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Beziehungen und Geschlechterrollen in Ovids "Ars Amatoria"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 31 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Grundsätzliches zum Verständnis der Ars Amatoria
1.1 Interpretationsebenen
1.2 Handlungsfelder

2. Beziehungsstrukturen in der Ars
2.1 Die Liebe - ein strategisches Spiel?
2.2 Furor vs. ratio - elegische und „rationale“ Liebe im Vergleich
2.3 Ovid als Psychologe
2.4 Amor = Ars für alle? Anwendbarkeit des ovidischen Ansatzes

3. Das Frauenbild der Ars Amatoria
3.1 Einstellung gegenüber Frauen
3.2 Frauen - Objekte oder Partnerinnen?
3.3 Sexualität der Frau
3.4 Cui bono? Das dritte Buch der Ars

4. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In seiner Ars amatoria verband der römische Dichter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. - 17/18 n. Chr.) die traditionellen Elemente der römischen Liebeselegie und des Lehrgedichtes zu etwas völlig Neuem, einem „Erotodidaktikon“, dem ersten umfassenden Flirt-, Sex- und Beziehungsratgeber der Welt. Ovid behandelt sämtliche Stadien, vom Flirt bis zur Aufrechterhaltung der Beziehung, und geht auf alle potenziell dabei auftretenden Probleme ein. Dabei beschreibt er ironisierend und bemerkenswert genau beobachtend die psychologischen Mechanismen von Balzverhalten, Liebe und Beziehung und geht auf psychische Besonderheiten von Frauen und Männern ein.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Strukturen der in der Ars propagierten Beziehungen zu untersuchen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die psychologische Betrachtungsweise. Als Voraussetzung für die Analyse der Beziehungen in der Ars Amatoria wird zuerst versucht, ihrem Bedeutungsfeld durch eine Bestimmung ihrer Interpretationsmöglichkeiten und Handlungsfelder näher zu kommen. Erschwert wird das Vorhaben durch die sich auch in der Vielfalt der Forschungsansätze manifestierenden Vielschichtigkeit des Werkes. Diese bedingt auch, daß hier lediglich verschiedene Aspekte der Ars Amatoria gegeneinandergestellt werden können; eine einheitliche und eindeutige Interpretation kann es meines Erachtens nicht geben. An die Betrachtung der eigentlichen Beziehungsstrukturen schließt sich die Analyse des damit zusammenhängenden Frauenbildes der Ars Amatoria an. Ich werde mich bei meiner Untersuchung weitgehend auf die Ars amatoria beschränken und nur vereinzelt auf andere Werke Ovids eingehen, da eine umfassende Analyse der Liebesbeziehungen beziehungsweise des Frauenbildes bei Ovid den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1. Grundsätzliches zum Verständnis der Ars Amatoria

1.1 Interpretationsebenen

Bevor man die dargestellten Beziehungsstrukturen bewertet, muß man sich darüber klar sein, ob Ovid seine Lehren ernst meint. Ist die Ars nur ein intelligentes literarisches Spiel, eine Parodie? Verbirgt sich hinter Kühle und Distanz eine Ironisierung von Normierungs- und Kanalisierungsbestrebungen der Liebe, zum Beispiel, wenn klar ist, daß bestimmte Tipps gar nicht funktionieren können beziehungsweise ziemlich durchschaubar sind? Dient der utilitaristische Charakter der Ratschläge vielleicht zum Teil dazu, zu kaschieren, daß es dem Autor hier um ernst gemeinte Ratschläge für ein liebevolleres Umgehen miteinander geht?[1] Liebeslehren gehören gattungshistorisch zur Komödie wie zur erotischen Dichtung.[2] Stellt die Ars also eine Parodie der didaktischen Poesie und der elegischen Liebe dar?[3]

Satirisch wirken zweifellos die Darstellungsweisen mancher Mythen (zum Beispiel Pasiphae und der Stier; ars 1, 289-326; Herakles beim Wollespinnen; ars 2, 221f.[4] ) und ihre Instrumentalisierung für die Erotik (ars 3, 775-85),[5] die Tatsache, daß Plätze für Frauenjagen meist mit der augusteischen Familie in Beziehung stehen (z.B ars 1, 69-72),[6] sowie die (selbstironisch?) überzogene Schilderung der Verhaltensweisen eines Flirtenden beim Wagenrennen (ars 1, 135-170) und beim Triumphzug (ars 1, 213-228), die Tipps, wie man möglichst geschickt um Geschenke und wirklich harte Liebesdienste herumkommt (ars 2, 177-250) oder das peinliche Mißgeschick der Frau, die sich die Perücke falsch herum anzieht (ars 3, 245f.). Zum Teil kommt auch ironisch gefärbte Bitterkeit zum Vorschein, zum Beispiel wenn Ovid den Frauen rät, sie sollten sich nicht mit einem Liebhaber zufriedengeben, sondern möglichst für jeden Zweck einen haben (ars 2, 535f.). Ganz eindeutige und somit ironisierte Eigenwerbung betreibt Ovid, wenn er die Vorzüge der Dichter den Frauen anpreist (ars 3, 533ff.).[7] Den spielerischen Charakter des Werkes betont die komplementäre Anlage: Ovid tut so, als läsen seine Leser nur bestimmte Teile, da er zum Beispiel den Frauen das als Chance darstellt, wovor er die Männer warnt (ars 3, 753f. vs. ars 1, 237f.: Weingenuß beim Gastmahl).[8]

Gegen die Interpretation der gesamten Ars als ironisch spricht jedoch zum Beispiel, daß Mittel wie die Zauberei abgelehnt werden, da so etwas als Bestandteil einer Parodie sicher wirkungsvoll wäre. Zwar besteht in der Ars durchaus ein Widerspruch zwischen Sujet und Form,[9] die lateinische Liebesdichtung wies jedoch auch didaktische Züge auf.[10] Für Ovids eigene didaktische Intention sprechen sowohl am. 2, 1,5-8[11] als auch insgesamt sein durchgehendes psychologisches Interesse. Manche Autoren weisen darauf hin, daß allein die Darstellung der Liebe als erlernbar und Amors, des Gottes, als zähmbar, ironisch sei und der Sprecher der Ars daher nichts weiter als ein Dummkopf sei.[12] Aber auch moderne psychologische Ratgeber sehen nicht ganz zu unrecht die Interaktionen innerhalb von Beziehungen als verbesserungsfähig an, weshalb diese Deutung meines Erachtens falsch ist.

Natürlich wird auch die elegische Liebe parodiert (bereits in den amores scheint Ovid, der ja am Ende der Tradition steht, spielerisch mit der Gattung der Liebeselegie umzugehen,[13] was besonders in der 1. Elegie zutage tritt[14] ) und das Lehrgedicht persifliert (zum Beispiel, wenn Ovid erläutert, welche Rolle die Sexualität in der Natur spielt; ars 2, 477-92),[15] manches ist ironisch aufzufassen oder Parodie bestehender Verhaltensweisen beziehungsweise Verhältnisse, aber viele Äußerungen und Tipps sind meines Erachtens trotz eines sich durch die gesamte Ars ziehenden „ironischen Augenzwinkerns“ durchaus auch ernst gemeint beziehungsweise können als Ratschläge genutzt werden, wenn der „nützliche Kern“ von der ironischen Übertreibung getrennt wird (wie zum Beispiel die Koordinationsvorschläge, falls man mehrere Freundinnen gleichzeitig hat; ars 2, 387-396). Somit erfüllt die Ars gemäß ihrer Vielschichtigkeit[16] meines Erachtens mehrere Funktionen: Sie ist künstlerisches Spiel mit den Genres der Elegie und des Lehrgedichtes, sarkastisch-ironische Beschreibung gesellschaftlicher Zustände sowie mit überraschend scharfsichtigen psychologischen Beobachtungen gespickter Beziehungsratgeber.

Es ist jedoch zum Teil schwierig, an den einzelnen Stellen die Ebenen Ironie und Ernst sowie Poeta und Persona bei Ovid zu unterscheiden.[17] Überträgt man Fränkels Idee der zweifelhaften oder fließenden Identität Ovids in den Amores[18] auf das Problem der Interpretationsebenen der Ars Amatoria, so durchdringen die Ebenen einander, das lyrische Ich kann sowohl der kalte, berechnende usor dominarum als auch der Liebende, der sich seine Vernunft nur einzureden versucht, sein. Es ist außerdem klar, daß man – wie bei allen literarischen Werken – auch hier nicht auf die auktoriale Ebene vordringen kann. Im Folgenden werde ich aus Praktikabilitätsgründen nicht durchgehend den im Übrigen auch literaturhistorisch unangebrachten Begriff „lyrisches Ich“ o.ä. verwenden – das Problem der Interpretationsebenen sollte jedoch immer mitgedacht werden.

Egal, welche Ebene man jedoch für die vom Autor Ovid intendierte hält, die ironische oder die ernste: Es gibt eine Veränderung vom Oberflächentext der amores, wo leidenschaftlich-verzweifelte Gefühlsäußerungen (am. 2, 16; am. 3, 14, 40; am. 2, 13, 15) und die Ohnmacht vor der Kraft der als süßen (am. 2, 9, 26) Krankheit betrachteten Liebe dominieren (saevus amor, am. 1, 1; am. 1, 2; am 2, 17, 3, )[19] zum Text der Ars, die die (scheinbare) Beherrschung des Knaben Amor thematisiert. In den Amores, die dem elegischen Schema folgen, ist das lyrische Ich auf eine angebetete Frau fixiert, die Liebe zu zwei Mädchen gleichzeitig wird als schändlich bezeichnet (am. 2, 10, 4).[20] In der Ars wird die spontane, das lyrische Ich überwältigende Liebe auf den ersten Blick (am. 2, 4, 10) durch ein vorsichtiges, von Selbstschutztaktiken geprägtes Herantasten abgelöst, Liebe entwickelt sich erst langsam als waschende Zuneigung, die nach dem Kennenlernen geschieht. Auch die als Vermittler instrumentalisierten Bediensteten werden nicht demutsvoll um Einlaß gebeten, sondern mit freundlich-herablassender Art behandelt (bescheidene Geschenke an Festtagen, ars 2, 255f.), so daß kein Abhängigkeitsverhältnis entsteht und der Liebhaber seinen Ruf als stilvoller Mann von Welt behält.[21]

Betrachtet man die Amores, die Ars Amatoria und die Remedia Amoris als Ganzes, so hat Ovid hier meines Erachtens den Lebensablauf, das emotionale „Erwachsenwerden“ eines lyrisches Ichs inszeniert und die Liebe in allen Facetten künstlerisch mit großem psychologischem Interesse verarbeitet: Ein leidenschaftlicher, romantischer Jüngling des Typus „elegisch Liebender“, dessen Leben von seiner unglücklichen Liebe beherrscht wird (Amores: Lobpreis einer domina, Beklagen der Liebesmacht), wird durch schlechte Erfahrungen zum zynisch-distanzierten, berechnenden Verführer beziehungsweise zum von Selbstschutz geprägten vorsichtigen, sich nicht mehr so leicht verliebenden Mann.[22] Die Entwicklung läßt sich zum Beispiel daran ablesen, daß Ovid die Krisen, die er in den Amores beklagt, in der Ars zum Teil ironisierend analysiert und zum Gegenstand von Ratschlägen macht.[23] In ars 3, 568-71 stehen zum Beispiel nicht mehr Emotionen wie in am. 1, 7, wo der unbeherrschte Liebhaber sich in leidenschaftlicher Reue erging, sondern praktische Aspekte (die Notwendigkeit des finanziellen Aufwandes für ein neues Kleid der Geliebten) im Vordergrund.[24] In Bezugnahme auf am. 1, 7 macht Ovid sich über jugendliches Feuer lustig; damals noch von tiefen Schuldgefühlen geplagt, bezeichnet er jetzt das Verhalten als „angemessen den Knaben im ersten Feuer der Liebe“ (ars 3, 568-71).[25] In Zusammenhang mit Liebesbeziehungen stehende emotionale Ereignisse werden nun nicht mehr so ernst genommen, auch die nunmehr als natürlich empfundene Untreue nicht, wegen der das lyrische Ich in am. 3, 3 noch unermeßlich litt (jedoch drücken Stellen wie ars 1, 643 auch Bitterkeit über die Untreue der Frauen aus). Die elegische Liebe wird ihrer krankhaften und selbstzerstörerischen Züge entkleidet und durch die gefahrlosere, beide Partner vor unnötigem Kummer schützende „rationale“, spielerische Variante ersetzt, die durch Mäßigung (ars 3, 757ff.), Selbstbeherrschung (ars 3, 237ff.; ars 3,369ff.) und Geduld (ars 2, 145ff.) und die Vermeidung unbeherrschter negativer Emotionen geprägt ist.

1.2 Handlungsfelder

In welchem Milieu spielen sich die intendierten beziehungsweise dargestellten Beziehungen ab? Wer sind die Akteure der Ars amatoria?

Beschrieben wird in Ovids Ars die Liebe außerhalb der nach Ovids Aussage nur Streit bringenden und sexuelle Leidenschaft ausschließenden Ehe (ars 2, 145-60). Die Beziehung soll weitgehend im Verborgenen stattfinden, oft wird von einem Partner der Geliebten in spe gesprochen (zum Beispiel ars 1, 579-584; ars 3, 611).

Leserzielgruppe der Ars sind in Bezug auf die Männer alle, da ihnen ja keine sexuellen Beschränkungen auferlegt sind; vor allem jedoch (zumindest vordergründig) gemäß des elegischen Ideals[26] der junge, mittellose Poet (reiche Männer brauchen keine Liebeskunst,...). Verwirklichen konnten die angesprochenen Beziehungen wahrscheinlich vor allem noch nicht selbständige römische Senatoren- und Rittersöhne, die allein über die nötigen Bildung und Zeit, aber nicht notwendigerweise über das entsprechende Vermögen (über das der Vater als Hausvorstand die Kontrolle besaß) verfügten.

Adressatinnen der Ars sind nach Ovids eigener Aussage nicht die ehrbaren Matronen, Ovid möchte keine Verbrechen lehren (ars 1, 31ff.; ars 2, 599f.; ars 3, 613). Verboten waren nach den augusteischen Ehegesetzen adulterium (Ehebruch) sowie stuprum (Verkehr mit einer freien unverheirateten Frau; lex Iulia de adulteriis).[27] In ars 3, 57f. sagt Ovid, seine Lehren seien nur für Mädchen, „denen Gesetz und Scham, denen ihr Recht es erlaubt“. Formal können also nur Frauen gemeint sein, mit denen Unzucht nicht möglich ist: Schauspielerinnen, Kellnerinnen und vor allem Freigelassene (ars 3, 613-16).[28] Um Beziehungen zu Prostituierten oder Sklavinnen handelt es sich nicht, da eine längere Beziehung angestrebt wird und die Dame erst durch Flirten und liebenswertes Verhalten gewonnen werden muß; Materielles spielt jedoch durchaus eine Rolle (Stichwort Geschenke). Freigelassene gingen auf Druck ihres Patronus meist keine rechtsgültigen Ehen ein (so war der Pflichtteil des Patronus im Falle ihres Todes größer, er konnte sie zu mehr Diensten verpflichten, die auch sexueller Natur sein konnten)[29] – der Verkehr mit rechtsgültig verheirateten Libertinen galt jedoch, obwohl das Klagerecht des Ehemannes eingeschränkt war, als adulterium.[30] Es ist nicht klar, ob Ovid seine Seitensprung-Tipps, die ausdrücklich nicht für matronae gelten, auf alle Freigelassenen bezieht (ars 3, 613-16). Ovids Tipps lassen sich letztlich natürlich sowohl für die Hetäre als auch für die ehrbare Matrone anwenden.

Einen Aufschluß darüber, ob Ovid auch an die Ehe als möglichen Ort für Seitensprünge gedacht hat, kann die Verwendung der Begriffe in der Ars geben. Die Verwendung der Begriffe maritus beziehungsweise coniunx oder uxor ist kein Beweis für Ehebruch, da diese Worte eheähnliche Beziehungen (concubinatus) bezeichnen und somit auch über den Bereich der Ehe hinausgehen können (Ars: maritus als Begriff für den festen Liebhaber. Coniunx für Geliebte).[31] In der Ars wird vir häufiger für Ehemann benutzt (zum Beispiel ars 2, 369; ars 2, 400; ars 2, 551; ars 2, 597; ars 3, 20; ars 3, 522; ars 3, 586; ars 3, 613), aber nie an einer Stelle, die zum Ehebruch auffordert. An anderen Stellen ist der Begriff uneindeutig (ars 3, 601f.), und in der auf Seitensprungwünsche anspielenden Stelle ars 3, 483f. ist mit vir der Lebensgefährte oder Ehemann in einer Freigelassenen-Beziehung gemeint. Gerade die Uneindeutigkeit der Verwendung der Begriffe läßt Assoziationsspielräume offen. Ovids immer wieder geäußerte Haltung zur von ihm in der Ars als unnatürlich empfundenen Treue (ars 1, 328; ars 2, 387f.) ist von vollem Verständnis für Affären geprägt; schließlich propagiert er eine sexuell offene Beziehung (ars 2, 387f.; ars 2, 539f.), und ein vorhandener Nebenbuhler (Liebhaber, Ehemann) kann sich sogar positiv (als Lust steigernde Hürde) auswirken (ars 3, 598f.). In ars 2, 357ff. wirbt er am Beispiel Helenas für Ehebruch um Verständnis, in ars 2, 361-71 stellt er anhand der Sage um Venus und Mars die Dummheit eines Ehemannes dar, der die Affären seiner Frau nicht ignoriert. Hätte Vulcanus allerdings so gehandelt, wie es Ovid vorschlägt, so hätte er sich nach den augusteischen Gesetzen der Kuppelei schuldig gemacht.[32] In ars 3, 483ff. gibt er schließlich den Frauen (offiziell nur den Freigelassenen) detaillierte Anweisungen zum Betrügen ihres Partners.

Man kann Ovid also an keiner einzigen Stelle eine direkte Aufforderung zum Ehebruch im Sinne der Lex Iulia nachweisen, wohl aber finden sich zahlreiche indirekte; Ovid spielt, während er sich formal absichert, mit den Begriffen und Formulierungen (siehe ars 3, 483f.), um das eigentlich auch Mitgemeinte durchschimmern zu lassen. Dies wird auch durch die Aussagen gestützt, alle Mädchen seien zu haben (ars 1, 343), und auch Jungfrauen freuten sich über Komplimente (ars 1, 623-26).

2. Beziehungsstrukturen in der Ars

2.1 Die Liebe – ein strategisches Spiel?

Die Zielsetzung der Ars amatoria scheint bereits durch den Titel illustriert: Die Liebe ist rational wie ein Feldzug planbare Kunst, es werden Techniken für Annäherung, Verführung, Täuschung und Besänftigung des beziehungsweise der Geliebten empfohlen.

Die Beziehung stellt sich als eine Art Geschlechterkampf dar, als ein Spiel mit Gefühlen, das unter anderem von gegenseitigem Mißtrauen und Ausnutzen-wollen des Partners geprägt ist; beide sollen dem Anderen schmeicheln und nett zu ihm sein und mit allen verfügbaren Tricks arbeiten. Frauen und Männer werden als egoistisch und durchtrieben gesehen.

Schon bei der Kontaktaufnahme werden öffentliche beziehungsweise private Orte und Anlässe wie verschiedene Gebäude (ars 1, 67-84), das Theater (ars 1, 89), das Wagenrennen (ars 1, 135-170), das Gastmahl (ars 1, 229-252) und sogar der Triumphzug (ars 1, 213-227) instrumentalisiert als Möglichkeit, Frauen zu sichten, Smalltalk anzufangen, ihnen Komplimente zu machen (z. B. ars 1, 621-624), sich durch Gefälligkeiten einzuschmeicheln (z. B. ars 2, 210-216) und mit Wissen (ars 1, 219-228) und Talenten (ars 1, 596) zu glänzen.[33] Dabei soll man seine Werbung dem Charakter und dem Alter der beziehungsweise des Umworbenen anpassen, da ältere Frauen beziehungsweise Männer zum Beispiel schon erfahren sind und die „Anmachstrategien“ bereits kennen (ars 1, 765f.; ars 3, 554-58). Das, was eigentlich Beweis für Verliebtheit ist, wird nun als Strategie aufgeführt: Der sich bei Verliebten normalerweise einstellende lange Blickkontakt (ars 1, 573f.), die innige Geste, das gleiche Glas zu benutzen (ars 1, 575f.); der wohlstrukturierte und die eigenen rhetorischen Fähigkeiten möglichst verbergende Liebesbrief soll nun nicht mehr Ausdruck eigener Gefühle, sondern nur Mittel zum Zweck sein (ars 1, 437-455). Andere Elemente widersprechen den natürlichen Impulsen eines Verliebten sogar (dem Ehemann zu gefallen suchen; ars 1, 579-86). Scheinbare Trunkenheit beim Gastmahl dient als Alibi für Dreistigkeiten (ars 1, 597-600), und die enthemmende Wirkung des Weines auf die Frau muß genutzt werden (ars 1, 237). Man soll der Frau schmeicheln (ars 1, 439), sie durch Bitten und Tränen erweichen (ars 1, 659-61) und durch (falsche) Versprechen anlocken (ars 1, 630-34). Auch durch Vorgeben von Freundschaft (ars 1, 720), durch Mitleid (zum Beispiel, indem man bleich und mager, sich vor Liebe verzehrend erscheint; ars 1, 729-38) oder Gewöhnung (ars 2, 345f.) kann man die Liebe gewinnen. Berechnend erscheint auch die Empfehlung, Geschlechtsverkehr mit der Sklavin der eigentlichen „Zielperson“ besser erst auszuführen, nachdem man die Herrin bereits für sich gewonnen hat, da die Sklavin sonst in ihrem Vermittlungseifer nachlassen könnte (ars 1, 385f.). Die konkreten Tipps zum Betrügen von Ehemännern (Briefbeförderung, Verschlüsselungstechniken, Auswahl der Orte, Bestechung der Wächter) runden das Bild der Liebesbeziehung als strategisches Spiel ebenso wie die anscheinend nur noch als Mittel zum Zweck gedachten Liebesschwüre und -dienste ab.

Im Zusammenhang mit der Warnung, sich von der Geliebten nicht ausbeuten zu lassen (ars 1, 418-36), stehen die witzig, aber auch erschreckend berechnend anmutenden Tipps zur Ausgabenminimierung: Für Geschenke soll man den günstigen Zeitpunkt suchen (nicht gerade ihren Geburtstag, sondern zum Beispiel an einem Tag, wenn ihr Mann sie betrogen hat; ars 1, 365f.), Liebesschwüre und eigene Gedichte sind billiger und eindrucksvoller (ars 2,285f.), und wenn es schon Geschenke sein müssen, reichen auch kleine (ars 2, 261ff.), mit denen man eventuell noch Reichtum vortäuscht; großzügigere Gaben kann man ja versprechen (ars 1, 444) und so die erste Liebesnacht „kostenlos“ bekommen (ars 1, 453).

[...]


[1] Diese Ansicht vertritt zum Beispiel Hermann Fränkel (Fränkel, Hermann: Ovid. Darmstadt 1970, S. 63. Im Folgenden zitiert als: Fränkel, Ovid).

[2] Schmitzer, Ulrich: Ovid. Hildesheim 2001, S. 63. Im Folgenden zitiert als: Schmitzer, Ovid.

[3] Otis, Brooks: Ovids Liebesdichtungen und die augusteische Zeit. In: v. Albrecht, Michael und Zinn, Ernst (Hg.): Ovid. Darmstadt 1968, S. 233-254, S. 246-48.

[4] diese und die folgenden Stellen der Ars amatoria sind zitiert nach: Ovid, Liebeskunst. Lat. u. dt. Übs. v. W. Hertzbergs, ed. v. Franz Burger-München. München 1964.

[5] Mack, Sara: Ovid. New York 1988, S. 96f. Im Folgenden zitiert als: Mack, Ovid.

[6] Wildberger, Jula: Ovids Schule der „elegischen“ Liebe. Erotodidaxe und Psychagogie in der Ars amatoria. Franfurt 1998, S. 40f. Im Folgenden zitiert als: Wildberger, Ovids Schule.

[7] Wildberger, Ovids Schule, S. 361.

[8] Fink, Gerhard und Niemann, Karl-Heinz: Ovids „Ars amatoria“ im Unterricht. Göttingen 1983, S. 52. Im Folgenden zitiert als: Fink, Ars amatoria.

[9] vgl. Mack, Ovid, S. 87-89.

[10] Burck, Erich: Vom Menschenbild in der römischen Literatur. Heidelberg 1966, S. 210.

[11] diese und die folgenden Stellen der Amores sind zitiert nach: Ovid, Liebesgedichte. Lat. u. dt. Übs. v. Walter Marg und Richard Harder. München 1962.

[12] Diese Ansicht vertritt zum Beispiel Sara Mack (Mack, Ovid, S. 87-9.).

[13] Erich Reitzenstein, „Das neue Kunstwollen in den Amores Ovids“, zitiert nach Lilja, Saara: The Roman Elegists´ Attitude to Women. Helsinki 1965, S. 27. Im Folgenden zitiert als: Lilja, Roman Elegists´

[14] Schmitzer, Ovid, S. 66.

[15] Holzberg, Niklas: Ovid. Dichter und Werk. München 1997, S. 110. Im Folgenden zitiert als: Holzberg, Ovid.

[16] vgl. Fink, Gerhard: Ovid als Psychologe. Interpretatorische Schwerpunkte bei der Lektüre der ars amatoria. In: Der altsprachliche Unterricht 26 (4), S. 4-11, S. 5f. Im Folgenden zitiert als: Fink, Ovid als Psychologe.

[17] Auf dieses Problem geht zum Beispiel Sara Mack ein (Mack, Ovid, S. 5).

[18] Fränkel, Ovid, S. 18-22.

[19] Lilja, Roman Elegists´, S. 102-104.

[20] Lilja, Roman Elegists´, S. 93f.

[21] Wildberger, Ovids Schule, S. 103f.

[22] vgl. Holzberg, Ovid, S. 101.

[23] Wildberger, Ovids Schule, S. 19f.

[24] Fränkel, Ovid, S. 58.

[25] Ebd.

[26] Wildberger, Ovids Schule, S. 212.

[27] Stroh, Winfried: Ovids Liebeskunst und die Ehegesetze des Augustus. In: Gymnasium 1986/99, S. 323-52., S. 324. Im Folgenden zitiert als: Stroh, Ehegesetze.

[28] Stroh, Ehegesetze, S. 324.

[29] Wildberger, Ovids Schule, S. 320.

[30] Wildberger, Ovids Schule, S. 319f.

[31] Stroh, Ehegesetze, S. 333.

[32] Wildberger, Ovids Schule, S. 317.

[33] vgl. Fink, Ars amatoria, S. 21.

Details

Seiten
31
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638144964
ISBN (Buch)
9783638639798
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7152
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für alte Geschichte
Note
2
Schlagworte
Beziehungen Geschlechterrollen Ovids Amatoria Geschlechterverhältnisse Reich

Autor

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Titel: Beziehungen und Geschlechterrollen in Ovids "Ars Amatoria"