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Die Genese der Flexion vom Germanischen zum Althochdeutschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Was ist Flexion?
1.2. Verbflexion

2. Hermann Paul: Die Genese der Wortbildung und Flexion

3. Die Genese der Flexion vom Germanischen ins Althochdeutsche am Beispiel der schwachen Verben
3.1. Allgemeines zu den schwachen Verben im Germanischen
3.2. Genese der schwachen Verben vom Indogermanischen ins Germanische
3.3. Das Verschwinden der -nan-Klasse
3.4. Die schwachen Verben im Althochdeutschen

4. Ausblick: Die schwachen Verben im Mittelhochdeutschen

5. Kurzes Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Was ist Flexion?

Das Deutsche gehört, wie etwa auch Griechisch oder die romanischen Sprachen, zu den flektierenden Sprachen. „Flexion“ entstammt dem lateinischen Verb flectere, was biegen und beugen bedeutet. Flektierende Sprachen werden demnach so bezeichnet, weil in diesen Sprachen Wortformen nach den Kategorien Kasus, Numerus, Tempus, Person und Genus abgewandelt werden. Diese Kategorien nennt man dann dementsprechend Flexionskategorien.

„Die mithilfe dieser Flexionskategorien gebildeten Flexionsformen kennzeichnen unter anderem die logisch-hierarchische Beziehung, die zwischen Teilen von Sachverhalten besteht (Subjekt, Objekt), drücken die zeitliche Einordnung des Sachverhalts (Tempus) und die Stellungnahme des Sprechers zu einem beschriebenen Sachverhalt (Modus) aus. Die morphologischen Elemente, die diese Informationen beinhalten, heißen Flexionsaffixe. Sie werden an Wörter angehängt.“[1]

Je nach Wortart wird die Flexion Deklination, bei Substantiven, Adjektiven, Nomenstellvertretern, oder Konjugation bei Verben genannt. Alle bei einem Wort möglichen Flexionsformen bezeichnet man als Flexionsparadigma.

Im Standarddeutschen sind jedoch eindeutige Tendenzen hin zu einem allmählichen Abbau von Flexionsmarkierungen zu erkennen, d.h. das Deutsche könnte dazu tendieren, eine isolierende Sprache, etwa wie das Englische, zu werden.[2]

1.2. Verbflexion

Verben trifft man im Deutschen entweder finit oder infinit an. Ein finites Verb wurde konjugiert. Es besitzt daher Flexionsmerkmale. Diese Flexionsmerkmale sind im Deutschen Spezifizierungen der Person, des Numerus, Tempus, Modus und des Genus verbi. Weist es diese Spezifika nicht auf, d.h. wurde das Verb nicht konjugiert, steht es im Infinitiv, ist also infinit.[3] Finite Verbformen „nehmen in Sätzen ganz bestimmte Positionen ein, die in der Syntax zur Charakterisierung der verschiedenen Arten von Sätzen verwendet werden.“[4] Infinite Formen treten bei Verwendung innerhalb eines Satzes unflektiert auf, z.B. in Form des Infinitivs, des Partizips I und des Partizips II.

Die Verbflexion wird traditionell Konjugation genannt und bezeichnet im Prinzip eine Verknüpfung von Verbstamm mit einem entsprechenden Flexionssuffix. Anders als bei der Deklination können im Deutschen für das Entstehen von Flexionsformen sowohl Suffixe als auch Präfixe verwendet werden. Beispielsweise bei der Bildung von Partizipien durch das Präfix ge -.[5]

Problematisch ist bei dieser durchaus verbreiteten Definition von Verbflexion, nämlich dass der Wortstamm mit einem Flexionssuffix verbunden wird, jedoch die Tatsache, dass nicht alle flektierten Verbformen ohne Weiteres in Stamm und Flexionssuffix zerlegt werden können. Ohne Zweifel lässt sich zwar behaupten bei laufe ist der Stamm lauf und die Flexionsendung - e. Aber bereits im Präteritum lief gestaltet sich die Bestimmung alles andere als leicht.[6]

Weiter unterscheidet man aufgrund von morphologischen Verhalten zwischen den so genannten starken und schwachen Verben, wobei die starken Verben durch Vokalwechsel, Konsonantenwechsel und Affigierung Konjugationsformen generieren, die schwachen Verben nur durch die Affigierung. Bei der Bildung von Stammformen sind die starken Verben auf Vokal- und Konsonantenwechsel angewiesen. Der Vokalwechsel bei der Bildung des Präteritums und des Partizips von starken Verben wird auch als Ablaut, bei der Bildung des Konjunktivs II. als Umlaut bezeichnet, sofern die Verben umlautfähig sind.

Die starken Verben sind jedoch deutlich auf dem Rückzug, ja sie werden schon gar nicht mehr neu gebildet. Neuschöpfungen treten nur noch in Form von schwachen Verben auf.[7]

2. Hermann Paul: Die Genese der Wortbildung und Flexion

Im 19. Kapitel von „Prinzipien der Sprachgeschichte“ befasst sich Hermann Paul vor allem mit der Wortbildung, genauer der Komposition. Speziell über die Flexion verliert er nur wenige Worte, welche es nun im Folgenden zusammen zu fassen gilt.

Suffixbildung ist nicht das Produkt einer vorhistorischen Periode, die irgendwann als abgeschlossen gilt, d.h. terminiert ist. Vielmehr ist die Bildung von Suffixen ein Prozess, der sich ständig wiederholt und neue Produkte hervorbringt. Diese Entwicklung ist aber nur gewährleistet, solange sich die jeweiligen betreffenden Sprachen auch fortentwickeln.[8]

Paul vermutet an dieser Stelle, dass schon die Suffixe des Indogermanischen nicht automatisch vor der Entstehung der Flexion gegeben waren, sondern dass bereits in der „vorgeschichtliche[n] flexivische[n] Periode“[9] die Weichen zu diesem Resultat gelegt wurden. Einen hohen Stellenwert hat für Paul die so genannte historische Erfahrung, die den Grundstock für seine Theorie zu bilden scheint. Gleichzeitig übt Paul Kritik an den bisherigen Theorien, die eben nicht auf der geschichtlichen Erfahrung basierten.[10]

Stellt sich an dieser Frage, was Paul mit der historischen Erfahrung im Bezug auf die Entwicklung der Flexion meinte. Gesichert scheint zu sein, dass es eine Entwicklung zu einer flektierten Sprache gegeben hat. Dieser Zustand muss aber keinesfalls der Endzustand sein, da die gesamte Suffixentwicklung, wie schon erwähnt, ein permanent wiederkehrender Prozess ist. Auch innerhalb der Suffixgenese ist die ständige Wiederkehr von Gesetzmäßigkeiten ein wichtiger Bestandteil. So betont Paul etwa die ununterbrochene Wechselwirkung zwischen der Entstehung neuer und dem Untergang alter Suffixe. Dabei gilt: „ein Suffix [ist] als solches untergegangen [...], sobald es nicht mehr fähig ist zu Neubildungen verwendet zu werden.“[11] Eine nicht unwesentliche Rolle scheint hierbei der Lautwandel zu spielen, der veranlasst, dass „von Zeit zu Zeit das Bedürfnis [entsteht], ein zu sehr abgeschwächtes, in viele Lautgestaltungen zerspaltenes Suffix durch ein volleres, gleichmäßiges zu ersetzen.“[12]

Zur Verdeutlichung zählt Paul drei Beispiele aus dem Althochdeutschen auf: Die Nomina agentis mit der Endung -ari, die Nomina actionis auf -unga und die Abstractis mit der Endung -nissa. Diese drei Varianten haben die älteren Bildungsmöglichkeiten im Althochdeutschen im Laufe der Zeit verdrängt. Ein ähnliches Beispiel führt Paul mit den Nomen Schönheit auf, welches Schöne ohne Ableitungssuffix verdrängte.[13]

Paul diskutiert bis zu diesem Punkt idie Suffixbildung im Allgemeinen, wobei er besonders auf die Ableitungssuffixe einging. Deren Genese steht für ihn allerdings in Analogie zur Bildung der Flexionssuffixe: „Zwischen beiden gibt es ja überhaupt keine scharfe Grenze. Wir haben auch hier für die vorgeschichtlichen Vorgänge einen Maßstab an den geschichtlich zu beobachtenden.“[14] Auch hier vertritt Paul also die These, dass die Flexionssuffixe nicht einfach aus dem Nichts entstanden sind, sondern dass sie sich aus schon Gegebenem entwickelten und macht seine Vermutung an einem Beispiel aus dem Französischen fest. So entwickelte sich beispielsweise das französische Futur aus dem Lateinischen. Hier wird die erste Person Singular von aimer, j´aimerai, aus dem lateinischen amare habeo gebildet .[15]

Wenn man untersuchen will, wie ein Wort zusammen gesetzt wurde und ein Flexionssuffix entstanden ist, so reicht es in keiner Weise aus, das Wort nach bisheriger Manier in einen Stamm und das Flexionssuffix und dann letztendlich wiederum den Stamm in Wurzel und Ableitungssuffix zu zerlegen. Laut Paul war dieses Verfahren bisher durchaus üblich, da man annahm, dass die Grundlagen von Wortbildung und Flexion durch das „Zusammenwachsen ursprünglich selbstständiger Elemente geschaffen“[16] wurden.

Diese Annahme sei zwar zunächst einmal durchaus berechtigt, so Paul weiter, aber es müsse davon ausgegangen werden, dass diese Grundlagen gleich nach ihrem Entstehen zur Bildung von Analogien angeregt haben müssen. Es könne von keiner Form des Indogermanischen definitiv gesagt werden, ob sie aus einem syntaktischen Wortkomplex oder nicht doch durch Analogiebildung entstanden ist. Gerade bei den, in der flexivischen Periode des Indogermanischen entstandenen, Neuschöpfungen kann man wahrscheinlich aber von ausgehen, dass sie durch Analogiebildung und nicht durch das Zusammensetzen eines Stammes mit einem flektierten Wort entstanden sind.[17]

Ein Beispiel für eine Analogiebildung, wenn auch nicht aus dem Indogermanischen, wäre etwa nachts, welches in Analogie zu (des) tags, abends, morgens entstanden ist. Bei tags, abends und morgens ist das Genetiv-s nachvollziehbar, der Genitiv des Nomens Nacht lautet allerdings der Nacht, so dass nachts durch Analogiebildung entstanden sein muss. Nachts hat sich daher an ähnliche sprachliche Elemente angepasst.[18]

Ein weiteres Erschwernis bei der Rekonstruktion von Wortbildung und Flexion ist die Tatsache, dass viele Formen, die heutzutage gegeben sind und die auf einen syntaktischen Wortkomplex zurück gehen, längst nicht mehr die Lautgestaltung haben müssen, wie vor dem Entstehungsvorgang. Paul versucht dies an zwei Beispielen zu beweisen:

1. Schusters, welches wahrscheinlich nicht aus der Kombination Schu + ster + s entstand.
2. Der indogermanische Genitiv akmenos, welcher nicht zwingend aus ak + men + os entstanden sein muss.[19]

Im Schlusssatz betont Paul nochmal, dass der Ansatz die indogermanische Flexionsgeschichte in eine Periode des Aufbaus und des Verfalls zu gliedern nicht länger tragbar ist. „Das, was man Aufbau nennt, kommt ja, wie wir gesehen haben, nur durch einen Verfall zustande, und das, was man Verfall nennt, ist nur die weitere Fortsetzung dieses Prozesses. Aufgebaut wird nur mit Hilfe der Syntax. Ein solcher Aufbau kann in jeder Periode stattfinden, und Neuaufgebautes tritt immer als Ersatz ein da, wo der Verfall ein gewisses Maß überschritten hat.“[20]

[...]


[1] Von Schuch, Einführung in die Sprachwissenschaft, S. 119f.

[2] Ebd., S. 144f.

[3] Radtke, Die Kategorien des deutschen Verbs, S. 13.

[4] Von Schuch, Einführung in die Sprachwissenschaft, S. 148.

[5] Von Schuch, Einführung in die Sprachwissenschaft, S. 147.

[6] Radtke, Die Kategorien des deutschen Verbs, S. 13f.

[7] Von Schuch, Einführung in die Sprachwissenschaft, S. 147.

[8] Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, S. 349.

[9] Ebd., S. 349.

[10] Ebd., S. 349.

[11] Ebd., S. 349.

[12] Ebd., S. 349.

[13] Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, S. 349.

[14] Ebd., S. 349.

[15] Ebd., S. 349.

[16] Ebd., S. 350.

[17] Ebd., S. 350.

[18] Vgl. hierzu Ulrich, Winfried: Wörterbuch. Linguistische Grundbegriffe, S. 14.

[19] Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, S. 350.

[20] Ebd., S. 351.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638619325
ISBN (Buch)
9783638793919
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70687
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Sprachwissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
Genese Flexion Germanischen Althochdeutschen Prinzipien Sprachgeschichte

Autor

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