Lade Inhalt...

Fotographie - ein geeignetes Mittel zur Feldforschung?

Hausarbeit 2005 14 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2.Die Anfänge der bildlichen Repräsentation

3.Zur Theorie der ethnografischen Fotografie
3.1.Die Anfänge - Gregory Bateson und Margaret Mead
3.2.Fotografie als soziale Interaktion - Paul Byers
3.3.Die positivistische Schule von John & Malcolm Collier
3.4.Die soziale Definition von Fotografie – Pierre Bourdieu
3.5.Fotografie als „dünne“ Beschreibung – Kirsten Hastrup

4.Neue Ansätze zum Einsatz von Fotografie in der Feldforschung

5.Schlussbemerkung

6.Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Mit der Entwicklung der Fotografie, nahmen Bilder auch Einzug in die wissenschaftliche Disziplin der Ethnologie. Wurden ihnen am Anfang noch ein hoher Authentizitätsgrad zugesprochen, so kamen bald erste Zweifel an der Repräsentativität von Fotografien in der Forschung. Ich gehe in meiner Arbeit der Frage nach, ob und wieweit die Fotografie in der Feldforschung ein geeignetes Mittel ist.

Zu Beginn gehe ich kurz auf die Anfänge der bildlichen Repräsentation ein. Anschließend beschäftige ich mich chronologisch mit der Theorie der ethnografischen Fotografie. Dabei kommen sowohl Befürworter wie auch Kritiker zu Wort. Aufgrund einer großen Anzahl von Quellen, musste ich eine gewisse Auswahl der Literatur treffen. Ich habe versucht, die besonders wichtigen Beiträge zu diesem Thema auszuwählen und hoffe so, dem Leser einen guten Überblick über den fotografischen Diskurs in der Ethnografie zu geben.

Schließlich stelle ich zwei neue Ansätze vor, wie Fotografie heute in der Feldforschung eingesetzt werden kann.

2. Die Anfänge der bildlichen Repräsentation

Die Fotografie entwickelte sich im Zeitalter des Kolonialismus. Ihre Praxis konnte sich schnell in Europa etablieren. Die Errungenschaft, projektierte Lichtstrahlen zu fixieren, eröffnete erstmals die Möglichkeit, neu entdeckte Gebiete und Kulturen dauerhaft optisch festzuhalten. Die direkte, aber kurzweilige Fremderfahrung konnte durch Fotografien authentisch belegt werden. Man ging davon aus, das fixierte Bild repräsentiere das fotografische Objekt mit optimaler Objektivität.[1] Die frühen Bilder der Reisenden und Missionare halfen den Forschern, die damals noch am Schreibtisch arbeiteten, den fehlenden direkten Kontakt zu kompensieren. Anfang des 20. Jh.s etablierte sich die anthropologische Disziplin im akademischen Bereich. Sehr schnell spielten Feldforschungen und Theoriebildung eine große Rolle. Die Forscher machten erstmals selbst Fotografien. Das Interesse im Feld galt aber nicht mehr nur den vorgefundenen materiellen Gütern, sondern v.a. den Dingen, die man nicht sehen konnte. So untersuchten ethnologische Wissenschaftler eingehend Sozialstrukturen, Formen politischer Herrschaft und Verwandtschaftssysteme. Damit einhergehend veränderte sich das Verhältnis von Text und Bild. Waren zuvor Fotografien oft nur mit knappen Angaben zu Aufnahme und Objekt versehen gewesen, so kam es jetzt zu einer Wandlung vom kommentierten Bild zum illustrierten Text.[2]

3. Zur Theorie der ethnografischen Fotografie

3.1. Die Anfänge - Gregory Bateson und Margaret Mead

Das Werk „The Balinese Character“ von Gregory Bateson und Margaret Mead, das 1942 veröffentlicht wurde, gilt als Beginn der visuellen Anthropologie.[3] Während ihres zweijährigen Forschungsaufenthaltes in Bali entstanden an die 25 000 Fotografien, von denen 759 in ihrem Buch abgedruckt sind. Bateson und Mead hatten das Ziel, mit ihren Bildern das einzufangen, was sich täglich oder spontan ereignete. Dabei wurden die Kameras im Feld als Aufnahmegeräte benutzt. Im Normalfall machte Margaret Mead mündliche Notizen über das Geschehen, während Gregory Bateson mit den zwei Kameras fotografierte. Die mündliche Aufzeichnung beinhaltete häufig Informationen über die Aufnahmezeit und gab gelegentlich Auskunft über die Bewegungen und die Ausrüstung des Fotografen. Mead und Bateson waren überzeugt, dass eine fotografische Sequenz ohne diese Aufzeichnungen fast wertlos sei.[4]

In ihrem Werk sind diese Sequenzen thematisch geordnet. Jeweils sechs bis zwölf Fotografien sind auf einer Seite abgebildet, während auf der gegenüberliegenden Seite ausführliche Erklärungen dem Leser helfen sollen, den Inhalt des Bildes zu verstehen. Die beiden Forscher waren überzeugt, dass das fotografische Medium zur wissenschaftlichen Erforschung von nonverbalem Verhalten besonders geeignet sei:

„In this monograph we are attempting a new method of stating the intangible relationships among different types of culturally standardized behavior by placing side by side mutually relevant photographs. [...] By the use of photographs, the wholeness of each piece of behavior can be preserved, while the special cross-referencing desired can be obtained by placing the series of photographs on the same page.“[5]

Ebenfalls gingen sie davon aus, dass die aufgenommenen Bilder fast vollständig objektiv seien. „Each single photograph may be regarded as almost purely ojective [...].“[6] Die Objektivität der Fotografien berechtige sie ihrer Meinung nach auch zu einer gewissen Freiheit in der Beschreibung dieser Bilder. So zögerten Bateson und Mead nicht, die Merkmale der Fotografien zu betonen, die für sie am aufschlussreichsten schienen. Die Beschreibung dieser Merkmale in Worten vermittelt eine Sicht der balinesischen Kultur, wie die Forscher sie verstanden.[7]

3.2. Fotografie als soziale Interaktion - Paul Byers

In den 60er Jahren verfolgte Paul Byers in seinem Artikel „cameras don’t take pictures“ einen neuen Ansatz. Für ihn sind Fotografien Objekte, mit denen Leute ihre gegenseitigen Beziehungen aufbauen oder neu ordnen. Die Kamera ist nicht in der Lage, Bilder zu machen. Fotografien entstehen erst durch soziale Interaktion. Die Undefinierbarkeit der „Bedeutung“ von Fotografien und die mannigfaltigen Antworten, die man bekommt, wenn man mehrere Personen danach befragt, sind nach Byers die besonderen Merkmale des Mediums. Wenn man also den Ursprung der „Bedeutung“ finden will, die Fotografien beinhalten, ist es seiner Meinung nach sinnvoll, das Verhalten der Leute, die an der Fotografie beteiligt sind –Fotograph, Subjekt und Betrachter- zu untersuchen.[8]

Wenn Verhaltensforscher erkennen würden, dass die Elemente eines Ausdrucks die gleiche Beziehung zu diesem Ausdruck haben, wie der Ton zu Wörtern, so würde dies nach Meinung von Byers die Analyse von sozialem Verhalten ermöglichen, begonnen mit kleinsten Körperbewegungen. Die einzelnen Einheiten, wie die Stellung der Augen, die Körperhaltung oder die Lippenbewegung fügten sich zu dem zusammen, was als „Ausdruck“ bezeichnet wird. Diese Gesten sind die kommunikativen Elemente von sozialem Verhalten und die Muster von sozialem Verhalten sind Teil von dem, was der Anthropologe Kultur nennt.

Wenn man also die Fotografie als Produkt der Interaktion von Fotograf und Subjekt begreift und Fotografie selbst als soziale Transaktion zwischen Fotograf, Subjekt und Betrachter, so ergibt sich nach Byers ein neues Modell für die Fotografie. Ein Modell, in dem das Foto Information, aber keine Bedeutung beinhaltet. Information wird dann einfach zu einer Reihe von Beziehungen, die ohne Interpretation beobachtet werden können. Bedeutung ist das Produkt dieser Information und der Interaktion eines bestimmten Betrachters. So betrachtet ist die Fotografie nicht eine „Botschaft“ im gewöhnlichen Sinn, sondern vielmehr das Rohmaterial für eine unendliche Anzahl von Botschaften, die jeder Betrachter für sich selbst konstruieren kann.

Wenn bestimmte Beziehungen von Fotograf, Subjekt und Betrachter verstanden und benannt werden, kann die Fotografie dazu benutzt werden, das Verhalten von jeder der drei beteiligten Personen zu erforschen. So kann der Forscher mit seinen Fotografien Informationen erlangen. Er hat zusätzlich die Möglichkeit, die Kamera dem Subjekt seiner Studie zu geben. Sehen ist erlernt und kulturell beeinflusst. Der Einheimische kann durch seine Aufnahmen oder durch seine Interaktion mit Fotografien dem Anthropologen unter Umständen eine präziser strukturierte und zugänglichere Interpretation seiner Kultur vermitteln, als durch Worte oder sein Verhalten.[9]

3.3. Die positivistische Schule von John & Malcolm Collier

Großer Verfechter des Kameraeinsatzes in Feldforschungen war John Collier. Der Fotograf begann 1952 an der Cornell University zu lehren. In der Folgezeit wurde er zu einem bekannten Vertreter der visuellen Anthropologie. Collier brachte 1967 sein Buch „Visual Anthropology, Photography as a Research Method“ heraus, das er 1986 mit seinem Sohn Malcolm überarbeitete. Es gilt bis heute als Lehrbuch für Fotografie in der Feldforschung.[10]

Collier ging davon aus, das kritische Auge der Kamera sei ein essentielles Werkzeug, um genaue visuelle Informationen zu erhalten. Wir Menschen beobachten oft ungenau. Die Kamera kann auf einer niedrigen Skala Abstraktion festhalten und ermöglicht so eine Ausweitung unserer Sinne. Der optische Aspekt der Kamera hat eine ganzheitliche Sicht.

Collier sieht ein, dass ein uneingeschränkter Realismus von Fotografien nicht haltbar ist, da die Kamera nur bestimmte physische Aspekte der Realität wiedergeben kann. Trotzdem kann Fotografie seiner Meinung nach eben einen Aspekt der Realität abbilden. Mit dieser nonverbalen Sprache des Fotorealismus lässt sich inter- und zwischenkulturell kommunizieren und genau deshalb ist die Fotografie für die anthropologische Kommunikation von solcher Wichtigkeit.[11]

Die Kamera ist auch deshalb ein wichtiges Feldforschungsmittel, da sie es ermöglicht, ohne Ermüdung zu sehen; das Gedächtnis des Films ersetzt das Notizbuch. Die Kameraaufnahme bietet dem Forscher einen Kontrollfaktor seiner visuellen Beobachtung. Fotografie ist ein abstrakter Prozess der Beobachtung. Sie sammelt selektive Informationen, aber die Informationen sind spezifisch, mit charakterisierenden und kontextualisierten Beziehungen. Für Collier sind Fotografien präzise Aufnahmen der materiellen Wirklichkeit.[12]

Die Arbeit mit der Kamera im Feld sollte in 3 Phasen gegliedert sein. In der anfänglichen Orientierungs- und Lernphase kann die Kamera als Vermittler dienen.

„Because people can grasp just what the photographer is doing and are therefore in a position to assist him, photography can provide a rapid entry into community familiarity and cooperation. The feedback opportunity of photography, the only kind of ethnographic note-making than can reasonably be returned to the native, provides a situation which often gragifies and feeds the ego enthusiasm of informants to still further involvement in the study. The concept of phoography as a „can-opener“ into human organizations has proved to be a sound one, if the research opens in a logical and sympathetic way, in terms of values of the native culture.“[13]

Fotographie hat in dieser Anfangsphase ihren enthusiastischsten Gebrauch, da das besondere Charakteristikum der Kamera die Möglichkeit ist, Material aufzunehmen, das der Fotograph vielleicht noch nicht bemerkt oder versteht. Sie bietet dem Fremden im Feld ein Mittel große Gebiete authentisch, schnell und detailliert aufzunehmen und komplexe Beschreibungen für den späteren Gebrauch aufzubewahren.[14]

In der 2. Phase der Feldforschung verengt sich der Focus auf die Suche nach speziellen, dem Ziel der Forschung zweckdienlichen Zeugnissen. Mit zunehmendem Verständnis, werden die Forschungsmethoden – mit Hilfe von psychologischen Untersuchungen, Tests und Fragebögen – immer spezialisierter, die Interviews strukturierter, Spekulationen analytischer.

In der letzen Phase versucht der Forscher sein Wissen zu synthetisieren. In dieser Phase müssen fotographische Zeugnisse auf dieselbe Weise abstrahiert werden, wie alle anderen Daten: verbalisiert, in Statistiken übertragen, sogar elektronisch berechnet, um einen unverfälschten Teil des Materials des wissenschaftlichen Einblicks zu bekommen. Wenn dieser Prozess nicht stattfindet, ist die Kamera nach Ansicht Colliers kein Forschungsmittel der modernen Anthropologie.[15]

3.4. Die soziale Definition von Fotografie – Pierre Bourdieu

Die Annahme von Collier, Fotografien könnten präzise die Wirklichkeit abbilden, wurde schon zu seiner Zeit bezweifelt. Pierre Bourdieu argumentierte 1965, 2 Jahre bevor Collier sein Buch herausgab, gegen die allgemeine Auffassung, Fotografie könne als Model von Wahrhaftigkeit und Objektivität betrachtet werden. ‚Jede künstlerische Arbeit reflektiert die Persönlichkeit ihres Urhebers’, zitiert Bourdieu die französische Enzyklopädie und weiter: ‚die Fotoplatte interpretiert nicht. Sie zeichnet auf. Ihre Präzision und getreue Wiedergabe kann nicht in Frage gestellt werden.’

Bourdieu ist davon überzeugt, dass diese soziale Repräsentation auf dem falschen Zeugnis von Vorurteilen basiert. Die Photographie fängt seiner Ansicht nach einen Aspekt der Realität ein, der immer nur das Ergebnis einer willkürlichen Auswahl ist. Von allen Qualitäten eines Objekts werden nur die visuellen Qualitäten festgehalten, die für einen Moment und von einem einzigen Standpunkt erscheinen.[16]

Aber wie kam es zu der Auffassung, Fotografie liefere objektive Abbildungen? Nach Ansicht Bourdieus konnte Fotografie sich als natürliche Sprache präsentieren, weil die Selektion, die sie von der sichtbaren Welt macht, aus europäischer Sicht perfekt mit der Repräsentation der Welt übereinstimmt.

Der gewöhnliche Fotograf nimmt die Welt entsprechend der Logik von kulturell bedingten Maßstäben und Kategorien wahr. Bilder, die von den wirklichen technischen Möglichkeiten der Fotografie Gebrauch machen und von konventionellen Ansichten abweichen, werden mit Überraschung aufgenommen und stoßen oft auf Ablehnung. Deshalb ordnet die gewöhnliche Praxis ihre fotografische Wahl den Kategorien und Maßstäbe der traditionellen Sichtweise der Welt unter. Somit scheint Fotografie als die Aufnahme, die der Sichtweise der Welt am getreuesten ist.[17]

3.5. Fotografie als „dünne“ Beschreibung – Kirsten Hastrup

In den 80ger Jahren setzte sich die „Writing-Culture-Debatte“ mit der ethnografischen Literatur intensiv auseinander. Über die Fotografie wurde weder zu dieser Zeit noch später ein ausführlicher Diskurs geführt. Dennoch blieb eine Kritik an der Verwendung von Bildern in der Forschung natürlich nicht gänzlich aus.

Kirsten Hastrup hat bis heute einiges an der unreflektierten und überbewerteten Verwendung von Fotografie in der Feldforschung auszusetzen. Während ihrer eigenen Forschung in Irland nahm sie an einer Hammelschau teil. Das Publikum war ausschließlich männlich und sie bemerkte schnell, dass die Ausstellung metaphorisch sowie im wahrsten Sinne des Wortes einen Wettbewerb der sexuellen Potenz darstellte. Als sie später die Bilder betrachtete, die sie während der Ausstellung gemacht hatte, waren diese nicht nur fotografisch schlecht aufgenommen, sondern konnten nicht im Geringsten die Atmosphäre des Festes einfangen. Die Beschaffenheit der Männlichkeit, die im Raum zu spüren war, blieb ihre intensiv gefühlte Erfahrung, sie war auf keinem der Bilder sichtbar. Hastrup gibt zu, dass bessere Fotografen oder männliche Fotografen genauere Aufnahmen der Hammelschau hätten machen können. Allerdings ist sie überzeugt, dass auch diese Bilder einen begrenzten Wert als ethnografischer „Beweis“ hätten. Zwar können Fotografien Gegenstände und Teilnehmer eines Rituals abbilden, aber niemals deren Geheimnis einfangen.[18]

Nach Kastrup ist der Unterschied zwischen Fotografien und Text gleich dem Unterschied zwischen „dünner“ und „dichter“ Beschreibung nach Geertz. Die Fotografie bleibt immer nur eine dünne Beschreibung des Geschehens, da sie Formen einfängt, aber nicht selbst implizierte Bedeutung vermitteln kann. Da Formen kulturell bedeutungslos sind (eine Geste kann in zwei verschiedenen Kulturen enorm unterschiedlich besetzt sein), fügen wir selbst Bedeutung hinzu. Im Gegensatz dazu ist das Geschriebene selbst formlos, und Bedeutung wird durch den Text und nicht durch die textliche Substanz erzeugt. So erlaubt der Text nach Meinung Hastrups eine dichte Beschreibung des Geschehens. Bilder zeigen einen Teil der Realität, während sich Texte auf eine bestimmte Art von Realität berufen.[19]

Des Weiteren greift Hastrup auf die Unterscheidung zwischen „place“ und „space“ von Michel de Certeau zurück. Ein Ort ist demnach die Anordnung von der Verteilung und den Beziehungen zwischen Elementen jeder Art. Ein Raum dagegen setzt sich aus den Schnittpunkten von mobilen Elementen zusammen und wird von den Bewegungen, die darin eingesetzt werden, ausgefüllt. So zeigen nach Hastrup ihre Feldforschungfotos lediglich den Ort der Hammelschau, können aber nie den Raum, der durch das Ereignis erzeugt wurde, einfangen.

Hastrup spricht der Fotografie zwar „blow-up“ und „show-up“ Effekte zu, warnt aber vor dem sogenannten „make-up“ Effekt. Unter blow-up Effekt versteht sie die Möglichkeit der Fotografie, Dinge aufzuzeichnen, die der Feldforscher zu dem Zeitpunkt der Aufnahme nicht beachtet. Obwohl dieser Effekt vorteilhaft sein kann, ist Hastrup nicht der Meinung er sei für die ethnografische Autorität essentiell. Als show-up Effekt bezeichnet sie das Phänomen, dass Fotografien Fakten wieder ins Gedächtnis rufen können, die während der Forschungszeit vergessen worden sind, oder an die sich der Forscher im Laufe seines Aufenthaltes gewöhnt hat. Dass aber die Kamera die mögliche Befangenheit oder Einseitigkeit des Forschers korrigieren kann, wie Collier behauptet hat, wird von ihr stark bezweifelt. Gerade der subjektive Blick des Ethnologen kann bedeuten, dass der Forscher auf dem richtigen Weg zu sozial signifikanten Beziehungen ist, die selbst unsichtbar sind. Hastrup warnt davor, die beiden Effekte überzubewerten.

„Both the blow-up and the show-up effects have potential value as means of disclosure, of course, but on the whole, it seems to me that to fetishize this potential and criminalise ethnographers who fail to exploit this medium is going too far.“[20]

Eine Überschätzung des Mediums verkenne zusätzlich den make-up Effekt von Bildern, d.h. ihren Hang zur Fälschung und Vortäuschung.

Die visuelle Dokumentation ist nach Meinung Hastrups deshalb so verführerisch, da die Distanz zwischen Realität und Repräsentation bisher negiert wurde.

4. Neue Ansätze zum Einsatz von Fotografie in der Feldforschung

Der Fotografie die Eigenschaft einer dünnen Beschreibung zuzuweisen, stieß bei einigen Ethnologen auf Kritik. Auch Hastrups Ansicht, man könne das bewegungslose Bild mit einer Landkarte und den Text mit einer Wegbeschreibung vergleichen, wird nicht von jedem geteilt. Barbara Wolbert wirft Hastrup vor, sie übersehe den Unterschied zwischen Fotografie und Bild und unterschätze „die Konsequenz der Tatsache, dass die Aufnahme der Fotografie zunächst einmal ein technischer Vorgang ist, der nicht mit dem Gestaltungsvorgang verwechselt werden darf.“[21].

Drei Punkte sind ausschlaggebend dafür, dass sich die starre Ordnung einer Fotografie als „Unordnung“ erweisen kann:

„Erstens wirkt ein Abrutschen der Koordinaten im gewählten oder unwillkürlich gesetzten Ausschnitt der verinnerlichten Ordnung entgegen; zweitens sprengen Blickrichtungen den mit dem Bildausschnitt gesetzten Rahmen und drittens materialisiert sich in Bewegungsunschärfen die Zeitlichkeit des Ereignisses.“[22]

Mit der Darstellung von Bewegung auf Fotografien besteht nach Ansicht Wolberts eine Möglichkeit zur „Transformation ins Räumliche“.[23] Speziell Photosequenzen können die Aussagen eines Textes verdeutlichen. Photografien im Allgemeinen sind besonders geeignet, sowohl ethnografische Autorität aufzubauen wie auch anzuzweifeln. Sie können über Blicke und Blickwinkel viel über den Fotografen aussagen, und zwar nicht nur über seine Anwesenheit, sondern auch über Nähe und Distanz. Durch sie kann der genaue Betrachter einen Eindruck von dem Verhältnis von Forscher und Erforschten gewinnen.

Fotografien beschränken sich nicht auf das „Bildwürdige“. Das bedeutet, dass sie nicht im Sinne einer Bildkonvention selektieren. Anthropologen sind als unprofessionelle Fotografen dieser Eigenart des Mediums ausgeliefert. Dies ist nach Wolbert einer der Gründe, warum die Auseinandersetzung mit dem Medium in der Ethnologie vermieden wird, warum Forscher ganz ohne den Einsatz von Bildern arbeiten oder sich dem Film zuwenden.

Wolbert betrachtet den zukünftigen Umgang mit der Fotografie als Forschungsmittel als Herausforderung. Durch digitale Bilder besteht seit kurzem die Möglichkeit, Aufnahmen nachzubearbeiten, ohne dass diese Manipulation nachgewiesen werden kann. So können im Nachhinein Bildkonventionen erfüllt werden, um ethnografische Autorität vorzuspiegeln.

„Ethnographische Autorität mit visuellen Mitteln aufzubauen, wird immer leichter und zugleich schwindet mit der Beliebigkeit, die mit einer so weitgehenden Postproduktion von Photographien entsteht, jede photographisch konstruierte ethnographische Autorität. Als Beleg für ethnographische Nähe verliert die Photographie damit ihre ohnehin immer gefährdete Überzeugungskraft. Mit ethnographischer Photographie zu arbeiten, setzt deshalb heute ein ganz anderes Interesse voraus, ein Interesse am Experiment, und eine Neugier auf Aufnahmen, die unsere Sehkonvention unterlaufen.“[24]

Nur auf diese Weise kann nach Ansicht Wolberts die Fotografie in der Ethnografie sinnvoll eingesetzt werden.

Elisabeth Edwards hat einen neuen Ansatz vorgeschlagen, wie Bilder in der Anthropologie einen Beitrag leisten können, der über das Level eines visuellen Notizbuches hinausreicht. Sie argumentiert, dass Fotografie nur dann innerhalb der Disziplin sinnvoll verwendet werden kann, wenn man sich die dem Medium eigenen Qualitäten zu Nutze macht. Um dies zu erreichen, muss die Anthropologie hinter die fachlichen Grenzen schauen. Nach Ansicht Edwards sollte die Polarisierung der visuellen Produktion nicht als gegensätzlich verstanden werden, also Realismus versus Expressionismus und Dokument versus Kunst, sondern als objektiv verbundenes und dialektisch unabhängiges Phänomen. Sie argumentiert für eine Erforschung der Interaktion von Ethnologie und Fotografie an und hinter den Grenzen der Disziplin. Die Fotografie wird so zum Ort, wo andere Ausdrucksformen Platz haben. Es wird ein Fluss zwischen dem Wissenschaftlichen und dem Populären, dem Realismus und dem Expressionismus erzeugt, indem Bilder, die normalerweise als ethnografisch bezeichnet werden, in einen weiteren photografischen Rahmen gestellt werden. Dieser Fluss erlaubt den Einschluss eines spezifisch fotografischen Ausdrucks. Die Stärke der Fotografie liegt in ihrem Potential zu fragen, Neugier zu wecken, ein Sache [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] auf verschiedene Weisen zu beleuchten und sie mit mehreren „Augen“ zu beobachten.[25]

„Through its increasing global strategies photography is capable of articulating its own particular culturally grounded voice within the discipline, one which anthropologist should recognise as capable of different but perhaps equally revealing ways of seeing over their traditional domain. While the resultus of such eterprises might not necessarily be ‚anthropological’ in terms of a fully informed and integrated theoretical position, they nonetheless constitute documents of culture or cultural documents whose legitimacy is drawn from the fact that their creators are attempting to communicate values and negotiated realities which are integral to human experience and consciousness.“[26]

Edwards beklagt, dass im Zusammenhang mit Fotografie den Eigenschaften des Mediums zwar viel Beachtung geschenkt wurde, diese Merkmale jedoch ausschließlich als negativ angesehen wurden: die Unbewegtheit der Fotografie, die genau dem Fluss des Lebens gegenüber stehe, ihre Raum-Zeit-Verlagerungen, ihre narrative Stummheit, ihre Unklarheit und Zweideutigkeit, ihre Abhängigkeit von Text, ihre gefährlichen Syllogismen, die Rohheit der Daten, der ersichtliche Sieg von Details an der Oberfläche über tiefgründiges Verstehen und ihre soziopolitische Verstrickung. In all diesen Merkmalen wurde eine gefährliche Ambivalenz gesehen; nämlich ein visueller Riss in dem kulturellen Ganzen, der den Kontext suchenden Anthropologen beängstigt.

Wenn die dem Medium Fotografie inhärenten Charakteristika stattdessen positiv aufgefasst würden, dann folgt nach Edwards, dass Fotografie als Medium angesehen werden kann, das tiefgründige und äußerst wichtige visuelle Einschnitte macht, die genau von dieser Unklarheit und ihren essentiellen Metaphern abhängen. Fotografie kann über Kultur, das Leben von Leuten, Erfahrungen und Glauben kommunizieren – und das nicht auf dem Level von Oberflächenbeschreibung, sondern als visuelle Metapher, die den Raum zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren überbrückt, das sich nicht durch realistische Paradigmen mitteilt, sondern durch lyrische Ausdruckskraft.[27]

5. Schlussbemerkung

Die Auseinandersetzung mit ethnografischer Fotografie verlief analog zu dem Diskurs der ethnografischen Forschung im Allgemeinen. Positivisten wie Bateson und Mead waren davon überzeugt, eine authentischere Beschreibung von fremden Kulturen als durch Feldforschung könnte man nicht erlangen. Sie gingen, wie ich aufgezeigt habe, davon aus, Fotografien wären ein geeignetes Mittel, Kulturen objektiv abzubilden.

Im Postpositivismus dagegen wird teilnehmende Beobachtung nicht mehr als Technik angesehen, objektive Daten zu ermitteln. Man gelangte zu der Erkenntnis, dass Feldforschung sowohl Konfrontation wie auch Dialog zwischen zwei Parteien bedeutet, die beide in einem gemeinsamen Schaffungsprozess von Andersartigkeit und Selbstdefinition involviert sind.

Genauso nahm man davon Abstand, Bilder als holistisch zu begreifen und ihnen die Fähigkeit zuzusprechen, objektive visuelle Daten zu liefern. Mit der Erkenntnis, dass die Verwendung von ethnografischen Fotografien problematisch ist, vermieden es etliche Forscher ihre Aufnahmen zu veröffentlichen. Zusätzlich hat sich die Diskussion der visuellen Repräsentation auf den Film verlagert. Die Fotografie wurde und wird in der visuelle Anthropologie eher stiefmütterlich behandelt. Man könnte also zu dem Schluss kommen, stehende Bilder hätten ausgedient.

Ich hoffe es ist in meiner Arbeit deutlich geworden, dass aber gerade neuere Ansätze einen Einsatz von Fotografien positiv bewerten. Wolbert und Edwards sprechen sich eindeutig für die Verwendung von fotografischen Zeugnissen aus, allerdings nur unter der Bedingung eines reflektierten Umgangs mit der Kamera.

Fotografie ist meiner Meinung nach genau dann ein geeignetes Mittel in der Feldforschung, wenn sich der Forscher sowohl über die Schwächen wie auch Stärken des Mediums bewusst ist.

6.Literaturverzeichnis:

Bateson, Gregory; Mead, Margaret 1942: Balinese Charakter. A Photographic Analysis. New York.

Bourdieu, Pierre 1999 [Orig.1965]: The social definitin of photography. In: Evans, Jessica; Hall Stuart (Hg.): Visual culture: the reader. London. S. 162-180.

Byers, Paul 1966: Cameras don’t take pictures. In: The Columbia University Forum IX,1: 27-31.

Collier, John; Collier, Malcolm 19903 [Orig. 1986] Visual Anthropology: Photography as a Research Method. Albuquerque.

Edwards, Elizabeth 1997: Beyond the Boundary: a consideration of the expressive in photography and anthropology. In: Banks, Marcus; Morphy, Howard (Hg.): Rethinking visual anthropology. New Haven/London. S. 53-80

Hastrup, Kirsten 20035 [Orig. 1992]: Anthropological visions: some notes on visual and textual authority. In: Crawford, Peter Ian; Turton, David (Hg.): Film as ethnography. Manchester. S. 8-25.

Heidemann, Frank 2005: Auszüge aus dem Vortrag „Bilder im transkulturellen Prozeß“, gehalten in Bremen am 10. Juni 2004, aktualisiert am 2.5.2005 anlässlich der Vorlesung „Bildethnologie“.

Lederbogen, Jan 2003: Fotografie. In: Beer, Bettina (Hg.): Methoden und Techniken der Feldforschung. Berlin. S. 225-248.

Wolbert, Barbara 1998: Der Anthropologe als Photograph: Bemerkungen zu einem blinden Fleck der visuellen Anthropologie. In: Historische Anthropologie 6, 2: 200-216.

[...]


[1] Heidemann 2005: 2

[2] Wolbert 1998: 202

[3] Lederbogen 2003: 226

[4] Bateson; Mead 1942: 49

[5] Bateson; Mead 1942: Xii

[6] Bateson; Mead 1942 53

[7] Bateson; Mead 1942: 53

[8] Byers 1966: 27,f.

[9] Byers 1966: 30,f.

[10] Lederbogen 2003: 227

[11] Collier, J.; Collier, M. 1990 [Orig. 1986]: 5, ff.

[12] Collier, J.; Collier, M. 1990: 9,f.

[13] Collier, J.; Collier, M. 1990: 25

[14] Collier, J.; Collier, M. 1990: 16

[15] Collier, J.; Collier, M. 1990: 15, f.

[16] Bourdieu 1999 [Orig. 1965]: 162

[17] Bourdieu 1999: 163,f.

[18] Hastrup 2003 [orig. 1992]: 8,f.

[19] Hastrup 2003: 10

[20] Hastrup 2003: 12

[21] Wolbert 1998: 210,f.

[22] Wolbert 1998: 211

[23] Wolbert 1998: 211

[24] Wolbert 1998: 216

[25] Edwards 1997: 53,f.

[26] Edwards 1997: 54

[27] Edwards 1997: 57,f.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (Buch)
9783640732302
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70447
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Ethnologie und Afrikanistik
Note
1,3
Schlagworte
Fotographie Mittel Feldforschung Proseminar

Autor

Zurück

Titel: Fotographie - ein geeignetes Mittel zur Feldforschung?