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Parsons und Luhmanns Systemtheorien im Vergleich

Hausarbeit 2002 14 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Was sind Systemtheorien?

2. Talcott Parsons: Theorie sozialer Systeme
2.1 Parsons Handlungsbegriff
2.2 Das allgemeine Handlungssystem (AGIL-Schema)
2.3 Gesellschaft als Sozialsystem

3. Niklas Luhmann: Sozialsysteme als selbstreferentielle Systeme
3.1 Selbstreferentielle Systeme
3.2 Sozialsysteme als selbstreferentielle Systeme
3.3 Luhmanns Theorie der Gesellschaft

4. Vergleichende Betrachtung der beiden Systemtheorien

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Was sind Systemtheorien?

Die vorliegende Hausarbeit hat die Theorien sozialer Systeme von Talcott Parsons und Niklas Luhmann zum Gegenstand. Beginnend mit Parsons werde ich auf ihre systemtheoretischen und ihre daraus resultierenden gesellschaftstheoretischen Annahmen eingehen. Abschließend erfolgt ein Vergleich der beiden Theorien und ihrer gesellschaftstheoretischen Annahmen.

Vorab einige Bemerkungen zu Systemtheorien im Allgemeinen:

Als ein System gilt alles das, worauf die Unterscheidung von innen (System) und außen (Umwelt) anwendbar ist. Dahinter steht die Annahme einer Differenz von System und Umwelt. Systeme bestehen jedoch nicht an sich, sondern sie sind Resultate von wirklichen Beobachtungen als Unterscheidungen und Bezeichnungen des Unterschiedenen eines Beobachters (Krause, 1996, S. 161). Für Wiswede (1998, S. 108-109) ist ein System ein geordnetes Ganzes, dessen Teile miteinander in Wechselbeziehung stehen.

Die soziologischen Systemtheorien erklären das Verhalten von einzelnen aus dem jeweiligen Systemzusammenhang. Sie betrachten elementare soziale Einheiten wie soziale Handlungen, Kommunikationen, Interaktionen etc. nicht isoliert, sondern stellen sie in den strukturellen und funktionalen Rahmen eines Systemzusammenhangs. Es sind also die sozialen Systeme, wie Gesellschaften, Familien, Vereine, Betriebe, Glaubensgemeinschaften etc., die die Gemeinsamkeit des Handelns organisieren und so sozialen Prozessen eine Gestalt, eine Struktur geben (Kneer & Nassehi, 1993, S. 29-30).

Sowohl Parsons als auch Luhmann haben ihre Vorstellungen über die grundsätzliche Beschaffenheit von sozialen Systemen aus allgemeineren systemtheoretischen Diskussionen bezogen, die durch Kybernetik, Biologie, Neurologie und weitere Disziplinen vorangetrieben worden sind (Schimank, 1996, S. 137). Bei beiden sind differenzierungstheoretische Überlegungen Bestandteil einer umfassenden Gesellschaftstheorie, die ihrerseits in eine allgemeine Theorie des Sozialen eingebettet ist (Schimank, 1996, S. 81).

2. Talcott Parsons: Theorie sozialer Systeme

Talcott Parsons gilt als Hauptvertreter und Begründer der soziologischen Systemtheorien (Morel u. a., 1999, S. 148). Dieses Kapitel befaßt sich mit seiner handlungstheoretischen Systemtheorie im Allgemeinen und mit ihrem Bezug auf Gesellschaften.

2.1 Parsons Handlungsbegriff

Parsons betrachtet Handeln als eine Aktivität, die immer in soziale Bezüge eingebunden ist. Ausgangspunkt für Parsons ist der allgemeine Handlungsakt (unit act). Mit diesem beschreibt er, was für jede Handlung charakteristisch ist: Demnach beinhaltet jedes Handeln immer eine handelnde Person (actor) und ist immer auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet. Zur Begrenzung von Instinkten setzt Handeln immer eine innere Bereitschaft (effort) des Handelnden voraus. Ferner ist Handeln immer in eine Situation eingebunden; d.h. Handeln findet unter bestimmten äußeren Rahmenbedingungen statt. Bestandteile dieser Bedingungen sind sowohl andere Handelnde als auch nicht-soziale Objekte, diese umfassen alle äußeren, natürlichen Gegebenheiten und die biologischen Voraussetzungen der Handelnden (Maindok, 1998, S. 78).

2.2 Das allgemeine Handlungssystem (AGIL-Schema)

Mit dem allgemeinen Handlungssystem -gebräuchlich ist auch die Bezeichnung AGIL-Schema- entwickelt Parsons ein Konzept, welches den Handlungsbegriff und systemtheoretische Annahmen miteinander verknüpft (Maindok, 1998, S. 81). Der Geltungsbereich seines Schemas erstreckt sich von Dyaden über Kleingruppen und Organisationen bis hin zu ganzen Gesellschaften (Schimank, 1996, S. 94).

Das AGIL-Schema geht davon aus, daß Handlungssysteme als umweltoffene Systeme sowohl ihr äußeres Verhältnis zur Umwelt als auch ihr Verhältnis zu sich selbst so gestalten müssen, daß Systemreproduktion gewährleistet ist. Des weiteren müssen Handlungssysteme, da sie zielorientiert sind, sowohl zukunftsbezogen die Mittel ihrer Zielverfolgung beschaffen als auch gegenwartsbezogen Ziele erreichen. Diese beiden Differenzen Außen-/Innenbezug und Zukunfts-/Gegenwartsbezug ergeben kombiniert vier grundlegende funktionale Erfordernisse:

Mit `Adaption` ist gemeint, daß ein Handlungssystem sich an seine Umwelt anpassen muß, um aus dieser Mittel seiner Zielverfolgung mobilisieren zu können. Des weiteren muß ein Handlungssystem seine in der Umwelt selbstgesetzten Ziele verfolgen und erreichen -`goal attainment`. Damit ein Handlungssystem seine Ziele verfolgen und erreichen kann, muß es seine internen Strukturen und Prozesse stetig untereinander abstimmen -`Integration`. `Latency-pattern maintenance` meint die Herausbildung generalisierter Ordnungsmuster zur dauerhaften Gewährleistung einer inneren Ordnung (Schimank, 1996, S. 95-96).

Das Handlungssystem besteht aus den vier Subsystemen `Organismus`, `Persönlichkeit`, `Sozialsystem` und `Kultursystem` (Mikl-Horke, 1989, S. 204). Das Organismussystem ist die Basis menschlichen Handelns. Da Handeln immer auch an die Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten gebunden ist, weist Parsons das Organismussystem der Adation-Funktion zu (Maindok, 1998, S. 84). Beim Persönlichkeitssystem geht es um erlernte Muster, also um die Kontrolle seelischer Antriebskräfte und Motivdynamik der Personen im Handlungssystem. Das Persönlichkeitssystem wird daher der Goal-Attainment-Funktion, der Funktion zur Zielerreichung, zugeordnet (Morel u. a., 1999, S. 158). Das Sozialsystem erfüllt im Handlungssystem die Funktion der Integration. Es geht hier vorrangig um die Koordination der einzelnen Teileinheiten, in erster Linie also menschliche Individuen (Damm, 1976, S. 102). Das Sozialsystem ist selbst wieder nach den vier funktionalen Dimensionen ausdifferenziert: Rollen entsprechen der Funktion Adaption, soziale Gesamtheiten dem Goal-Attainment, Normen der Integration und Werte der Funktion Latency-Pattern Maintenance (Mikl-Horke, 1989, S. 204-205).

Die gegenseitige Durchdringung (Interpenetration) zwischen den Handlungssubsystemen und zwischen diesen Systemen und ihren Umwelten macht Austauschprozesse somit möglich (Mikl-Horke, 1989, S. 204). Es muß jedoch beachtet werden, daß Handlungssysteme in der Realität nicht existieren. Das AGIL-Schema stellt lediglich einen Rahmen dar, innerhalb dessen ein bestimmter Gegenstandsbereich, zum Beispiel die soziale Welt, als System analysiert werden kann (Maindok 1998, S. 88).

2.3 Gesellschaft als Sozialsystem

Gesellschaft wird von Parsons als ein Typus Sozialsystems innerhalb eines Universums sozialer Systeme definiert, welches als System den höchsten Grad der Selbständigkeit in Bezug auf sein Milieu erreicht (Parsons, 1975, S. 19). Gesellschaft ist ein System, dessen Kernbereich Prozesse organisiert, die sich aus sozial-interaktionalen Zusammenhängen ergeben. Da Gesellschaften in Austauschbeziehungen mit ihrer Umwelt stehen, müssen sie in ihrem Inneren Leistungsbereiche ausdifferenzieren, die auf die speziellen Umweltanforderungen zugeschnitten sind. Gesellschaften bilden also Funktionen aus. Parsons sieht Gesellschaft als einen bestimmten Typus des Sozialsystems an; d.h. er ordnet Bereiche gesellschaftlicher Wirklichkeit und theoretisch angenommene Strukturen und Funktionen einander zu. Der Unterschied zu anderen Sozialsystemen liegt darin, daß das Sozialsystem Gesellschaft innerhalb seiner Grenzen über weit mehr Ressorcen und Möglichkeiten verfügt, um ihren Bestand zu sichern (Maindok, 1998, S. 92-94).

Das gemeinschaftliche Gemeinwesen stellt den Kernbereich des Sozialsystems Gesellschaft dar. Es bezieht sich auf Probleme, die sich aus sozial-interaktionalen Zusammenhängen ergeben. Dies erfüllt die Integration-Funktion, denn es macht für die Akteure in der Gesellschaft eine gemeinsame kulturelle Orientierung verbindlich und individuelle Handlungen werden in der Weise integriert, daß sie durch Internalisierung auf Handlungsebene und Institutionalisierung auf Strukturebene auf gesellschaftlich geltende Normen und Werte bezogen werden. Durch die Ausdifferenzierung eines Kultursystems wird dem Rechnung getragen, daß Handeln immer in normativ-kulturelle Zusammenhänge eingebunden ist. Individuen werden aufgefordert, im Einklang mit gesellschaftlichen Erwartungen zu handeln - also Normen, die durch übergeordnete Werte begründet und legitimiert sind, zu befolgen. Dies entspricht also der Latency-Pattern Maintenance-Funktion. Politik als Subsystem des Sozialsystems Gesellschaft bezieht sich auf das Persönlichkeitssystem. Es spezialisiert sich auf Probleme, die sich aus psychisch-motivationalen Zusammenhängen des Handelns ergeben, und erfüllt so die Goal-Attainment-Funktion, also die Funktion der Zielerreichung. Ökonomie als Subsystem bezieht sich auf das Organismussystem. Die Ökonomie ist auf den organisch-biologischen Zusammenhang spezialisiert und erfüllt die Adaption-Funktion , also die der Anpassung (Maindok, 1998, S. 95-98; Parsons, 1972, S. 16-20).

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Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638144520
ISBN (Buch)
9783638801669
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7088
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Soziologie
Note
3.0
Schlagworte
Luhmann Parsons Systemtheorien

Autor

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