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"Put the blame on mame" - Die Darstellung der Frau im amerikanischen Film Noir am Beispiel von „Gilda“

Hausarbeit 2005 43 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Film Noir – Eine Einführung
2.2 Historische Entwicklung
2.3 Zentrale Themen
2.4 Bildsprache

3. Repräsentation von Weiblichkeit im Film noir
3.1 Das Frauenbild aus soziologisch-historischer Perspektive
3.2 Kulturhistorische und psychoanalytische Aspekte
3.3 Kategorien der Weiblichkeit
3.3.1 Die Femme fatale
3.3.2 Die Nurturing woman

4. Das Frauenbild im Film „Gilda“
4.1 Ikonographische Merkmale der Frauenfigur
4.2 Gilda – eine Femme fatale?
4.3 „Put the Blame on Mame“ – Analyse einer Schlüsselszene

5. Schlussbetrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. Einleitung

In dunklen, verlassenen Gassen spiegeln sich Straßenlaternen im nass glänzenden Asphalt. Ihr schwaches Licht wirft verzerrte Schatten auf den Boden und in düstere Treppenhäuser, in den sich seltsame Gestalten bewegen. Man kann sich sicher sein, dass hier nichts Gutes passieren wird. Das ist die Welt des Film noir - eine Welt, deren Aura nicht gerade zum Wohlfühlen einlädt. Auch „die Figuren sind mehr oder minder widerlich, besonders schrecklich die Frauen“[1], wie einst der französische Filmkritiker Jean-Pierre Chartier feststellte. Undurchsichtige Charaktere betrügen, morden und verstricken sich in kriminelle Abenteuer, während sie auf ein böses Ende zusteuern. Siegfried Krakauer umschrieb diese filmische Schwarzmalerei treffend mit den Worten: „Threatening allusions and dreadful possibilities evoke a world in which everybody is afraid of everybody else, and no one knows when or where the ultimate horror will arrive. When it does arrive it arrives unexpectedly: erupting out of the dark from time to time in a piece of unspeakable brutality“[2]. Die bedrohliche und verworrene Welt des Film noir irritiert, übt aber auch gleichzeitig eine große Faszination aus, die bis heute nicht verloren gegangen ist. Besonders faszinierend sind die Frauen – wunderschöne, jedoch unmoralische und skrupellose Verführerinnen.

Daher ist es für die vorliegende Arbeit von besonderem Interesse, die Darstellung der weiblichen Figuren im Film noir zu untersuchen. Im Folgenden werden die charakteristischen Frauenbilder porträtiert sowie ihre kennzeichnenden narrativen und visuellen Darstellungsweisen untersucht. Um den Untersuchungsgegenstand in einen theoretischen Kontext zu stellen, wird zunächst der Film noir im Allgemeinen beleuchtet. Nach einer kurzen Einführung werden sein Entwicklungsprozess sowie seine typischen Merkmale skizziert. Daran schließt sich die Betrachtung des Frauenbildes aus einer soziologisch-historischen Perspektive an. Danach werden seine kulturhistorischen und psychoanalytischen Aspekte berücksichtigt. Im folgenden Kapitel werden die zentralen Frauentypen vorgestellt, wobei der Schwerpunkt auf ihre Funktion und visuelle Gestaltung im Film gelegt wird. Im letzten Teil der Arbeit wird die Repräsentation der Frau am Beispiel von dem Film Gilda aus dem Jahr 1946 verdeutlicht. Hierfür wird nach einer kurzen Wiedergabe des Filminhalts zunächst diskutiert, welchen Frauentypus die weibliche Hauptfigur Gilda vertritt und anhand ihrer visuellen Darstellung sowie narrativen Funktion begründet. Abschließend wird eine Schlüsselszene im Detail analysiert, um ein tieferes Verständnis für die weibliche Figur herzustellen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Film Noir – Eine Einführung

In der Zeit zwischen 1940 und 1954 erlebte in den USA eine bestimmte Stilrichtung im Film ihre Blütezeit – der Film noir. Diese Filme lassen sich mit den Worten düster, mordlustig und lüstern umschreiben und werden daher auch als s chwarze Serie bezeichnet. Während ihre Produktion boomte erfuhren sie in ihrem Heimatland allerdings keine Aufmerksamkeit von zeitgenössischen Filmkritikern, sondern wurden zu zweitrangigen B-Filmen gezählt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als im Sommer 1946 mehrere solcher Filme in die europäischen Kinos kamen, wurden dort die bis dahin unbekannten finsteren Filmstoffe retrospektiv als ein bedeutender Trend im amerikanischen Kino erkannt. Der Terminus Film noir wurde von den französischen Filmkritikern Nino Frank und Jean-Pierre Chartier 1946 geprägt. In den breiten Gebrauch kam er allerdings erst nachdem 1955 die erste Studie von Raymond Bord und Étienne Chaumeton mit dem Titel Panorama du Film Noir américain erschienen ist. In der französischen Filmkritik wurde das Konzept des Film noir als neu und progressiv betrachtet. Dank dieser Auseinandersetzung erfuhr er später in den 60er Jahren seitens der folgenden Generation amerikanischer Filmemacher die ihm gebührende Anerkennung und Wertschätzung. Denn laut Paul Werner handelt es sich beim Film noir um die wahrscheinlich einzige künstlerische Bewegung aus der Wiege Hollywoods[3].

Dennoch gibt es für Film noir keine einheitliche Definition. In der Filmliteratur finden sich zahlreiche theoretische Ansätze, die ihn als Genre, als Zyklus innerhalb des Kriminalfilms oder als filmische Bewegung begreifen. Ein weiterer Ansatz versucht, ihn entlang seiner ästhetischen Merkmale zu definieren. Doch keinem dieser Versuche gelingt es, der thematischen und stilistischen Vielschichtigkeit der schwarzen Serie gerecht zu werden. Solche Filme können verschiedenen Genres zugeordnet: vom Kriminalfilm, über Thriller bis hin zum Melodrama und sogar Horrorfilm. Die Vielfalt der Schauplätze, Personen und Motive behindert eine genaue Abgrenzung von anderen Genres und die Herausarbeitung allgemeingültiger stilistischer Eigenschaften. Die typisierende Gemeinsamkeit der Filme ist eine nicht wirklich greifbare Qualität ihrer düsteren Atmosphäre, die allein zur Bildung einer Kategorie nicht ausreichend ist. Auch die Bezeichnung als movement ist problematisch, da die Regisseure eher individuell und nicht nach einem künstlerischen Manifest arbeiteten, was allerdings zur damaligen Zeit für künstlerische Bewegungen typisch war. Nach Ansicht des US-Filmwissenschaftlers Paul Schrader kann der Film noir daher am ehesten als eine Periode der amerikanischen Filmgeschichte betrachtet werden, deren Anfang um 1940 liegt und die bis Ende der 50er Jahre andauerte[4].

2.2 Historische Entwicklung

In der Entstehung des Film noir lassen sich zwei wesentliche Einflüsse verfolgen. Zum einen dienten Kriminalromane der so genannten Hard-boiled writers` school als Romanvorlage für die Filmstoffe. Diese stellen eine neue Art von Literatur dar, die sich im Zuge der Großen Depression der 30er Jahre entwickelte. Die Hauptfigur der hard-boiled stories war der isolierte Held – ein lonely bird in einer dekadenten Gesellschaft, die dieser nicht akzeptiert. Die Erzählungen erklärten das Verbrechen vor einem sozialen Hintergrund, wobei der Fokus auf die Motive der Kriminellen gelegt wurde. Zu den bekanntesten Autoren zählen hier Dashiell Hammett, Raymond Chandler, James M. Cain, David Goodis und Cornell Woolrich, deren Werke als erste den Weg auf die Leinwand fanden. Hammets Der Malteser Falke wurde zum Beispiel 1941 mit dem Titel The Maltese Falcon verfilmt, ebenso wie Cains Doppelte Abfindung (Double Indemnity, 1944) und Chandlers Der tiefe Schlaf (The Big Sleep, 1946). Die charakteristischen Merkmale der Romane, wie das düstere Setting in Hinterhöfen und dunklen Gassen, sowie die „abgehackte, poetische Prosa und der pointierte Dialog“[5] haben sich in der neuen filmischen Erzählung des Film noir manifestiert.

Zum anderen nahm der deutsche Expressionismus entscheidenden Einfluss auf die künstlerische Gestaltung der Filmbilder. Zu den ästhetischen Merkmalen des expressionistischen Stummfilms, wie zum Beispiel Das Kabinett des Dr. Caligari von 1920, gehörten scharfe Gegensätze im Licht-Schatten-Einsatz, verzerrte Kameraperspektiven und symbolträchtige Bildinhalte. Durch sie wurden die Orientierungslosigkeit und soziale Missstände der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg visuell umgesetzt. Hinzu kam die Wirkung des poetischen Realismus, zu dessen bekanntesten Vertretern die französischen Regisseure Jean Vigo und Jaques Tourneur zählen.

Mit der Immigration europäischer Regisseure zur Zeit des Nationalsozialismus, darunter Otto Preminger, Robert Siodmak, Fritz Lang, Billy Wilder, Edgar G. Ulmer, Max Ophüls, Jaques Tourneur und Jean Renoir, kam ein einzigartiger visueller Stil in die amerikanische Filmindustrie. Auf diese Weise flossen die Gestaltungselemente des Expressionismus und poetischen Realismus in die Ästhetik des Film noir ein. Sie ermöglichten es, die fatalistische und psychologisch komplexe Handlung der Literaturvorlagen umzusetzen und reflektierten die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche der amerikanischen Gesellschaft um den Zweiten Weltkrieg.

2.3 Zentrale Themen

Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Instabilität und Identitätssuche in den 30er und 40er Jahren fanden der Existentialismus und die moderne Psychoanalyse zunehmend Aufmerksamkeit in den Vereinigten Staaten. Diese stießen vor allem in der oberen Mittelschicht, der auch die Filmemacher angehörten, auf großes Interesse, denn sie „propagierten eine Weltanschauung, die die Absurdität des Daseins unterstrich und die Bedeutung der Vergangenheit des Individuums für dessen Handeln in der Gegenwart herausstellte“[6]. Daher wurden die Last der Vergangenheit und der Alptraum der Vorbestimmung zu den zentralen Themen des Film noir. Eine dunkle Vergangenheit, geprägt von Trauma oder Verbrechen, verfolgt die Hauptfiguren dieser Filme, vor der sie in düster ausgeleuchtete Orte fliehen. Sie wirft einen bedrohlichen Schatten auf die Gegenwart und verdeutlicht die Unentrinnbarkeit der Vorbestimmung. Die Protagonisten bewegen sich in einer Welt, in der Ursache und Wirkung von Ereignissen unabwendbar und unabhängig von ihren Bemühungen auf ein vorausbestimmtes Ende hinauslaufen.

Zu dem narrativem Schwerpunkt gehört demzufolge die Krise einer männlichen Hauptfigur. Die Filme handeln überwiegend von Verbrechen, Verrat und schicksalhaften Verstrickungen verunsicherter und zynischer Männer, die in einer entfremdeten Welt leben. Ihre Handlungen werden vorangetrieben von Lebensdrang und Leidenschaft, Hass und Neid, Angst und Verzweiflung. Das bedeutet, die Konflikte entstehen nicht auf Grund äußerer Einflüsse, sondern aus der Psyche der Charaktere selbst. In all dem spiegeln sich die Abwesenheit moralischer Werte, die Unvorhersehbarkeit des Todes und die Bedeutungslosigkeit des Daseins wider, denen die Individuen ausgeliefert sind. Diese verdeutlichen die pessimistische Grundhaltung des Film noir. Aus diesem Grund sind die Protagonisten entwurzelte Antihelden, die in der Anonymität amerikanischer Metropolen ohne Freunde und Familie in der Orientierungslosigkeit versinken[7]. Sie prägen die Charaktere der tough guys und misfits in society, die nicht in ihr soziales Umfeld integriert sind und deren psychologisch motiviertes Verhalten beleuchtet wird. Dabei erzeugt das unausweichliche Scheitern der Hauptfiguren sowie der Einblick in ihre psychischen Abgründe eine albtraumhafte Atmosphäre, die den Film noir auszeichnet.

Diese Wirkung wird verstärkt durch die Konstruktion einer undurchsichtigen Welt voller moralisch ambivalenter Charaktere. Dementsprechend ist dir Hauptfigur nicht eindeutig gut oder böse, die Polizei korrupt und manche Kriminelle sogar sympathisch[8]. Auf diese Weise resultiert aus dem Dunkel und Chaos des Film noir ein Eindruck des Pessimismus und der allgegenwärtige Bedrohung. Passend dazu spielt sich das Geschehen in der amerikanischen Großstadt oder auch in Mexiko und Südamerika ab, die mit ihren dunklen Gassen, Fabrikhallen und Hafenkais zahlreiche Schauplätze für Verbrechen, düstere Abenteuer und gefährliche Liebesaffären bieten. Genauso wie die Beteiligten zeichnet sich das Setting durch seine Ambivalenz aus, denn es ist zugleich ein Ort der Zuflucht und des Verderbens[9].

Der Themenkomplex des Film noir weicht extrem von den Konventionen des klassischen Hollywood-Kinos ab. Hier werden die Schattenseiten der Moderne, wie individuelle und kollektive Ängste, in die filmische Erzählung transferiert und damit der Zeitgeist artikuliert. Das geschieht in Verbindung mit spezifischen ästhetischen Ausdrucksformen, die Gegenstand des folgenden Kapitels sind.

2.4 Bildsprache

Ein zentrales stilistisches Element des Film noir ist die Low-Key-Beleuchtung, die stark atmosphärische Licht-Schatten-Kontraste erzeugt. Ein Grund hierfür ist der Zeitpunkt der Handlung, die oftmals in der Nacht oder im Morgengrauen stattfindet. Aber auch bei Tageslicht spielt sich das Geschehen in innen liegenden Räumen ab, die durch Vorhänge oder Jalousien abgedunkelt gehalten werden. Der Einsatz des Stilmittels „Licht“ bricht radikal mit einer naturalistischen Ausleuchtung. Da der Film noir nicht die reale Außenwelt, sondern vielmehr die innere Welt der Charaktere darstellen will, kommen derart extreme Lichtillustrationen zum Einsatz. Typisch ist deshalb auch eine harte Ausleuchtung der Figuren von der Seite oder von hinten, die Silhouetten und Schatten produziert und auf diese Weise eine dramatische Spannung bewirkt[10].

Im Zusammenhang mit dem Licht spielt der Bildaufbau eine entscheidende Rolle. Mit dem Einsatz von Gittern, Geländern und Gebäudeelementen wird das Bild durch Strukturen und ihre Schatten in Diagonalen und Vertikalen eingeteilt, die dem Dargestellten zusätzlich einen bedrohlichen Ausdruck verleihen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Schatten von Jalousien und Torgittern, die auf das Gesicht einer Person fallen und dadurch ihr Gefangensein symbolisieren.

Im Hinblick auf die Kameraeinstellungen stellt man eine Dominanz von Großaufnahmen fest, die den Blick des Betrachters auf das Gesicht der Figuren richten. Auf diese Weise wird ihre Mimik in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gerückt und folglich ein Einblick in ihre innere Gefühlswelt gewährt. So werden beispielsweise die Bedrohlichkeit des Täters oder die nackte Angst des Opfers dem Zuschauer nahe gebracht. Daraus resultiert eine unangenehme Nähe, die dem Zuschauer ein Gefühl der Bedrängnis vermittelt.

Diese Wirkung wird mit einer niedrigen Kameraperspektive, einem weiteren typischen visuellen Merkmal, verstärkt. Sie ermöglicht dem Betrachter den Blick auf die Decken der Innenräume und erzeugt dadurch einen klaustrophobischen Effekt[11]. Darüber hinaus erhält das Dargestellte durch die Untersicht eine besondere Spannung und symbolische Bedeutung, da es auf diese Weise groß und bedeutend erscheint. Des Weiteren findet auch die erhöhte Perspektive oftmals Verwendung. Diese kann die Figuren als unterlegen erscheinen lassen und die Dominanz der Vorbestimmung widerspiegeln. Der Zuschauer blickt auf die Charaktere wie auf Figuren eines Schachspiels, die sich unvermeidlich in die vorbestimmte Richtung bewegen.

3. Repräsentation von Weiblichkeit im Film noir

3.1 Das Frauenbild aus soziologisch-historischer Perspektive

Da amerikanische Filme aus kommerziellen Gründen ein breites Publikum ansprechen müssen, werden in ihnen Themen aufgegriffen, die die Menschen beschäftigen. Aus diesem Grund geben sie auch immer gesellschaftliche Entwicklungen wieder, was vor allem in Zeiten sozialer Umbrüche geschieht. Besonders aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang die Darstellung der Geschlechterrollen. Um das Frauenbild im Film Noir verstehen zu können, muss man folglich auf den sozialen und geschichtlichen Hintergrund der 40er und frühen 50er Jahre zurückblicken.

Damals produzierte das classical Hollywood cinema Filme, die das Gemeinschaftsgefühl der Amerikaner und ihre moralischen bürgerlichen Werte in einer schweren Zeit fördern sollten. Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Koreakrieg und antikommunistische Paranoia brachten politische, wirtschaftliche und soziale Erschütterungen, mit den die amerikanische Gesellschaft zu kämpfen hatte[12]. Deswegen wurden in diesen Filmen die traditionellen Geschlechterrollen der patriarchalen Gesellschaft vermittelt. Die ideale Form des Zusammenlebens war demnach die so genannte Kernfamilie, in der die Frau ihre Rolle als verständnisvolle und liebende Ehefrau und Mutter übernahm.

Der Zweite Weltkrieg aber brachte nachhaltige Veränderungen mit sich. Mit dem Aufschwung der Rüstungsindustrie beendete er nicht nur die große Arbeitslosigkeit, sondern auch die untergeordnete Stellung der Frau in der Gesellschaft. Während Männer in den Krieg zogen, übernahmen Frauen ihre Positionen in der Familie und auf dem Arbeitsmarkt. Die Übernahme neuer Pflichten brachte aber auch neue Rechte mit sich, so dass die Situation der Frau durch eine neue berufliche Selbständigkeit verbessert wurde. Und so war Amerika nach Ende des Krieges mit einem Frauenbild konfrontiert, das mit den althergebrachten Rollenmustern nicht mehr konform war. Es zeugte von dem veränderten Selbstverständnis der Frau und beeinflusste das Geschlechterverhältnis, welches durch die kriegsbedingte Trennung zwischen den Soldaten und ihren Frauen bereits von Entfremdung und Misstrauen gezeichnet war. In der finanziellen Unabhängigkeit und zunehmenden weiblichen Promiskuität sowie steigenden Scheidungsraten sahen viele Männer ihren Status durch die Frauen bedroht[13]. Es kam zu heftigen Geschlechterkonflikten, da Frauen ihre neu gewonnene Unabhängigkeit beibehalten, während die aus dem Krieg zurückgekehrten Männer ihre gesellschaftliche Dominanz wiederherstellen wollten. Stephen Farber bringt das Anliegen des Film noir hinsichtlich der Frauen auf den Punkt: „These films undoubtedly reflected the fantasies and fears of am wartime society, in which women had taken control of many of the positions customarily held by men“[14].

Die Ängste und Sehnsüchte der männlichen Identität zeigt der Film noir nirgendwo so deutlich wie seiner Repräsentation der Weiblichkeit. Die Revision des Frauenbildes der klassischen Hollywood Darstellung reflektiert unweigerlich emanzipatorische Tendenzen, die für den Mann eine Bedrohung darstellen und im Film durch die bedrohliche weibliche Sexualität ausgedrückt werden. Hier dominieren Frauen durch die Macht ihrer Sexualität, welcher der Antiheld zum Opfer fällt.

3.2 Kulturhistorische und psychoanalytische Aspekte

Die Idee von der Angst des Mannes vor der weiblichen Sexualität reicht weit zurück in die Geschichte. Derartige Ansätze findet man bereits in Mythen, alten Literaturwerken und in der Malerei. Ob Medusa, Hexe oder Loreley – viele weibliche Mythenfiguren verkörpern diese Angst. Der moderne Begriff der Weiblichkeit wird auf die Aufklärung zurückgeführt, in deren Diskurs Parallelen zwischen der Frau und der Wildnis gezogen werden. Aus der Sichtweise des männlichen Geschlechts unterschied man im 18. Jahrhundert zwischen dem Eigenen und dem Fremden. So wie die zivilisierte Kultur der wilden Natur entgegengesetzt wurde, ordnete man das weibliche Geschlecht in den Bereich des Fremden und Exotischen ein. Diese Sichtweise gründete auf dem Verdacht, in der Weiblichkeit verberge sich eine gezügelte, dämonische Wildheit, die jederzeit auszubrechen droht. Als neutralisierendes Gegengewicht dazu, wurden ihr positive Eigenschaften, wie Unschuld und Tugend zugewiesen. Diese Gegensätze des weiblichen Wesens spiegelten die angenommene Ambivalenz der Natur wieder. So entstanden in verschiedenen Bereichen der Aufklärung, wie Philosophie, Ästhetik und Pädagogik, zwei weibliche Stereotype – die tugend- und schamhafte weiblichen Form sowie die hysterische und hypersexualisierte Form[15].

[...]


[1] Werner 2000, S. 19.

[2] Wager 1999, S. 66.

[3] Vgl. Werner, Paul 2000, S. 9.

[4] Vgl. Steinbauer-Grötsch 2005, S. 14 f.

[5] Silver/Ursini 2004, S. 11.

[6] Silver/Ursini 2004, S. 15.

[7] Vgl. Werner 2000, S. 13.

[8] Vgl. Burkhard/Röwekamp 2003, S. 124.

[9] Vgl Werner 2000, S. 12 f.

[10] Vgl. Silver/Ursini 2004, S. 16.

[11] Vgl. Tuska 1984, S. 154.

[12] Vgl. Werner 2000, S. 26 f.

[13] Vgl. Ebd., S. 28.

[14] (Zitiert nach) Tuska 1984, S. 204.

[15] Vgl. Kaufmann 1997, S. 37 f.

Details

Seiten
43
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638631655
ISBN (Buch)
9783638689212
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71405
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Darstellung Frau Film Noir Seminar Film-Noir Filmanalyse Filmklassiker

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