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Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung

Studienarbeit 2005 36 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Begriffe und Definitionen
1.1 Behinderung
1.2 Einstellung und soziale Reaktion

2. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
2.1 Determinanten von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
2.1.1 Art der Behinderung
2.1.1.1 Rangordnung von Behinderungen
2.1.1.2 Schwere der Behinderung
2.1.1.3 Funktionsbeeinträchtigungen
2.1.1.4 Eigenverantwortlichkeit
2.1.1.5 Visibilität und Auffälligkeit der Behinderung
2.1.2 Subjektorientierte Größen
2.1.2.1 Sozio-ökonomische und demografische Merkmale
2.1.2.2 Persönlichkeitsmerkmale
2.1.3 Beziehungsaspekt
2.2 Einstellungen von bestimmten Personengruppen
2.2.1 Familienmitglieder
2.2.2 Professionisten
2.2.3 Schüler

3. Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung und deren Hintergründe
3.1 Typische Reaktionsformen
3.1.1 Negativ bewertete Reaktionen
3.1.2 Positive bewertete Reaktionen
3.2 EXKURS: Behindertenfeindlichkeit
3.3 Interaktionsstörungen
3.3.1 Soziologische Ansätze
3.3.2 Psychologische Ansätze
3.3.3 Weitere theoretische Ansätze

4. Entstehung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung
4.1 Sozialisation
4.2 Der kulturhistorische Hintergrund

5. Reaktionen auf Behinderte im interkulturellen Vergleich
5.1 Grundannahmen aus der Forschung
5.2 Ergebnisse einer explorativen Studie

6. Möglichkeiten der Veränderung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung
6.1 Informationsstrategien
6.2 Kontakt
6.3 Simulation von Behindertsein
6.4 Einwirkung auf persönlichkeitsspezifische Merkmale
6.5 Zulassen von originären Reaktionen
6.6 Kombinationen verschiedener Strategien
6.7 Veränderungen des normativen Kontextes

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die letzten Jahrzehnte haben viele positive Veränderungen für Menschen mit einer Behinderung[1] mit sich gebracht. Ihre Rechte werden massiv eingeklagt. Das Grundgesetz wurde 1994 um den Zusatz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3, Abs. 3 GG) ergänzt. Im Zuge der Integrations-bewegung fand ein enormer Wandel an der allgemeinen Schule statt. Gleichzeitig ist jedoch auch eine andere Entwicklung zu beobachten: Die Gewalt gegen Behinderte steigt an. Es gibt Gerichtsurteile gegen Behinderte, in denen z.B. Urlauber[2] ihr Geld zurückfordern, da sie sich im Hotel vom Anblick einer Gruppe Behinderter gestört fühlten. In den Jahren 1992 bis 1994 wurde in der Presse von 15 Fällen massiver Übergriffe verbaler und körperlicher Art gegenüber Menschen mit Behinderung berichtet.[3] Oftmals sind massive Ablehnung von Menschen mit Behinderung, aber auch einfach Unsicherheit bei der Interaktion die Ursache solcher Verhaltensweisen.

Diese Arbeit befasst sich mit den Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung.

Was verstehen wir überhaupt unter Behinderung? Wie sind Menschen heutzutage generell gegenüber Menschen mit Behinderung eingestellt? Unterscheiden sich Einstellungen bestimmter Personengruppen? Wie verhalten sich Menschen gegenüber Behinderten und wie entstehen diese Verhaltensweisen? Gibt es Möglich-keiten die soziale Reaktion auf Menschen mit Behinderung zu verändern? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.

1. Begriffe und Definitionen

Zunächst werden einige Definitionen der Begriffe Behinderung, Einstellung, und soziale Reaktion vorgestellt.

1.1 Behinderung

Der Begriff Behinderung ist ein sehr allgemeiner und kann als Oberbegriff für eine große Anzahl verschiedener Behinderungsarten verstanden werden, wie z.B. Körperbehinderung oder geistige Behinderung. Diese Begriffe lassen sich wiederum in ganz spezifische Behinderungsformen aufteilen. Hier wird deutlich, dass es sehr schwierig wird, eine Definition aufzustellen, die die Gemeinsamkeit der verschie-denen Behinderungsformen betont und somit eine deutliche Abgrenzung der Gruppe der Menschen mit Behinderung von anderen sozialen Randgruppen ermöglicht.[4]

Nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) ist Behinderung „eine nicht nur vorübergehende erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit, die auf dem Fehlen oder auf Funktionsstörungen von Gliedmaßen oder auf anderen Ursachen beruht.“[5]

Nach TRÖSTER ist eine Behinderung im Sinne des klassischen Krankheitsbegriffs eine irreversible Beeinträchtigung des Menschen als Folge eines vorausgegangenen Krankheitsprozesses oder einer angeborenen Schädigung.[6]

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet bei ihrer Definition von Behinderung drei Bereiche:

1 . impairment (Schädigung)

Damit ist der Verlust oder die Abnormalität von psychologischen, physiologischen oder anatomischen Strukturen oder Funktionen des Organismus beziehungsweise eine Störung auf der organischen Ebene gemeint.[7]

2. disability (Beeinträchtigung)

Mit diesem Begriff wird eine aus der Schädigung resultierende Funktions- und Aktivitätseinschränkung beschrieben. Disability wird als Störung auf der personalen Ebene bezeichnet, die die Alltagssituationen beeinträchtigt.[8]

3 . handicap (Benachteiligung)

Damit sind Benachteiligungen auf der sozialen Ebene gemeint, die aus der Schädigung oder Behinderung resultieren und durch die das Individuum nicht oder nur beschränkt in der Lage ist, bestimmte Rollen zu übernehmen, die ihrem Alter, Geschlecht, kulturellen und sozialen Gegebenheiten entsprechen.[9]

Hier wird eine Beeinträchtigung deutlich, die weit über den somatischen Bereich hinaus geht, eine soziale Behinderung, die eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert. Diese Definition versucht, Behinderung als ein in einen psychosozialen Kontext eingebundenes Phänomen zu begreifen. Des Weiteren wird deutlich, dass Behinderung nicht nur als ein Defektmerkmal eines Menschen gesehen werden darf, sondern als Merkmal eines Bezuges zwischen einem Individuum und seiner Alltagssituation.[10]

Seit 1997 wird an einer Neufassung dieser Definition gearbeitet. Diese betont vor allem den gesellschaftlichen Kontext in der Menschen mit Behinderung leben, sowie die Bedeutung von Einstellungen ihnen gegenüber. Möglichkeiten ein positives selbstbestimmtes Leben zu führen werden hervorgehoben. Die neue Definition erfährt eine klare integrative Zielsetzung: „Partizipation“. Der negative Begriff „Handicap“ fällt weg.[11]

CLOERKES definiert Behinderung und Behinderte folgendermaßen:

„Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird. Dauerhaftigkeit unterscheidet Behinderung von Krankheit. Sichtbarkeit ist im weitesten Sinne das Wissen anderer Menschen um die Abweichung.

Ein Mensch ist behindert, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist.“[12]

Bei dieser Definition von Cloerkes handelt es sich um einen Zugang aus interaktionistischer Sichtweise. Man geht davon aus, dass Menschen mit außergewöhnlichen Merkmalen bestimmte Spontanreaktionen hervorrufen. Dann handelt es sich um Merkmale mit Stimulusqualität. Die Reaktionen auf das Merkmal - dass auch mit „Andersartigkeit“ bezeichnet werden kann - kann negativ, ambivalent oder positiv sein. Ist sie gleichgültig, so ist damit das Definitionskriterium „Stimulusqualität“ ausgeschlossen. Erst jedoch, wenn eine Andersartigkeit in einer bestimmten Kultur deutlich negativ bewertet wird, soll von Behinderung gesprochen werden.[13] Das folgende Gedicht von Heino Ehlers verdeutlicht noch einmal, dass der sozialen Reaktion eine bedeutende Rolle zukommt. Erst sie schafft Behinderung und Behinderte.

„Du sagtest

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[14]

1.1 Einstellung und soziale Reaktion

Nach KRECH/CRUTCHFIELD/BALLACHEY ist eine Einstellung „ein stabiles System von positiven oder negativen Bewertungen, gefühlsmäßigen Haltungen und Handlungstendenzen in bezug auf ein soziales Objekt.“[15]

Von den meisten Einstellungstheoretikern werden drei Komponenten einer Einstellung unterschieden, die kognitive, die affektive und die konative.

Bei der „kognitiven“ oder der „Wissenskomponente“ wird das Einstellungsobjekt in bestimmter Weise wahrgenommen. Sie wird deutlich in den Vorstellungen, Überzeugungen und Bewertungen des Individuums gegenüber einem Objekt.

Die „affektive“ oder „Gefühlskomponente“ ist - gerade was Menschen mit Behinderung betrifft - am wichtigsten. Sie beschreibt den emotionalen Aspekt. Hier geht es um die Gefühle, positive wie negative, des Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt.

Die „konative“ oder „Handlungskomponente“ zeigt die Verhaltensintentionen oder Handlungstendenzen des Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt auf.[16]

Der Begriff „soziale Reaktion“ beinhaltet sowohl Einstellungen als auch Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Interaktionen. Auf „sichtbare“ Abweichungen erfolgt eine Reaktion, wobei Sichtbarkeit nicht nur den visuellen Wahrnehmungsaspekt, sondern das Wissen des Umfeldes um die Abweichung meint.[17]

2. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung

Wie ist nun die Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung eingestellt? Wovon sind diese Einstellungen abhängig und unterscheiden sich Einstellungen von bestimmten Personengruppen? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.

2.1 Determinanten von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung

Es gibt viele Untersuchungen, die sich mit der Erforschung von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung beschäftigt haben. Hauptsächlich geht es dabei um die Frage, wie diese Einstellungen sind und welche Faktoren diese Einstellungen beeinflussen. Die untersuchten Determinanten sind Art der Behinderung, subjektorientierte Größen, wie sozio-ökonomische und demografische Merkmale sowie der Beziehungsaspekt.

2.1.1 Art der Behinderung

Diese Kategorie wird wiederum in fünf Untergruppen unterteilt: die Rangordnung von Behinderungen, die Schwere der Behinderung, Funktionsbeeinträchtigungen, Eigenverantwortlichkeit sowie die Visibilität und Auffälligkeit der Behinderung.

2.1.1.1 Rangordnung von Behinderungen

Untersuchungen haben ergeben, dass die Einstellung gegenüber Menschen mit einer geistigen Behinderung entscheidend negativer ist, als die gegenüber Menschen mit einer körperlichen Behinderung oder einer Sinnesbeeinträchtigung. Die soziale Akzeptanz ist umso geringer, je weniger eine Behinderung verstanden wird.[18]

ClLOERKES ist der Meinung, dass „Beeinträchtigungen des Kopfes“ für die Gesellschaft weitaus beunruhigender scheinen als „Beeinträchtigungen des übrigen Körpers“.[19]

2.1.1.2 Schwere der Behinderung

Je schwerer die Behinderung ist, umso größer ist die Betroffenheit der Menschen ohne Behinderung und gleichzeitig werden schwerer behinderten Menschen auch positivere Einstellungen entgegengebracht. Sie entsprechen deutlicher dem gesellschaftlichen Bild des „Behinderten“. Der Umgang mit Menschen mit einer leichten Behinderung bringt oftmals Verhaltensunsicherheiten auf der Seite nicht-behinderter Gesellschaftsmitglieder mit sich, da die Stereotypisierung erschwert wird.

Für Menschen mit einer geistigen Behinderung gilt dieses Untersuchungsergebnis jedoch nicht. Je schwerer die geistige Behinderung ist, umso negativer ist auch die Einstellung. Obwohl auch Blindheit als sehr schwere Beeinträchtigung gilt, sind blinde Menschen sozial weitaus akzeptierter. Man kann also sagen, dass die Schwere der Behinderung kein wesentlicher Faktor für die Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung ist.[20]

2.1.1.3 Funktionsbeeinträchtigungen

TRÖSTER ist der Meinung, dass gerade bei kommunikativen Funktionsbeein-trächtigungen die Interaktion stark darunter leidet, wobei jedoch Art und Ausmaß der Kommunikationsstörung von der Art der Behinderung abhängig ist und es bei bestimmten Behinderungen kaum oder nur in sehr geringem Ausmaß möglich ist, als Interaktionspartner ohne Behinderung diese Funktionsbeeinträchtigungen des Gegenübers auszugleichen oder deren Auswirkung auf die Interaktion zu kompensieren. Besonders Funktionsstörungen, die einen Verlust der Kommunikationsfähigkeit (sprechen, hören, sehen) zur Folge haben, führen zu extrem negativen Konsequenzen in sozialen Beziehungen.[21] Die Funktions-beeinträchtigung ist auch ein sehr wichtiger Faktor, da in unserer heutigen Gesellschaft vor allem Leistungsfähigkeit und Gesundheit einen sehr hohen Stellen-wert haben und das Nichterfüllen sehr negativ bewertet wird.[22]

2.1.1.4 Eigenverantwortlichkeit

Eine andere Determinante der Einstellung ist die Verantwortlichkeit, die Menschen mit einer Behinderung zugeschrieben wird. TRÖSTER vertritt die Meinung, dass die Tatsache ob und in welchem Ausmaß ein Mensch für seine Behinderung verantwortlich ist, eine entscheidende Rolle in der Frage um die soziale Reaktion spielt. Diese gesellschaftlichen Vorstellungen darüber wie eine Behinderung entstanden ist, bestimmen die soziale Reaktion. Man kann sagen, dass Menschen denen eine große Eigenverantwortlichkeit an ihrer Behinderung zugeschrieben wird, eine negativere Haltung entgegengebracht wird.[23]

Eine andere Determinante der Einstellung ist die Verantwortlichkeit, die Menschen mit einer Behinderung zugeschrieben wird. TRÖSTER vertritt die Meinung, dass die Tatsache ob und in welchem Ausmaß ein Mensch für seine Behinderung verantwortlich ist, eine entscheidende Rolle in der Frage um die soziale Reaktion spielt. Diese gesellschaftlichen Vorstellungen darüber wie eine Behinderung entstanden ist, bestimmen die soziale Reaktion. Man kann sagen, dass Menschen denen eine große Eigenverantwortlichkeit an ihrer Behinderung zugeschrieben wird, eine negativere Haltung entgegengebracht wird.[23]

[...]


[1] In dieser Arbeit wird überwiegend die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ verwendet, in einigen Fällen jedoch auch der Ausdruck „behinderte Menschen“ bzw. „Behinderte“, diese gelten zwar als diskriminierender, sind jedoch manchmal grammatikalisch besser einsetzbar.

[2] Zur besseren Lesbarkeit der Arbeit wird bei der Beschreibung von gemischtgeschlechtlichen Gruppen lediglich die männliche Schreibweise verwendet.

[3] Vgl. Antor/Bleidick, 1995, S. 280.

[4] Vgl. Tröster, 1990, S.12f.

[5] BSHG § 124 Abs. 4.

[6] Vgl. Tröster, 1990, S. 20.

[7] Vgl. WHO, 1980, S.27.

[8] Vgl. WHO, 1980, S. 21.

[9] Vgl. WHO, 1980, S. 29.

[10] Vgl. Mattner, 2000, S.11.

[11] Vgl. WHO, 2000, S. 16.

[12] Cloerkes, 2001, S. 7.

[13] Vgl. Cloerkes, 2001, 5ff.

[14] http://www.schwerhoerigen-netz.de/KULTUR/LITERATUR/GEDICHTE/heino.htm.

[15] Krech/Crutchfield/Ballachey, 1962, S.177.

[16] Vgl. Cloerkes, 2001, S.75 ff.

[17] Vgl. Cloerkes, 2001, S. 75.

[18] Vgl. Nickel, 1999, S.9.

[19] Vgl. Cloerkes, 1984, S.16 ff.

[20] Vgl. Nickel, 1999, S.9.

[21] Vgl. Tröster, 1990, S. 54.

[22] Vgl. Cloerkes, 1997, S. 77.

[23] Vgl. Tröster, 1990, S. 55.

Details

Seiten
36
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638678544
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71503
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Schlagworte
Einstellungen Verhaltensweisen Menschen Behinderung

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