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Das Phänomen der Dyskalkulie in Theorie und Praxis

Praktikumsbericht / -arbeit 2006 43 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (Dyskalkulie)
2.1. Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Gera/Altenburg
2.1.1. Worin sieht das ZTR seine Aufgaben?
2.1.1.1. Qualifizierte und kompetente Mitarbeiter
2.1.1.2. Klientenfreundliche Ausstattung
2.1.1.3. Beratung und Aufklärung
2.1.1.4. Qualitative Prozess - Diagnostik
2.1.1.5. Individuell abgestimmte Lerntherapien
2.1.1.6. Fortbildungen und Wissenschaftstransfer
2.1.1.7. Forschung

3 Meine Tätigkeiten während des Praktikums
3.1. Hospitationen bei Therapiestunden
3.2. Begleitung von Therapiestunden
3.3. Übernahme einer Therapiestunde
3.4. Hospitation während verschiedener Testungen

4 Was ist Dyskalkulie (Rechenschwäche)?
4.1. Mögliche Ursachen von Rechenschwäche
4.1.1. Neurologische Ursachen
4.1.2. Wahrnehmungsstörungen
4.1.3. Kognitionspsychologische Ursachen
4.1.4. Psychosoziale und emotionale Gründe
4.1.5. Schulische und didaktische Ursachen
4.1.6. Forschungsergebnisse des ZTR
4.2. Symptomatik von Rechenschwäche
4.2.1. Primärsymptomatik
4.2.2. Entstehung der Sekundärsymptomatik

5 Besondere Hürden beim Erlernen des Rechnens
5.1. Invarianzverständnis
5.2. Simultanes Erfassen
5.3. Zuordnung Zahlwort – Menge – Ziffernschreibweise und kardinaler Zahlbegriff
5.4. Ordinalzahlbegriff
5.5. Zahlzerlegung
5.6. Aufbau des Dekadischen Systems
5.7. Addition
5.8. Subtraktion
5.9. Multiplikation
5.10. Division
5.11. Konkrete Anwendung
5.12. Die einzelnen Phasen des Rechnenlernens

6 Darstellung eines qualitativen Diagnoseverfahrens zur Erkennung von Rechenschwäche und Aufbau eines qualitativen Tests nach einer Zusammenstellung des ZTR
6.1. Diagnoseerstellung nach qualitativen Verfahren
6.2. Aufbau eines qualitativen Tests
6.1.1. Pränumerik
6.2.2. Halbabstrakte und abstrakte Kenntnisse
6.1.3. Zahlendiktat/ Zählen
6.2.4. Zahlenvergleiche
6.2.5. Rechenoperationen 1. Ordnung
6.2.6. Rechenoperationen 2. Ordnung
6.2.7. Mehrstellige Zahlen
6.2.8. Sachaufgaben

7 Darstellung zusammengetragener Erkenntnisse über mathematische Bewusstseinsstrategien rechenschwacher Kinder, gewonnen durch die Beobachtung qualitativer diagnostischer Tests
7.1. Kompensationsstrategien, typische Fehler und subjektive Logiken rechenschwacher Personen
7.2. Welche Auffälligkeiten rechenschwacher Kinder konnten während der Beobachtungen festgestellt werden?
7.2.1. Bereich der Pränumerik
7.2.2. Halbabstrakte und abstrakte Kenntnisse
7.2.3. Zahlendiktat/Zählen
7.2.4. Zahlenvergleiche
7.2.5. Rechenoperation 1. Ordnung
7.2.6. Rechenoperationen 2. Ordnung
7.2.7. Mehrstellige Zahlen
7.2.8. Kopfrechnen
7.2.9. Mathematische Größen
7.2.10. Kapitänsaufgabe

8 Zusammenfassende Bewertung des Praktikums

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Internet

1 Einleitung

Eine große Anzahl von Menschen haben Schwierigkeiten im Bereich der Mathematik. Viele können sich die Ursachen nicht erklären und versuchen die Probleme durch vermehrtes Üben und zusätzlichen Nachhilfestunden zu lösen. Während meiner Zeit im Praktikum habe ich viele verzweifelte Eltern kennen gelernt, die sich mit ihrem Kind nach einem langen Leidensweg als letzte Hoffnung an das ZTR gewendet haben und sichtlich erleichtert waren, als man ihnen sagen konnte, dass ihr Kind nicht dumm oder krank ist, sondern einfach ein Wissensdefizit in Mathe hat, das durch eine individuelle Lerntherapie zu mit großer Wahrscheinlichkeit aufzulösen ist. In dieser Arbeit werde ich über meine neu gewonnenen Kenntnisse im Bereich der Rechenschwäche, der Dyskalkulietherapie und ausgeübten Tätigkeiten während meiner zehnwöchigen Praktikumszeit beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) berichten. Einleitend werde ich das ZTR Gera/Altenburg, bei dem ich das Praktikum absolviert habe, vorstellen und anschließend auf die speziellen Aufgaben wie Beratung, Diagnose, Therapie, Forschung und Fortbildung eingehen. Darauf folgt eine Darstellung meiner einzelnen Aufgaben und Tätigkeiten während meiner Praktikumszeit. Im nachfolgenden Kapitel werde ich das Krankheitsbild der Teilleistungsstörung Dyskalkulie genauer beschreiben und dabei auf Ursachen und Symptome von Rechenschwäche eingehen. Weiterführend werde ich die zu überwindenden Hürden des mathematischen Schulstoffes darstellen, die einem Schüler oftmals beim Erlernen des Rechnens Schwierigkeiten bereiten. Inhalt des sechsten Kapitels ist der Aufbau und die Zusammenstellung der zu überprüfenden mathematischen Bereiche eines qualitativen Tests, orientiert an der Vorgehensweise des ZTR. Im darauf folgenden Kapitel werde ich mich mit typischen Fehlern und Kompensationsstrategien rechenschwacher Personen auseinander setzen und diese anhand der Auswertung beobachteter diagnostischer Tests offen legen. Abschließend werde ich die Zeit als Praktikantin beim ZTR Gera/Altenburg zusammenfassen und bewerten.

2 Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (Dyskalkulie)

Die ZTR - Institute sind private und interdisziplinär arbeitende Einrichtungen zur Behandlung, Diagnose und Erforschung der Rechenschwäche. Sie kooperieren als spezialisierte Dyskalkulie – Einrichtungen bundes- und europaweit mit ähnlichen Einrichtungen, wie Fachkliniken und Universitäten. Die Niederlassungen des ZTR- Verbundes, von denen sich bisher 39 Einrichtungen auf 7 Bundesländer verteilen, sind anerkannte Träger ambulanter Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. In den ZTR – Instituten werden derzeit ca. 500 rechenschwache Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreut.

2.1. Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Gera/Altenburg

Ich habe in der Zeit vom 06.03.06 bis zum 12.05.06 ein zehnwöchiges Praktikum beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Gera/Altenburg abgelegt. Zum ZTR Gera/Altenburg werden die Einrichtungen in Gera, Altenburg, Naumburg und Jena gezählt. Mein Tätigkeitsbereich während meines Praktikums beschränkte sich aufgrund der für mich günstigeren Verkehrsanbindungen auf die Einrichtungen in Gera und Jena.

2.1.1. Worin sieht das ZTR seine Aufgaben?

2.1.1.1. Qualifizierte und kompetente Mitarbeiter

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter aus dem Team des ZTR kommen aus unterschiedlichen dyskalkulierelevanten Bereichen. Alle Mitarbeiter, in der Regel Erziehungswissenschaftler, Psychologen, Mathematiker, Neurologen, Mediziner und Mathematikdidaktiker sind in den Grundkenntnissen für die Behandlung der Rechenschwäche ausführlich geschult. Vorraussetzung für die Arbeit beim ZTR ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium in einem der benannten Bereiche und eine durchlaufene 240 Stunden Grundausbildung in Dyskalkulietheorie in den ZTR – Instituten oder in den führenden kooperierenden Dyskalkuliezentren in Deutschland. Umfassende praktische Erfahrungen und Vertiefung des theoretischen Wissens erwerben die angehenden Mitarbeiter während einer zweijährigen supervidierten Assistentenzeit. Nach Abschluss der Ausbildung zum Dyskalkulietherapeuten muss weiterhin regelmäßig an Weiterbildungen, Fortbildungszyklen, Qualitätsmanagment – Zirkeln und Fallsupervisionen teilgenommen werden.

2.1.1.2. Klientenfreundliche Ausstattung

In Gera sowie in Jena befindet sich die Niederlassung des ZTR in praxisähnlichen Räumen mit dazugehöriger Küche und sanitären Anlagen. Ziel ist es, den Klienten eine ansprechende und einladende Umgebung zu schaffen, um in einer möglichst angstfreien und offen Atmosphäre gemeinsam am Problem der Rechenschwäche arbeiten zu können. Die vorhandenen Räume, in denen je nach Plan die Lerntherapien und diagnostischen Tests durchgeführt wurden, hatten große Fenster und waren hell und freundlich eingerichtet. Dazu gehörte unter anderem je ein Tisch mit zwei Stühlen, auf denen sich Klient und Therapeut während der Sitzung bzw. Testung gegenüber saßen. Die einzelnen Regale waren mit Materialien zum Testen, Lernen, Entdecken, Spielen, Verstehen und Gestalten bestückt. Auch einzelne Pflanzen und ansprechende Bilder gehörten zum Inventar dazu. Dem Klienten bot sich eine angenehme Atmosphäre und viel Platz, um entspannt, konzentriert und abwechslungsreich lernen und arbeiten zu können. Im Warteraum wurden den Kindern Tee, Kekse, Bücher, Zeitschriften und Bausteine bereitgestellt, um sich bei längeren Elterngesprächen, vor und nach einer Therapie, bzw. Testung die Zeit angenehm vertreiben zu können. Zu dem lag für Eltern verschiedenes Informationsmaterial aus.

2.1.1.3. Beratung und Aufklärung

Eine der wichtigsten Aufgaben, die sich das ZTR gestellt hat, ist die Gesellschaft auf das Problem der Rechenschwäche aufmerksam zu machen und verantwortliche Behörden, Schulen, Psychologen, Pädagogen, Eltern und Lehrer mit dem richtigen Umgang von rechenschwachen Kindern und Betroffenen vertraut zu machen. Ein wichtiger Teil der Aufklärung ist somit die Öffentlichkeitsarbeit in Zusammenarbeit mit Elternverbänden, Elterninitiativen und vor allem den Medien. Werden Eltern bei ihrem Kind auf mathematische Probleme aufmerksam, können sie sich kostenlos telefonisch beim ZTR beraten lassen. Zudem verfügt das ZTR über eine umfangreiche Homepage, auf der man sich umfassend über Rechenschwäche, Diagnostik, Therapie, Beratung und weitere Angebote des ZTR informieren kann.

2.1.1.4. Qualitative Prozess - Diagnostik

Das ZTR bietet für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein qualitatives und altersgemäßes Testverfahren an, um ein detailliertes und umfassendes Bild über den mathematischen Bewusstseinsstand des Klienten zu bekommen und eine mögliche Rechenschwäche zu diagnostizieren. Ziel ist, von jedem Probanden ein individuelles Rechenprofil zu erstellen und aufzudecken, in welchen Bereichen die Rechenschwierigkeiten und Bruchstellen in der Mathematik vorliegen. Vor Beginn der Testung werden Kind und Eltern in einem kurzen Gespräch auf die Problematik der Rechenschwäche und den bevorstehenden Test eingewiesen und eventuelle Fragen geklärt. Anschließend wird das Kind in einem anderen Raum altersgemäß auf eine eventuelle Dyskalkulie geprüft. Nach Abschluss der Testung führt die Therapeutin ein ausführliches Auswertungs- und Beratungsgespräch mit den Eltern durch, um sie umfassend über den mathematischen Entwicklungsstand ihres Kindes und das Ergebnis des Testes zu informieren, bzw. sie im Falle einer vorhandenen Dyskalkulie bezüglich den Kosten und Aufwand einer Lerntherapie zu beraten. Um das Lernumfeld des Kindes noch besser einschätzen zu können, werden auch Gespräche mit Schulpsychologen, Erziehungsberatungsstellen, Lehrern und Ärzten durchgeführt. Auf Wunsch erhalten die Eltern einen ausführlichen schriftlichen Bericht inklusive eines Rechenschwächeprofils des Kindes als Vorlage für Schulen, Lehrer oder Behörden. Eine ausführliche Darstellung des diagnostischen Verfahrens des ZTR und des Aufbaus eines qualitativen Tests folgt in Kapitel sechs.

2.1.1.5. Individuell abgestimmte Lerntherapien

Wurde bei einem Kind oder Erwachsenen eine Dyskalkulie diagnostiziert, bietet das ZTR eine fundierte Lerntherapie zur Behebung der mathematischen Defizite an. Diese beginnt mit der Aufarbeitung des Schulstoffes der Mathematik an der mathematischen Bruchstelle des Klienten, die nicht selten schon im Vorschulbereich liegt. Stück für Stück werden dem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen die fehlenden Bausteine zum Verständnis der Mathematik näher gebracht. In der Regel finden Lerntherapien in Form von Einzeltherapien einmal in der Woche statt, wobei Eltern und Lehrer zur täglichen Unterstützung der rechenschwachen Personen in die Therapie mit einbezogen werden. Dies geschieht durch ein individuelles häuslichen Übungsprogramm und einer begleitenden Beratung der Eltern durch die zuständige Therapeutin. Für eine erfolgreiche Lerntherapie ist jedoch nicht nur das Aufbauen des mathematischen Wissens von Bedeutung. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist auch die Stärkung der Psyche des Kindes. Aufgrund der dauernden Niederlagen in Mathematik begreift sich das Kind bald selbst als Versager, was in häufigen Fällen zu einer ausgeprägten Sekundärsymptomatik führt (siehe Kapitel 4). Viele Therapeuten berichten von einem leichten Abklingen der sekundären Symptome sobald das Kind innerhalb der Lerntherapie die Erfahrungen macht, dass es in der Lage ist, Mathe zu begreifen und zu verstehen und somit wieder mehr Vertrauen in sich selbst bekommt. Diese Fortschritte werden in der Lerntherapie unter anderem mit Hilfe der sorgfältig ausgewählten und oftmals selbst erstellten Veranschaulichungsmittel und Materialen erreicht. Ziel der Therapie ist es, das mathematische Verständnis der Kinder soweit aufzubauen, dass sie lückenlos an den aktuellen Schulstoff anknüpfen können. Mit Schulabgängern wird der mathematische Stoff in dem Umfang erarbeitet, wie er zum Erwerb der Berufsbildungsreife notwendig ist. Die Dauer einer Therapie verläuft sich zwischen 18 und 24 Monaten.

2.1.1.6. Fortbildungen und Wissenschaftstransfer

Das ZTR bietet in Zusammenarbeit mit pädagogischen Fortbildungsinstituten der Bundesländer für Lehrer, Sonderpädagogen und Schulpsychologen Vorträge und Fortbildungen zum Thema Rechenschwäche an. Dort können sich Lehrer und Pädagogen umfangreich über Ursachen, Genese, Symptomatik, Diagnostik, Prävalenz und Komorbiditäten von Rechenschwäche informieren und in Früherkennung von Dyskalkulie geschult werden. Dafür bietet das ZTR im Rahmen schulinterner und schulübergreifender Fortbildungen Kurse an, in denen man die Handhabung der ZTR - eigenen Rechentest erlernen und einstudieren kann. Speziell für Grundschullehrer gibt es ein zusätzliches Fortbildungsangebot im Bereich der Prävention von Rechenschwäche im Erstklassen – Unterricht sowie für Lehrer der Sekundarstufe im Bereich der Interventionsmöglichkeiten im sekundären Schulbereich. Durch diese Weiterbildungsangebote und die Zusammenarbeit mit Schulen, Berufsbildungsträgern, Kliniken und Behörden werden wichtige Erkenntnisse aus Forschung und Praxisalltag zum Thema Dyskalkulie immer wieder neu weitergegeben und ausgetauscht, was zum Aufbau eines stabilen Netzwerkes zur Bekämpfung von Rechenschwäche beitragen soll. Eines der jüngsten Projekte im Bereich der Weiterbildung ist in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Seminar mit dem Titel „Diagnostik und Therapie von Rechenschwäche (Dyskalkulie)“, an dem Studenten der Uni Jena unter Vorraussetzung eines abgeschlossenen Grundstudiums teilnehmen können. Mit der Durchführung einer eigenen Testung und anschließenden schriftlichen Berichterstattung kann ein Zertifikat zur Diagnostik von Rechenschwäche erworben werden. Durch diese Veranstaltung, die auch im kommenden Wintersemester weitergeführt wird, trägt das ZTR zur Sicherung und Verbreitung von Kenntnissen im Umgang mit Dyskalkulie bei.

2.1.1.7. Forschung

Der ZTR - Verbund führt im Bezug zur Problematik Rechenschwäche zahlreiche Forschungsprojekte durch. Dazu gehören Projekte im Bereich der Prävalenz - Forschung, der Präventions – Forschung und Forschungen zur Entwicklung förderdiagnostischer Tests zur Unterrichtbegleitung und zu standardisierten, qualitativen Screening – Methoden. Weiterhin gibt es Projekte zur Therapie – Begleitforschung, Pilotstudien zur Erwachsenen – Dyskalkulie sowie Komorbiditätsstudien zu Vorerkrankungen und Begleitsyndromen bei Rechenschwäche. Auch der Bereich der Testentwicklung und Evaluation und die Entwicklung EDV-gestützter Interventionsformen sind aktuelle Forschungsschwerpunkte des ZTR.

3 Meine Tätigkeiten während des Praktikums

Während meines Praktikums konnte ich einen ausführlichen Einblick in die Thematik, die Therapie und Diagnostik von Rechenschwäche bekommen. Ich konnte sowohl bei Lerntherapien als auch bei verschiedenen Testungen hospitieren und interessante Kenntnisse im Umgang mit rechenschwachen Kindern gewinnen. Der typische Ablauf einer Woche während meines Praktikums war die abwechselnde Teilnahme und Hospitation an Therapiestunden und diagnostischen Tests. So verbrachte ich täglich etwa 6 Stunden beim ZTR. In der freien Zeit zwischen den Therapien und den diagnostischen Tests konnte man sich zudem ausführlich über das Problem der Rechenschwäche durch vorhandene Literatur belesen.

3.1. Hospitationen bei Therapiestunden

Ein wesentlicher Teil meines Praktikums beim ZTR waren die Hospitationen bei Lerntherapien einzelner rechenschwacher Kinder. In der ersten Woche habe ich mir in Zusammenarbeit mit den Therapeuten des ZTR einen zeitlich abgestimmten Plan aufgestellt, wo festgehalten wurde, welche Lerntherapien ich während der zehn Wochen begleiten werde. Dies war sehr wichtig, da die Lerntherapien, zu denen ich mich eingeschrieben hatte, von unterschiedlichen Therapeuten des ZTR durchgeführt wurden. Das Alter der Klienten bewegte sich zwischen 7 und 15 Jahren. Diese Lerntherapien fanden zum großen Teil in Gera im Therapiezentrum des ZTR statt.

Zu Beginn der Therapiestunden wurde ich zunächst dem Kind und den Eltern vorgestellt. Oft musste sich das Kind erst an meine Anwesenheit gewöhnen. Während der Hospitation befand ich mich mit dem Kind und der Therapeutin in einem Raum. Während die Therapeutin die Lerntherapie mit dem Kind durchführte, notierte ich mir die wesentlichen mathematisch geübten Inhalte der Stunde. Anschließend wurde die Stunde kurz bewertet und entscheidende Dinge für die nächste Stunde festgehalten. Durch die begleitende Teilnahme über mehrere Wochen ließen sich die erreichten Fortschritte des Kindes während der Lerntherapien deutlich erkennen.

3.2. Begleitung von Therapiestunden

Nach etwa vier Wochen konnte man deutlich feststellen, dass sich die Kinder aufgrund meiner ständigen Anwesenheit während der wöchentlichen Lerntherapien an meine Person gewöhnt hatten und keine Scheu zeigten, auch einzelne Übungen mit mir durchzuführen. So konnte ich mich am Ablauf der Lerntherapien zunehmend beteiligen. Vor jeder Therapie unterrichtete mich die Therapeutin in die geplanten Aufgaben, Übungen und Ziele der folgenden Therapiestunde. Wir stimmten gemeinsam die Aufteilung der zu übernehmenden Aufgaben und Übungen ab. Zum Anfang einer Therapiestunde erfolgten zunächst ein paar leichte Aufwärmübungen zur Einführung in das zu bearbeitende Thema. Diese Einführungen habe ich sehr oft übernommen, da man in dieser Phase eine lockere Atmosphäre zum Kind aufbauen kann. Da das Kind im direkten Umgang mit mir noch nicht sehr vertraut war, erwiesen sich diese Einführungen als gute Gelegenheit zur Annäherung. Mit der Zeit konnte ich aufgrund meiner gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen wesentliche Teile einer Therapiestunde übernehmen.

3.3. Übernahme einer Therapiestunde

Nach ausreichenden Hospitationsstunden und Begleitungen von Lerntherapien habe ich eine komplette Therapiestunde eines bisher in den Lerntherapien begleiteten 10 jährigen Kindes selbst übernommen. Im Vorfeld der Stunde habe ich mit der Therapeutin die Ziele, Aufgaben und Übungen abgeklärt und notwendige Materialien bereitgestellt. Das Thema der Therapiestunde war die Übung der schriftlichen Addition sowie die Einführung der schriftlichen Subtraktion mit Übertrag. Die Stunde gliederte sich in einen Einführungsteil, einen Hauptteil und einen Schluss. Zur Einführung hatte das Kind die Aufgabe, Kärtchen, auf denen die Namen der Rechenoperationen, die jeweils dazu gehörigen Aufgaben, die Bezeichnungen der einzelnen Bestanteile der Operationen und die Operationszeichen zu finden waren, einander zuzuordnen und zu benennen. Im Hauptteil der Therapiestunde übte ich mit dem Kind die schriftliche Addition sowie die schriftliche Subtraktion mit Übertrag. Dazu hatte ich von der Therapeutin ein Übungsblatt gestellt bekommen, auf dem bereits vorgefertigte Aufgaben standen. Diese ging ich Schritt für Schritt mit dem Kind durch und versicherte mich immer wieder, ob das Kind meinen Erklärungen folgen konnte. Das Ziel der Stunde war das alleinige Lösen und Verstehen der Aufgaben durch das Kind. Zum Abschluss spielten wir noch ein Spiel zu Auflockerung. Die Therapeutin begleitete mich und das Kind während der Therapiestunde und wertete diese und meine Arbeit im Anschluss mit mir aus.

3.4. Hospitation während verschiedener Testungen

Während meines Praktikums beim ZTR hatte ich die Möglichkeit, bei verschiedenen diagnostischen Tests zu hospitieren. Auch in diesem Fall wurde man zuerst dem Kind und den Eltern vorgestellt. Anschließend setzte ich mich ein wenig abseits von Kind und Therapeutin, um das Kind in der ungewohnten Situation nicht zusätzlich zu verunsichern. Während die Therapeutin das Kind auf eine eventuelle Rechenschwäche prüfte, notierte ich mir beim Lösen der Aufgaben durch das Kind Auffälligkeiten und Abweichungen vom mathematischen Sachlogischen. Außerdem achtete ich auf Mimik, Gestik, Verhalten und Stimme des Kindes, da dies ebenso entscheidende Indikatoren zur Bestimmung einer Rechenschwäche sein können. Anschließend wertete ich den Test und meine Aufzeichnungen mit der Therapeutin kurz aus.

4 Was ist Dyskalkulie (Rechenschwäche)?

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte „Internationale Klassifikation psychischer Störungen“ (ICD10) definiert Dyskalkulie folgendermaßen: „Rechenschwäche ist eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft die grundlegenden Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, […].“ Aus therapeutischer Sicht spricht das ZTR von Rechenschwäche bei einem definierten Ausfall im mathematischen Lernprozess. Fundamentales Wissen aus der Arithmetik, welches normalerweise im Vorschulalter erworben wird, konnten die Betroffenen aus verschiedensten Gründen nicht aufnehmen. Somit konnte sich der Mengen- und Zahlbegriff oft nicht ausbilden und sich wesentliche Grundlagen des mathematischen Denkens nicht oder nur unzureichend entwickeln. Darauf aufbauende Gedanken der Mathematik konnten aufgrund des hierarchisch angelegten mathematischen Schulstoffes nicht mehr verstanden werden. Deshalb stellen sich die Betroffenen meist eine eigene falsche Logik auf, um sich mathematische Sachverhalte zu erschließen. Daraus resultieren subjektive Fehlerstrategien, die oft ohne Verständnis zum Lösen der Aufgaben angewendet werden und häufig zum falschen Ergebnis führen. Das ständige Scheitern im Fach Mathematik und die Zunehmende Ausgrenzung in alltäglichen Bereichen durch mangelndes Zahlenverständnis führt oft zur sozialen Isolation und einer ausgeprägten Sekundärsymptomatik des Betroffenen.

4.1. Mögliche Ursachen von Rechenschwäche

Mit der Zeit haben sich zur Klärung der Ursache von Rechenschwäche unterschiedliche Theorien herausgebildet. Man findet sowohl Ansätze, die die Ursachen bei verschiedenen Defiziten des Kindes selbst suchen als auch Theorien, nach denen die Ursache in ungünstigen Umweltbedingungen und Lebenslagen des Kindes zu sehen ist. Ein Ansatz geht auch von der Überlagerung der möglichen Ursachenfelder und somit von einer multikausalen Lernstörung aus. Im meinen folgenden Ausführungen werde ich einige dieser Theorien vorstellen.

4.1.1. Neurologische Ursachen

Vielen Rechenschwächen liegen angeborene funktionelle Störungen im Kind zu Grunde (Vgl. Schwarz, 1999, S.23). Schwarz zählt dazu einerseits die genetisch bedingten als auch die perinatal erworbenen Ursachen bzw. Entwicklungen im Entwicklungsprozess des Kindes. Zu den Auslösern dieser organischen Ursachen zählt sie:

- Erbanlagen
- Alkoholismus, Medikamenten- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft
- Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft
- Sauerstoffmangel während der Geburt
- fieberhafte Erkrankungen im frühen Kindesalter
- eine frühkindliche leichte Hirnschädigung (MCD)

Dagegen hält Röhrig (1996, S. 141) eine MCD als Ursache einer Dyskalkulie für ausgeschlossen. Er schreibt: „Denn wenn infolge eines Hirnschadens die Vorraussetzung jedweder geistigen Betätigung defekt ist, so wäre daraus eine spezifische mathematische Fehlleistung kaum zu erklären, weil das Denken schlechthin betroffen wäre.“.

4.1.2. Wahrnehmungsstörungen

Wichtige Vorraussetzung für das Lernen ist die uneingeschränkte Verarbeitung von Sinneseindrücken (Vgl. Krüll, 1994, S.42) Sind die Bereiche der Wahrnehmung gestört, kann das Kind die Reize aus der Umwelt gar nicht oder nur fehlerhaft verarbeiten und umsetzen, somit ist der Lernprozess erheblich gestört. In folgende Bereiche kann die Wahrnehmung unterteilt werden.

- Visuelle Wahrnehmung und Sehstörungen

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Details

Seiten
43
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638635424
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71378
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Phänomen Dyskalkulie Theorie Praxis Rechenschwäche

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Titel: Das Phänomen der Dyskalkulie in Theorie und Praxis