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Die deutsche Landerziehungsheimbewegung am Beispiel von Hermann Lietz

Hausarbeit 1999 20 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Einblick in die Reformpädagogik

2. Die Landerziehungsheimbewegung

3. Lebenslauf HERMANN LIETZ

4. „Alte“ und „neue“ Schule in Gegenüberstellung
4.1. Die äußeren Bedingungen
4.2. Die Methodik des Unterrichtes
4.3. Bildung und Erziehung
4.4. Der Tagesablauf

5. Die Schule aus Sicht der Schüler

6. Die weitere Entwicklung

7. Landerziehungsheime heute

8. Literaturangaben

Anlage 1

0. Einleitung

„Was ist Erziehung? Fragst du mich. Darauf antworte ich dir: Erziehung erblicke ich darin, daß man das Kind am gesunden, einfachen und tüchtigen Leben, das ihm Wertvolles bieten kann, teilnehmen läßt, daß man ihm Gelegenheit gibt zu bedeutsamen Eindrücken, Erlebnissen und Handlungen, so daß alle in ihm vorhandenen Kräfte und Anlagen zur Entwicklung gelangen können, und es einst erfolgreich an der Bewältigung der nationalen und kulturellen Aufgabe mitzuarbeiten vermag“[1]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde weltweit der Ruf nach einer neuen ganzheitlichen Erziehung der Kinder laut. Zahlreich Gründungen von Alternativschulen versuchten diesem Ruf gerecht zu werden und sich gegenüber der „alte Schule“ zu behaupten. So gingen auch die Landerziehungsheime als Modelle einer neuartigen Erziehung in die Geschichte ein. Ihren Ursprung nahmen diese Schulen in England.[2] Später entstanden sie auch in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Namhafte Landerziehungsheime waren z.B. Abbotsholme, Summerhill, Ecole d´Humanité, die Odenwaldschule, die Pulvermühle, u.a.

Einer der wichtigsten Vertreter und Begründer der deutschen Landerziehungsheimbewegung war HERMANN LIETZ. Er hat deutlich gemacht, daß durch private Initiative Gegenmodelle zum staatlichen Schulwesen entwickelt und verwirklicht werden können. Auf ihn und sein Konzept einer neuen Schule soll nun im folgenden näher eingegangen werden.

Dazu werde ich zuerst einen kurzen Einblick in die Reformpädagogik und die Landerziehungsheimbewegung geben. Danach werde ich die Person HERMANN LIETZ anhand seines Lebenslaufes vorstellen.

Um die Neuerungen der Landerziehungsheime darzustellen, werde ich die Merkmale der „alte Schule“ aufzeigen und sie dann den Merkmalen der Landerziehungsheime gegenüberstellen. Die Schriften stammen hauptsächlich von Lietz. Es stellt sich daher die Frage, ob auch die Schüler die Schule so erlebten. Im nächsten Punkt werden ich darum kurz die Schulen anhand von zwei Schüleraufsätzen aus deren Sicht zeigen.

Abschließend werde ich die weitere Entwicklung und die Praxis der heutigen Landerziehungsheime beschreiben.

1. Einblick in die Reformpädagogik

Die Reformpädagogik ist eine Epoche, die von Bestrebungen zur Reform der Erziehung, Schule und des Unterrichtes gekennzeichnet war. Zeitlich kann man sie zwischen 1890 und 1930 einordnen. In Deutschland wurde sie auch die pädagogische Bewegung genannt. Sie entwickelte ein noch heute gültiges Verständnis vom Kind, dessen Bedürfnissen und seiner Erziehung.

Die Schwedin ELLEN KEY hatte das Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ geschrieben. BEHR hat daraus entscheidende Erziehungsgrundsätze formuliert: „Das Kind ist von Natur aus gut und unschuldig. Es ist mehr als bloß ein verkleinerter Erwachsener. Es hat spezifische Bedürfnisse, Auffassungsweisen, Äußerungsformen, die sich von denen des Erwachsenen unterscheiden. (...) Es soll im Zuge seiner Entwicklung (...) seine kindlichen Bedürfnisse in angemessener Weise erfüllt bekommen, die Entwicklungs- und Lernhilfen müssen sich ihm als Handlungsmöglichkeiten anbieten, nicht aber als Handlungsanweisungen begegnen.“[3]

Die Reformpädagogik sieht die Erzieher als eine Art Gärtner, der den Boden bereitet, pflegt und beschützt; die Pflanze Kind aber wächst allein.

Innerhalb der Reformpädagogik bildet nun die Landerziehungsheimbewegung einen wichtigen Abschnitt. Sie wird zu Recht auch als „Schulreform durch Neugründung“[4] bezeichnet. Sie steht im Zusammenhang mit der Frauenbewegung, der Jugendbewegung und der Arbeiterbildungsbewegung. Die Landerziehungsheimbewegung ist also Teil zahlreicher reformerischer Bemühungen, die nicht ausschließlich die Erziehung der Kinder betrafen.[5]

2. Die Landerziehungsheimbewegung

Die Landerziehungsheimbewegung hat 1889 ihren Ursprung in England. CECIL REDDIE gründete in Abbotsholme das erste Landerziehungsheim. HERMANN LIETZ war einige Zeit als Lehrer an dieser Schule und brachte das Konzept mit nach Deutschland. Von ihm stammt der Name „Landerziehungsheim“. Schon der Name gibt Auskunft über den neuen Schultyp. In ihm spiegeln sich drei wichtige Elemente der Schulen wider:

- Die Schulen sollen nicht in der Stadt, sondern auf dem Land liegen; in eindeutig geprägten Land schaften. Die Kinder sollten die Nähe zur Natur und ihre Besonderheiten erfahren. Die Entstehung der Gemeinschaft abseits der Großstadt und ihrer Gefahren war eine wichtige Voraussetzungen für Lietz´ pädagogische Zielsetzung.[6]
- In diesen Schulen steht die Erziehung der Kinder an erster Stelle. Selbstverständlich nimmt auch die schulische Ausbildung einen sehr wichtigen Teil der Erziehung ein. Dennoch gehen sie davon aus, daß auch die nicht–intellektuellen Fähigkeiten, Eigenschaften und Kräfte der Kinder gefördert und ausgebildet werden müssen.[7]
- Die Internatsschulen wollen den Kindern einen Ort geben, in dem sich Schüler und Lehrer heimisch fühlen können. Sie wollen nicht nur Obdach und Unterkunft sein, sie wollen keine Anstalten sein, in denen die Kinder nur aufbewahrt werden.[8]

LIETZ blieb nicht allein mit seiner Idee. Es gab viele Pädagogen, die sich mit seinem neuen Konzept auseinandersetzten. Einige begannen ihre schulische Laufbahn als Lehrer an den Lietzschulen.

So kam es innerhalb weniger Jahre zu vielen Neugründungen von Landerziehungsheimen: „Julius Lohmann, später Ernst Reisinger (Schondorf), Gustav Wyneken (Wickersdorf), Paul Geheeb (Odenwaldschule), Alfred Kramer und Theo Lehmann (Holzminden), Martin Luserke (Schule am Meer, Juist), Bernhard Uffrecht (Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen), Alfred Andreesen (Ettersburg, Gebesee, Buchenau, Spiekeroog, Hohenwehrda) und Kurt Hahn (Salem)“[9] (siehe dazu auch Anlage 1)

Alle Neugründungen der folgenden Jahre entstanden in der Auseinandersetzung mit LIETZ´ neuem Schulentwurf. Viele haben ihn aber durch eigene Ideen und Gedanken erweitert. So führte GEHEEB in seinen Heimen die Koedukation ein und unterrichtete Mädchen und Jungen zusammen. WYNEKEN gestand seinen Schülern mehr Verantwortung zu und LUSERKE führte das Laienspiel als neue Form des Theaters ein.[10]

3. Lebenslauf HERMANN LIETZ

HERMANN LIETZ gilt als Begründer der deutschen Landerziehungsheimbewegung. Er wurde am 28. April 1886 auf der Insel Rügen geboren. Seine Kindheit und seine Schulzeit waren vom Landleben, von großer Naturverbundenheit und vom einfachen bäuerlichen Leben geprägt.

Seine Schulzeit in Greifwald und Stralsund war für Lietz innerlich sehr belastend. Hier erfuhr er die Trennung von seinem Elternhaus und von der Familie. Er erlebte „auch die Mechanismen einer seelenlosen Lern- und Drillschule, deren Praktiken und Lerninhalte nur mehr wenig mit der Wirklichkeit und einem sinnerfüllten Leben in der sozialen Gemeinschaft zu tun hat.“[11]

Diese Schulerfahrungen beeinflußten sein Urteil über die staatlichen Schulen in hohem Maße und veranlaßten ihn, Gegenmodelle zu entwickeln.

Er studierte in Halle und Jena Theologie, Philosophie, Geschichte und Germanistik. Später promovierte er in Philosophie und legte 1892 die Oberlehrerprüfung ab.

Danach arbeitete er in verschiedenen staatlichen und privaten Schulen – unter anderem war er an der Universitätsübungsschule Jena tätig – und er leistete Sozialarbeit mit Berliner Arbeitskindern.

1896 kam er für ein Jahr zu CECIL REDDIE an die englische Internatsschule Abbotsholme. REDDIE hatte „The New School Abbotsholme“ 1889 als Alternativschule zu den traditionellen englischen Public Schools gegründet. Diese neue Schule zeichnete sich durch eine bewußt einfache und naturverbundene Lebensweise aus, durch körperliche Arbeit – besonders in der Landwirtschaft – und durch ein verändertes Lehrer- Schüler- Verhältnis. Dieses Verhältnis beruhte nicht auf Hierarchie, sondern auf Demokratie und Kooperation.

Der Aufenthalt und die Erfahrungen in Abbotsholme wurden für LIETZ zum entscheidenden Erlebnis und zugleich Vorbild für seine eigene Konzeption einer Alternativschule. 1897 formulierte er seine Erfahrungen und Erlebnisse in seinem Buch „Emlohstobba“ und entwarf gleichzeitig ein Bild seiner eigenen „neuen“ Schule.

1898 kehrte LIETZ nach Deutschland zurück und versuchte seine Konzeption in die Praxis umzusetzen. Er gründete das erste deutsche Landerziehungsheim „Pulvermühle“ in Ilsenburg im Harz.

[...]


[1] zit. nach: LASSAHN: Hermann Lietz, Paderborn 1970, S.65 In: RÖHRS: Die Schulen der Reformpädagogik heute, Düsseldorf 1986, S.73

[2] vgl. RÖHRS: Die Reformpädagogik, Weinheim 1994, S.101

[3] BEHR: Freie Schulen und Internate. Düsseldorf 1988, 195

[4] Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.): Handbuch Freie Schulen, Hamburg 1993, S.236

[5] Ebd., S.236

[6] vgl. HENKE: Hermann Lietz In: WINKEL (Hrsg.): Reformpädagogik konkret, Hamburg1993, S.77

[7] ebd., S.77

[8] ebd., S.77

[9] Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.): Handbuch Freie Schulen, Hamburg 1993, S.236

[10] vgl. HENKE: Hermann Lietz In: WINKEL (Hrsg.): Reformpädagogik konkret, Hamburg1993, S.78f.

[11] BEHR: Freie Schulen und Internate, Düsseldorf 1988, S.193f.

Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638624428
ISBN (Buch)
9783638769310
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71150
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Schlagworte
Landerziehungsheimbewegung Hermann Lietz Geschichte Reformpädagogik

Autor

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Titel: Die deutsche Landerziehungsheimbewegung am Beispiel von Hermann Lietz