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Fremde Kulturen sind bunt - Die Inszenierung des Umgangs mit Interkulturaliät am Beispiel des "Karnevals der Kulturen" in Berlin

Bachelorarbeit 2007 43 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Resumen

1 Einleitung

2 Karneval der Kulturen
2.1 Kulturelles Großevent
2.2 regionale Rahmenbedingungen in Berlin
2.3 öffentliche Wahrnehmung und Medien
2.4 Nachhaltigkeit

3 Kultur
3.1 Definition
3.2 Kultur und Karneval
3.3 Integration

4 Das „Andere“
4.1 Fremdwahrnehmung
4.2 Stereotype und Vorurteile
4.3 Kommunikation und interkulturelle Kompetenz

5 Interkulturalität
5.1 Globalisierung
5.2 Identität
5.3 Medien

6 Schlusswort

Literatur

Monographien, Sammelbände, Aufsätze in Sammelwerken:

Dokumentationsverzeichnis / Zeitungen

Abkürzungsverzeichnis

Resumen

En Berlín se puede constatar una diversidad y una mezcla de las culturas. Esto resulta por el proceso mundial llamado globalización. Alemania es un país de inmigrantes y desde muchos años vivimos juntos con personas extranjeras. Especialmente en las grandes ciudades como Berlín se pueden ver los efectos de la llamada multiculturalidad. Un producto de esa interculturalidad vivida es el „carnaval de las culturales“ que tiene lugar desde 1996 cada año en las calles de Berlín. Es un evento que incluye un festival de la calle y al final se realiza un desfile festivo donde diferentes culturas se presentan. Es una fiesta del pueblo para ver la diversidad que se vive en Berlín. Se pueden probar comidas y bebidas típicas y quien quiera puede participar en los bailes y disfraces.

En este trabajo el carnaval está analizado desde muchos aspectos. El concepto de cultura que se funda en el carnaval se refiere a cultura como un sistema de orientación, la cual los miembros de una misma cultura usan para poder situarse en la sociedad. Otro aspecto se refiere a la situación de migración, sus causas, la integración y los problemas de la misma. Un efecto de la globalización es la interculturalidad, que tiene de consecuencia un cambio de identidad. Los medios informativos también tienen un gran impacto en los puntos de vista de la gente. La percepción siempre incluye una imagen del otro que está influida por estereotipos. Es necesario comunicarse e interactuar con gente de diferentes culturas. Así se puede desarollar lo que se llama la competencia intercultural. Esto es la capacidad de entender y comunicarse con gente de diferentes culturas en una forma adecuada de sus normas y estilos de comunicación. Vimos que eso es un proceso contínuo el cual se realiza en cada interacción intercultural.

También analizamos el carnaval como un producto que está hecho por personas; con el propósito de enseñar la diversidad cultural de Berlín. Pero vemos que no refleja la verdadera situación multicultural de Berlin porque la mayoría de inmigrantes de la ciudad no están representados en el carnaval, por ejemplo los turcos y los rusos. Un aspecto muy importante es que la interacción cultural y con ello el proceso de entendimiento es solamente posible en los protagonistas y tanto en los visitantes. Ellos no necesariamente tienen que participar en el acto festivo, pero en todo caso tienen la oportunidad de hacerlo. Entonces el intercambio cultural es dependiente de cada individuo y su interés en el mismo. Sin embargo el carnaval puede ser visto como posibilidad de intercambiar conceptos, conocimientos y valores entre culturas y festejar juntos para tener experiencias afirmativas las cuales inflyuen la conducta en una forma más abierta y tolerante.

1 Einleitung

Die kulturelle Weltkarte ist geprägt von Vielfältigkeit. Durch globale Angleichungsprozesse und Kontaktzunahme intensivieren sich die interkulturellen Beziehungen, was dazu führt, dass nationale Grenzen mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Dadurch kommt es zu einem Zusammenleben verschiedenster Kulturen an einem Ort. Menschen verlassen ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen, so zum Beispiel aus Armut, Krieg oder einfach, um andernorts ein besseres Leben zu finden.

Migration ist heute „ein globales, im Sinne des Wortes transnationales Phänomen“ (Welz 1996:100). In Deutschland wurden nach dem 2. Weltkrieg viele Migranten, hauptsächlich aus der Türkei und Osteuropa, als Arbeitskräfte ins Land geholt (vgl. Dok. 6:4). In Berlin leben besonders viele Menschen nicht-deutscher Herkunft, so war 2004 jede achte Person nicht im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit, was 13,5% der Gesamtbevölkerung ausmacht (vgl. Dok. 6:4). Es ist daher erforderlich, sich mit Themen wie Integration, Fremdheit und dem Verhältnis zu anderen Kulturen auseinanderzusetzen. Geschieht dies nicht, können, aufgrund von fehlenden positiven Kontakten und Erfahrungen, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und diverse soziale sowie wirtschaftliche Nachteile für die Migranten zunehmen. Die Konsequenz daraus ist eine erschwerte Eingliederung in die Gesellschaft, die mit dem Rückzug der Migranten in den Kreis ihrer Kultur einhergeht. Solch eine Separation ist nicht wünschenswert, da sie für die gesamte Ent-wicklung Deutschlands Folgen hat. So wirkt sich nicht erfolgte Integration zum Beispiel negativ auf die Reduzierung der Arbeitslosigkeit, das Bildungsniveau sowie den wirtschaftlichen Fortschritt allgemein aus. Die Migranten haben zum Beispiel durch fehlende Sprachkenntnisse und nicht vorhandenen Kenntnissen der Normen und Werte des Einwandererlandes einen schlechteren Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt.

Wie ein Aufnahmeland mit Migranten umgeht, hängt maßgeblich von ihrer Grundeinstellung ab. Es geht um die Selbstkonzepte der jeweiligen Gesellschaften, um ihr Verständnis im Umgang mit gesellschaftlicher Identität und ihrer Auffassung von nationaler Kultur (vgl. Welz 1996:111). In den USA gilt zum Beispiel das Staatsbürgerrecht nach Geburt. Wer dort geboren ist, erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Deutschland gilt das Staatsangehörigkeitsgesetz, d.h. man ist Deutscher durch Geburt und durch deutsche Eltern (vgl. Dok. 12). Es zeigen sich hier zwei grundlegend verschiedene Einstellungen, welche durch die Politik mitbestimmt und umgesetzt werden.

Die Bundesregierung hat für die speziellen Aufgaben, welche durch Migration entstehen, eigens das „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ (BAMF) geschaffen. Es versteht sich als „Kompetenzzentrum für Migration, Integration und Asyl“ (Dok. 13) und hat in diesem Rahmen verschiedene Aufgaben inne. Dazu gehören die Entscheidung über Asyl-anträge, Abschiebeschutz von Flüchtlingen sowie die Förderung von sprachlicher, sozialer und gesellschaftlicher Integration von Zuwanderern.

Die Integration von Migranten findet auf zwei Ebenen statt. Zum Einen die rein formal-rechtliche Ebene, welche durch das BAMF von staatlicher Seite geregelt wird. Zum Anderen findet eine kulturell-gesellschaftliche Eingliederung statt. Dabei geht es um die Eingewöhnung in den kulturellen Habitus des Einwandererlandes und das Erlernen gesellschaftlicher Normen und Werte. Dieser Prozess soll uns hier in erster Linie interessieren.

Die Stadt Berlin hat in ihrem Integrationskonzept klare Maßnahmen festgelegt, die positiv zur Integration und Interkulturalität beitragen sollen. Ein Punkt ist die Förderung internationaler Kulturinitiativen sowie interkultureller Projekte (vgl. Dok. 6:72 ff.). Eines dieser Projekte ist der seit 11 Jahren stattfindende Karneval der Kulturen (KdK), welcher jährlich am Pfingstwochenende in den Straßen Kreuzbergs und Neuköllns stattfindet.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit bezieht sich auf die kausalen Zusammenhänge dieser kulturellen Veranstaltung, welche die multikulturelle Gesellschaft Berlins repräsentieren soll. Dabei wird der KdK aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Der Zusammenhang mit der migrationspolitischen Situation in Berlin soll aufgezeigt und analysiert werden. Kann ein Projekt wie der KdK zur interkulturellen Verständigung und Annäherung beitragen? Wenn ja, wie und wodurch wird dies erreicht? Inwiefern können Kulturprojekte einen Beitrag leisten, bestehende Strukturen zu lösen und neue inter-kulturelle Verbindungen und Kommunikationsformen zu eröffnen? Es wird nach der Intention der Veranstalter gefragt, sowie die Wirkung auf die Zuschauer untersucht. Kann bei Teilnehmern sowie Zuschauern eine Veränderung im Denk- und Wahrnehmungsprozess stattfinden? Oder wird einfach nur eine große Open-Air-Party gefeiert?

Ein besonderer Blick wird auf die „Inszenierung“ von Interkulturalität gerichtet. Der KdK ist ein öffentliches Ereignis, welches durch Kulturmanager der „Werkstatt der Kulturen“ (WdK) in Berlin organisiert wird. Er soll zeigen, wie bunt und vielfältig die Berliner Kulturlandschaft ist, und gleichzeitig ein Zeichen setzen für ein friedliches Mit-einander. Eine Plattform der Präsentation ermöglicht kulturelle Aktionen, die auf ihre Authentizität und Wirksamkeit geprüft und untersucht werden.

Diese Arbeit wäre ohne interdisziplinäre Bezüge nicht möglich. Die fächerübergreifende Thematik führte dazu, dass Disziplinen wie die Linguistik, Sozialwissenschaften, Philosophie und Psychologie inhaltlichen Einfluss gefunden haben.

Der inhaltliche Aufbau ist folgendermaßen gegliedert: Zu Beginn steht eine Einführung in die Arbeit der WdK. Deren Projekt, der KdK wird in seinen Ziel-vorstellungen und seiner Arbeitsweise erläutert. Aufgrund der Bekanntheit und großen Wirkung, die er bei Teilnehmern und Zuschauern erzielt, ist er als kulturelles Großevent einzustufen. Welche Auswirkungen hat das auf ihn selbst und auf Berlin? Als praxis-orientiertes Beispiel soll er verdeutlichen, wie sich in Berlin Multikulturalität ausdrückt und einen gestalterischen Rahmen findet. Es wird Bezug genommen auf die speziellen Bedingungen in Berlin. Die öffentliche Wahrnehmung wird anhand von Presseberichten und die Rolle der Medien generell untersucht. Weiterführend wird geschaut, inwiefern diese urbane Veranstaltung Nachhaltigkeit besitzt, und was die realen Effekte in der Kulturlandschaft sein könnten. Welchen Beitrag kann der KdK leisten, in Berlin ein Optimum an Ausgestaltung und das Ausleben der kulturellen Vielfältigkeit zu schaffen? In diesem Zusammenhang wird sein Potenzial als „Integrationswerkstatt“ (vgl. Dok. 11) untersucht. Inwiefern und in welchen Zusammenhängen kann er Integration begünstigen und fördern? Der KdK ist ein Produkt der kulturellen Vielfalt Berlins. Daher werden einige grundlegende Überlegungen zum Aspekt Kultur gemacht. Kultur prägt das In-dividuum in besonderem Maße und bestimmt zum großen Teil seine Norm- und Wertvorstellungen. Es wird geschaut, wo sich die erläuterten Aspekte von Kultur im Konzept des KdK wiederfinden.

Im Zusammenleben verschiedener Kulturen ergibt sich eine besondere Wahrnehmung und Betrachtungsweise des „Anderen“. In Kapitel 4 wird die Entstehung der Wahr-nehmung des Anderen, der Umgang damit und die Folgen für die Gemeinschaft unter-sucht. Wodurch zeichnet sich die Zuordnung „fremd“ aus, und welche Folgen hat sie? Wo findet Fremdwahrnehmung beim KdK statt, wie wird damit umgegangen und können durch ihn Veränderungen in der Einstellung zum Anderen stattfinden? In diesem Zu-sammenhang wird die Funktion von Stereotypen und Vorurteilen näher betrachtet, da sie eine wichtige Funktion im sozialen Miteinander haben. In der Kommunikation werden Vorurteile nicht nur konstituiert, sondern können auch abgebaut werden. Daher wird der kommunikative Aspekt näher betrachtet, denn durch ihn besteht die Chance einer Zunahme an Kenntnissen und Wissen anderer Kulturen. Eine direkte Interaktion zwischen den Kulturen hat Auswirkungen auf die eigene Kultur und die Einstellung der Menschen zu anderen Kulturen. Es wird untersucht, inwiefern der KdK zur Steigerung der inter-kulturellen Kompetenz beitragen kann und wie sich diese definiert.

Die aus der Migration resultierende Interkulturalität ist Thema des 5. Kapitels. Diese wird im Zusammenhang mit der Globalisierung erläutert, welche aufgrund der zunehmen-den Verflechtungen in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens (wie zum Beispiel in Gesellschaft, Wirtschaft oder Kommunikation), neue Formen des Zu-sammenlebens erforderlich macht. Übt der KdK einen Einfluss auf die Identität einerseits der Migranten und andererseits der Deutschen aus? Worin lässt sich bei ihm Inter-kulturalität fest machen?

Es ergibt sich aus diesem Kontext heraus eine besondere Betrachtung der Konstituierung sowie Veränderung von Identität. Es wird daher näher betrachtet, welchen Einfluss sie im interkulturellen Kontext hat, welche Veränderungen sich ergeben und wie diese sich auf das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft auswirken. Die besondere Funktion der Medien wird dabei besonders betrachtet. Gerade junge Menschen, die sich im identitätsbildenden Prozess befinden, sind oft empfänglich für medial vermittelte Meinungen. Es wird deshalb untersucht, inwiefern die Medien das Bild vom „Anderen“ konstituieren.

Abschließend werden mit dem Schlusswort alle angesprochenen miteinander ver-bunden und deren Wechselwirkungen und Zusammenhänge aufgezeigt. Denn alle ange-sprochenen Themen (Kultur, das „Andere“ und Interkulturalität) sind den KdK beeinflussende und ihn konstituierende Faktoren.

2 Karneval der Kulturen

Seit 1996 wird der KdK von der WdK in Berlin veranstaltet. Er entwickelte sich aufgrund der zunehmenden Zahl an Zuwanderern aus allen Regionen der Welt, die eine Inter-nationalisierung Berlins mit sich führte. In seinem offiziellen Selbstverständnis heisst es: „Der Karneval schafft einen integrierenden Handlungsrahmen für unterschiedliche kulturelle Initiativen“. Er bietet eine „Plattform, auf der die Akteure selbstbewußt ihre eigene kulturelle Identität präsentieren“ (Dok. 11) können. Diese Präsentation gilt es näher zu betrachten. Als öffentlich inszeniertes Fest ist der KdK ein Gegenpol zum Alltag. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Feiern und Erleben kultureller Vielfalt. Grundsätzlich ist niemand ausgeschlossen, beteiligen kann sich jeder, der Interesse hat.

Die WdK weist durch die jährlich stattfindende Veranstaltung eine Kontinuität in der Selbstdarstellung der Stadt Berlin und seiner multikulturellen Gesellschaft auf, die den KdK weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannt und beliebt gemacht hat. Das Besondere an ihm: Er spricht nicht wie zum Beispiel die Love Parade eine bestimmte subkulturelle Gruppe an, sondern die ganze Bevölkerung. Dies ist auch jedes Jahr neu zu erleben: Alt und Jung, Deutsche und Nicht-Deutsche, Touristen und Einheimische feiern und erleben das Event friedlich zusammen.

Neben dem Karnevalsumzug, der als abschließender Höhepunkt des KdK gilt, gibt es auch ein Straßenfest. Es sind Bühnen aufgebaut, auf denen Musik aus aller Welt dargeboten wird. Die kulinarische Vielfalt sowie kunsthandwerkliche Produkte diverser Kulturen können kennengelernt werden. Vor dem eigentlichen Umzug findet ein Kinder-karneval statt, der für die kleinsten Mitglieder der Gesellschaft eine angemessene Veranstaltung bietet. Sie sind die Gesellschaft von morgen, daher ist es wichtig, sie nicht auszuschliessen, sondern ihnen eine Möglichkeit zu bieten, eigene interkulturelle Er-fahrungen zu machen.

Capoeira[1] Workshops und diverse Parties bilden ein weites Angebotsspektrum um den Karneval. Auch käuflich zu erwerbende Produkte wurden entworfen. So gibt es zum Karneval T-Shirts mit Aufdrucken wie „Mehrheitskulturträger“ oder „be part of the Leitkultur“. Hier beziehen die Veranstalter Stellung zur politischen Debatte um Mi-granten. Der Begriff Leitkultur hat großen Anstoß gefunden, da er die deutsche Kultur als leitend und wegweisend und damit dominant und über anderen stehend bezeichnet hat. Auch Mehrheitskulturträger setzt sich in ironischer Weise damit auseinander und provoziert mit der plakativen Aufschrift die Zuordnung von „Mehrheits-“ Kultur. Dies impliziert, dass es auch eine „Minderheits-“ Kultur gibt. Diese Trennung ist nicht im Sinne einer integrativen Gesellschaft. Die provokativen Aufschriften auf den Shirts sollen dem Betrachter auffallen und ihre Absurdität führt im besten Fall zum Anstoß von Denkprozessen.

Weiterhin gibt es eine CD mit den Gewinnern des Musikwettbewerbes, der von „Piranha Musik“ und der WdK ausgeschrieben wurde. Einen Höhepunkt und eine besonderer Ansporn für die Teilnehmer ist der Wettbewerb, bei dem, durch eine Jury „herausragende künstlerische Leistungen der Gruppen gewürdigt“ werden (Dok. 11).

Nach Bachtin (1996:48) ist der Karneval „die umgestülpte Welt“, in der sonst herrschende Hierarchien aufgehoben und neue zwischenmenschliche Beziehungen ge-knüpft werden können. In dieser Form galt der Karneval als Möglichkeit für das Volk, durch Humor und Lachen aufzubegehren gegen Repression durch feudale Herrschafts-strukturen und die Kirche. Diesem mittelalterlichen Karneval entspricht der KdK in Berlin nicht. Hier wurde eher der Begriff Karneval verwendet, da er für Aktivität, Gleichheit und Festlichkeit steht. Das karnevaleske Element der Verkleidung, in der auf parodistische Weise bestehende Machtstrukturen angegriffen wurden, ist auf dem KdK in Berlin nicht zu finden. Die hier Verkleideten repräsentieren meist ihre kulturspezifischen traditionellen Kleidungen. Die wenigsten Zuschauer verkleiden sich. Sie schmücken sich allenfalls bunt oder schrill, um ihre Teilhabe am Geschehen auszudrücken.

2.1 Kulturelles Großevent

Der KdK stellt für Berlin nicht nur die Präsentation der kulturellen Vielfalt und Offenheit gegenüber anderen Kulturen dar, er ist in ökonomischer und städtepolitischer Sicht auch ein Markenname. Er fungiert somit als Mittel auch politischer Repräsentation, und transportiert weltweit das öffentliche Bild Berlins als global city und somit als global player. Daher besitzt er auch eine touristische Relevanz. Die steigenden Zahlen der Besucher sowie der Teilnehmer zeigen, dass der KdK zunehmend auch an wirt-schaftlicher Kraft und Relevanz gewonnen hat. Im ersten Jahr des KdK 1996 nahmen 2200 Akteure teil und 50.000 Menschen waren als Besucher bzw. Zuschauer gekommen. Nach 10 Jahren, also im Jahre 2006, realisierten den Umzug ca. 4300 Teilnehmer, 950 Künstler gestalteten das Straßenfest und insgesamt stieg die Besucherzahl auf 1,3 Millionen Menschen (vgl. Dok. 11). Durch die Zusammenarbeit verschiedenster Akteure (Veranstalter, Darsteller, Publikum und öffentliche Einrichtungen sowie Sponsoren) wird dieses Ereignis ermöglicht.

Im realen Geschehen des KdK kann interkulturelles Verhalten realisiert werden. Nach Geertz (1987:25) ist es „der Ablauf des sozialen Handelns, in dessen Rahmen kulturelle Formen ihren Ausdruck finden“. Durch die oft monatelange Vorbereitungszeit, in der gemeinsam geprobt und organisiert wird, findet unter den Akteuren soziales Handeln statt, welches den Höhepunkt in der Aufführung respektive dem Karnevalsumzug findet. Das bedeutet, dass in diesem gemeinsamen Schaffensprozess Kultur Ausdruck findet.

Eine Besonderheit des Karnevals liegt in der Möglichkeit des Publikums zu partizipieren. Besonders das Straßenfest bietet die Möglichkeit in direkten Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen zu treten. Es findet keine Abgrenzung statt, wie es beim Karnevalsumzug der Fall ist. Wobei es gerade in den letzten Jahren dazu eine neue Tendenz gab. Wagen, die von Clubs wie zum Beispiel dem „YAAM“ oder von Musikveranstaltungen wie „hard:edged“ gestaltet werden, weisen eine Zunahme an aktiv sich einreihenden Zuschauern auf. Nicht notwendigerweise muss man als Betrachter am Straßenrand den Umzug verfolgen. Man kann mittanzen und sich von der Stimmung anstecken lassen. Rein monoethnische Gruppen sind mehr in sich geschlossen, da die Zuschauer in die Rituale und Tänze nicht eingeweiht sind. Eine spontane Teilnahme ist eher schwierig zu realisieren.

Kulturalität kann in seiner Ursprünglichkeit und in der Realität des Karnevals-geschehens eine Transformation erfahren, die es Wert wäre, in den gelebten Alltag zu übertragen. Jedoch ist durch die Inszenierung der Veranstaltung und der damit einher-gehende künstlich geschaffene Handlungsrahmen nicht unmittelbar auf den Alltag übertragbar. Er kann jedoch Ideen und positive Erfahrungen vermitteln, die zu Ver-änderungen im individuellen Denken und Handeln führen können. Durch die Präsentation kultureller Handlungsformen, die im Raum erfahrbar gemacht werden, können im besten Fall neue Formen interkulturellen Handelns entstehen. So könnte beim Zuschauer das Interesse an der Teilnahme in einer Tanzgruppe erwachen, die nächste Urlaubsreise in ein Land geplant werden, bei dem die kulturellen Darbietungen besonders ansprechend waren. Der Wunsch eine Fremdsprache zu erlernen, könnte in die Tat umgesetzt und dadurch der Kontakt zu anderen Kulturen intensiviert und ausgebaut werden. Für die Akteure konstituiert sich in der Darstellung ihr kulturelles Selbstverständnis, und sie erfahren öffentliche Anerkennung, was zur Stärkung ihrer kulturellen Identität und Anerkennung führen kann.

Der KdK bietet auch einen besonderen Aspekt der Freizeitgestaltung. Als am Erlebnis orientierte Veranstaltung ist er ein kulturelles Großevent und richtet sich an das in der Gesellschaft vorhandene Bedürfnis nach öffentlichen Ereignissen (vgl. Kapitel 5.3). Damit reiht er sich in die Reihe der Großveranstaltungen wie Christopher Street Day, Love Parade oder Hanf Parade ein.

2.2 regionale Rahmenbedingungen in Berlin

Die hohe Zahl von Migranten in Berlin erfordert die besondere Auseinandersetzung mit der Problematik des interkulturellen Miteinanders und einer friedlichen aber auch integrativen Koexistenz. In den letzten Jahren ist daher der Bedarf an interkultureller Vermittlungsarbeit immens gestiegen. Nach Welz (1996:131) haben „vor allem Groß-städte eine auf die Repräsentation fremder Kulturen und kultureller Fremdheit spezialisierte Institutionenlandschaft ausgebildet“. Die WdK, welche im Oktober 1993 gegründet wurde, ist ein Beispiel für die Institutionalisierung interkultureller Arbeit. Auf vielseitige Weise organisiert sie Projekte, die Integration als aktiven Prozess gestaltet. So unter anderem den KdK und die „Werkstatt Religion“, in der mit Mitgliedern verschiedener Religionen thematische Dialogarbeit betrieben wird (vgl. Dok. 10).

Berlin wird als „Integrationswerkstatt“ verstanden, in der kulturelle Vielfalt erlebbar gemacht werden soll und damit Werte wie gegenseitiger Respekt und Toleranz vermittelt werden (vgl. Dok. 11). „In der Einwanderungsstadt Berlin versteht sich die Werkstatt der Kulturen als Ort aktiver Einbürgerung und selbstbestimmter Einarbeitung in die recht-lichen und politischen Prozesse des demokratischen Gemeinwesens“ (Dok. 4). In diesem Rahmen lässt sich auch der KdK verorten. Berlin als Weltstadt bietet durch eine stetig wachsende Pluralität der Kulturen einen besonderen Nährboden und Wirkungsrahmen für kulturelle Aktivitäten. So hat sich nach Angaben des Statistischen Landesamtes Berlin die Zahl Personen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit wie folgt entwickelt: 1991 lebten in Berlin 315.578 Ausländer. Im Jahr 2005 stieg die Zahl auf 454.545 (vgl. Dok. 15). In dieser Statistik fehlen allerdings die eingebürgerten Personen, die einen anderen kulturellen Hintergrund aufweisen, aber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Es besteht ein Bedarf an Möglichkeiten kultureller Ausdrucksformen und ein Publikum, welches diese Angebote rezipiert, wie die in 2.1 erläuterten Zahlen belegen.

In Berlin finden sich eine Vielzahl kultureller Strömungen, die durch die Inter-nationalität der in Berlin lebenden Menschen entstanden ist. Der KdK reiht sich ein in die Tradition der Darstellung kultureller Vielfalt und symbolisiert die Aufgeschlossenheit der Hauptstadt Berlin. Er ist „ein Symbol für die Weltoffenheit und Kreativität der Stadt, welches weit über Berlins Grenzen ausstrahlt“ (Dok. 5).

So soll und kann er auch einen Beitrag leisten, die in Berlin immer noch spürbare Kluft der einstigen Teilung zu überwinden und auf eine städtische Identitätsbildung begünsti-gend einwirken. Die Einmaligkeit und Besonderheit der Karnevalssituation kann jedoch nicht als Indikator für eine Gemeinschaft gelten, die in absoluter Toleranz und Buntheit eine friedliche Existenz bildet. Aber sie kann diese Tendenzen durch positive Erlebnisse und Erfahrungen in jedem Einzelnen verstärken.

[...]


[1] dies ist ein afro-brasilianischer Kampftanz, der von Musik begleitet wird und von afrikanischen Bantu- Stämmen aus Angola nach Brasilien gebracht wurde (vgl. Dok. 14).

Details

Seiten
43
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638617697
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71183
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaftliche Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
Inszenierung Interkulturaliät Beispiel Berlin Kultur interkulturelle Kompetenz Karneval der Kulturen

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Titel: Fremde Kulturen sind bunt - Die Inszenierung des Umgangs mit Interkulturaliät am Beispiel des "Karnevals der Kulturen" in Berlin