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Kinder- und Jugendliteratur (KJL) über die Zeit des Nationalsozialismus

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

Kinder- und Jugendliteratur (KJL) geriet in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Blick der Literaturwissenschaft. Während die KJL seit ihren Anfängen im 18.Jahrhundert bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts meist eine „Heile - Welt“ - Literatur von Erwachsenen für Kinder und Jugendliche war, die den Lesern ein verzerrtes harmonisiertes Bild der Realität zeigte, änderte sich dies, anfangs noch bedingt, ab der Mitte des 20.Jahrhunderts nach dem Ende des 2.Weltkriegs. Die KJL begann sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander zu setzen und die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Meine Arbeit soll einen Einblick in die KJL über die NS-Zeit geben und der Frage nachgehen, ob und wie solch eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung überhaupt stattgefunden hat. Bei der Betrachtung dieses Themas eröffnen sich sofort viele weitere Fragen. So muss man sich überlegen, wann der richtige Zeitpunkt ist, Kinder und Jugendliche mit dem Thema Nationalsozialismus zu konfrontieren. Ist es überhaupt sinnvoll sie damit zu belasten, oder können sie die Schrecken und Ängste, die mit diesem Thema zusammenhängen gar nicht richtig verarbeiten? Welche Aspekte des Themas sind auf welcher Entwicklungsstufe zugänglich? Dabei spielt natürlich die moralische Entwicklung des Kindes eine bedeutende Rolle. Ganz allgemein stellt sich die Frage, ob Literatur überhaupt in der Lage ist politische Bildung zu vermitteln. Darf KJL also in einer pädagogischen Form Kinder und Jugendliche politisch beeinflussen? Und besteht dann nicht auch die Gefahr, dass Literatur von Erwachsenen, die immer noch meistens die Verfasser der KJL sind, instrumentalisiert wird? Um solche Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sowohl die Entwicklung der KJL in bezug auf die Thematik des Nationalsozialismus zu betrachten als auch einzelne kinder- und jugendliterarische Texte zu dieser Zeit zu untersuchen. Dabei möchte ich auch der Frage nachgehen, ob zwischen der Aufarbeitung der NS-Zeit in der Bundesrepublik Deutschland und im Jugendbuch ein gesellschaftlicher und politischer Zusammenhang besteht.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich der Frage nachgehen, ob Politik und KJL überhaupt zusammenpasst. Danach werde ich eine Übersicht über die Geschichte und Entwicklung der KJL über die NS-Zeit geben. Hierbei werde ich aufzeigen, welche Themengebiete behandelt wurden, zu welchen Epochen Veränderungen stattgefunden haben und weshalb es Schwerpunkte und Vernachlässigungen gab. Im zweiten Teil möchte ich dann drei Bücher vorstellen und dabei ganz gezielt, aufzeigen wie eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der KJL aussieht, welche Problematik und welche Möglichkeiten darin vorhanden sind.

2. KJL und Politik?

Wie ich in meiner Einleitung schon geschrieben habe, war die KJL lange Zeit, bis in die 60er Jahre, eine „Heile - Welt“ - Literatur, die Kinder und Jugendliche nicht belasten und überbeanspruchen sollte, sondern eine harmonisierte Realität darstellte. Nun stellt sich die Frage, ob nicht gerade die KJL die Aufgabe hat, jungen Menschen bei der Entwicklung eines politischen Bewusstseins behilflich zu sein.

„ Nicht nur der Geschichtsunterricht kann zeitgeschichtliches Denken und Bewusstsein in Gang setzen, beeinflussen und steuern; in besonderem Maße ist dazu die Literatur und vor allem die KJL in der Lage. Sie vermag mit Hilfe anschaulich - erlebnishafter Darstellungen und durch ihre Identifikationsangebote eine Vorstellung der Nazi-Zeit zu wecken, ein Hineinversetzen in die damalige Situation und ihre Probleme erleichtern und eine emotionale wie kognitive Auseinandersetzung in Gang zu setzen.“1

Diese Entwicklung eines historischen und politischen Bewusstseins, auf welche die KJL trotz anderer Medien und Geschichts- und Politikunterricht in der Schule eine große Bedeutung hat, dient dazu, den Jugendlichen demokratische und freiheitliche Werte und Normen näher zu bringen. Ein Abschirmen des Kindes von politischen Geschehnissen ist in unserer heutigen medialen Zeit sowieso nicht möglich. Das Vermitteln von politischer Bildung durch Literatur ist allerdings nicht ganz unproblematisch. Eine erzieherische Funktion der Literatur muss aufpassen, dass sie einerseits objektiv bleibt und andererseits das Kind nicht in eine entgegengesetzte Richtung treibt. So muss klar sein, dass KJL meistens von Erwachsenen geschrieben wird. Die Autoren vermitteln bewusst oder unbewusst immer ihre eigenen politischen Vorstellungen. Eine Instrumentalisierung der Literatur, um Kinder und Jugendliche politisch zu beeinflussen ist zu verurteilen. Gleichzeitig darf KJL ernste und schwerwiegende Themen, wie z.B. den Holocaust, nicht trivialisieren, indem die Autoren versuchen kindgerecht zu schreiben und somit eventuell entscheidende Themen verharmlosen. Eine verharmlosende Gestaltung gewisser Themen ist ein Fehler, da Kinder durchaus in der Lage sind, Gefühle wie Angst, Trauer und Verzweiflung einzuordnen. Begriffe wie Toleranz, Respekt und Menschlichkeit sollten viel mehr schon in frühster Kindheit zur Erziehung gehören. Dennoch darf dabei nicht übersehen werden, dass es ein schmaler Grad ist zwischen Realitätsnähe, die unbedingt vorhanden sein muss und einem Nicht-Überfordern des Kindes. Das Jugendbuch ist ein wichtiger Sozialisationsfaktor für das Kind. Während in Geschichtsbüchern ausschließlich Fakten aufgezeigt werden, spielt die Literatur immer mit den Emotionen der Leser.

„Doch eines gelingt dem Geschichtsbuch nicht: den Leser emotional betroffen zu machen. Schon durch die „Funktion“, Lehrbuch zu sein, sieht der Schüler in dem Inhalt nur noch „Stoff“, der vermittelt werden soll. Er wird mit Zahlen und Fakten konfrontiert, findet aber keinen emotionalen Zugang. Dieses ist u.E. aber eine wichtige Vorbedingung dafür, dass sich Jugendliche mit dem deutschen Nationalsozialismus beschäftigen.“2

Besonders die Thematik des Nationalsozialismus, die ein wichtiger Bestandteil der deutschen Geschichte ist, stellt einen besonderen Anspruch an die KJL. Dahrendorf spricht davon, dass die KJL die Verpflichtung zur Aufklärung und Schaffung von Verhältnissen hat, die eine Wiederholung unmöglich machen.3

Die KJL über die NS-Zeit soll sich an die Emotionen der Leser wenden. Sie lässt den Leser die Freuden, Ängste und Leiden der Hauptpersonen miterleben und nachvollziehen. Sie fordert eine Mitentscheidung in jenen moralischen Konflikten, in denen die Hauptpersonen stehen und fordert beim Leser eine Identifikation oder auch eine Distanzierung. Ein weiterer Vorteil gegenüber Geschichtsbüchern ist, dass die Leser Alltagssituationen gezeigt bekommen, in die sie sich hineinversetzen können. Die KJL soll also eine Art Erinnerung wach halten und den Leser historisch und politisch auf einer emotionalen Ebene schulen. Eine Aufklärung über den Faschismus kann damit eine gewisse Gegenwirkung fördern. Wobei man jedoch bedenken muss, dass der Leser immer die letzte Instanz bleibt, die über Annahme und Abwehr des Gelesenen, bzw. des in dem Gelesenen Vermitteltem entscheidet. KJL kann in dieser Thematik nur sinnvoll sein, wenn sie sich ernsthaft mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt und den Leser aufklärt. Wissensdefizite beim Leser müssen verringert werden, Einstellungsveränderungen bzw. Gedanken darüber sollten in Gang gesetzt und Tabus abgebaut werden. Nur dann kann Literatur dem Jugendlichen bei seiner Identitätsfindung helfen. Einen speziellen Zugang zu den historischen Ereignissen findet der Leser über die Identifikation mit den handelnden Personen, die in der KJL oftmals Gleichaltrige sind.

„ Das Lesen setzt also u.U. einen Reflexionsprozess in Gang, der sowohl die erzählten als auch die eigenen Erfahrungen zum Gegenstand haben kann. In einem vorübergehenden Identifikationsprozess vergleicht der Leser Handeln und Denken der beschriebenen Personen mit seinen eigenen Lebensvollzügen und versucht, Anknüpfungspunkte für sein eigenes Handeln zu finden.“4

Ein Lernprozess muss in Gang gesetzt werden, die Vorstellungskraft des Kindes muss geschult werden. Wichtig dabei ist, dass der Leser nicht alleine gelassen wird, sondern von Eltern und Lehrern bei diesem Prozess begleitet wird. Diese Begleitung findet z.B. in Gesprächen über die Thematik statt, die dem Kind die Angst vor den Grausamkeiten nehmen soll und dem Kind den Weg zur politischen Erkenntnis erleichtern kann. Das Lesen soll also ein Reflexions- und Kommunikationsprozess auslösen. Gleichzeitig ist es natürlich auch einleuchtend, dass eine einmalige Beschäftigung mit KJL über das Thema der NS-Zeit nicht ausreicht, um sich damit wirklich intensiv auseinander zu setzen. Ich verzichte in diesem Abschnitt auf eine genaue Betrachtung, wie diese Auseinandersetzung speziell aussieht, weil ich in Kapitel 4 anhand von ausgewählten Texten darauf näher eingehen werde.

[...]


1 Lange, Günter (Hg.) (2000): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1, Grundlagen – Gattungen. Hohengehren. S. 485

2 Heine, Klaus / Klika, Dorle / Prüße, Bianka 1983: Kinder- und Jugendliteratur über das Dritte Reich. In: Cloer, Ernst (Hg.) 1983: Das Dritte Reich im Jugendbuch. Braunschweig. S.410

3 siehe dazu: Dahrendorf, Malte (Hg.) 1999:Die Darstellung des Holocaust in der KJL – Beiträge Jugendliteratur und Medien. Weinheim

4 Heine 1983: S.404

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638727433
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71822
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,6
Schlagworte
Kinder- Jugendliteratur Zeit Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Kinder- und Jugendliteratur (KJL) über die Zeit des Nationalsozialismus