können dabei recht unterschiedlich ausfallen. Viele Forscher stellen fest, dass Jugendliche mit diesen Anforderungen überfordert sind und mit Zugehörigkeitsproblemen sowie Identitätskonflikten zu kämpfen haben. Sie ziehen sich deshalb auf ihre nationale Identität zurück , suchen Halt im traditionellen Werte- und Normensystem und schotten sich von der deutschen Gesellschaft ab. (vgl. Hoffmann 1990, 197, 200-224)

Trotz dieser durchaus ernst zunehmen Schwierigkeiten ist es aber wichtig, Jugendliche deshalb nicht nur defizitorientiert zu betrachten. Nach Erikson sind zahlreiche Identitätskrisen im Entwicklungsprozess völlig normal und können durch deren Bewältigung sehr positiv zur weiteren Entwicklung beitragen (vgl. Hoffmann 1990, 228)

So haben türkisch Jugendliche zahlreiche Strategien und Techniken entwickelt, um mit den erschwerten Bedingungen zurecht zu kommen. Nach einer qualitativen Studie von Hoffmann, in der er sich in mit der personalen und sozialen Identität von türkischen Jugendlichen auseinandersetzt, gelingt es diesen Jugendlichen durchaus, und besonders durch die schweren Bedingungen, sich zu selbstbewussten und starken Persönlichkeiten zu entwickeln. Wichtige Anforderungen sind dabei die Rollendistanz und die Ambiguitätstoleranz, wodurch soziale und personale Identität ausbalanciert werden können. Jugendliche müssen sich nicht zwischen zwei Kulturen verlieren, sondern können sich durchaus in beiden zurecht finden. Zudem stellt Hoffmann fest, dass türkische Familien zwar Repräsentanten der türkischen Lebenswelt sind, aber nicht immer unbedingt geschlossen und starr sein müssen. So sind viele Familien in bestimmten Aspekten offen und modifizierbar wie z.B. in Fragen der Freizeitgestaltung. (vgl. Hoffmann 1990, 198- 228).

Es bleibt nun noch festzustellen, inwieweit diese Sozialisationsvoraussetzungen und die im vorherigen Kapitel beschriebenen Faktoren zur Entwicklung einer homosexuellen Identität, Auswirkungen auf türkische homosexuelle Jugendliche haben.

3.2.2 Das Coming- Out und seine Folgen

Wie später noch genauer beschrieben wird, gilt Homosexualität in islamisch geprägten Ländern wie der Türkei nicht als sexuelle Orientierung, sondern als Krankheit. Die erste Reaktion türkischer Eltern auf die Homosexualität des Kindes kann es also sein, es zum Psychiater oder Arzt, mit der Hoffnung auf eine Therapie, zu schicken. Da in einem traditionell türkischen Setting das Thema Sexualität im oft nicht besprochen wird und nur sehr wenig Aufklärung stattfindet, besteht als Folge oftmals keinerlei Information über Homosexualität. (vgl. Buchow 2003, 145- 146)

Hinzu kommen die bereits beschriebenen kulturellen Unterschiede wie enge Geschlechterrollen, die Wichtigkeit der Ehre oder der primären Betonung der Ehe.

Ein(e) Jugendliche(r), der/die in seiner/ihrer, von solchen Werten geprägten, Familie aufgewachsen ist, hat diese Werte und Traditionen natürlich auch internalisiert. Ein Outing würde damit bedeuten, solche Traditionen zu durchbrechen und eventuell auch den familiären Rückhalt zu gefährden. Durch die gemeinschaftliche Orientierung in türkischen Gesellschaften, hat dies für türkische Jugendliche weitreichende Folgen. Die Familie ist hier existentiell wichtig, um soziale Sicherheit zu bekommen, den Kontakt zur Sprache und Herkunftskultur zu behalten, sowie in der türkischen Community verankert zu bleiben (vgl. Buchow 2003, 136-137).

Das Coming Out von türkischen Jugendlichen ist also nicht nur von den in Kapitel 2 beschriebenen Sozialisationsbedingungen homosexueller Jugendlicher bestimmt, hinzu kommen noch bestimmte kulturelle, meist mit der Familie und dem unterschiedlichen Gesellschaftssystem zusammenhängende, Rollenerwartungen und traditionelle Werte und Normen. Der/die Jugendliche muss also nicht nur in der Situation als MigrantIn zwischen zwei verschiedenen Kulturen und Anforderungen seine/ihre Identität finden, sondern kann auch mit dem Stigma der Homosexualität und damit verbundener Sozialisations- und Identitätsfindungsschwierigkeiten sowie Diskriminierungserfahrungen konfrontiert sein.

Auch hierfür können Jugendliche verschiedene Coping Strategien entwickeln. So geschieht es oft, dass türkische homosexuelle Jugendliche, aus Angst vor den Folgen, ihre sexuelle Orientierung versteckt halten oder gar nicht erst ausleben. Da die Gemeinschaft zuerst kommt, werden individuelle Bedürfnisse zurückgesteckt, um nicht Gefahr zu laufen, aus dieser ausgeschlossen zu werden, und somit wichtige soziale Unterstützungen zu verlieren.

Um, im Gegensatz dazu, eine stabile homosexuelle Identität zu entwickeln, in der die eigenen Bedürfnisse auch gelebt werden, ist nun eine besondere Anstrengung und die Entwicklung von Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz notwendig. Für türkische Jugendliche ist dies vermutlich ein langer und schwieriger Weg. Wichtig ist dabei, die Information über Homosexualität auch in der türkischen Community zu verbreiten, sowie den Jugendlichen ein breites Netzwerk von Unterstützungsmöglichkeiten zur Seite zu stellen.

4. Türkische Kultur und Homosexualität

4.1. Die Relevanz von muslimischer Kultur und Religion für türkische Jugendliche, die in Deutschland leben

Nachdem im 3. Kapitel die Sozialisationsbedingungen von türkischen homosexuellen Jugendlichen nur grundsätzlich angerissen wurden, sollen diese hier vertieft in Bezug auf ihre türkische Herkunftskultur betrachtet werden.

Will man auf die Sozialisationsbedingungen von Jugendlichen eingehen, ist es notwendig, ihre jeweils kulturellen Prägungen und Einflüsse zu betrachten. Bei türkischen Jugendlichen muss also ein Blick auf die türkische und damit zusammenhängende islamische Kultur und deren Auswirkungen im Einwanderungsland Deutschland geworfen werden. Dazu wird hier zunächst festgestellt, inwieweit türkische Kultur und islamische Religion zusammenhängen und sich beeinflussen, sowie welche Bedeutung diese für türkische MigrantInnen in Deutschland haben.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass , genauso wenig wie es „die“ deutsche Kultur gibt, es nicht „die“ türkische Kultur oder die typischen Türken an sich gibt. Dennoch ist festzustellen, dass kulturelle Tendenzen vorhanden, die den/die Einzelne(n) in verschiedener Art und Weise beeinflussen. Kultur kann man dabei als ein Wertesystem definieren, welches das Zusammenleben in einem gesellschaftlichen System steuert. Vollzieht man bestimmte kulturelle Muster nach, kann man so die davon beeinflusste Gesellschaft und das in ihr lebende und handelnde Individuum verstehen (vgl. Girginer 2004, 143).

Zunächst einmal soll hier nun die islamische Religion als wichtiger bestimmender Faktor für die türkische Kultur betrachtet werden.

Neben dem persönlichen Aspekt von Religion, die z.B. die Lebensgestaltung mit bestimmten Ritualen, wie Bet- oder Fastenzeiten bestimmen kann und dem politischen Aspekt, der sich durch Durchsetzung von religiösen Prinzipien auf politischer Ebene auszeichnet, hat Religion auch einen kollektiv- kulturellen Aspekt. (vgl. Heitmeyer u.a. 1997, 27-28). Die muslimische Religion kann also als eine kulturelle Dimension gesehen werden, die Einfluss auf die Welt- und Menschenbilder und somit Handlungsweisen einer Gesellschaft bzw. auf die in ihr lebenden Individuen hat. Ein Beispiel hierfür wäre die im Koran verankerte „Umma“, die Glaubensgemeinschaft, die in der türkischen Gesellschaft durch eine besondere Gemeinschaftlichkeit, also der Einordnung des Individuums als Vorrang zur Einzigartigkeit des selbigen, umgesetzt wird. Da der Islam den Anspruch stellt, direkt auf das gesellschaftliche Leben angewandt zu werden, als seine Umsetzung in der Bewältigung von Alltagssituationen geschehen soll, kann die muslimische Religion Wahrnehmungs- Denk- und Handlungsschemata bestimmen (vgl. Kolat 2004, 209; Kelek 2002, 84-85, 88; 2003, 102).

In diesem Zusammenhang ist aber wiederum festzuhalten, dass sich kulturelle Praxis auch von religiösen Lehren unterscheiden kann. So beruhen viele Handlungsschemata heute auf alten Traditionen, die nicht unbedingt so im Koran festgehalten sind, aber dementsprechend interpretiert oder nicht hinterfragt wurden. (vgl. Omar 1989, 110)

Wenn im Folgenden also von türkischer Kultur gesprochen wird, ist es wichtig zu wissen, dass Kultur von vielen verschiedenen Faktoren wie z.B. Religion, Traditionen und Werte geprägt ist. Dabei gibt es keine einheitliche Ausübung des Islams. Traditionen existieren entweder unabhängig oder in Verbindung mit diesem. TürkInnen sind demnach also keine einheitliche Gruppe mit gleichen Lebensweisen und gleichen Werten und Normen. Trotzdem lassen sich bestimmte Tendenzen oder kulturelle Strömungen feststellen. Orientierungsmuster und Habitusformen können sich also durch den Islam als kulturelle Dimension ausdrücken. (vgl. Niedersächsisches Sozialministerium (Hrsg.) 1992, 16-17; Kelek 2002, 87)

Die Frage ist nun, inwieweit türkische EinwanderInnen in Deutschland und somit auch Jugendliche der 2. oder 3. Generation von dieser türkischen Kultur beeinflusst sind. Zunächst einmal ist festzustellen, dass insbesondere bei MigrantInnen die emotionale Bindung zum Islam und damit verbunden zur Heimatkultur sehr hoch ist. Die Beibehaltung von bestimmten Kulturmustern wie Werten, Normen und Traditionen stellt dabei die oft einzige Verbindung zur Heimat dar. Traditionelle türkische Wertbilder bekommen auf emotionaler Ebene eine größere Bedeutung im Einwanderungsland. Der Islam kann also von eigentlich Ungläubigen benutzt werden, um eine kulturelle Identität gegenüber der christlichen Mehrheitsgesellschaft aufzubauen. Man fühlt sich so nicht mehr als minderwertige(r) AusländerIn, sondern kann eine Identität basierend auf der kulturellen Herkunft aufbauen. Durch die kulturelle Identifikation ergibt sich außerdem ein Zugehörigkeitsgefühl. Der islamisch-türkischen Kulturkreis ermöglicht dabei ein starkes Wir- Gefühl im Einwanderungsland Deutschland, wodurch die Verbindung zu Heimat aufrecht erhalten werden kann.. In Bezug auf Jugendliche kann festgehalten werden, dass auch für diese Religion und islamische Werte und Traditionen eine wichtige Rolle spielen. So bekommen sie diese in ihrem Elternhaus und durch die weitere türkische Gesellschaft vermittelt und bauen so selbst eine kulturelle Identität auf. Mehrere Studien, so z.B. auch die Shell- Studie aus dem Jahr 2000 belegen, dass sich der Großteil der türkischen Jugendlichen als gläubig bezeichnet. Dabei distanzieren sich die Jugendlichen aber meist von religiösen Institutionen, um die Religion eher persönlich und individuell auf das eigene Leben zu interpretieren. (vgl. Niedersächsisches Sozialministerium (Hrsg.) 1992, 77; 2003, 88,93)

[...]


[1] Zur Situation von Homosexuellen in der Türkei:In der Türkei hat es nie ein vergleichbares gesetzliches Verbot von Homosexualität wie den Paragraph 175 gegeben. Trotzdem werden Homosexuelle in der Türkei auf vielfältige Weise diskriminiert. So gilt Homosexualität als Krankheit und nicht als sexuelle Orientierung. Berichte in den Medien sind meist sensationssüchtig und mit Vorurteilen behaftet. Auch in der Arbeitswelt treffen Homosexuelle auf massive Benachteiligung. So gilt eine solche Orientierung also offizieller Entlassungsgrund, ein Antidiskriminierungsgesetz gibt es nicht.
Als einziges Medium, in dem Homosexualität reflektiert und tolerant behandelt wird, kann die stark umstrittene Zeitschrift „Kaos Gl“ gesehen werden. Diese informiert über Homosexualität, wird aber durch die starke Ablehnung in der Gesellschaft oft in ihrer Existenz bedroht.
In Großstädten wie Istanbul, Ankara oder Izmir ist die Einstellung gegenüber Homosexualität etwas emanzipierter, hier zeigen sich auch Paare öffentlich. Trotzdem gibt es, anders als in deutschen Großstädten, keine homosexuellen Szene mit zahlreichen Bars, Diskos, Kneipen etc. Sexuelle Haltungen und Handlungen gelten dabei als etwas Privates und sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen.
(vgl. Buchow (Hrsg.) 2003, 120-130)

Details

Seiten
101
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638608213
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69992
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,7
Schlagworte
Türkische Jugendliche Deutschland Eine Untersuchung Situation Jugendlichen

Autor

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Titel: Die psychosoziale und gesellschaftliche Situation von türkischen homosexuellen Jugendlichen in Deutschland