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Im Kampf um Port-Royal - Ob und wieweit Pascal mit seinen Provinciales die Jansenisten unterstützte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 38 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil eins: Beweise aus den Provinciales
2.1 Prägung der Provinciales durch den Autor
2.2 Prägung der Provinciales durch ihre Struktur
2.3 Die Kommunikationsstrategien des Louis de Montalte

3 Hauptteil zwei: Beweise aus dem Harvard-Gesprächs-Projekt
3.1 Einleitung: Was ist ein schwieriges Gespräch?
3.2 2 Die Struktur von schwierigen Gesprächen
3.3 Der Wechsel zur Lernhaltung
3.4 Wie man ein Lerngespräch führt

4 Konklusion

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Streit zwischen Jansenisten und Jesuiten bewegte lange Zeit nur ihre Anhänger und theologische Gemüter. Die Gnaden- und Prädestinationslehre der Jansenisten setzt sich für die Reformation der katholischen Kirche im Sinne der augustinischen Gnadenlehre und für eine strengere Moral der Christen ein und richtet sich gegen die Kasuistik des katholischen Ordens der Jesuiten. Letztere wurden zu den Hauptgegnern der Jansenisten, mehrfach wurde der Jansenismus von der römischen Kirche verurteilt.

Zu Lebzeiten Blaise Pascals waren die Streitereien neu entfacht, den Jansenisten fehlte es an Vertretern, die ihre Lehre populärer gestalten konnten. So entstanden die Provinciales, verfasst in Briefen, in denen ein gewisser Louis de Montalte einem Provincial über die Streitigkeiten zwischen Jesuiten und Jansenisten berichten will. Informationen holt er sich in mehreren Gesprächen mit einem Jesuiten-Père. Dieses Thema hört sich neutral an; in dieser Hausarbeit soll jedoch bewiesen werden, dass Blaise Pascal seine Provinciales schrieb, um den Jansenisten mehr Popularität zu verschaffen und um die Jesuiten ins Lächerliche zu ziehen. Diese These stützt sich auf folgende Annahme: „Sprachliche Äußerungen werden nur im Ausnahmefall um ihrer selbst willen... produziert und rezipiert. In der Regel sprechen, schreiben, hören und lesen wir, um bestimmte übergeordnete Zielstellungen zu realisieren.“[1]

Der Beweisaufbau soll in zwei Schritten erfolgen. Im „Hauptteil eins“ sollen Beweise aus den Provinciales und ihrer Sekundärliteratur vorgestellt werden. Näher beleuchtet werden hier die Biographie des Autors, der Aufbau der Provinciales und die Kommunikationsstrategien des Louis de Montalte. Im „Hauptteil zwei“ soll das Kommunikationsfachbuch Offen gesagt! Das Harvard-Gesprächs-Projekt der Amerikaner Douglas Stone, Bruce Patton und Sheila Heen auf die Kommunikation des Louis de Montalte mit dem Jesuiten-Père angewendet werden. Die Autoren stellen Strategien vor, mit denen man schwierige Gespräche besser meistern kann. Bewahrheitet sich die These, dass Louis de Montalte die Funktion hat, die Jesuiten in ihrer Lächerlichkeit darzustellen, so wird sich Montalte in den Gesprächen genau gegen die Strategien der Autoren verhalten. Dies bedeutet, dass die Gespräche so verlaufen, dass kein guter Meinungsaustausch möglich ist. Es geht nicht darum, Informationen zu erlangen, sondern die Meinung des Lesers zu manipulieren. Es sollen ein paar dieser Kommunikationsstrategien vorgestellt werden um zu zeigen, wie Pascal seinen Montalte hätte handeln lassen müssen, damit aus den Provinciales ein möglichst neutraler Bericht – soweit Briefe objektiv verfasst werden können - über den theologischen Streit entstanden wäre.

Dieses Buch eignet sich besonders dafür, die im ersten Teil angeführten Argumente in einer geschlossenen Theorie zu ergänzen. Die meisten anderen Fachbücher dieses Themas befassen sich mit komplizierten Theorien, ausgedrückt in Variablen und nur begrenzten Anwendungsbreichen. Die Basis des Buches Offen gesagt! ist sehr breit angelegt. Die Autoren lassen Ansätze aus mehreren Disziplinen einfließen, mit denen sie während ihrer langjährigen Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Harvard Universität sowie während ihrer Beratungen in Politik und Wirtschaft arbeiteten: Die Ansätze stammen aus der Kommunikations-, Gesprächs- oder Familientherapie, der Sozialpsychologie sowie aus Bereichen der Verhandlung, Mediation und Recht. Offen gesagt! eignet sich auch deshalb für die Analyse der Provinciales, da hier die Kommunikation auf drei Ebenen stattfindet: Zwischen Montalte und dem Jesuiten-Pater, Montalte und seinem Briefempfänger sowie zwischen Pascal und dem Leser.

Im Bereich des Schrifttums stellen die Provinciales insofern etwas Neues dar, als hier erstmalig der Streit zwischen theologischen Parteien (Jansenisten und Jesuiten) in der Öffentlichkeit erörtert und bewusst das Laienpublikum angesprochen wurde. Ein weiteres Phänomen der Provinciales ist, dass sich zur Zeit Pascals zwar alle Schriftsteller in irgend einer Form mit dem Jansenismus auseinandergesetzt haben, aber dass laut Eduard von Jan Pascal der einzige war, der ihre Lehre restlos bejahte und ihr die Form gegeben hat, in der sie heute lebendig ist.[2] Julien-Eymard d’Angers reduziert diese Aussage: „Pascal est, en effet, je ne dis pas un janséniste, mais un homme de Port-Royal.»[3] Diese Behauptungen sprechen für die oben genannte These, erweitern sie sogar, nämlich darin, dass Pascal im Auftrag anderer handelte und nicht aus eigenem Antrieb. Diese Annahme soll im Schlusswort geprüft werden und kurz darauf eingegangen werden, ob Pascal sein Ziel, den Leser von der Jesuitenlehre abzubringen, erreicht hat.

2 Hauptteil eins: Beweise aus den Provinciales

2.1 Prägung der Provinciales durch den Autor

Viele Phänomene eines Werkes lassen sich leichter einordnen, wenn man die Lebensgeschichte und Denkweisen des Autors zurate zieht. Betrachtet man schließlich noch die Entstehungsgeschichte des Werkes, lassen sich hieraus viele Rückschlüsse auf die Intention ziehen, die den Autor zum Schreiben bewegt hat. Relevant für die Provinciales ist, ob Blaise Pascal im Streit zwischen den Jesuiten und Jansenisten Partei ergriffen hat und wer ihn beim Verfassen der Provinciales beeinflusste.

a Pascal vertritt die Jansenistenlehre

„Ce qui fait la faiblesse des Provinciales, c’est ce qu’on y trouve de trop personnel à Pascal et aux jansénistes.“[4] Diese Beurteilung Félix Hémons zur Frage der Voreingenommenheit Pascals teilen alle Autoren der hier verwendeten Sekundärliteratur und lässt sich auch in mehreren Stellungnahmen Pascals finden.

Sein Glaube an die Jansenistenlehre ist ihm jedoch nicht anerzogen worden, sondern entwickelte sich vielmehr aus Folgen von schicksalhaften Ereignissen, in denen Pascal oder ihm nahe stehenden Verwandten von den Jansenisten geholfen wurde: Als der Vater von Blaise, Etienne Pascal, im Januar 1646 einen Oberschenkelbruch erlitt, suchte er Hilfe bei Monsieur de la Bouteillerie und Monsieur des Landes, zwei überzeugten Jansenisten, die Gott und ihren Nächsten dienen wollten. Die beiden verbrachten einige Zeit in der Familie Pascal und motivierten sie dazu, religiöse Schriften zu lesen, darunter Le Discours sur la réformation de l’homme intérieur von Jansenius, De la fréquente communion von Arnauld (dessen Familie den Pascals seit 1631 bekannt war) und einige Werke von Saint-Cyran.[5] Und es war der junge Blaise, der seine Schwester Jacqueline schließlich von der „Wahrhaftigkeit“ dieses Ordens überzeugte, obwohl sie der Religion eher misstrauisch gegenüberstand. Seitdem ließ der Jansenismus Pascal und später auch seine Schwester Jacqueline nicht mehr los: Als letztere schließlich 1648 daran dachte, Nonne im Kloster Port Royal zu werden, ihr Vater sich jedoch dagegen aussprach, schrieben sie und ihr Bruder der mère Agnes regelmäßig Briefe. Pascal las weiterhin die Werke von Port-Royal und seinen Gegnern.

Als Blaise Pascal im Jahre 1654 eine Depression heimsuchte, wandte er sich an seine Schwester Jacqueline und erzählte ihr von seinem Kummer, seiner Abneigung gegen alle weltlichen Dinge, die ihn früher erfreut hatten. Jacqueline sprach darüber mit Madame Périer und bald bemühte sich Port-Royal um die Unterstützung des angesehenen Pascal, denn die Ideen des Jansenius waren hart umstritten. Ein „mystisches Erlebnis“[6] in der Nacht des 23. November brachte Pascal die Erleuchtung: Nachdem er im Port-Royal Monsieur Singlin gehört und in seinen Worten verblüffende Ähnlichkeit mit seiner Situation erkannt hatte, hatte Pascal Feuer gefangen.[7] Der Jansenismus schien für ihn der richtige Weg zu einem friedlichen Leben zu sein. Er unterzog sich härtester Askese, nahm in Port-Royal ein kleines Zimmer und genoss, ohne seine Unabhängigkeit zu verlieren, die ruhige Umgebung. Der Weg für die Provinciales war geebnet: „Retiré à Port-Royal pour y vivre dans le recueillement et le silence, il s’y vit tout à coup engagé dans l’une des luttes les plus solennelles et les plus ardentes qui aient agité les esprits des hommes.»[8]

So erschien am 14. Januar 1656 der erste Brief der Provinciales, der ein großer Erfolg wurde. Im Gegensatz zu Arnauld war es Pascal gelungen, die Geister seiner Zeit aufzurütteln und eine neue lebhafte Diskussion zu provozieren. Denn das Problem der Jansenisten bestand zur Zeit des Zensurverfahrens gegen Arnauld durchaus nicht darin, dass sie sich nicht an die Öffentlichkeit gewandt hätten, sondern es fehlte an einer geeigneten Form des Schreibens, um sich über die ihnen ohnehin gewogenen Kreise hinaus Gehör zu verschaffen.

Im selben Jahr geschah mit Pascals 10-jähriger Nichte Marguerite Périer, die Port-Royal zur Erziehung anvertraut war, ein Wunder: Marguerite litt (kurz vor Pascals Fassung des sechsten Briefes) seit zwei Jahren an einem unheilbaren Abszess zwischen Auge und Nase. Zu dieser Zeit war eine Reliquie in der Kirche von Port-Royal ausgestellt: ein Dorn aus dem Dornenkranz Jesu. Mit diesem berührte man Marguerites Gesicht, und der Abszess verschwand. Mehrere Ärzte, die den Fall untersuchten, konnten sich die Heilung nicht auf natürliche Weise erklären. Dieses Erlebnis trug von Seiten Pascals nicht nur zu einer dankbaren, sondern auch wohlwollenden Haltung gegenüber den Jansenisten bei.

Pascal selbst stellte in seiner Rechtfertigung der ersten zehn Briefe im elften eindeutig seine Verachtung für die Jesuiten dar. Man könne sich nur über Escobar lustig machen und die Lehren anderer Autoren seien „si fantasques et si peu chrétiennes», dass man nur darüber lachen könne.[9] In weiteren Briefen bezeichnete er die Schriften der Jesuiten als „une bouffonnerie impertinente“ und gab an, dass er die Wahrheit verteidige, die Jesuiten jedoch nur Gewalt entgegen zu setzen hätten. Trotzdem wurden seine Provinciales von Rom als Ketzerei verurteilt. Als man Pascal ein Jahr vor seinem Tode fragte, ob er es bereue, diese Briefe geschrieben zu haben, antwortete er, dass er sie nun sogar noch härter formulieren würde.[10] So warnt Félix Hémon:

Quand on lit les lettres... il faut prendre garde que le charme piquant du dialogue nous fasse perdre de vue le caractère même de Pascal, qui s’y révèle malgré le soin qu’il prend de se voiler, et qui donne aux pages les plus légères une singulière unité de ton et de doctrine.[11]

Zur Folge hat dies für den Leser, dass er das ganze Geschehen aus dem Blickwinkel eines Menschen sieht, der bereits Partei ergriffen hat. Sich davon zu distanzieren, ist schon allein deshalb schwer, weil die Meinung der Gegenpartei stark ins Lächerliche gezogen wird.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich Blaise Pascal auf die Seite Arnaulds stellte und sich mit seinen Provinciales zum Ziel setzte, ihn wegen der an der Sorbonne diskutierten Zensurierung von Arnaulds Auffassung der Gnadenlehre mit einem Buch zu unterstützen. Dies gelang ihm besonders gut durch seine „rhétorique pascalienne“, die nach Albert Béguin darin besteht, überzeugen zu können und Vergnügen daran zu haben „de bien placer la balle“[12].

Zu der Frage jedoch, ob Pascal sich völlig von der Meinung der Jansenisten vereinnahmen ließ, gibt es verschiedene Positionen. Emile Boutroux stellt Pascals Motive zum Schreiben der „Provinciales“ als Entwicklung dar: „Pascal s’est peu à peu passionné pour une œuvre où il ne voyait d’abord qu’une occasion de servir ses amis. Maintenant il veut tout dire, il veut tout faire pour briser un pouvoir qu’il juge fatal à l’Eglise.»[13]

Pascal selbst sah es nicht gerne, wenn man ihn als Sprachrohr der Jansenisten bezeichnete.[14] Ihm war es wichtig, seine Unabhängigkeit und seinen eigenen Glauben zu unterstreichen: „Je ne suis pas de Port-Royal, répond Pascal Je suis seul, je n’ai d’attache sur la terre qu’à la sainte Egilise catholique, apostolique et romaine.“[15] Selbst in den letzten Stunden seines Lebens, von entsetzlichen Schmerzen gepeinigt, dachte Pascal an nichts anderes als die Beichte und Hilfe an seinen Nächsten.[16] Seine Frömmigkeit kam also von Herzen und war kein Gelegenheitsprodukt zum Zeitpunkt der Provinciales.

b Pascals Provinciales als „œuvre de circonstance“

Die Niederschreibung der Provinciales hatte mehrere Ursachen: Einmal die Zensur gegen l’Augustinus in Rom von den Päpsten Urbain VIII (1641), Innocent X (1653), und Alexandre VII (1656) sowie die Zensur gegen Arnauld von der Sorbonne (1656).[17] Kurz bevor die Sorbonne ihr Urteil über Arnauld fällte, traf sich dieser mit ein paar Freunden, um ihnen eine neue Schrift vorzustellen, die seine Lehre begründen sollte. Als jedoch niemand applaudierte, gab Arnauld zu, dass der trockene Stil wohl nicht überzeugend wirke. Daraufhin wandte er sich verzweifelt mit folgenden Worten an Blaise Pascal: „Mais vous, qui êtes jeune, vous devriez faire quelque chose.“[18], woraufhin Pascal mit großem Eifer ans Werk ging. Ewald Wasmuth wirft ihm sogar vor, über sein Ziel hinausgeschossen zu sein: „Pascal war in seinen Angriffen gegen die Jesuiten nicht gerecht, seine Leidenschaft ließ ihn das Maß verlieren, der Wille, über den Gegner zu triumphieren.“[19] Jedoch tut man Pascal unrecht, behauptet man, das einzige Ziel der Provinciales sei es gewesen, seinen Freunden einen Gefallen zu tun. Denn Pascal beschrieb nicht nur die Überzeugung seiner Freunde, sondern diese war auch seine eigene und zwar schon bevor man ihn um seine Hilfe gebeten hatte. So waren etwa die Erleichterungen der Glaubenspraxis, die die Jesuiten ihren Anhängern boten, nicht nach Pascals Geschmack: „Pascal est aussi un homme à l’esprit droit et un écrivain au goût sévère; il ne peut donc que détester une morale oblique, un style sans franchise et sans virilité.“[20] Schließlich riskierte er mit dem Verfassen der Briefe nicht nur seinen guten Ruf, sondern auch seine Freiheit. Er riskierte, in die Bastille geworfen zu werden.

Dieses Opfer zeigt Pascals großes Engagement für eine „gute Sache“. Jean Mesnard bemerkt im Zusammenhang mit der Entstehung der Provinciales: „Quant à y retrouver l’âme de Pascal et l’évolution de sa vie intérieure, il semble qu’on n’y ait guère songé.»[21]

c Die Argumente stammen größtenteils von den Jansenisten

«Avant d’analyser la série des Provinciales, il importe d’en signaler quelques caractères essentiels. Œuvre collective, elles sont le fruit de la collaboration entre Pascal, Arnauld et Nicole.»[22] Noch jansenistischer und noch aggressiver gegen die Jesuiten werden Montaltes Argumente durch die Tatsache, dass sie ihm von Vertretern der Jansenisten in den Mund gelegt wurden. Namentlich sind hier Antoine Arnauld und Pierre Nicole zu nennen. Karl August Ott schreibt hierzu: „... und auch der Standpunkt, den Pascal so überzeugend vertritt, war ebenso wenig die Frucht seines eigenen Nachdenkens, sondern der, den seine jansenistischen Mitstreiter in dieser Kontroverse schon seit Jahren vertreten hatten.“[23] Bayet wird sogar noch deutlicher. Er bescheinigt Pascal zwar eine hohe literarische Begabung, glaubt aber, dass ihn die theologischen Themen überforderten, da ihm die nötige Bildung fehle.[24] Diese „Hilfe“ der Jansenisten ist nicht verwunderlich, hatten sie doch Pascal zum Schreiben dieses Buches überredet. Außerdem fehlten Pascal eine theologische Ausbildung und das damit verbundene Fachwissen. Pascal selbst sagte dazu, dass er sich zwar die Beispiele haben geben lassen, aber alle relevanten Textstellen gründlich durchgelesen habe. Angesichts von Pascals brillantem Logikverständnis und seiner hohen Intelligenz fällt es schwer, ihm jegliche angemessene Beurteilung der Streitpunkte abzusprechen.

2.2 Prägung der Provinciales durch ihre Struktur

Der Aufbau des Buches soll deshalb mit in die Beweisführung eingebracht werden, da der Handlungsspielraum ausschließlich von den beteiligten Individuen bestimmt wird.[25] Mit bestimmten Typen von Texten oder Textsorten werden ganz spezifische Intentionen verknüpft, das heißt, dass ein Sprecher, wenn er einen bestimmten Texttyp verwendet, eine ganz bestimmte Intention verfolgt.[26] Hier soll der Rahmen dargestellt werden, in dem sich der Briefeschreiber Louis de Montalte bewegt sowie seine Grundeinstellung, mit der er die Gespräche mit dem Jesuiten-Père angeht und wie er sie abbricht.

a Das Buch besteht aus einer Sammlung von Briefen

Charakteristisch für Briefe ist die ausschließlich subjektive Darstellung von Geschehnissen. Douglas und Co sprechen in diesem Zusammenhang von den „eigenen Geschichten“, die sie während ihrer Arbeit mit Konfliktfällen immer wieder zu hören bekommen. Die Beteiligten erzählen von demselben Geschehen meist völlig unterschiedliche Versionen. Dass dabei wichtige Punkte unter den Tisch fallen oder bestimmte Meinungen falsch aufgefasst werden, ist nicht ungewöhnlich. Durch das Fehlen eines dem Geschehen neutral gegenüberstehenden Beobachters wird somit eine objektive Sichtweise des Lesers zusätzlich erschwert. Karl August Ott beklagt:

„Pascal spricht hier nicht als ein über der Sache stehender Richter, der ihr Für und Wider im Namen der Gerechtigkeit zu erwägen sucht, und auch nicht als ein Denker, der in Namen der Wahrheit Licht in eine verworrene Angelegenheit bringen will.“[27]

Jedoch hat der Briefaufbau der Provinciales zur Folge, dass sich plötzlich auch Menschen ohne großes Hintergrundwissen für die Debatte zwischen Jansenisten und Jesuiten interessieren. Es spricht für sich, dass die zahlreichen Schriften Arnaulds und seiner Gegner heute in Vergessenheit geraten sind. Félix Hémon kommentiert Pascals Stil mit den lobenden Worten: „Il échappe à la sécheresse, grâce à la fécondité naturelle d’une imagination qui tantôt donne au dialogue le movement de la vie… Ce que les formes abstraites du raisonnement auraient eu plus de peine à faire comprendre.»[28]

b Verfasser der Briefe ist ausschließlich Louis de Montalte

Nicht nur die Gliederung der Provinciales in Briefe, sondern auch der alleinige Briefautor schränken den Blickwinkel des Lesers doppelt ein: Montalte, der sich später unverkennbar auf die Seite der Jansenisten schlägt, ist der einzige Berichterstatter. Die Sicht der Jesuiten wird also von jemandem dargestellt, der ihren Glauben irrsinnig, widersprüchlich und unlogisch findet. Arne Hess empfiehlt jedoch für die Anerkennung eines Gegenargumentes die „Einerseits-aber-andererseits-Haltung“[29], von der man in den Provinciales nichts Gleichwertiges findet. Hartmut Stenzel und Renate Baader bemerken hierzu:

Es ist allerdings sogleich hervorzuheben, dass hier auch in den folgenden Provinciales eine Perspektive aufgebaut wird, die in wesentlichen Elementen die vorausgehenden Auseinandersetzungen, die der Brief wiedergibt und in die er eingreift, höchst selektiv und einseitig darstellt.[30]

Margret Langenmayr weist auf mögliche Folgen einer einseitigen Kommunikation hin: „Wie bei jedem Sinnverstehensprozess ist der Zuhörer am Prozess der Sinnkonstitution mitbeteiligt, das heißt, er verändert unter Umständen die Information, die er sich aneignet.“[31]

[...]


[1] Techtmeier: „Die Kommunikative Adäquatheit“ in: Zentralinstitut für Sprachwissenschaft Berlin (Hrsg.): Normen in der sprachlichen Kommunikation, S. 103

[2] von Jan: Französische Literaturgeschichte in Grundzügen. S. 114

[3] d’Angers: «Pascal et ses précurseurs» in Heess: Blaise Pascal, S. 147

[4] Hémon: Pascal. S. 51

[5] Boutroux: Pascal, S. 20 und 21

[6] von Jan: Französische Literaturgeschichte in Grundzügen. S. 115

[7] Nicht umsonst spricht man von einer „nuit de feu“.

[8] Boutroux: Pascal. S. 102

[9] Pascal: Les Provinciales. Le Guern (Hrsg). Elfter Brief, S. 172 und 173

[10] Boutroux: Pascal. S. 137

[11] Hémon: Pascal. S. 33

[12] Béguin: Pascal par lui-même. S. 11

[13] Boutroux: Pascal. S. 122

[14] So spricht Winfried Engler in der Geschichte der französischen Literatur im Überblick von „Pascals Jansenismus“, S. 435; im Lexikon der französischen Literatur vom „Parteigänger der Jansenisten“, S. 694

[15] Boutroux: Pascal, S. 134

[16] Cresson: Pascal. Sa vie, son œuvre, sa philosophie. S. 25 ff

[17] Hémon: Pascal. S. 5 und 6

[18] Hémon: Pascal. S. 67

[19] Wasmuth: Der unbekannte Pascal. S. 126ff

[20] Hémon: Pascal. S. 34

[21] Mesnard: Pascal. L’homme et l’ œ uvre. S. 68

[22] Mesnard: Pascal. L’homme et l’œuvre. S. 76

[23] Pascal: Les Provinciales. Ott (Hrsg.). S. 19

[24] Bayet: Les Provinciales de Pascal. S. 90

[25] Lerg : Das Gespräch. S. 23

[26] Hennig/Huth: Kommunikation als Problem der Linguistik. S. 40

[27] Pascal: Les Provinciales. Ott (Hrsg.). S. 23

[28] Hémon: Pascal. S. 62

[29] Naess: Kommunikation und Argumentation. S. 161

[30] Stenzel : 17. Jahrhundert: Roman. Fabel. Maxime. Brief. S. 120

[31] Langenmayr: Sprachliche Kommunikation. S. 98

Details

Seiten
38
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638144803
ISBN (Buch)
9783638639767
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7130
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Kampf Port-Royal Pascal Provinciales Jansenisten Hauptseminar Moralistik

Autor

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