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Exegese zu Proverbien 3,13-26 - Weisheit als Lebenshilfe

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Quellenkritik

3. Literarkritik

4. Sprachanalyse

5. Gattungskritik

6. Überlieferungskritik

7. Redaktionskritik

8. Traditionskritik

9. Bestimmung des historischen Ortes

10. Rezeptionsgeschichte

11. Gesamtinterpretation

12. Hermeneutische Überlegungen

Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Das Alte Testament bildet eine Grundlage für die Dogmatik zweier Weltreligionen. Es hat vor allem den christlich-abendländischen Kulturkreis sehr geprägt. Bibeltexte und ihre Inhalte waren auch Jahrtausende nach ihrer Entstehung bedeutsamer als zeitgenössische Literatur. Dies lag daran, dass sie nicht über weltliche, sondern auch über göttliche Dinge reden. Daher wurde dem alten Testament, wie auch der gesamten Bibel, im christlichen Kulturkreis ein enorm hoher Stellenwert zugedacht.

Bis in das hohe Mittelalter (und in einigen Strömungen bis in die Gegenwart hinein) gab es dabei das Dogma der Unfehlbarkeit. Biblische Texte waren schon dadurch wahr, dass sie biblisch waren und besaßen daher eine Art primärer Wahrheitsautorität.

Die Lehre der Unfehlbarkeit der Bibel konnte spätestens ab der Aufklärung jedoch nicht gehalten werden. Kritik am Wahrheitsanspruch wird umso lauter, je mehr Widersprüche sich mit der empirisch nachvollziehbaren Welt ergeben. Will man heute beispielsweise Genesis 1-11 als historische Tatsachen darstellen, setzt man sich der Gefahr aus, gar nicht erst ernst genommen zu werden.

Das Paradigma der wörtlichen Interpretation der Bibel, insbesondere des Alten Testamentes, ist daher nicht haltbar. Dies muss jedoch nicht zwingend aufgrund des Inhaltes, sondern kann auch durch eine falsche Auslegung bedingt sein. Wenn man das Alte Testament nicht nur kulturwissenschaftlich untersuchen, sondern auch in der Gegenwart dogmatische Sätze ableiten will, ist eine andere Auslegungsform erforderlich.

Als Standart der akademischen Auslegung, wenn auch nicht als einziges Paradigma, hat sich die historisch-kritische Exegese etabliert. Ein biblischer Text wird nicht nur nach inhaltlichen Aspekten befragt, sondern in seinen historischen Kontext eingeordnet. Die Intentionen des Verfassers werden aus diesem Hintergrund heraus erschlossen und sachliche Inhalte kritisch überprüft. Hierbei werden vor allem Methoden der Sprachwissenschaften, der Geschichtswissenschaften und der Archäologie genutzt. Für das Ziel der historisch-kritischen Exegese ein kurzes Zitat:

„Auslegung des Alten Testaments geschieht immer, wo überhaupt ein Verstehen der Schriften beabsichtigt ist. Wissenschaftliche Auslegung des Alten Testaments, Exegese, ist notwendig, wenn Auslegung nachvollziehbar, verstehbar gemacht werden soll oder wenn ihre Ergebnisse vermittelt werden sollen. Damit ist gleichzeitig etwas über das Ziel gesagt: Ziel der Auslegung ist als erstes immer Verstehen. Verstehen aber in der Weise des engagierten Nachvollziehens schließt immer Kritik ein“ (Wanke S. 11f).

In dieser Hausarbeit soll eine Exegese des Textabschnitts Proverbien 3,13-26 vorgenommen werden. Hierbei sollen zunächst die Schritte der Einzelexegese vollzogen werden, um schließlich zu einer Abschlussinterpretation zu gelangen. Dadurch soll es möglich sein, den Text nicht nur auf der Sachebene zu lesen, sondern die Intension des Textes verstehen zu können.

Abgerundet werden soll die Exegese durch hermeneutische Überlegungen, die den Text reflektieren und für die Gegenwart nutzbar machen wollen. Der Text soll nicht nur verstanden, sondern nun auch angewendet werden. Dabei soll auch über ihn hinausgegangen und weiterführende theologische Gedanken zu einzelnen Aspekten des Textes entwickelt werden.

2. Quellenkritik

Für die Quellenanalyse sollen folgende Übersetzungen genutzt werden: Luther 1984 (L), Einheitsübersetzung (E), Züricher Übersetzung (Z) und die Übersetzung von Buber und Rosenzweig (B).

Ein erster Unterschied zwischen den Übersetzungen wird bereits in v.13 deutlich, und zwar in der Zeitform. Während bei Luther der Mensch gelobt wird, der Weisheit „erlangt“ (L), werden sonst Vergangenheitsformen benutzt („gefunden“ (E), „fand“ (B) und „erlangt hat“ (Z)). Wenngleich man sich hier wahrscheinlich gegen Luther entscheidet, gibt es für das gewinnen der Einsicht kurz darauf zwei Versionen im Präsens („gewinnt“ in Z und L), und zwei in der Vergangenheit („gewonnen hat“ in E und „bescherte“ in B). Dies ist für den Text nicht unerheblich, da zu klären ist, ob bereits der Prozess des Erlangens von Weisheit oder erst das Besitzen gut ist. Der Kontext in v.14 zeigt jedoch, dass auch der Erwerb wertvoll ist und somit zumindest beim zweiten Wort eine Präsensform bevorzugt werden sollte.

Eine inhaltliche Abweichung findet sich in v.15. Dort ist Weisheit entweder besser als „Korallen“ (Z und B) oder besser als „Perlen“ (L und E). Dies könnte man damit erklären, dass Korallen in der abendländischen Welt nicht so bekannt waren und die Übersetzungen, die mehr Wert auf Verständlichkeit als auf Texttreue achteten, daher ein anderes wertvolles Gut aus dem Meer bevorzugten.

Der Lohn der Weisheit ist in v.17 alles andere als eindeutig. Ihre Wege sind „liebliche Wege“ (L) oder Wege der „Freude“ (E), „Wonne“ (Z) oder „Mildigkeit“ (B). In zwei Übersetzungen heißt es außerdem, ihre „Steige sind Frieden“ (L) beziehungsweise „Steige sind Friede“ (B), im Gegensatz dazu in den anderen Übersetzungen „ihre Pfade sind Wohlfahrt“ (Z) oder „ihre Pfade führen zum Glück“ (E). Die großen Abweichungen zwischen den Übersetzungen lassen auf eine unsichere Textgrundlage schließen. Man kann jedoch festhalten, dass der Lohn der Weisheit auf jeden Fall etwas Positives ist. Dies geht eher in Richtung Sicherheit (L und B) oder in Richtung Genuss (E und Z).

In v.22a weicht das Objekt in den verschiedenen Übersetzungen ebenfalls ab. Es ist „Herz“ (L), „Seele“ (B) oder ein Personalpronomen („dir“ (E) oder „dich“ (Z)). Da mit Seele oder Herz oft das Innere des Menschen gemeint ist, kann auch der ganze Mensch angesprochen werden. Daher ist auch ein Personalpronomen möglich.

Nicht ganz eindeutig ist v.25. Dort kommt „Verderben“ (L und E), „Unwetter“ (Z) oder „Verheerung“ (B) auf die „Gottlosen“ (L und Z) oder „Frevler“ (E und B). Dies hat inhaltlich aber keine sehr bedeutenden Auswirkungen, da die Begriffe zwar nicht synonym, aber doch vom Gebrauch her ähnlich sind.

Abschließend ist in v.26 nicht eindeutig, von welchem Objekt der Fuß gefangen wird. Bei Luther gibt es keins, in den anderen Übersetzungen ist es eine „Schlinge“ (E und Z) oder ein „Fangeisen“ (B). Es wird jedoch auf jeden Fall eine Art Falle gemeint sein.

3. Literarkritik

Prov. 3,13-26 ist kein einheitlicher Textabschnitt und kann auch nicht zu einer kleinen Einheit verschmolzen werden. Wo genau die Brüche liegen, ist nicht eindeutig. Es ist jedoch notwendig, das gesamte dritte Kapitel hinzuzuziehen, um zu einem besseren Ergebnis kommen zu können.

Deutlich wird, dass mit v.13 ein neuer Sinnabschnitt anfängt, in dem es ein neues Thema gibt und die Anrede von „Mein Sohn“ in v.1 und v.11 auf die dritte Person wechselt. Die Anrede „Mein Sohn“ wird in v.21 wieder aufgenommen. Es liegt somit nahe, dass vv.13-20 einen Einschub zu den Versen vv.1-12 und vv.21ff bilden.

Ob vv.13-20 zusammenhängend gesehen werden kann oder getrennt werden muss, ist umstritten. Es ist möglich, sie als zweigliedrige Einheit zu sehen: „Die Inklusion ‚Glückselig’ 13 und ‚glücklich zu preisen’ 18 begrenzt den umfangreicheren ersten Teil. Der zweite ist über Weisheit/Einsicht 19.13 fest angebunden“ (Fuhs S. 37).

Deutlich wird die Rahmung der Verse 13-18 durch das Wort ‚Glück’ und ‚glückselig’ (vgl. Baumann S. 232). Diese lässt eher die Vermutung zu, dass sie als eine Einheit zusammengestellt wurden. In v.19 kommt jedoch das Motiv Weisheit wieder vor, welches vv.13-20 auch rahmen könnte.

Inhaltlich gibt es ebenfalls Differenzen zwischen vv.13-18 und vv.19f. In vv.13-18 wird der Wert der Weisheit für den Menschen geschildert, in vv.19f geht es um die Rolle der Weisheit für die Schöpfung durch JHWH.

Es gibt also zunächst die beiden Optionen, das dritte Kapitel in die Einheiten vv.1-12; vv.13-20 und vv.21ff oder in die Einheiten vv.1-12; vv.13-18; vv.19f und vv.21ff zu teilen. Aufgrund der Rahmung durch Wortvariationen des Wortes Glück in v.13 und v.18 und aufgrund des Themenwechsels in vv.19f würde ich für die zweite Version plädieren und die kurze Texteinheit vv.19f als separate Einheit betrachten.

Doch diese Unterteilung ist nicht ganz unproblematisch, da dem Pronomen in v.21a dann ein konkretes Subjekt fehlen würde. Doch v.21 lässt sich aufgrund der wechselnden Anrede nur schlecht mit v.20 und syntaktisch auch nicht mit v.12 verbinden. Ebenso kann v.21a natürlich keine separate Einheit bilden. Daher ist eine redaktionsgeschichtliche Änderung die sinnvollste Vermutung: „Die einfachste Lösung des Problems ist, v.21b gleich an die Anrede zu stellen und den Rest von v.21a nachzustellen; das Verb aus v.21a hätte dann in ‚Umsicht und Gewandtheit’ von v.21b seine Subjekte“ (Müller S. 152).

Es gibt jedoch auch alternative Konzepte: „Eine ganz andere Sicht dieses Kapitels hat Schäfer vorgetragen. Er trennt vv.1-4 von v.5-12 und nimmt das Proömium zusammen mit vv.21-24.35 als ursprünglich zusammenhängende Lehrrede. Die übrigen Teile des Kapitels rechnet er einer ethischen (3,13-18.27-30) und einer theologischen (3,5-12.19f.25f.31-34) Ergänzung zu“ (Müller S.153). Diese Überlegung zerschlägt jedoch das ganze dritte Kapitel in winzige Einheiten. Es ist fraglich, ob man nach jedem Vers einen deutlichen Bruch ausmachen muss. Außerdem wirft dieses Konzept neue sprachanalytische Probleme auf (vgl. Müller S. 153f).[1]

Offen geblieben ist bis jetzt, wie man vv.21-26 in die Texteinheit vv.21-35 einordnen soll. Die meisten Konzepte gehen davon aus, vv.21-35 als eine Gesamteinheit zu betrachten: „321-35 Der Text ist eine in sich geschlossene Einheit. Sie lässt die Form der Instruktion erkennen. Allerdings ist die Eröffnung 21-26 ungewöhnlich breit ausgestaltet. Auf ihr liegt besonderer Nachdruck. Die Unterweisung 27-31 folgt üblichem Instruktionsstil. Die Konklusion 32-35 ist auffällig“ (Fuhs S. 39).

Nahe liegend ist somit, dass der Abschnitt vv.21-35 dem typischen Aufbau einer separaten Einheit mit Einleitung vv.21-26, Hauptteil vv.27-31 und Schluss vv.32-25 gleicht. Inhaltlich weichen die Abschnitte vv.21-26 und vv.27-35 jedoch ab. Im ersten Teil geht es darum, die Tugenden Umsicht und Besonnenheit auszubilden. Der zweite Teil mahnt zum ethischen Handeln.

Ein Unterschied des ersten Teils wird daran deutlich, dass nach der Weisung in v.21 die positiven Folgen in vv.22-26 dargestellt werden. Im Gegensatz dazu ist die Weisung in vv.27-31 um einiges länger und es werden die Unterschiede des Verhältnisses JHWHs zu den Frommen und Gottlosen sehr viel deutlicher dargestellt. Im Gegensatz zu vv.21-26 wird hier nicht nur eine Belohnung für das Befolgen der Weisung ausgestellt, sondern es wird auch gegen das Handeln gegen die Weisung gewarnt und gedroht.

Es ist somit nicht eindeutig, ob vv.21-26 mit vv.27-35 zusammen gehört oder nicht. Dies muss in der Gattungskritik erörtert werden, um zu klären, ob vv.21-26 einen langen Einstieg bilden kann oder eine eigenständige Einheit ist.

Zusammenfassend würde ich für folgendes Aufbauschema des dritten Kapitels plädieren: Die Abschnitte vv.13-18 und vv.19f sind zwei separate Abschnitte, die stilistisch mit dem restlichen Teil des Kapitels nur wenig gemeinsam haben. Die Abschnitte vv.1-12 und vv.21-35 sind jeweils separate Einheiten, haben jedoch einen ähnlichen Stil. Sie könnten vom selben Autor stammen und gehören aus entfernter Sicht zusammen. Näheres wird im Kapitel zur Redaktionskritik erörtert.

4. Sprachanalyse

Kennzeichnend für die erste Sinneinheit ist jeweils ein Parallelismus membrorum. Dieser zieht sich von v.13 bis v.17 durch. Dies zeugt von einer poetischen Dichtung des genannten Abschnittes[2].

In v.13 ist ein Appell versteckt, Weisheit zu erlangen. Über die verschiedenen möglichen Zeitformen der Verben wurde schon in der Quellenkritik diskutiert. Entscheidet man sich in v.13b für eine Präsensform, verstärkt dies den Parallelismus, da die Preisung des Weisen dann sowohl für den Besitz als auch für den Erwerb von Weisheit gilt. Das Verb ‚gewinnt’ in v.13b hat dabei eine ähnliche Bedeutung wie ‚erlangen’ in 13a.

Die folgenden Verse machen den hohen Wert der Weisheit deutlich und begründen damit v.13. Zunächst wird die Weisheit mit kostbaren Gütern verglichen, welche die Weisheit dennoch in keiner Weise überbieten können. Die Kostbarkeiten bilden eine Antiklimax von Silber, Gold, Korallen und Kleinodien. Silber war zur damaligen Zeit am kostbarsten, danach folgte Gold als wichtigstes Tauschmittel. Korallen besaß als begehrtes Schmuckstück ebenfalls Wert. Alles übrige Wertvolle kommt ebenfalls nicht an den Wert der Weisheit heran. (vgl. Meinhold S. 80).

Vom v.13 zu v.14 und von v.14 zu v.15 gibt es jeweils einen Objektwechsel. Auch wenn sich die Pronomen schon in v.13 auf das Subjekt Weisheit beziehen, ist zunächst ist von einem Mann die Rede, der Weisheit erlangt, dann vom Erlangen der Weisheit, schließlich von der Weisheit selbst. Das Augenmerk soll somit immer mehr auf die Weisheit gerichtet werden.

[...]


[1] Diese Überlegungen basieren auf dem folgenden mir nicht vorliegenden Werk: Schäfer, R., Die Poesie der Weisen, WMANT 77, Neukirchen 1999

[2] Die Sprachanalyse basiert auf der Züricher Bibelübersetzung, es werden jedoch die Erkenntnisse der Quellenkritik berücksichtigt.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638620536
ISBN (Buch)
9783638675185
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71351
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Theologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Exegese Proverbien Weisheit Lebenshilfe Einführung Alten Testaments

Autor

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