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Erziehung zum Menschen - Grundgedanken der Pädagogik Maria Montessoris

Vordiplomarbeit 1999 39 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Leben und Bedeutung Maria Montessoris

II. Grundlagen der Montessori-Pädagogik
1. Die Psychologie des Kindes
1.1 Der geistige Embryo
1.2 Der absorbierende Geist
1.3 Die Entwicklungsphasen
1.4 Die sensiblen Perioden
1.4.1 Erste Periode (0-6 Jahre) - die Zeit des Aufbaus
1.4.2 Zweite Periode (7-12 Jahre)
1.4.3 Dritte Periode (12-18 Jahre)
2. Die Erziehung des Kindes
2.1 Die vorbereitende Umgebung
2.2 Deviation und Normalisation
2.3 Der Arbeitsbegriff
2.3.1 Freiheit
2.3.2 Freiarbeit
2.4 Die didaktischen Materialien
3. Montessoris Verständnis des kindlichen Lernens
3.1 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
3.2 Die Struktur des Lernvorgangs
3.3 Der Lernrhythmus
4. Kinderhaus und Schule
4.1 Das Montessori-Kinderhaus
4.2 Die Montessori-Schule
4.3 Die Montessori-Lehrerin
5. Frieden und Erziehung
6. Kosmische Erziehung
6.1 Aufgaben der Kosmischen Erziehung
6.2 Konzeption einer Kosmischen Erziehung

Schlußfolgerung

Literaturverzeichnis

Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 - 1952) hat in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts eine internationale reformpädagogische Bewegung hervorgerufen, die bis heute lebendig ist. Mit der Gründung des Montessori-Kinderhauses („Casa dei bambini“) 1907 in Rom schuf sie eine Erziehungsinstitution, die sich stark auf zielgerichtetes, methodisiertes frühkindliches Lernen konzentriert und sich als Stätte kindlicher Selbsttätigkeit und Selbsterfahrung sieht[1]. Die Bedürfnisse des Kindes werden hierbei konsequent berücksichtigt, die kindliche Entwicklung und die Arbeit mit dem Kind - das gemeinsame Leben - sind die Orientierungspunkte für die erzieherische Arbeit. Ihre Methode, die auf der aufmerksamen Beobachtung von Kindern und deren Entwicklungsbedürfnissen fußt, ist in der gemeinsamen Arbeit mit Kindern entstanden[2].

In der vorliegenden Arbeit sollen diese Grundgedanken der Pädagogik Maria Montessoris etwas näher betrachtet und erläutert werden.

Im ersten Teil möchte ich ihr großartiges pädagogisches Wirken und Leben in die pädagogische Historiographie einordnen.

Im zweiten Teil werde ich mich dann intensiv mit den Grundpositionen ihrer Pädagogik befassen. An geeigneten Stellen werde ich die Prinzipien der Montessori-Pädagogik mit praxisnahen Beispielen belegen.

I. Leben und Bedeutung Maria Montessoris

Maria Montessori wurde am 31.08.1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren, 1875 übersiedelte die Familie nach Rom. Ihr großes Interesse an der Mathematik und der Wunsch, Ingenieurin zu werden, veranlaßten sie, eine technische Schule zu besuchen, die bis dahin den Jungen vorbehalten war[3].

Ihre Universitätsstudien hatte Maria Montessori mit Biologie und Mathematik begonnen, um dann die Medizin zu ihrem Schwerpunkt zu machen. Sie studierte aber auch intensiv Philosophie und Psychologie und mit einem gewissen Nebeninteresse Pädagogik. Mit 26 Jahren promovierte sie als erste Frau Italiens zum Doktor der Medizin und Chirurgie, sie wurde für zwei Jahre Assistenzärztin an der Psychiatrischen Klinik der Universität Rom und begann ihre Laufbahn mit der Betreuung und Erziehung defektiver Kinder.

Maria Montessori verwandte Methoden der französischen Arztpädagogen Itard und Séguin, die sich mit der Erziehung von geistig behinderten Kindern wissenschaftlich befaßt hatten. Sie modifizierte diese Methoden für die Unterrichtung zurückgebliebener, besonders sinnesgestörter Kinder, wobei sie sich vor allem an zwei Prinzipien hielt: Ermutigung der kindlichen Initiative und Selbstbetätigung sowie Kompensation der Behinderungen mit Hilfe eines speziellen Trainingsmaterials. In der Folgezeit richtete sie eine Schule für geistig behinderte Kinder ein, an der sie auch Lehrer für diese Kinder ausbildete. Ihr erzieherischer Erfolg bei den geistig behinderten Kindern entwickelte ihr Interesse für Pädagogik, sie begann ein intensives Studium der Hauptwerke der damaligen Erziehungswissenschaft, vornehmlich Rousseau, Pestalozzi und Fröbel. Als die eigentliche Geburtsstunde ihrer Pädagogik wird das Jahr 1907 angesehen. Hier bekam Montessori die Gelegenheit, mit gesunden Kindern zu arbeiten, ihr Kinderhaus in einem armen Arbeiterviertel Roms wurde gegründet. Diese Arbeit wurde die Basis zur Entwicklung ihrer Methode.

Ihr pädagogisches Konzept wurde gemeinsam mit und während der Arbeit mit Kindern entwickelt, es waren die Kinder, die Montessori ihre Methode lehrten: „...die unmittelbare Beobachtung an den Kindern, denen Freiheit gewährt wurde, hat mir bestimmte Gesetze ihres inneren Lebens offenbart,...die Kinder waren es, die aus eigenem Antrieb den Weg, der zur Kraft führt, gesucht uns mit sicherem Instinkt herausgefunden haben.“[4]

Montessoris römisches Kinderhaus wurde sehr schnell sehr bekannt. Die wesentlichen Grundlagen ihrer Pädagogik entwickelte sie in den hierauffolgenden Jahren. Im Zentrum ihres Forschungsinteresse standen das wissenschaftliche Studium der Aufmerksamkeit und die experimentelle Untersuchung der Anregungsbedingungen. Neben den Forschungsarbeiten von Itard und Séguin bezog sie einen weiteren Faktor mit ein: das Studium der Entwicklung des Kindes als Beobachtung kindlicher Selbstäußerung unter Gewährung von Entwicklungsfreiheit in konkret gestalteten pädagogisch-didaktischen Situationen[5].

Anwendung fand dieses Konzept im römischen Kinderhaus und brachte eine Entdeckung, die zum Kristallationspunkt der weiteren Forschung und der gesamten Montessori-Pädagogik wurde: die Polarisation der Aufmerksamkeit[6].

Das Ziel aller Erziehungsbemühungen ist für Maria Montessori die aktive Förderung kindlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit durch Selbsttätigkeit, sie umschreibt diese Erziehungsabsicht als „Meister seiner selbst zu sein“. Ihre Erziehung beruht auf der Achtung vor der Persönlichkeit des Kindes und auf dem Bestreben, dessen natürlichen Tätigkeitstrieb frei walten zu lassen[7].

Mit dem Erscheinen ihres ersten Buches über die pädagogische Methode (1909) nahm Montessoris Leben eine neue Richtung: sie widmete sich ausschließlich der Verbreitung ihrer Methode, gab Kurse zur Einführung in ihre pädagogische Lehre und Praxis in verschiedenen Ländern und veröffentliche in der Folgezeit eine Vielzahl wissenschaftlicher Werke.

Der Zweite Weltkrieg störte die Weiterentwicklung ihrer Pädagogik in Europa. In Indien fand ihre Pädagogik große Resonanz, hier fand 1945 der erste Montessori-Kongreß statt. Nach dem Krieg hielt sie zahlreiche Ausbildungskurse und Vorträge ab, es folgten weitere Kongresse.

Maria Montessori starb im Mai 1952 in Noordwijk aan Zee (Holland) und fand dort ihre letzte Ruhestätte[8].

II. Grundlagen der Montessori-Pädagogik

Auf der Grundlage von Beobachtungen und der Entdeckung der „Gesetze des inneren Lebens“ leitete Maria Montessori die Grundlagen ihrer Pädagogik ab[9], die im folgenden intensiver betrachtet werden sollen.

1. Die Psychologie des Kindes

1.1 Der geistige Embryo

Aus einem Vergleich mit der Entwicklung der Tiere beschreibt Montessori die Besonderheiten beim Menschen, sie spricht hier von zwei embryonalen Perioden[10]:

„eine ist pränatal und ähnelt der der Tiere - und die andere ist postnatal und tritt nur beim Menschen auf. Dadurch erklärt sich das Phänomen, das den Menschen vom Tier unterscheidet: die lange Kindheit“[11].

Im Laufe der ersten Zeit seiner Entwicklung ist das Kind mit einer besonderen Form des Geistes ausgestattet. Während der Erwachsene die Umwelt nur in seinem Gedächtnis aufnimmt, paßt sich das Kind seiner Umwelt an. Es inkarniert Dinge, die es hört und sieht, diese Dinge werden Teil seiner Psyche. Im Kind besteht für alle Dinge, die es umgeben eine absorbierende Sensitivität: nur durch das Beobachten und Absorbieren der Umwelt ist die Anpassung möglich, diese Form der Aktivität offenbart eine unbewußte Kraft, die nur dem Kind zu eigen ist[12].

Montessori sieht die erste Lebensperiode als eine Periode der Anpassung: „Denn während der Erwachsene der alten Zeiten sich nicht an die modernen Zeiten anpassen könnte, paßt sich das Kind an das Kulturniveau, das es vorfindet, an, wie immer es auch sei, und es gelingt ihm, einen Menschen aufzubauen, der seiner Zeit und seinen Sitten angepaßt ist“[13].

1.2 Der absorbierende Geist

Es besteht im Kind eine unbewußte Geistesform, die eine schöpferische Kraft besitzt, von Montessori als „absorbierender Geist“ bezeichnet. Der absorbierende Geist baut nicht mit Hilfe von Willensanstrengungen, sondern unter der Führung innerer Sensibilitäten das Gedächtnis auf. Nur indem es lebt, absorbiert das Kind aus der Umgebung, die Eindrücke dringen nicht nur in seinen Geist ein, sondern formen ihn - die Eindrücke inkarnieren sich in ihm. Das Kind schafft gleichsam sein „geistiges Fleisch“ im Umgang mit den Dingen seiner Umgebung, Montessori spricht hier von einer privilegierten Geistesform des Kleinkindes. Unbewußt nimmt es alles in sich auf und wechselt allmählich vom Unbewußten zum Bewußten[14].

Die Bewegung ist eine weitere wunderbare Eroberung des Kindes. Bewegungen formen sich nicht durch Zufall, sondern werden gemäß der jeweiligen besonderen Entwicklungsperiode bestimmt. Mit seinen ersten Bewegungen beginnt das Kind bewußt zu werden, es wird durch das Werk seiner Hände und seiner Erfahrung zum Menschen: erst durch das Spiel, dann durch die Arbeit. Die Aufgabe des Erziehers besteht hierbei in der Unterstützung des kindlichen Geistes bei der Arbeit seiner Entwicklung. Erziehung muß Hilfe für das Leben des Kindes, für die psychische Entwicklung des Menschen sein: „Das ist der neue Weg, den die Erziehung eingeschlagen hat - dem Geist in seinen verschiedenen Entwicklungsvorgängen zu helfen und die verschiedenen Energien und Fähigkeiten zu unterstützen und zu verstärken“[15].

Primäre Aufgabe ist es deshalb, die dem Kind eigenen Antriebskräfte zu schützen und darüber hinaus der Lern- und Entwicklungsmotivation des Kindes die erforderliche und entsprechende Nahrung in dessen Umgebung bereitzustellen[16].

1.3 Die Entwicklungsphasen des Kindes

Montessori stellt mehrere Phasen der kindlichen Entwicklung fest. Die erste Periode ist die Zeit von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr und wird in zwei Unterphasen unterteilt: die Zeit von null bis drei und die Zeit von drei bis sechs Jahren. In der ersten Unterphase sieht sie eine Form des Geistes wirken, zu der der Erwachsene keinen Zugang hat. In der zweiten Unterphase bleibt die Geistesform gleich, aber das Kind beginnt in einer bestimmten Weise, beeinflußbar zu werden. Diese Periode ist durch große Veränderungen im menschlichen Individuum gekennzeichnet[17].

Die nächste Periode liegt zwischen sechs und zwölf Jahren und ist eine Periode des Wachsens ohne Veränderungen. Psychisch gesehen ist diese Periode ruhig und ausgeglichen, eine Periode der Gesundheit, der Kraft und der Stabilität[18].

Im Unterschied dazu ist die dritte Periode von zwölf bis achtzehn Jahren wiederum eine Zeit der Veränderungen und ähnelt der ersten Lebensperiode. Die dritte Periode unterteilt Montessori in die beiden Unterphasen von zwölf bis fünfzehn und von fünfzehn bis achtzehn Jahren. Besonders gekennzeichnet ist diese Periode durch Veränderungen des Körpers, der die Reife der Entwicklung erreicht. Nach dem 18. Lebensjahr kann der Mensch als voll entwickelt angesehen werden, bei ihm tritt keine beachtenswerte Veränderung mehr auf[19].

1.4 Die sensiblen Perioden

Montessori sieht im Kind ein von Anfang an mit einem aktiven Geist ausgestattetes Wesen. In einem immanenten Bauplan sind Entwicklungsmöglichkeiten angelegt, die durch Umwelteinflüsse, insbesondere erzieherische, gehemmt oder gefördert werden können. Der entscheidende Bildungsakt geschieht durch das Kind selbst[20]. Lernen vollzieht sich im nachhaltigsten in „sensiblen Phasen“, in der Literatur auch als „sensible Perioden“ bezeichnet.

Montessori hat die sensiblen Perioden nicht als erste entdeckt, aber während der Arbeit mit ihren Kindern immer wieder beobachtet. Die eigentliche Entdeckung geht auf den Holländer Hugo de Vries zurück:

„Es handelt sich um besondere Empfänglichkeiten, die in der Entwicklung, d.h. im Kindesalter des Lebewesens, auftreten. Sie sind von vorübergehender Dauer und dienen nur dazu, dem Wesen den Erwerb einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. Sobald dies geschehen ist, klingt die betreffende Empfänglichkeit wieder ab“[21].

Diese sensiblen Perioden sieht Montessori in der Entwicklung des Kindes, ihre Entwicklungsmaterialien hat sie in Abstimmung auf die jeweilige Entwicklungs-phase ausgerichtet. Das Ziel dabei ist der Selbstaufbau des Menschen: dem Kind muß geholfen werden, sich durch Selbständigkeit und Selbsttätigkeit zur freien Persönlichkeit zu entwickeln[22].

1.4.1 Erste Periode (0-6 Jahre) - die Zeit des Aufbaus

a) Das Alter von 0-3 Jahren

Typische Sensibilitäten für die Zeit von null bis drei Jahren sieht Montessori in drei spezifischen Empfänglichkeiten: der Bewegung, der Ordnung und der Sprache. Die Sensibilität für Bewegung läßt sich charakterisieren durch die Entwicklung der Hand, des Gleichgewichts und des Laufens, wobei sich diese Fähigkeit nicht nur auf der physischen, sondern gleichzeitig immer auch auf der sinnlichen und psychischen Ebene entwickelt. Die Bewegungen des Kindes beeinflussen entscheidend seine Entwicklung und umgekehrt formt die jeweilige aktuelle Entwicklung die Bewegungen des Kindes[23].

Die Sensibilität für Ordnung tritt im Kind gleichzeitig unter zwei Gesichtspunkten in Erscheinung: als Sinn für eine äußere Ordnung, die Beziehungen zwischen den Bestandteilen der Umwelt betrifft und als Sinn für die innere Ordnung, die man auch den inneren Orientierungssinn nennen könnte. Die Entwicklung dieses Orientierungssinns stellt eine wichtige Voraussetzung zur Integration der werdenden Persönlichkeit des Kindes dar. Er ermöglicht auch das Innewerden und die Lokalisierung der körperlichen Funktionen, die beim Entstehen der Körperbewegungen zusammenwirken[24].

Die Sensibilität für Sprache steht in dieser Periode in besonders engem Zusammenhang mit dem Gehörsinn. Hierbei sind das Aufnehmen der Sprache durch den Gehörsinn und die visuelle Beobachtung des Sprechenden durch das Kind von Bedeutung[25].

Im Bereich der Mathematik absorbiert das Kind unbewußt die mathematischen Strukturen seiner Umgebung[26].

b) Das Alter von 3-6 Jahren

In dieser Zeit sieht Montessori die Sensibilität, das Bewußtsein durch Aktivität in der Umgebung zu entwickeln und die Errungenschaften im Bereich von Bewegung, Ordnung, Sprache usw. zu vervollkommnen und anzureichern. Das Bewußtsein entwickelt sich, das Ich und der Wille werden erkannt. Weiterhin tritt eine Sensibilität für soziales Zusammenleben unter den Kindern auf[27].

1.4.2 Zweite Periode (7-12 Jahre)

Die Lebensperiode im Alter von sieben bis zwölf Jahren läßt nach Montessori drei Bedürfnisse von Sensibilitäten oder Empfänglichkeiten erkennen.

1. Das Kind entwickelt das Bedürfnis, aus seinem engen Bereich herauszukommen, seinen Aktionsbereich zu erweitern. Montessori weist hier besonders auf die Entwicklung der sozialen Beziehungen hin.
2. Beim Kind läßt sich ein Übergang des kindlichen Geistes zur Abstraktion erkennen. Diese Zeit ist eine Art sensible Periode der Vorstellungskraft, den Keim für Wissenschaften zu legen.
3. Es entsteht ein moralisches Bewußtsein, das eng mit der Entwicklung des sozialen Bewußtseins verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht eine innere Sensibilität: das Gewissen[28].

1.4.3 Dritte Periode (12-18 Jahre)

Diese Periode kann man als Zeit des Umbaus oder Phase des sozial Neugeborenen überschreiben. Vier grundlegende Empfänglichkeiten charakterisieren sie:

1. Bedürfnis nach Selbständigkeit und eigener Entscheidung: Das Gefühl der Unabhängigkeit erwächst aus dem Beweis des eigenen Könnens. Selbstvertrauen und Mut sollen aus den eigenen Leistungen im Zusammenhang mit der sozialen Anerkennung erwachsen.
2. Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz bedingt durch die mannigfaltige Veränderungen des Jugendlichen und die Herausforderungen der folgenden Zeit.
3. Sensibilität für die Rolle in der Gesellschaft der Erwachsenen, die es bald einnehmen wird.
4. Sensibilität für Gerechtigkeit und Menschenwürde: Zusätzlich zu den anthropogenen Faktoren des Kindes hängt die Freiarbeit bei Montessori von bestimmten pädagogischen Bedingungen ab[29].

An dieser Stelle soll die psychologische Bedeutung von Maria Montessoris Beitrag zur menschlichen Erkenntnis kurz zusammengefaßt werden:

Ihre Entdeckung des Kindes bestand in der Einsicht in die spezielle Funktion des Kindes für die Ausbildung des Menschen und als Bindeglied zwischen den Generationen im Laufe der kulturellen Evolution der Menschheit. Der Mensch erreicht das Stadium seiner Reife erst in seiner postnatalen Phase, wenn er bereits Umwelteinflüssen ausgesetzt ist. Die Weiterführung des embryonalen Prozesses nach der Geburt fällt in den psychologischen Bereich, weil sie die aktive Teilnahme des beteiligten Individuums erfordert. Das Kind hat besondere Kräfte, die seiner Selbstverwirklichung zu Hilfe kommen: den absorbierenden Geist und seine sensiblen Phasen. Es bedarf jedoch der Hilfe der Erwachsenen.

Die Erziehung spielt eine fundamentale Rolle für die Ausbildung des Menschen, und es sollte ihr vorrangiges Ziel sein, angemessene Hilfe und Stimulierung für den Prozeß des inneren Aufbaus zu bieten[30].

2. Die Erziehung des Kindes

2.1 Die vorbereitende Umgebung

Das Prinzip der vorbereitenden Umgebung ist für die Praxis wie die Theorie der Pädagogik Montessoris entscheidend. Ohne eine geeignete Umgebung gibt es kein konstruktives Tun des Kindes, keine Aufforderung und Möglichkeiten zur freien Wahl der Arbeit[31]. Sie umfaßt einen Bereich, in dem den Kindern Anregungen gegeben werden. Hierunter zu verstehen ist das Kinderhaus oder das Montessori-Klassenzimmer, in dem jedes Material dem Kind in offenen Regalen zugänglich ist. Die Umgebung soll von einfacher Struktur sein, so daß das Kind sich leicht orientieren kann und sollte ein reichhaltiges und angemessenes Angebot an Aktivitätsmomenten enthalten.

Das Kind darf sich frei bewegen, die Arbeit und deren zeitliche Spanne darf das Kind frei wählen. Der Raum soll den Körpermaßen des Kindes proportional angepaßt und so weit sein, daß die Kinder ihrem Bewegungsbedürfnis nachkommen können. Er sollte die Möglichkeit bieten, daß das Kind sich auch einmal absondert und isoliert. Weiterhin soll er ästhetisch ansprechend sein und zum Arbeiten auffordern, Pflanzen und Tiere sollen darin ihren Platz haben.

Die Gestaltungselemente der vorbereitenden Umgebung müssen so beschaffen sein, daß sie die aufeinanderfolgenden Neigungen des Heranwachsenden, seinem jeweiligen Entwicklungsstand gemäß, ansprechen, herausfordern und einen weiteren Lernprozeß bewirken. Der Lehrer ist Pfleger des Materials, Beobachter und Berater des Kindes[32].

[...]


[1] Vgl. Erlinghagen 1979, S. 140.

[2] Vgl. Eichelberger 1998, S.7.

[3] Vgl. Böhm 199, S. 41 f., Eichelberger 1998, S. 10.

[4] Vgl. Eichelberger 1998, S. 10 f., Böhm 1991, S. 41 f., Erlinghagen 1979, S. 141 f., Helming 1994, S. 11 f., Biewer 191992, S. 18.

[5] Eichelberger 1998, S. 11 f.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Helming 1994, S. 13 f., Olowson 1996, S. 12f.

[9] Eichelberger 1998, S. 11.

[10] Biewer 1992, S.19.

[11] Montessori 1991, S. 55.

[12] Vgl. Oswald/ Schulz-Benesch 1997, S. 54.

[13] Montessori 1991a, S. 60.

[14] Oswald/ Schulz-Benesch 1997, S. 63 f.

[15] Montessori 1991a, S. 24 f.

[16] Montessori 1995, S. 146.

[17] Biewer 1992, S. 19.

[18] Montessori 1991a, S. 17.

[19] Vgl. Biewer 1992,S. 19, Montessori 1991a, S. 17.

[20] Montessori 1991b, S. 60 ff.

[21] Montessori 1991b, S. 47.

[22] Vgl. Eichelberger 1998, S. 17.

[23] Eichelberger 1998, S. 18.

[24] Ebd..

[25] Ebd., S. 19.

[26] Olowson 1996, S. 67.

[27] Vgl. Biewer 1992, S. 18., Olowson 1996, S. 67 f.

[28] Eichelberger 1998, S. 19.

[29] Vgl. Olowson 1996, S. 69.

[30] Montessori 1992, S. 72 f.

[31] Helming 1994, S. 28.

[32] Vgl. Biewer 1992, S. 21.

Details

Seiten
39
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638144650
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7109
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Erziehung Menschen Grundgedanken Pädagogik Maria Montessoris Diplom-Vorprüfung

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