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Smollett und Sterne: zwei Paradigmen der Kulturrezeption? Eine Beispielanalyse zur Fremdwahrnehmung in der Reiseliteratur

Magisterarbeit 2006 111 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reisen und Literatur
2.1. Bedeutung und Bedeutungswandel des Reisens
2.2. „France, that Sweet Enemy“ - zur britischen Sichtweise Frankreichs
2.3. Der literarische Reisebericht: Gattungstheorie und Gattungsprobleme
2.4. Reiseliteratur als mentalitätsgeschichtliche Quelle

3. Werkanalyse
3.1. Tobias Smollett: „Travels to France and Italy“
3.1.1. Zu Person und Werk
3.1.2. Inhalt und verwendete Ausgabe
3.1.3. Der Roman im zeitgenössischen Kontext: Ein kommerzieller Reisebericht?
3.1.4. Fakt und Fiktion: persönliche Briefe?
3.1.5. Hauptmotive und -strukturen des Romans
3.1.6. Der Misanthrop
3.1.7. Der britische Bürger
3.1.8. Satire, Gesellschaftskritik und Unterhaltung
3.1.9. Der Bildungsreisende
3.1.10. Arzt und Patient
3.2. Laurence Sterne: „A Sentimental Journey through France and Italy“
3.2.1.Zu Person und Werk
3.2.2.Inhalt und verwendete Ausgabe
3.2.3.Fakt und Fiktion: Mr. Yorick
3.2.4.Vordenker eines neuen Zeitalters: Die ästhetische Innovations-leistung des Romans...
3.2.5.„Sentimental“ - Zum Bedeutungswandel eines Schlüsselbegriffs
3.2.6. „A Comedy of Moral Sentiments“?
3.2.7. The Sentimental Traveller

4. Integrative Gegenüberstellung
4.1. „Das Eigene“ - Motivationen und Ingroup
4.2. „Das Fremde“
4.2.1. Xenophobie und Xenophilie
4.2.2. Das Fremde als Prüfstein der eigenen Kultur
4.2.3. Teilnehmer oder Beobachter?

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Kurzfassung:

Thema der vorliegenden Arbeit ist eine Beispielanalyse von kulturellen Faktoren und Mustern der Fremdwahrnehmung in zwei ausgewählten Werken der Reiseliteratur. Die hier behandel- ten Werke sind das 1766 erschienene Werk „Travels through France and Italy“ von Tobias Smollett und das 1768 erschienene Werk „A Sentimental Journey through France and Italy“ von Laurence Sterne.

Abstract:

The topic of this thesis is an exemplary analysis of cultural factors and patterns in the perception of the Other in two selected works of travel literature. The works discussed here are „Travels through France and Italy“ by Tobias Smollett, published in 1766, and „A sentimental Journey through France and Italy“ by Laurence Sterne, published in 1768.

1. Einleitung

In den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts erschienen innerhalb kurzer Zeit zwei Meilen- steine der britischen Reiseliteratur. Tobias Smollett veröffentlichte 1766 sein Werk „Travels through France and Italy“, zwei Jahre später folgte ihm Laurence Sterne mit „A Sentimental Journey through France and Italy“. Trotz dieses kurzen zeitlichen Abstands und einem sehr ähnlichen Thema, haben diese beiden Werke auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Es ist sogar so, dass Sterne sein Werk als Antwort und Gegenschlag auf Smolletts Reisebericht ver- fasste.

In der Tat verfolgen die Autoren höchst unterschiedliche Ziele mit ihren Reiseberichten und gehen dabei auch methodisch unterschiedlich vor. Smolletts Werk wurde aufgrund der kriti- schen bis ablehnenden Haltung gegenüber allem Fremden, die darin zum Ausdruck kommt, besonders nach dem Erscheinen von Sternes Werk negativ rezipiert. In der heutigen Zeit, in der eine solche Haltung alles andere als ‚politisch korrekt’ ist, verdankt es Smolletts Reisero- man hauptsächlich der Tatsache, dass er Sterne zu „A Sentimental Journey“ inspiriert hat, dass er nicht völlig in Vergessenheit geraten ist. Sternes Werk hingegen ist auch heute noch geläufig, da es in vielerlei Hinsicht ein Novum des 18. Jahrhunderts darstellt und als Wegbe- reiter der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik gilt. Zudem wird die in Sternes Werk transportierte Haltung gegenüber dem Fremden als deutlich positiver empfunden, auch wenn dies tatsächlich nicht uneingeschränkt der Fall ist.

Diese Arbeit widmet sich den beiden Werken aus einer neuartigen Perspektive, die über eine literaturwissenschaftliche Betrachtung hinausgeht. Die beiden Reiseberichte werden hier als die individuelle Darstellung einer Begegnung mit dem Fremden begriffen. Denn wie ein Rei- sender das Fremde betrachtet und darstellt, hängt in entscheidendem Maße von seiner eigenen Kultur ab.

Während dies für Reiseerfahrungen im Allgemeinen keine neue Erkenntnis darstellt, sind lite- rarische Reiseberichte, bedingt durch ihren Status als Kunstprodukt, bisher als Forschungsge- genstand für diese Fragestellung vernachlässigt oder sogar kategorisch ausgeschlossen wor- den.1 Die Subjektivität und die literarische Verfremdung der Wirklichkeit, die solche Reisebe- richte ausmacht, lässt sich jedoch mithilfe von Methoden aus der Literatur- und Sozialwissen- schaft, Erkenntnissen aus der Mentalitäts-, Kultur-, und Literaturgeschichte sowie neuerer

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der interkulturellen Kommunikation einordnen und relativieren. Mithilfe dieses interdisziplinären Analyseansatzes soll hier zunächst in zwei Ein- zelanalysen die persönliche Haltung, die in den Werken zum Ausdruck kommt, beleuchtet und in einen mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Auf dieser Grundlage können in einer integrativen Gegenüberstellung kulturspezifische und kulturüber- greifende Muster und Mechanismen der Kulturrezeption herausgearbeitet werden.

Die Werke von Smollett und Sterne eignen sich für diese Analyse im Besonderen, da sie den Typus des ‚Neugierigen Reisenden’ verkörpern, dem die Begegnung mit einer fremden Kultur zum eigentlichen Reiseziel wird. Dass das Reisen nicht immer in dieser Weise verstanden wurde, und wie sich diese moderne Sichtweise entwickelt hat, wird im folgenden Kapitel er- läutert werden.

2. Reisen und Literatur

Dieses Kapitel dient zur Einführung und Begriffsklärung. Nach einem Überblick über den relevanten Teil der Geschichte des Reisens sowie einigen Bemerkungen zur besonderen Beziehung zwischen Großbritannien und Frankreich wird hier Grundlegendes und Klärendes über Gattungstheorie und -problematik der Reiseliteratur sowie den Analyseansatz, der die Grundlage dieser Arbeit bildet, dargelegt. Hier soll also das Terrain abgesteckt werden, auf dem die Analysen der nachfolgenden Kapitel beruhen.

2.1. Bedeutung und Bedeutungswandel des Reisens

Das Motiv des Reisens ist so alt wie die Menschheit. Seit wir aufrecht gehen können und über ein Erkenntnisvermögen verfügen, das uns mitteilt, dass es sinnvoll ist, den Aufenthaltsort zu wechseln, kann man - im weitesten Sinne - von Reisen sprechen.

Bereits unsere frühesten Vorfahren waren ‚Dauerreisende’: Als Nomaden zogen sie von Ort zu Ort, um ihr Überleben zu sichern. So gesehen ist das Reisen sogar älter als das sesshafte Leben. Hans-Werner Prahl spricht in diesem Zusammenhang von einem „menschlichen

Grundbedürfnis der ‚Bewegung’ und der ‚Neugierde’.“2 Die Entwicklung des Typus des ‚Neugierigen Reisenden’, den die Werke von Smollett und Sterne repräsentieren, soll im Fol Diese Ausführungen beschränken sich sinnvollerweise auf den europäischen Kulturkreis und die Reisetraditionen innerhalb dieser Sphäre, da hier die Grundlage für die folgenden Betrach- tungen gelegt werden soll.

Zeugnisse von Reisen und Reisenden gab es bereits in der Antike. Die Odyssee Homers und die Reisen des Herodot und des Pausanias3sind einige der wichtigen Beispiele hierfür und haben auch in späterer Zeit großen Einfluss auf Reisetraditionen und Reisebeschreibungen ausgeübt.

Im Mittelalter wurden Reisen meist nur von einem beschränkten Personenkreis unternommen. Zu diesem gehörten die jeweiligen weltlichen und geistlichen Herrscher mit ihrem Gefolge, Missionare, Handelsreisende oder Boten.4 Neben diesen meist aus materiellen oder politi- schen Gründen unternommenen Reisen erlebte die religiös motivierte als eine der ältesten Reiseformen im Mittelalter einen bemerkenswerten Aufschwung. Die Pilgerfahrt ist die einzi- ge Reiseform, die von Angehörigen aller sozialen Schichten gleichermaßen betrieben wurde und ist somit in gewisser Weise eine erste Form des Massentourismus - wenn auch aus ande- ren Motiven als der heutige. Dennoch soll die Pilgerfahrt hier als Reiseform, die nicht aus materiellen Notwendigkeiten oder Zwängen unternommen wurde, als Vorform des ‚Neugieri- gen Reisenden’ besondere Erwähnung finden.

Die Grundbedeutung des lateinischen Wortes „peregrinus“, das die etymologische Wurzel sowohl des deutschen Wortes „Pilger“ als auch des englischen „pilgrim“ darstellt, ist „der Fremde“. Diese Bedeutung erklärt sich aus der im europäischen Mittelalter tief verwurzelten christlichen Weltanschauung, nach der das irdische Leben für den Menschen lediglich als die Reise eines Fremden auf der Suche nach Erlösung gilt.5 Schon im frühen Christentum mach- ten sich deshalb Gläubige auf den Weg, um in der Fremde ihr Heil zu suchen. Aus dieser „pe- regrinatio pro Christo“ entwickelte sich im Laufe der Zeit die „peregrinatio ad loca sancta“. Die Ziele konzentrierten sich nun auf heilige Orte, an denen Christus selbst oder bestimmte Heilige gewirkt hatten. Zu den drei Hauptzielen wurden Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela.6 Durch die Entbehrungen der Reise und das „Wandeln auf den Spuren des

Herrn“7 konnte der Pilger für sein Seelenheil sozusagen vorsorgen. Ein weiteres Motiv für die Pilgerreise war der Glaube an wundertätige Reliquien. So bewogen die verbreiteten Erzählun- gen und Legenden über die sterblichen Überreste von Heiligen ebenfalls viele Menschen, sich auf eine Pilgerfahrt zu begeben, um diese Wunder mit eigenen Augen zu sehen.8 Mit der Etablierung der heiligen Orte ging auch eine Institutionalisierung der Pilgerfahrt ein- her. Die Routen wurden ausgebaut, auf dem Weg fand der Reisende Unterkunft und Verpfle- gung in meist von Mönchsorden betriebenen Hospizen und Herbergen. Auch die Suche nach dem Seelenheil wurde von der Kirche durch die Einführung des Ablasswesens im 11. Jahr- hundert9 institutionalisiert.

Die Blütezeit der Pilgerreisen ging mit der Reformation und der damit verbundenen Kritik an Ablasshandel und Reliquienverehrung zu Ende.10 Im ausgehenden Mittelalters verschob sich denn auch der Fokus der Reisen. Aus der religiösen Motivation wurde zunehmend ein säkulä- res Bildungsinteresse. Der Blick auf die Fremde schärfte sich mit der „zunehmenden Ablö- sung von religiösen Kontexten und einer stärkeren Hinwendung zur irdischen Wirklichkeit.“11 Diese Entwicklung fand zwar im Zuge des Humanismus statt, ist aber nicht allein darauf zu- rückzuführen und ging „lange Zeit noch Hand in Hand mit einer Neigung zum Glauben an das Okkulte und Wunderbare.“ Nach Justin Stagl steht die Gelehrten- oder Bildungsreise zunächst noch ganz in der Tradition der katholischen Pilgerreise, „ja, man darf sagen, dass sie ihr pro- testantisches Äquivalent war“12. Ein Beispiel hierfür ist die „peregrinatio academica.“13 Diese Reiseform bezeichnet die studentische Reise zu entfernten Bildungseinrichtungen wie Univer- sitäten und Bibliotheken zu Bildungszwecken. Dass diese Reiseform eng mit der Tradition der Pilgerreisen verknüpft und aus ihr hervorgegangen ist, zeigt bereits das enthaltene Wort „pe- regrinatio“. Dieser ursprünglich religiös konnotierte Begriff wird für die Gelehrtenreisen di- rekt übernommen, wie an den zeitgenössischen Publikationen zu erkennen ist.14

Die Motivation des Reisens verschiebt sich dennoch von religiösen Beweggründen allmählich in Richtung einer umfassenden Bildung, ganz im Sinne des humanistischen Erziehungsideals. Die oben genannten Beispiele haben eines gemeinsam: Die Beurteilung des Reisens an sich. Es handelt sich bei den erwähnten Beispielen nicht um Reisen mit positiver Konnotation im heutigen Sinne: „Die Reise stellt [...] das notwendige, unbequeme und unumgängliche Mittel

dar, den Zweck der Reise verwirklichen zu können. [...] Die Reise selbst war […] von keinem Interesse und eher eine Last.“15Bei den Pilgerreisen ist die damit verbundene Mühe sogar Teil der auferlegten Buße und bei den Gelehrtenreisen das mit dem Ziel der Bildung verbundene notwendige Übel.

Erst im 17. und 18. Jahrhundert tritt eine neue Gruppe von Reisenden auf den Plan, für die das Reisen selbst zum eigentlichen Zweck wird. Prahl sieht in dieser Gruppe die erste Form des modernen Touristen, der „während der Reise Land und Leute sehen [will]“.16 Diese Entwick- lung findet allerdings weder plötzlich noch unbegründet statt. Als Frühform des ‚Neugierigen Reisenden’ gilt der junge Adlige, der sich auf die Grand Tour oder Kavaliersreise begibt, die ihn durch den europäischen Kontinent führt.17 Die Anfänge dieser Reiseform finden sich im England des 16. Jahrhunderts:

The Tour was first established in the sixteenth century as a fairly modest undertaking to meet a specific need. At that time, England was becoming a more significant participant in European affairs and needed civil servants who knew the languages, affairs, forms of government, and ways of life of foreign courts and cities.18

Diese Reisen waren in ihren Anfängen noch eng mit der Tradition der Gelehrtenreisen ver- bunden, wobei sich der Bildungsanspruch von einem universalen zu einem ‚educational trai- ning program for diplomats’19 verengte. Im Ausland wurden wichtige diplomatische Kontakte geknüpft Häfen, Paläste und Festungsanlagen wurden besichtigt und das richtige Verhalten bei Hofe studiert und eingeübt.20 Aus diesen bescheidenen Anfängen wurde im 18. Jahrhun- dert eine wichtige gesellschaftliche Institution für die gesamte herrschende Adelsschicht. Die Grand Tour wurde zu einer unumgänglichen Prestige-Unternehmung der Aristokratie. Die „Vervollständigung ihrer Bildung und Verfeinerung ihrer gesellschaftlichen Umgangsfor- men“21 sollte dazu dienen, den adligen Nachwuchs auf seine künftigen Führungsaufgaben vorzubereiten. In diesem Sinne fungierte die Grand Tour als Übergangsritus, „changing ado-
lescent country bumpkins into adult cosmopolitans, […] from members of a provincial elite to members of a national and transnational ruling class.“ 22 Als Schlüsselbegriff dieser Trans-

formation macht Terence Bowers den Begriff „manners“ aus, dessen Funktion er wie folgt erklärt: „Manners were a visible sign of physical, intellectual, and moral superiority.“23 So diente die Grand Tour sowohl als Legitimation als auch als konstituierendes Element der A- ristokratie, indem sie einen gemeinsamen Bildungs- und Erfahrungshorizont schuf. Die „manners“ stellten das äußerliche, unmittelbar erkennbare Merkmal dieser Schicht dar. Da dieses nur durch Institutionen wie die Grand Tour in erforderlichem Maße ausgebildet werden konnte, war es Mitgliedern der weniger wohlhabenden Schichten schlichtweg unmöglich, sich in dieser Sphäre zu bewegen, ohne ihre Herkunft zu verraten.

Die Planung einer Grand Tour war aufwendig, die Reise selbst mühsam und sehr teuer. Der junge Edelmann auf Reisen wurde zudem weitestmöglich von der sozialen Realität anderer Schichten abgeschirmt: Empfehlungsbriefe sicherten standesgemäßen Empfang und Unter- kunft begleitet wurde der junge Adlige von einem älteren Reisegefährten, der meist ein Die- ner oder Hauslehrer war. Dieser Begleiter war für die Organisation der Tour sowie den Schutz vor möglichen unmoralischen Versuchungen24 zuständig. Die Existenz dieses ‚Reiseleiters’, der nicht vom Reisenden selbst, sondern von dessen besorgten Eltern engagiert wurde25, deu- tet jedoch bereits darauf hin, dass das offizielle Ziel der Bildungsreise oft zugunsten einer Vergnügungsreise unterlaufen wurde.

Der britische Adel fungierte seit dem 18. Jahrhundert als Trendsetter bei der touristischen Erschließung des europäischen Kontinents. 26 Ein profaner Grund dafür mag die geographi- sche Insellage Großbritanniens sein. Die daraus entstehende Reiselust wird bereits im 18. Jahrhundert häufig kommentiert: „The English look on their isle as a prison and the first use they make of their love of liberty is to get out of it.“27 Dieser Kommentar - interessanterweise von einem französischen Beobachter verfasst - deutet ein Grundmuster des Reisens an, das Prahl wie folgt beschreibt:

Die ‚Grand Tour’ gerät [den Briten] zum Versuch, das historische Kulturgefälle zwischen Nord und Süd auszugleichen. Sie bereisen Italien in dem Bewusstsein der eigenen politischen Stärke und organisatori- schen Effektivität, des wirtschaftlichen Erfolges und des technischen Fortschritts. Zugleich aber in Be- wunderung der kulturellen und künstlerischen Leistungen Italiens […]. Die Reise nach Italien wird zum

Blick zurück in eine als niveauvoller bewertete Kultur, an deren Grundwerten sie sich noch orientieren. Die neue Welt zollt der alten ihren Respekt.28

Italien ist neben Frankreich das Hauptziel der Grand Tour. In der Tradition der Renaissance wird es vom europäischen Adel als „Wiege der europäischen Kultur“29 betrachtet. Hier stu- dierte man die Überreste der antiken Kultur, aber auch in der zeitgenössischen Kunst orien- tierte man sich an italienischen Vorbildern.30 Rom war jedoch noch aus einem weiteren Grund von Interesse für die britischen Reisenden. Großbritanniens Aufstieg zur Weltmacht förderte die Vergleiche mit dem römischen Reich der Antike. Während Ideen und Ästhetik der antiken Kultur nach wie vor als erhabene Vorbilder bewundert wurden, erinnerte man sich vor allem ab dem 18. Jahrhundert - und besonders nachdem die Institution der Grand Tour ihren Zenit überschritten hatte - zunehmend auch des Untergangs dieses antiken Reiches. Die Ruinen des antiken Roms galten zunehmend als mahnendes Beispiel für die britischen Reisenden.31 Der Grund hierfür liegt in dem Zwiespalt, in dem sich Großbritannien durch seinen raschen Auf- stieg zur Kolonialmacht befand. Durch diesen enormen Machtzuwachs entwickelte sich das Land zwar zur vorherrschenden Macht in Europa, gleichzeitig geriet jedoch das eigene Selbstbild ins Wanken. Bowers formuliert dies folgendermaßen: „Britain had trouble sustai- ning its core myths that it was a Protestant nation and a land of liberty founded on peaceful commerce.“32 In dem unmäßigen und kriegerischen Machtstreben sah man die Parallele zum antiken römischen Reich, das nach seinem gewaltigen Aufstieg letztendlich auch an innerer Schwäche und Dekadenz kollabiert war.

Als zeitgenössische Leitkultur des europäischen Adels galt ab dem 17. Jahrhundert hingegen Frankreich. Sowohl die politische als auch die geistige Elite in Paris wurden bewundert und imitiert.33So wurde die oben erwähnte Verfeinerung der gesellschaftlichen Umgangsformen hauptsächlich am französischen Hofe studiert und für die Vervollständigung der Bildung wurde ein Aufenthalt in Frankreich, dem „Mekka der Aufklärung“34als unabdingbar betrachtet. Dass das Verhältnis zwischen Frankreich und Großbritannien allerdings nie ein spannungsfreies und einfaches war, ist hinlänglich bekannt. Diese Tatsache und deren Gründe werden in Kapitel 2.3. ausführlicher behandelt werden.

Die Verschiebung der Zielsetzungen der Grand Tour lässt sich folgendermaßen zusammen- fassen: Die aus der Tradition der Gelehrtenreise hervorgegangene spezialisierte Diplomaten- reise wurde im 18. Jahrhundert zunehmend zu einem Prestige-Unterfangen. Anders gesagt: Aus den ursprünglich vorherrschenden „pull factors“, die sich hauptsächlich aus der politi- schen Notwendigkeit ergaben, sich innerhalb des europäischen Mächtesystems zu etablieren, wurden im Laufe der Zeit „push factors“35 - wer sich zur Elite zählen wollte, musste die Grand Tour absolviert haben. Zudem trat der Vergnügungsaspekt gegenüber dem Bildungsas- pekt in den Vordergrund.36 Zum Teil erinnert das Programm bereits auffallend an einen mo- dernen Städtetrip:

[Es wurden] beeindruckende architektonische Bauwerke wie Paläste und Kirchen besichtigt, Gemäldegalerien und Bibliotheken aufgesucht. Bei der Rückkehr genügte es nicht mehr, von den Erfahrungen und Erlebnissen zu berichten […]. Vielmehr kam es bald in Mode, Gemälde, Statuen und Antiquitäten mit nach Hause zu nehmen.37

Diese Souvenirs erfüllten neben der bereits im Wort enthaltenen Funktion eines Andenkens noch eine weitere: Sie dienten als greifbare Prestigeobjekte, mit denen der Grand Tourist seine Weltläufigkeit unter Beweis stellen konnte.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte die Reiselust der Briten einen ungeheuren Auf- schwung: Während im Jahr 1750 noch 20000 Reisende die Straße von Dover überqueten, waren es 1785 bereits 40000.38 Doch es fand nicht nur eine quantitative Veränderung im Rei- severhalten statt die ‚neuen Reisenden’ stammten in zunehmendem Maße auch aus einer an- deren sozialen Schicht: Es kam zu einer „Verbürgerlichung der grand tour [sic] der jungen Adeligen.“39 Gerade in Großbritannien, dem Pionier der Industrialisierung, hatte sich das Bürgertum vergleichsweise früh zum „wichtigen politischen und wirtschaftlichen Faktor“40 entwickelt. Diese Schicht suchte nun auch, ihren sozialen Status zu festigen. Nicht zuletzt geschah dies durch die Nachahmung des adligen Lebensstils, und somit auch der Grand Tour. Der Bürger wurde zum „Petit - Grand Tourist“.41 Ein Umstand, der diese Entwicklung förder-
te und im buchstäblichen Sinne beschleunigte, ist der Ausbau des Postkutschenwesens zu ei- nem ganz Europa umspannenden Verkehrsnetz, das eine relativ preiswerte und schnelle Fort-

bewegungsmöglichkeit darstellte.42Damit war das Reisen nicht mehr nur den Wohlhabendsten vorbehalten. Die Postkutsche ist in diesem Sinne das erste Massentransportmittel und Vorläufer der öffentlichen Verkehrsmittel. Wer über die nötigen Mittel verfügte, reiste jedoch komfortabler und unabhängiger in einer gemieteten oder eigenen Kutsche. Der beliebteste und wegen seiner Stabilität und seines Komforts geschätzte Wagentyp war die britische „Berline“.43Auch dies ist ein Indiz für die britische Affinität zum Reisen sowie die Vorreiterrolle des Landes im Rahmen der einsetzenden Industrialisierung.

Wichtig für das neue bürgerliche Selbstverständnis war jedoch auch die Abgrenzung von den Reisetraditionen des Adels. So wurden zwar dieselben Ziele aufgesucht, die bereits zum Ka- non der Grand Tour gehört hatten, doch versuchte man, sich durch eine bewusst andere Ziel- setzung von dieser Institution abzugrenzen. Gert Robel siedelt aufgrund dieses Wandels be- reits zu Anfang des 18. Jahrhunderts den Beginn einer neuen Epoche des Reisens an - entge- gen der geläufigen These eines Epochenwechsels mit dem Einsetzen des Eisenbahnzeital- ters.44 Basierend auf den Ideen der Aufklärung und ganz im Sinne des Descartes’schen Prin- zips des Reisens als wesentliches Bildungselement45 setzte sich das Bürgertum so ein neues Reiseziel. Die geistige Nähe der Aufklärung zur Renaissance zeigt sich hier im Rückgriff auf die Tradition der Bildungsreise - mit dem Unterschied, dass Bildung nun nicht mehr als Privi- leg der Herrschenden, sondern als bürgerliche Tugend betrachtet wurde. Aufstieg und gleich- zeitig Legitimation des Bürgertums hingen vornehmlich von ökonomischer Leistung im Ge-
gensatz zu ererbten Privilegien des Adels ab. Zur Erbringung dieser Leistung wiederum waren die entsprechenden Kenntnisse, sprich Bildung vonnöten. Aus diesen rationalistischen Moti- ven entwickelte sich das bürgerliche Konzept der Bildungsreise.46

Eine weitere Entwicklung, die in diesem Zeitraum beginnt, ist die Erhöhung des Reisetempos. Auch dies ist eine Erscheinung, die nicht erst mit dem bereits erwähnten Beginn des Eisen- bahnzeitalters auftritt. Das bereits erwähnte transeuropäische Postkutschennetz trägt seinen Teil zur Beschleunigung des Reiseverkehrs bei. Darüber hinaus standen dem Bürger in der Regel weniger Zeit und begrenztere finanzielle Mittel zur Verfügung als dem Grand Tourist. Aus diesem Grund galt es, die Reisezeit möglichst effizient zu verkürzen und den Aufenthalt intensiver zu nutzen. Am Beispiel eines Rom-Aufenthalts lässt sich dies erkennen: Hatte man dort zu Zeiten der Grand Tour noch mehrere Wochen verbracht, wurde die Aufenthaltszeit

nun auf einige Tage verkürzt.47 Die bürgerliche Reise sollte „vernünftig, nützlich und ökono- misch vertretbar“48 sein. Der bildungsbeflissene Bürger, der per Kutsche hastig alle Sehens- würdigkeiten ‚abarbeitet’, ist schon im 18. Jahrhundert ein oft gesehenes Bild, das bereits zum Gegenstand von Karikatur und Satire geworden ist.49 Ersetzt man die Kutsche durch ein zeit- gemäßes Transportmittel, ist dieses Bild auch in unserer heutigen Gesellschaft noch wohlbe- kannt. So lässt sich auch in diesem Beispiel die Entstehung eines Grundmusters des modernen Tourismus erkennen.

Ein weiteres, für die Reisetradition bedeutsames Charakteristikum der bürgerlichen Bildungs- reise ist eine neue Sichtweise des Fremden im Sinne von kulturellen Unterschieden. So fand man „im Prinzip der Konfrontation des - nationalen, korporativen wie individuellen - Ego mit dem ‚Fremden’ eine Methode der Selbstbestimmung und -erziehung das Reisen aber wurde zum Instrument dieser Konfrontation.“50 Das Interesse des ‚Neugierigen Reisenden’ an anderen Kulturen, Sitten und Lebensformen hatte so einen pragmatischen Zweck: Die Selbst- definition durch Abgrenzung. Die Aristokratie, die sich als Teil einer transeuropäischen Elite betrachtete, hatte durch die Grand Tour versucht, die Homogenität dieser Schicht durch Aus- tausch und Nachahmung zu schaffen und zu konsolidieren. Das Ziel des Bürgertums war nun, sich sowohl von dieser Schicht abzugrenzen, als auch nationale und kulturelle Eigenheiten hervorzuheben und zu kultivieren. Die Entstehung der modernen europäischen Nationalstaa- ten hängt mit dieser Entwicklung eng zusammen.

Diese Epoche, in der die hier behandelten Werke von Smollett und Sterne verfasst wurden, ist aus vielfältigen Gründen auch aus heutiger Sicht sehr aufschlussreich. Es handelt sich um eine Phase großer Umbrüche, die verschiedene Ebenen der Gesellschaft erfasste und viele wichtige Grundlagen unserer heutigen Gesellschaft schuf. Einige dieser Umbrüche wurden bereits an- gedeutet, wie der Aufstieg des Bürgertums, die beginnende Industrialisierung und die Ent- wicklung der Nationalstaaten. Doch auch die einsetzenden mentalitätsgeschichtlichen Gegen- strömungen deuten sich bereits an: Gegen den Universalismus und Rationalismus der Aufklä- rung setzen Empfindsamkeit und Romantik den Partikularismus und das Gefühl. Dies wirkt sich auch auf die Reiseziele und -motivationen aus. Vor diesem Hintergrund tritt das emotio- nale Erlebnis an die Stelle der wissenschaftlichen Bildung, die Naturerfahrung an die Stelle der Besichtigung von Kunst-Werken. Falsch wäre es jedoch, die Bildungsreise in der Traditi- on der Aufklärung demnach für tot zu erklären - ebensowenig wie man andere prägende Ein-

flüsse der Aufklärung auf unsere heutige Gesellschaft leugnen kann. Die beiden skizzierten Grundmuster des Reisens existieren auch im heutigen Europa noch, wie ein Blick auf das heu- tige Angebot der Reiseanbieter zeigt, das sowohl Traum- als auch Bildungsreisen beinhaltet. Abschließend seien hier einige weitere wichtige Stationen der Geschichte des Reisens be- nannt: Die napoleonischen Kriegen beendeten die große Friedensperiode in Europa, womit eine große Zäsur der innereuropäischen Auslandsreisen verbunden war.51 Nach der Erholung von den wirtschaftlichen Schäden erfuhr das Reisen durch neu geschaffene Institutionen und technische Neuerungen eine massive Beschleunigung, wodurch die Entwicklung des Reisens zum Massenphänomen unserer Zeit vorbereitet wurde. Als Beispiele genannt seien hier das Eisenbahnwesen und das von Thomas Cook gegründete erste Reisebüro - beides Innovatio- nen des 19. Jahrhunderts.

2.2. „France, that Sweet Enemy“ - zur britischen Sichtweise Frankreichs

Die komplexe Beziehung zwischen Großbritannien und Frankreich ist in Kapitel 2.1. bereits angedeutet worden. In diesem Kapitel soll dies nun ausführlicher erläutert werden, wobei das Hauptaugenmerk auf der Entwicklung zum Status quo der Epoche von Smollett und Sterne liegt.

Im Jahrhundert vor dem Erscheinen der beiden Werke war das britische Selbstverständnis und damit auch die Beziehung zu den europäischen Nachbarstaaten einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. Ein Zitat aus dem Jahr 1642, also vor diesem Wandel, veranschaulicht dies:

For [the British] being cut off from the rest of the Citizens of the World, have not those obvious accesses […] to mingle with those more refined Nations, whose Learning and Knowledge did first Urbanize and Polish.52

Dieser kurze Satz, der aus einem der ersten britischen Reiseratgeber mit dem Titel „Instructions for forreine [sic] travels“53 stammt, gibt einen äußerst aufschlussreichen Einblick in die britische Mentalität und Selbstverortung dieser Zeit. In der britischen Inselmentalität verwur zelt schien ein Gefühl der Rückständigkeit und ein damit verbundenes Minderwertigkeitsge-

fühl gegenüber den europäischen Nachbarstaaten zu sein. Frankreich war zu der Zeit, aus der das Zitat stammt, unter der Herrschaft des Sonnenkönig Ludwig XIV. auf dem Weg zur vor herrschenden Macht in Europa. Über die politische Rolle hinaus manifestierte sich die bereits erwähnte Stellung Frankreichs als Leitkultur des europäischen Raums auf vielen Ebenen. Die höfische Kultur wurde in ganz Europa bewundert und imitiert, und auch in Großbritannien betrachtete man Frankreich als „the reputed center of learning, the focal point of the Enligh tenment.“54 Und nicht zuletzt war Französisch noch bis ins 18. Jahrhundert nicht nur die Lin gua Franca des europäischen Kontinents, sondern auch die Sprache des Adels und der Gelehr ten.55

Vor diesem Hintergrund tat auch das ebenfalls nach dem Ausbau seiner politischen Macht strebende Großbritannien gut daran, den Erzrivalen Frankreich zu imitieren. So war man nicht nur in der Lage, seine Stellung innerhalb des europäischen Mächtesystems zu festigen, son dern auch die innere Ordnung zu stabilisieren, oder wie es Bowers formuliert: „In taking over French etiquette and Parisian ceremony, the [British rulers] obtained the desired instruments to make visible the hierarchy of society.“56 Nicht zuletzt liegt aber auch die Vermutung nahe, dass die Imitation der französischen Kultur durch das oben erwähnte Gefühl der Rückständig keit zumindest begünstigt wurde.

Ein Faktor, der dem britischen Selbstverständnis jedoch völlig zuwiderlief und nicht selten für Spannungen sorgte, war religiöser Natur. Frankreich war als katholisches Land für das protes tantische Großbritannien als Vorbild, geschweige denn als Leitkultur, eigentlich untragbar. Das Verhältnis zu Frankreich war also geprägt durch diesen konfessionellen Zwiespalt, der durch Großbritanniens Aufstieg zur Kolonialmacht noch verschärft wurde. Die bereits ange sprochenen britischen „core myths“57, durch die sich Großbritannien als friedliches, protestan tisches und freiheitliches Land definierte, verloren zunehmend ihre Grundlage in einem Empi re, das sowohl über katholische als auch über nicht christliche Völker regierte und seinen Aufstieg auch nicht mehr allein friedlichem Handel verdankte.58 Mit dem Ende des siebenjäh rigen Krieges hatte Großbritannien 1763 zwar seinen katholischen Rivalen besiegt und damit die direkte politische Bedrohung seiner protestantischen Identität abgewehrt.59 Doch aus den angeführten Gründen war die Definition der nationalen Identität nach wie vor problembehaf tet.

Auch in Frankreich kam es bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einer Krise des kulturel len Selbstverständnisses, die durch politische Umwälzungen und das Eindringen neuer Ideen aus anderen europäischen Ländern hervorgerufen wurde. 60 In zunehmendem Maße schwand dort das Bewusstsein der politischen und kulturellen Vormachtstellung. Diese Entwicklung ist als die geistesgeschichtliche Entsprechung des politischen Wegs vom Absolutismus über die Niederlage im siebenjährigen Krieg zur französischen Revolution zu verstehen.

Gegenüber dem besiegten Frankreich schlug die Haltung Großbritanniens nun ins Gegenteil um, wie der folgende Satz zeigt: „Now that Britain was the economic and political centre of the world, [it produced] an ever-recurring and heart-warming celebration of the superior de gree of British civilization.“61 Man war nun also bemüht, sich durch die eigenen wirtschaftli chen und politischen Leistungen vom Nachbarland abzugrenzen. Dessen Niederlage lieferte eine zumindest äußerlich sichtbare Basis für das neue britische Selbstbewusstsein.

Trotz dieses Wandels in der Beziehung zwischen Großbritannien und Frankreich änderte sich jedoch nichts am britischen Interesse, das Nachbarland zu bereisen. Frankreich gehörte nach wie vor zu den beliebtesten Reisezielen der wohlhabenderen Briten. Zwar kam es durch den siebenjährigen Krieg erzwungenermaßen zu einer Unterbrechung des Reisebetriebs, doch kurz danach bildeten sich bereits wieder „small colonies of Englishmen“62 in Frankreich, die von Berühmtheiten wie David Hume, James Boswell und Adam Smith aufgesucht wurden.63 Für die Beliebtheit, derer sich Frankreich weiterhin erfreute, scheinen allerdings nicht einmal die Engländer selbst eine Erklärung zu haben. Einerseits ist der allgemeine Tonfall in den zeitgenössischen Reisebeschreibungen von Herablassung, Ablehnung und sogar Abscheu ge prägt, andererseits wird berichtet, dass sie „all seemed unable to resist the masochistic urge to […] be confirmed in their preconceptions of snails and catholicism.“64

Die zeitgenössische Beziehung der Briten zu den Franzosen ist wohl am besten durch den Begriff „Hassliebe“ zu charakterisieren. Obwohl Großbritannien politisch und wirtschaftlich längst aus dem Schatten Frankreichs hervorgetreten war, gab es nach wie vor „the craze for things French.“65 An der Vorliebe für Kulinarisches und Mode aus Frankreich schieden sich zwar mittlerweile die Geister, wie zeitgenössische Zeitungsberichte über die „French Disea se“66 erkennen lassen, doch die von Frankreich ausgehende Faszination schien dennoch - oder

gerade deswegen - weiterhin ungebrochen. Verantwortlich dafür ist wohl auch das im vorangegangenen Kapitel von Prahl zitierte Grundmuster der modernen Briten, die wenn nicht Respekt, dann doch zumindest Nostalgie für den einst mächtigen Rivalen empfanden. Diese Art der Hassliebe mag auch nicht zuletzt zur Kompensation der lange empfundenen Minderwertigkeitsgefühle gedient haben.

2.3. Der literarische Reisebericht: Gattungstheorie und Gattungsprobleme

Die Geschichte des Reisens ist eng mit der Geschichte der Literatur verbunden, oder trivial gesagt, seit die Menschen reisen, wird auch darüber erzählt oder geschrieben. Verwendet man Alter und Umfang als Kriterien, gehört die Reiseliteratur zweifellos zu den bedeutendsten Bereichen der erzählenden Literatur. Dennoch, oder gerade deswegen stellt die Wesensbe stimmung sowie die wissenschaftliche Abgrenzung dieses äußerst heterogenen Werkkomple xes ein Problem dar. Aus diesem Grund ist die Eigenständigkeit der Reiseliteratur als literari sche Gattung umstritten.67 Die Bandbreite erstreckt sich, um nur einige Beispiele zu nennen, zeitlich in einem Rahmen von der Antike bis heute und typologisch vom „Epos zur romanti schen Verserzählung, vom Roman bis zur autobiographischen Reisebeschreibung.“68 Nach den gebräuchlichen Klassifikationsprinzipien und -kriterien der Literaturwissenschaft ist die Reiseliteratur also weder ein Epochenphänomen noch eine Gattung im eigentlichen Sinne. Dennoch wurde immer wieder der Versuch unternommen, die Reiseliteratur als eigenen lite rarischen Bereich zu definieren.69 Das naheliegendste Kriterium hierfür findet sich auf stoff lich-inhaltlicher Ebene. So definiert Gero von Wilpert im Sachwörterbuch der Literatur den Begriff „Reiseliteratur“ als „das gesamte dem Stoffe nach von tatsächl. oder fiktiven Reisen berichtende Schrifttum.“70 Diese Definition beschränkt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, das bereits im Namen enthaltene Thema des Reisens. Wendet man lediglich diese Definition an, fallen unter Reiseliteratur jedoch sowohl Reiseführer und -handbücher als auch wissenschaftliche Berichte über Forschungsreisen, sprich Sachliteratur. Im Bereich der Litera tur als Kunstform gehören dann autobiografische Reiseberichte ebenso dazu wie utopische

Formen. So lässt diese allgemeine Definition einige grundsätzliche Fragen offen, die im Folgenden zu erörtern sind.

Eine Möglichkeit der Differenzierung zeigt Manfred Link. Zunächst grenzt er die Verwendung der Reisethematik ein: „Reise und Reisen [sind] das konstituierende Stoff- und Hand lungsfundament.“71 Literatur, in der das Reisen lediglich ein Motiv oder Thema neben ande ren ist, gehört somit nicht mehr zur Gruppe der Reiseliteratur. Damit würden Handbücher über ein bestimmtes Land, das neben anderen Informationen auch Reisetipps enthält, ebenso aus dieser Gruppe ausgeschlossen sein wie ein Roman, in dem in einem Kapitel eine Reise unternommen wird. Dasselbe gilt nach Link für Literatur, die zwar eine Reise beschreibt, aber einen anderen Zweck verfolgt als die literarische Darstellung ebendieser Reise. Aus diesem Grund wird beispielsweise der Schelmen- oder der Bildungsroman nach dieser Definition ebenso ausgeklammert.72 Diese Abgrenzung erweist sich jedoch als äußerst schwierig, da man bei genauerer Analyse in beinahe jedem literarischen Werk mehr als ein Motiv finden wird, und die konkrete Bestimmung des Hauptmotivs nicht immer einfach oder sogar schlichtweg unmöglich ist. Genau genommen ist auch nach dem Motiv für die Reise zu fragen, so dass ein anderes Motiv durchaus inhärent sein kann. Auch wurde gerade in Zeiten der Zensur in Rei seberichten häufig mehr oder weniger versteckte Kritik an Politik und Gesellschaft geübt, was nicht zwingend dazu führte, dass die Reise als Hauptmotiv irrelevant wurde. Wendet man diese These Links also konsequent an, würden beispielsweise die „Reisebilder“ von Heinrich Heine nicht mehr als Reiseliteratur gelten - ein mehr als fragwürdiges Ergebnis. Deswegen ist diese These nur mit Vorsicht zu genießen, und wenn überhaupt nur dort als Ausschlusskriteri um anzuwenden, wo das Hauptmotiv ganz offensichtlich ein anderes ist. Als allgemeingülti ges Kriterium ist es jedoch unbrauchbar.

Eine weitere wichtige Frage wirft Link mit einer zweiten Einteilung auf. Es handelt sich um die Frage nach Faktizität und Fiktionalität. Link verwendet diese Begriffe als entgegengesetz te Enden einer Skala, auf der mit zunehmender Fiktionalisierung durch „epische Integration“ der Grad der „Faktizität, die Objektivität und Aktualität“73 abnehmen. Auf dieser Skala lassen sich nun an einem Ende die Reiseführer und wissenschaftlichen Reiseberichte, am anderen Ende die Traumreisen und Robinsonaden einordnen. Die Trennlinie zwischen Fakt und Fikti on ist auf dieser Skala von Link allerdings nicht klar zu setzen. Eine „eigentümliche Zwi schenstellung“74 nehmen hier die autobiografischen Reiseberichte ein, die einerseits den An-
spruch haben, über die erlebte außersprachliche Wirklichkeit zu berichten, sich jedoch von der wissenschaftlichen Literatur durch die postulierte Subjektivität und einen mehr oder we niger ausgeprägten literarischen Anspruch unterscheiden. Die Position der hier zu behandeln den Werke von Smollett und Sterne auf dieser Skala lässt sich wie folgt beschreiben: Sie be handeln zwar keine Fantasiereisen, sondern sind durchaus der historischen Lebenswirklichkeit der Autoren entnommen. Es sind jedoch keine autobiografischen Reiseberichte, Autor und Erzähler sind also nicht gleichzusetzen. Inwiefern autobiografische Faktoren dennoch die bei den Werke beeinflusst haben, wird Teil der Einzelanalyse in Kapitel 3 sein. Letztlich erweist es sich jedoch immer als „unmöglich, den objektiven Wahrheitsgehalt einer Reisebeschrei bung im Sinne seiner Übereinstimmung mit der außersprachlichen Wirklichkeit“75 vollständig zu bestimmen - insbesondere bei Werken, deren Entstehung nahezu 250 Jahre zurückliegt. Dies kann aber auch nie das Ziel einer solchen Analyse sein.

Eine weitere sich aus der Skala von Manfred Link ergebende und ebenfalls zentrale Frage zur Bestimmung der Reiseliteratur ist die Frage nach dem künstlerischen Charakter. Je weiter man sich auf der Skala in Richtung Fiktionalität bewegt, desto wichtiger werden Fragen der Ästhetik. Anders gesagt, die Frage nach Sinn und Daseinsberechtigung eines Werks wird umso drängender, je weiter man sich von der Sachliteratur und damit dem Bereich der Information wegbewegt und in den Bereich des Kunstwerks begibt.

Wie der ästhetische Wert eines Kunstwerks zu bestimmen ist, war und bleibt eine heikle Fra ge nicht nur der Literaturwissenschaft. Eine Abhandlung über die Ästhetik würde hier auch zu weit führen, gesagt sei lediglich, dass seit der Abkehr von der Regelpoetik - interessanterwei se ein Phänomen des 18. Jahrhunderts - keine verbindlichen Kriterien zur Bewertung von Ästhetik mehr existieren. Seither beschränkt sich die Literaturwissenschaft im Wesentlichen auf die Beschreibung und Analyse ästhetischer Phänomene und Konventionen. Die Reiselite ratur betreffend gab es diesbezüglich einige eher vorsichtig anmutende Versuche. Ziel ist es, die ästhetische Reiseliteratur von der wissenschaftlichen abzugrenzen und dadurch einer De finition als literarische Gattung näher zu kommen. Michel H. Braaksma sieht den künstleri schen Wert in der stilistischen Gestaltung: „Durch die Sprache müsse sich der vom Stoff aus gehende Reiz des Exotischen unmittelbar auf den Leser übertragen.“76 Obwohl die sprachli che Gestaltung sicherlich ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von wissenschaftlichen

und literarischen Reiseberichten ist, stellt sich bei dieser These die Frage, ob die Darstellung des „Reiz des Exotischen“ wirklich das einzige Ziel eines literarischen Reiseberichts ist. Da mit würden beispielsweise sämtliche Reiseberichte, in denen sich eine neutrale oder negative Haltung gegenüber dem Exotischen ausmachen lässt, nicht als literarische Reiseberichte gel ten. Nimmt man diese wertende Eingrenzung jedoch aus dieser Definition heraus, ergeben sich die Kriterien der Subjektivität und der Begegnung mit dem Fremden. Eine Reise kann nicht stattfinden ohne die Begegnung mit etwas Fremdem außerhalb des gewohnten Lebens umfelds. Wie dies wahrgenommen und bewertet wird, entscheidet sich durch den subjektiven Standpunkt innerhalb des Werks. Dieser tritt bei literarischen Werken naturgemäß stärker hervor als in der wissenschaftlichen Literatur. So sieht auch W.T. Jewkes das künstlerische Merkmal in Reiseberichten in „an element of strong personal coloring, the stamp of subjecti vity.“77

Diese Subjektivität entsteht jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern vielmehr immer aus der Interaktion mit ihrem Umfeld, mit gesellschaftlichen Konventionen und anderen Faktoren. Da stilistische Konventionen - und auch deren Negierung - im gleichen Maße einer historischen Entwicklung unterworfen sind wie der Ausdruck der Subjektivität, ist auch die Reiseliteratur immer wieder Veränderungen unterworfen.78 Hinzu kommt ein Mangel an verbindlichen Strukturelementen. Weder lässt sich der gesamte Komplex der Reiseliteratur in eine der drei Hauptgattungen Epik, Lyrik oder Drama einordnen, noch gibt es verbindliche stilistische oder strukturelle Vorgaben. Für die literaturwissenschaftliche Einordnung der Reiseliteratur bedeu tet dies, dass sie nicht als Gattung im engeren Sinne bezeichnet werden kann. Als verbinden des Element existiert lediglich das inhaltliche Kriterium des Reisemotivs, auf dessen Proble matik bereits eingegangen wurde. Einen Ausweg aus dieser Verlegenheit weist Hans-Joachim Possin, indem er „die Reisedarstellung […] als entscheidendes Moment für die künstlerische Eigenart und Qualität der die erzählende Dichtung in ihrer Gesamtheit durchdringenden Lite ratur des Reisens“ ausmacht. Die Reisehandlung wird als „Wesenskern“79 interpretiert, dessen Wirkung sich sowohl auf die Form als auch auf den Inhalt eines Reiseberichts erstreckt, in dem er ihn ästhetisch organisiert. 80 Mit diesem ahistorischen Modell lässt sich die Problema tik der historischen und stilistischen Heterogenität umgehen. Danach ist der gesamten Reiseli teratur eines gemeinsam: Die „literarische Gestaltung [der Reise], um sie über ihre zeitliche

und örtliche Einmaligkeit und Gebundenheit hinaus als einen immer wieder ästhetisch wirksamen, menschlich bedeutungsvollen Vorgang erscheinen zu lassen.“81

2.4. Reiseliteratur als mentalitätsgeschichtliche Quelle

Der im vorangegangenen Kapitel ausgemachte Wesenskern der Reiseliteratur lässt sich auch für eine über die Literaturwissenschaft hinausgehende soziokulturelle Analyse nutzbar ma chen. Ein geeignetes Verfahren zeigt Michael Harbsmeier in einem Aufsatz über Reisebe schreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen.82 Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die bereits behandelte Subjektivität der literarischen Reiseberichte. Sie ist der Grund, warum literarische Reisebeschreibungen aus ethnohistorischer Sicht oft misstrauisch beäugt oder als Quellen gänzlich verworfen werden. Sicher ist, dass viele Reiseberichte - und gerade solche, die auf Publikumswirkung angelegt sind - Übertreibungen oder sogar Lügen enthalten. Auf grund dieser Verzerrungen ist es unmöglich, einen literarischen Reisebericht als Quelle zu lesen, aus der objektive und verlässliche Informationen über das Reizeziel gewonnen werden können. Harbsmeier schlägt deshalb vor, diese Texte „gegen den Strich“ zu lesen, um sie „von etwas zu sprechen zu bringen, wovon der Verfasser eigentlich gar nicht hat reden wol len.“83 Denn worüber ein Reisebericht ganz ohne Zweifel Auskunft gibt, ist die Geisteshaltung seines Verfassers und damit indirekt auch die Mentalität seines sozialen, historischen und geographischen Umfelds. Es handelt sich also bei der Reiseliteratur immer um eine „unfrei willige kulturelle Selbstdarstellung.“ 84 Gerade diese Unfreiwilligkeit verleiht den so betrach teten Texten ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit.

Im Folgenden sollen die Vorgehensweise und die möglichen Ergebnisse dieser Methode näher erläutert werden. Auf der Basis der bereits erwähnten Strukturen der Subjektivität und der Begegnung mit dem Fremden macht Harbsmeier zunächst ein typisches Grundmuster der Rei seliteratur aus. Die Darstellung des Fremden beschränkt sich in nahezu allen Fällen auf einen Dualismus. Im Kern bezieht sich diese Zweiteilung immer auf die Gruppen ‚Wir’ und ‚Die Anderen’. Diese beiden Gruppen werden in Reisebeschreibungen miteinander in Beziehung gesetzt, und bilden dabei oft Gegensatzpaare, die eine gegenseitige Anerkennung ausschlie ßen. Aufgrund dieses wertenden Ausschlussprinzips wird ein solches Begriffspaar nur jeweils von einer Gruppe benutzt.85 In Anlehnung an Reinhart Koselleck bezeichnet Harbsmeier dies als „asymmetrische Gegenbegriffe“.86 Dass dieses Muster ein sehr altes ist, zeigt das im Text genannte Beispiel, das von Herodot stammt. Sein wichtigstes asymmetrisches Gegensatzpaar besteht bei ihm aus Griechen und Barbaren. Worin bei diesem Beispiel der Gegensatz besteht, ist sehr deutlich: Die Griechen (‚Wir’) sind gut, die Barbaren (‚die Anderen’) sind unzivili sierte Wilde und deswegen negativ zu bewerten. Dieses Phänomen ist aus den Sozialwissen schaften als Ingroup/Outgroup-Schema bekannt und ist ein Grundbegriff der Stereotypenfor schung.87 Ein solches Gegensatzpaar muss jedoch nicht in jedem Fall in dieser Richtung auf gebaut sein. Umgekehrt ist es auch möglich, dass die eigene Gruppe kritisiert wird, indem das Fremde als „nachahmenswert, paradiesisch und ideal“ dargestellt wird.88

Interessant ist das Beispiel von Herodot auch noch aus einem weiteren Grund. Es zeigt die Tendenz, den Dualismus der Gegensatzpaare so weit nur irgend möglich aufrechtzuerhalten. An der Darstellung des Krieges zwischen den Persern und den Skythen wird dies deutlich. Obwohl beide Seiten in den Augen der Griechen Barbaren sind, wird versucht, in den Skythen griechische Züge zu erkennen, um beide Gruppen in das dualistische Schema einordnen zu können. Deshalb wird der Nomadismus der Skythen, den die Griechen eigentlich als rück ständig betrachten, hier zu rechtfertigen versucht. Die nomadische Lebensweise der Skythen wird kurzerhand zum strategischen Kalkül griechischen Ursprungs erklärt.89

So gelangt auch Harbsmeier zu der Vermutung, dass die Autoren „oft Gewalt haben anwen den müssen, um die unüberschaubare Vielfalt der in den Reisebeschreibungen auftretenden Andersartigkeiten auf die binären Stränge einer Logik der asymmetrischen Gegenvorstellun gen festnageln zu können.“90 Der Text von Herodot ist zwar eine der ersten Quellen, in denen dieses Vorgehen nachgewiesen ist, jedoch bei weitem nicht die einzige. Auch haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder neue dieser asymmetrischen Gegensatzpaare herausge bildet, sei es das der Christen und Heiden in der mittelalterlichen Pilgerliteratur oder das der Zivilisierten und der Wilden, das vor allem im Zusammenhang mit der Entdeckung Amerikas große Verbreitung fand.

Für die weitere Deutung dieser Gegensatzpaare greift Harbsmeier wiederum auf Koselleck zurück. Dessen Theorie von der „Begriffsgeschichte als Sozialgeschichte“91zeigt die Möglichkeit des Rückschlusses „von semantischen Verhältnissen auf soziale und kulturelle Verhaltensweisen.“92Koselleck zeigt hier die Möglichkeit auf, aus der sprachlichen Ebene der Begriffe Informationen auf der außersprachlichen Ebene zu erhalten. Durch die Beleuchtung zentraler Begriffe und Aussagen einer Quelle lassen sich unter Zuhilfenahme sozial- und sprachgeschichtlicher Daten Erkenntnisse über die außersprachliche Wirklichkeit gewinnen.93Im Falle der Reiseliteratur lassen sich aus den verwendeten Gegensatzpaaren Rückschlüsse auf die Haltung der Ausgangskultur zur dargestellten Kultur ziehen.

Ausgehend von diesem dualistischen Grundmuster lassen sich rhetorische Mittel zur Übersetzung soziokultureller Andersartigkeit ausfindig machen. Harbsmeier führt vier dieser Mittel an, die im Folgenden genannt und erläutert werden.

Die ersten beiden werden zur Gruppe der „logischen Operationen“94 gezählt Harbsmeier be nennt sie mit „Vergleich und Analogie“ sowie „Unterschied und Umkehrung.“95 Es handelt sich hier um grundlegende rhetorische Mittel zum Ausdruck der Zusammengehörigkeit sowie (bei der zweiten Gruppe) der Abgrenzung. Die dritte Gruppe wird als „Ausrufe, Anrufungen und Bezeugungen“96 bezeichnet. Beispiele wie ‚Ich habe mit eigenen Augen gesehen’ oder ‚Wie bei X nachzulesen ist’ verdeutlichen das Ziel dieser Stilmittel: Sie dienen vor allem da zu, die Glaubwürdigkeit des Berichts zu untermauern und somit den Bezug zur Ingroup her zustellen. Die letzte Gruppe bilden die Hervorhebungen von besonders sehenswürdigen Phänomenen, wie etwa Kunstwerken, Personen, Sitten oder Ereignissen. Für dieses Stilmittel lässt sich eine sehr lange Entwicklungslinie von den thoma bei Herodot über die mirabilia des Mittelalters bis zu den Sehenswürdigkeiten in den heutigen Reiseführern verfolgen.97

Eines ist allen Punkten dieser Aufzählung gemeinsam: Keines dieser Stilmittel würde funkti onieren, wenn bei Autor und Publikum nicht gemeinsame Erwartungen, Einstellungen und kulturelle Selbstverständlichkeiten beständen. Durch die Verwendung der Stilmittel wird je nes ‚Wir-Gefühl’ zwischen Autor und Publikum erzeugt, das wiederum eine Abgrenzung zur Outgroup erst möglich macht. So entsteht für den gegen den Strich Lesenden ein Spiegel der Ausgangskultur, in dem sich scheinbar triviale Selbstverständlichkeiten, die in der Kontrastie rung mit dem Fremden deutlich werden, zu einem Bild des zugrunde liegenden kulturellen Selbstverständnisses zusammenfügen lassen.

Der Vorgang des Reisens ist jedoch nicht allein als Auslöser zu sehen, durch den der Autor seine Kultur unfreiwillig in Szene setzt. Vielmehr offenbaren sich in der Art der Darstellung anderer Kulturkreise auch die im Laufe der Geschichte zunehmenden Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen diesen und der Ausgangskultur. Harbsmeier formuliert dieses Wechselverhältnis zwischen der Reiseliteratur und der Entwicklung von Kulturbeziehungen folgendermaßen:

Die Geschichte der Reisebeschreibungen ist unzertrennbar mit der Geschichte als einem globalen Zu sammenhang zwischen einer (zumindest seit dem Mittelalter) ständig wachsenden Vielzahl interagie render soziokultureller Formationen verbunden. Die Expansion und Verdichtung der internationalen Kommunikation und Interaktion in Form von Krieg, Mission, Handel, Diplomatie, Kolonialismus, Pil gertum […] oder auch Massentourismus sind die unabdingbare Bedingung für das Wachstum der Rei sebeschreibungen. Die Geschichte der Reisebeschreibungen kann nur auf dem Hintergrund der interna tionalen Beziehungen und globalen politisch-ökonomischen Zusammenhänge überhaupt geschrieben werden.98

Harbsmeier wendet diese Theorie auch konkret auf die bereits angesprochene Entstehung der europäischen Nationalstaaten an, indem er die Anfänge der Entwicklung eines Bewusstseins von soziokultureller Verschiedenheit und dem Nationalcharakter des eigenen sowie der Nachbarländer lokalisiert. Diese Entwicklung, so formuliert er, hat auch „innerhalb der Rei sebeschreibungen selbst einen Niederschlag gefunden.“99 Aus diesem Grund ist davon auszu gehen, dass sich in den Werken von Smollett und Sterne ebenfalls Hinweise darauf finden lassen.

Aus dieser Darstellung wird deutlich, dass sich die Reiseliteratur als Informationsquelle für geistesgeschichtliche Entwicklungen und Strömungen ihrer Zeit und Ausgangskultur und darüber hinaus auch für die sich im Laufe der Geschichte ändernden internationalen Beziehungen und Verflechtungen eignet.

3. Werkanalyse

Ziel der Einzelanalysen des folgenden Kapitels soll es sein, das in den Werken transportierte individuelle und kulturelle Selbstverständnis herauszuarbeiten. Hierzu sollen nach grundlegenden Informationen über die Biografie der Autoren sowohl die jeweilige formale und thematische Gestaltung der Reisethematik als auch der kulturelle, politische und literarische Kontext herangezogen werden.

3.1. Tobias Smollett: „Travels to France and Italy“

3.1.1. Zu Person und Werk

Tobias George Smollett wurde 1721 in Dalquhurn in der schottischen Grafschaft West Dun bartonshire geboren.100 Über seine Herkunft ist nicht allzu viel bekannt, sicher ist jedoch, dass er der Sohn eines Richters und Grundbesitzers mit adligen Vorfahren war, selbst aber weder über einen Titel, noch über die finanziellen Möglichkeiten verfügte, die es ihm ermöglicht hätten „to lead the leisured life of his class.“101 Er studierte Medizin an der Universität Glas gow und nahm 1736 eine fünfjährige Lehre bei einem Chirurgen in dieser Stadt auf, die er jedoch 1739 abbrach, um nach London umzusiedeln. Dort erhielt er auch im selben Jahr schließlich seine Zulassung als Chirurg. Erste literarische Ambitionen blieben erfolglos, so dass er sich 1740 entschloss, als Schiffsarzt der Kriegsflotte auf der „Chichester“ anzuheuern, die im Rahmen der Cartagena-Expedition nach Jamaika segelte. Im September 1741 kehrte er nach Großbritannien zurück und heiratete vermutlich 1743 Anne Lassells102, die Tochter eines Plantagenbesitzers aus Jamaika. In den folgenden Jahren gelang es ihm dann doch, seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben zu verdienen. Er verfasste unter anderem den Roman „The Adventures of Roderick Random“ (1748), mit dem er sich als Schriftsteller einen Na men machen konnte. Daneben war er als Journalist und Herausgeber mehrerer Zeitungen tä tig, stellte Enzyklopädien zusammen und verfasste Übersetzungen bekannter literarischer

Werke wie des „Don Quixote“. Dieser sehr kurze Abriss zeigt bereits, dass Smollett das war, was man heute als Workaholic bezeichnen würde. Smolletts beruflichen Werdegang als ‚Man of Letters’ umschreibt Thomas Seccombe wie folgt:

Smollett was one of the first professional men of all work in letters […] who subsisted entirely upon the earnings of his own pen. He had no extraneous means of support. He had neither patron, pension, property, nor endowment, inherited or acquired. Yet he took upon himself the burden of a large establishment, he spent money freely.103

Diese Art von Karriere stellte in der zeitgenössischen britischen Gesellschaft in vielerlei Hin sicht ein Novum dar. Smollett war weder ein Mitglied der Bürgerschicht, das durch einen respektablen Beruf zu Wohlstand gelangt war, noch war er ein von Mäzenen geförderter Künstler. Um den Lebensstil des Adels zu pflegen, fehlten ihm die Mittel. Seine Frau verfügte zwar über ein Einkommen aus ihrer Erbschaft dies war jedoch unsicher und reichte nicht aus, um den Unterhalt des Ehepaars zu bestreiten.104 Die gesellschaftliche Stellung Smolletts ist daher ambivalent und so fragt Bowers auch: „What was the place of educated, hard-working, but landless men?“105 Diese Frage muss auch Smollett zeit seines Lebens beschäftigt haben, sicher ist, dass sie ihn oft in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Seccombe bezeichnet es als „truly Herculean task“106, einen großen Haushalt und eine Familie fast ausschließlich mit dem Einkommen aus Honoraren für die oben genannten Tätigkeiten zu unterhalten. Nichtsdesto trotz scheint es Smollett gelungen zu sein, seine sozialen Ambitionen zu verwirklichen, die, wie Seccombe konstatiert, „in advance of his time“107 waren.

Die Reisethematik zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk Smolletts. Alle seiner Ro mane behandeln das Reisemotiv, zudem gab er mehrere Kompendien von Reiseliteratur her- aus und verfasste unzählige Rezensionen von Reisebeschreibungen.108 Er selbst unternahm nach seiner Zeit als Marinearzt mehrere Reisen durch Europa. Possin bezeichnet ihn als den britischen Autoren des 18. Jahrhunderts „der am häufigsten und weitesten gereist ist.“109 Ab 1760 befand sich Smollett in mehrerlei Hinsicht in einer schwierigen Lage. Er lancierte eine Attacke gegen Charles Knowles, einen Admiral der Krone, in der Zeitschrift „Critical Review“. Dies zog juristische Konsequenzen nach sich und endete schließlich mit einer drei-

[...]


1 Harbsmeier (1982), S. 1.

2Prahl (1990), S. 135.

3Stagl (1987), S. 353.

4Herbers (1991), S. 23.

5Ebenda.

6 Vgl. a.a.O., S. 23 und 28.

7Herbers (1991), S. 23.

8Vgl. ebenda.

9Vgl. ebenda.

10Vgl. ebenda.

11Brenner (1972), S. 103.

12Stagl (1987), S. 360.

13Siebers (1991), S. 52.

14 Vgl. Stagl (1987), S. 353 - 376.

15Prahl (1990), S. 135.

16Ebenda.

17Vgl. Prahl (1990), S. 136.

18Bowers (1997), S. 4.

19Ebenda.

20Vgl. ebenda, S. 138ff.

21Prahl (1990), S. 136.

22 Bowers (1997), S. 6.

23Bowers (1997), S. 6.

24A.a.O., S. 138.

25Siebers (1991), S. 49.

26Vgl. a.a.O., S. 139.

27 Zitiert nach Jack in: Sterne (1972), S. x.

28Prahl (1990), S. 139.

29Ebenda.

30Vgl. Siebers (1991), S. 50.

31Vgl. Bowers (1997), S. 3 und Possin (1972), S. 29.

32Bowers (1997), S. 3.

33Robel (1987), S. 18.

34 Ebenda.

35Jarman (2005), S. 120.

36Prahl (1990), S. 140.

37Ebenda.

38Ebenda.

39Brenner (1972), S. 157.

40Prahl (1990), S. 141.

41 A.a.O., S. 140.

42Robel (1987), S. 12.

43Ebenda, S. 13.

44Robel (1987), S. 11.

45Ebenda, S. 11.

46 Ebenda, S. 11f.

47Prahl (1990), S. 141.

48Brenner (1972), S. 159.

49Vgl. ebenda, S. 141.

50 Robel (1987), S. 10.

51Robel (1987), S. 15.

52Zitiert nach: Ogée (1991), S. 29.

53 Ebenda, S. 29.

54Bowers (1997), S. 5.

55Robel (1987), S. 18.

56Bowers (1997), S. 7.

57Vgl. Kapitel 2.1.

58Vgl. Bowers (1997), S. 3.

59 Vgl. ebenda.

60Vgl. Pochat (1988), S. 201.

61Ogée (1991), S.29.

62A.a.O., S. 27.

63Vgl. a.a.O, S. 27.

64A.a.O (1991), S. 28.

65Ebenda.

66 A.a.O, S. 29.

67Possin (1972), S. 3.

68Ebenda.

69Vgl. Brenner (1972) und Possin (1972), S. 3-13.

70 Wilpert (2001), S. 676.

71Link (1963), S. 7.

72Ebenda.

73 A.a.O., S. 10.

74Possin (1972), S. 9.

75A.a.O., S. 12.

76 Zitiert nach Possin (1972), S. 10.

77Zitiert nach Possin (1972), S. 10.

78Vgl. ebenda.

79Vgl. ebenda.

80 Vgl. a.a.O., S. 14ff.

81Possin (1972), S. 15.

82Vgl. Harbsmeier (1982). Anmerkung: Literaturangaben ohne Seitenzahl beziehen sich jeweils auf die gesamte Quelle.

83Harbsmeier (1982), S. 2.

84 Ebenda.

85Koselleck (2000), S. 211f.

86Harbsmeier (1982), S. 3f.

87Lipp/Klima in: Fuchs (1988), S. 175 und 243.

88Harbsmeier (1982), S. 12.

89Vgl. a.a.O., S. 5f.

90 A.a.O, S. 7.

91Koselleck (1979), S. 23.

92A.a.O., S. 24.

93Vgl. a.a.O., S. 24f.

94A.a.O., S .6.

95Ebenda.

96Ebenda.

97 Vgl. ebenda.

98Harbsmeier (1982), S. 13.

99 A.a.O., S. 23.

100Vgl. Chronologie in Smollett (1981), S. xxvf. Alle Daten dieses Kapitels sind, sofern nicht anders gekennzeichnet, dieser Chronologie entnommen.

101Bowers (1997), S. 2.

102 Anmerkung: Der Nachname wird in zwei unterschiedlichen Schreibweisen genannt, auch „Lascelles“.

103Seccombe in: Smollett (1907), S. 6.

104A.a.O., S. 7.

105Bowers (1997), S. 2.

106Seccombe in: Smollett (1907), S. 7. 107Ebenda.

108 Possin (1972), S. 115. 109 A.a.O., S. 114.

Details

Seiten
111
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638608305
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70032
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für angewandte Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Smollett Sterne Paradigmen Kulturrezeption Eine Beispielanalyse Fremdwahrnehmung Reiseliteratur

Autor

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Titel: Smollett und Sterne: zwei Paradigmen der Kulturrezeption? Eine Beispielanalyse zur Fremdwahrnehmung in der Reiseliteratur