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Analyse von Theodor Fontanes Berichten über das Reisen in Frankreich in seinem Buch 'Aus den Tagen der Okkupation'

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Romanistik - Französisch - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I) EINLEITUNG - Fontane: über den Autor, sein Werk und die historische Situation

II) HAUPTTEIL: Fontane über die deutsch-französischen Beziehungen
1.) Das Land Frankreich
2.) Das französische Volk
3.) Das deutsche Volk
3.) Kriegsschilderungen

SCHLUSS

LITERATURVERZEICHNIS

I) EINLEITUNG - Fontane: über den Autor, sein Werk und die historische Situation

Die Quintessenz des Buches „Aus den Tagen der Okkupation“ stammt von Fontanes Mitreisenden Herrn Fischer, der dem Autor „aus der Seele spricht“: „Das Reisen hat seine Gefahren wie alles andere; wer sie nicht mit in den Kauf nehmen will, muss zu Hause bleiben oder die große Linie halten. Alles Beste aber, wie überall im Leben, liegt jenseits der großen Straße“ (18). Fontanes Neugier und das Interesse für historische Ereignisse, Kriege im Besonderen, sind der Entstehungsgrund seiner Kriegsbücher.

Theodor Fontane (1819-1898) ist durch seine großen realistischen Romane, seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, und auch als Theaterkritiker und Journalist bekannt geworden. Dank seiner umfangreichen Korrespondenz (über 10 000 Briefe) ist die Erinnerung an ihn noch heute lebendig. Sein Leben und Werk spiegeln ein ganzes Jahrhundert; epochengeschichtlich gesehen zählt Fontane zu den bedeutenden Realisten der europäischen Literatur[1] und hat den Realismus des Wilhelminischen Kaiserreiches[2] entscheidend geprägt. Fast gänzlich vergessen aber sind seine Kriegsbücher sowie die Ergebnisse seiner Frankreichreisen, „Kriegsgefangen“ und „Aus den Tagen der Okkupation“, die literaturwissenschaftlich kaum wahrgenommen werden.

Eigentlich wollte Fontane schon im Herbst 1870 nach Frankreich reisen, um hinterher für den Deckerschen Verlag über die Kriegsschauplätze zu berichten. Doch anstatt für das geplante Buch recherchieren zu können, wird er als vermeintlicher Spion festgenommen, entgeht nur knapp der standrechtlichen Erschießung und wird auf die Atlantikinsel Oléron gebracht. Über diese Erlebnisse berichtet Fontane in seinem Buch „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“, das im Februar 1871 erscheint.

Als er erneut nach Frankreich reisen will, hat sich die politische Lage entscheidend verändert: Nach dem siegreichen Vorrückens der deutschen Armee muss Paris im Januar 1871 kapitulieren. Am 18. Januar 1871 wird im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Der Vorfriede von Versailles wird am 26. Februar unterzeichnet. Der Vertrag verlangt von Frankreich die Abtretung Elsaß-Lothringens an das geeinte Deutschland sowie fünf Milliarden Francs in Gold Kriegsentschädigung. Bis die Summe abbezahlt ist, bleiben weite Teile Frankreichs besetzt. Aus Protest gegen die Friedensbedingungen und gegen die Regierung Thiers rufen Arbeiter und Nationalgarde am 28. März in Paris die „Commune“ aus, woraufhin ein heftiger Barrikadenkampf mit der Armee der Regierung entbrennt.

Kurz nach dessen Ende reist Fontane am 9. April 1871 erneut nach Frankreich, um die verschiedenen Stationen des Feldzugs aufzusuchen. Die wichtigsten Stationen sind St. Denis, Amiens, Rouen, Sedan, Metz und Straßburg. Insgesamt ist er sechs Wochen unterwegs, vom entgültigen Friedensschluss hört er noch unterwegs. Im Herbst 1872 erscheinen in der „Vossischen Zeitung“ bereits Vorabdrücke seines Buches, das im November bei Decker in zwei Bänden erscheint.

Fontane ist ein Reisender voller Neugier. Trotz der traumatischen Kriegserlebnisse betrachtet er das französische Volk mit Wohlwollen, bescheinigt ihm sogar manchmal positivere Charakterzüge als den Preußen. Immer mit Notizblock und Bleistift zur Hand reist Fontane per Zug und Kutsche durch das besetzte Frankreich. Am meisten interessieren ihn die Kriegsschauplätze, an deren Geschichte er immer wieder ausführlich erinnert, daneben auch die Kirchen und schließlich das französische Volk selbst, über dessen Gespräche mit ihm er oft augenzwinkernd berichtet. So ist das Buch ein bunte Sammlung von Kriegsberichten, Dialogen mit Reisenden und teilweise schwärmerischen Beschreibungen Frankreichs. Gern lässt er sich zu größeren Exkursen verleiten, wenn er auf die Spuren großer französischer Persönlichkeiten trifft, etwa auf Heinrich IV, Jean-Jacques Rousseau oder der Jungfrau von Orléans.

In dieser Arbeit soll sein Bild über Deutsche und Franzosen dargestellt werden. Dazu werden Fontanes Beschreibungen über die beiden Völker, Frankreich und den Krieg 1870/71 verwendet.

II) HAUPTTEIL: Fontane über die deutsch-französischen Beziehungen

1.) Das Land Frankreich

Über die landschaftliche Beschaffenheit Frankreichs gibt vor allem dieses Zitat Auskunft: „Es gibt kein Land in West-Europa, das über einen größeren Baumreichtum verfügte, das vor allem besser kanalisiert, bewässert, berieselt wäre als Frankreich; - dennoch macht es vorwiegend den Eindruck eines Landes, dessen Landschaft jeder anmutenden Frische entbehrt. Überall Sonne, Staub“ (192). Jedoch eben dieses warme Klima genießt Fontane, der als Preuße nicht gerade von Sonnenschein verwöhnt wird (15). Seiner Meinung nach hat sich innerhalb der letzten vierzig Jahre im Nachbarland nicht viel verändert: Die Häuser sind aus Stein gebaut und gelb getüncht und die Abwesenheit des Dorfbaumes fällt ihm als Deutschen besonders auf (193). Eine Fülle von Beschreibungen widmet er den französischen Hotelzimmern, deren Einrichtungsstil er halb amüsiert, halb befremdet beschreibt. So erwähnt er etwa das Plumeau, „jenes unglückselige Halb-Bett, mit dem der norddeutsche Mensch nie Frieden schließen wird“ (15), und den Bilderschmuck, der „gänzlich gegen allen guten Geschmack“ verstößt und die Zimmer zu wahren „Chambres of horrors“ umgestalten, da sie lauter fünfte Akte allerblutigster Tragödien[3] darstellen, die ihn bis in den Schlaf verfolgen. Als bekennender Kirchenliebhaber widmet Fontane den Kirchen besondere Aufmerksamkeit, verbleibt ihnen „der Triumph über alles Schönste, Höchste und wohlverstanden auch Interessanteste“ (116). So ist es nicht verwunderlich, dass ihm Amiens, Reims und Rouen besonders gut gefallen, Rouen vor allem wegen Jeanne d’Arc. Als typisch bezeichnet er in Frankreich die zahlreichen Statuen, die jeden Ort schmücken. Humorvoll schreibt er über die Dörfer Dugny, Stains und Le Bourget: „Ich will den sehen, der imstande ist (wenn er nicht ein Studium daraus gemacht hat), sie in seiner Erinnerung auseinander zu halten. Sie scheinen alle denselben Kirchturm zu haben, der immer vorausgeht, um den Reisenden, der sich orientieren möchte, zu vexieren“ (83).

Kennzeichnend für Fontane ist die Wiedergabe seiner subjektiven Betrachtungsweise. Straßburg beschreibt er als nicht eben attraktiv: „Das Einzelne ist nicht sonderlich schön, und das Ganze ist nicht sonderlich pittoresk. Das Münster, wie ich wohl kaum hinzuzufügen brauche, ist ein Ding für sich, und nimmt eine aparte Beurteilung in Anspruch“(15). Für St. Denis hat er gar nichts übrig: „Das Gepräge der Stadt, immer mit Ausschluss seiner Kathedrale, ist so unhistorisch wie möglich und selbst zu einem Standbild, das sonst nirgends in Frankreich fehlt, hat es St. Denis nicht bringen können. Etwas Festung, etwas Fabrikstadt, etwas klösterliches Erziehungshaus, so steht es da, so wächst es, ohne seines Wachstums froh zu werden“ (64). Umso mehr fällt auf, dass er St. Denis trotzdem 40 Seiten seines Buches widmet, während seinen Lieblingsstädten Amiens und Rouen nur 30 zufallen. Hier zeigt sich die Absicht Fontanes, in seinem Buch auch Historisches einzubringen, wie im St. Denis-Kapitel die Beschreibung des Sturms auf St. Privat oder die Inbesitznahme des Mont Avron durch die Deutschen.

Sehr anschaulich versucht Fontane den Deutschen den charakteristischen Zug der Landwirtschaft von Amiens und Reims nahe zu bringen, indem er sie mit deutschen Städten vergleicht: „Wenn Reims an Mainz erinnert, wo der ganze Traubenreichtum des Rhein- und Weingaus zusammenfließt, so ist Amiens das Erfurt, der große Gemüsegarten Nordfrankreichs“ (114). Wegen ihres harmonischen Aufbaus lobt er die Kathedrale in Amiens in den höchsten Tönen, während ihm die Reimser Kathedrale als zu massig erscheint (vergl. 31 und 116).

[...]


[1] „Effi Bries“ zählt heute noch zur Weltliteratur

[2] Seine Herkunft wird er jedoch niemals vergessen und besteht auf der Aussprache seines Namens „Fontan“. Seine Vorfahren gehören väterlicher- und mütterlicherseits zu den französischen Hugenotten, die nach der 1685 erfolgten Aufhebung des Edikts von Nantes ihre französische Heimat verlassen mussten und in anderen Ländern Zuflucht fanden.

[3] „In Reims war ich der ‚Marie Antoinette auf ihrem letzten Gange’ gefolgt, in Mouy war ich Augenzeuge der ‚Ermordung des Herzogs von Guise’ gewesen; hier endlich brach es doppelt über mich herein: ‚Jane Gray’ und ‚les enfants d’Edouard’ (124).“

Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638144834
ISBN (Buch)
9783640305575
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7134
Institution / Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III – Institut d'Allemand d'Asnières
Note
13/20
Schlagworte
Theodor Fontane Tagen Okkupation Séminaire Relation

Autor

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Titel: Analyse von Theodor Fontanes Berichten über das Reisen in Frankreich in seinem Buch 'Aus den Tagen der Okkupation'