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Hunger in Deutschland von 1914 - 1918 - Alltag, Ursachen, Proteste

Seminararbeit 2001 16 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hungerkrise und ihre Auswirkungen
2.1 Von der Kriegsbegeisterung zur Hungererfahrung
2.2 Die Lebensmittelversorgungskrise
2.3 Gesundheit /Mortalität innerhalb der deutschen Bevölkerung.

3. Ursachen der Nahrungsmittelnot
3.1 Alliierte Hungerblockade und Importabhängigkeit
3.2 Die Probleme der LandwirtschaftS
3.3 Staatliche FehlleistungenS
3.3.1 Höchstpreise und die daraus resultierende Wucher
3.3.2 Kriegsfinanzierung und Inflation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Bei der Ernährungskrise, der die deutsche Bevölkerung während dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt ist, handelt es sich um ein Phänomen, das nicht nur Auswirkungen auf die Stimmung, den Alltag und die Gesundheit der deutschen Bevölkerung hat, sondern in letzter Konsequenz auch den Kriegsverlauf und die Revolution von 1918 massiv beeinflusst.

Zunächst werde ich versuchen in Teil 2 die Not, der die deutsche Bevölkerung durch die Krise in der Lebensmittelversorgung ausgesetzt ist, zu skizzieren, und auf die Auswirkungen auf Gesundheit und Mortalität eingehen.

Im Teil 3 meiner Hausarbeit werde ich mich den Ursachen des Hungers der deutschen Bevölkerung widmen: Erstens den Konsequenzen der alliierten Hungerblockade, zweitens den Ursachen für den Produktionsrückgang in der Landwirtschaft, und drittens den oft kontraproduktiven staatlichen Interventionen, vor allem der Einführung von Höchstpreisen für Grundnahrungsmittel. Mit einer Untersuchung der Kriegsfinanzierung werde ich zeigen n, dass die verantwortungslose Finanzpolitik des Reiches, ebenfalls Einfluss auf die Teuerung der Lebensmittel hat.

Abschließend werde ich in Teil 4 auf die Hungerproteste und Streiks, welche die Versorgungskrise nach sich zieht, eingehen.

Im Fazit werden noch einmal die wichtigsten Eckpunkte der Hausarbeit zusammengefasst.

2. Die Hungerkrise und ihre Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung

2.1 Von der Kriegsbegeisterung zur Hungererfahrung

Der Beginn des Ersten Weltkrieg ist gekennzeichnet, durch ein scheinbar alle Bevölkerungsschichten durchdringendes patriotisches Gemeinschaftsgefühl, dem, auch in späteren Jahren, propagandistisch immer wieder ausgeschlachteten, sogenannten Augusterlebnis. Jubelnde Kriegsfreiwillige, blumenbekränzten Militärtransporte und die Soldaten verabschiedende Scharen von Schaulustigen zeigen eine deutsche Bevölkerung, die mit unbändiger Begeisterung dem Krieg entgegenfiebert. Zwar wird nicht die gesamte deutsche Gesellschaft von diesem, als „Kriegspsychose“ deutbaren Rausch der Emotionen ergriffen, so sind vor allem in ländlichen Gebieten vielerorts auch kritische Stimmen zum Kriegsausbruch zu hören, doch scheint zumindest die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewillt zu sein, in einen Weltkrieg einzutreten, der eine der größten militärischen und sozialen Katastrophen Europas werden soll.

Nach den vielumjubelten militärischen Anfangserfolgen, kehrt bald Ernüchterung ein, denn die Menschen müssen erkennen, dass der Krieg nicht wie versprochen schnell zu gewinnen ist, und dass mit dem überregionalen Konflikt auch die Zivilbevölkerung massiv betroffen ist, schon bald erreichte der Krieg mit der Krise in der Nahrungsmittelversorgung die Heimatfront.

2.2 Die Lebensmittelversorgungskrise

Schon im Jahre 1915 sieht sich der Verbraucher einer stark verschlechterten Lebensmittelversorgung ausgesetzt. Einerseits steigen die Preise in ungekannte Höhen, so sind in Berlin „höherwertige Nahrungsmittel wie Fleisch, Butter und Eier für die Masse der großstädtischen Bevölkerung bereits zu unerschwinglichen Luxusgütern geworden“[1], andererseits kommt es selbst bei Grundnahrungsmitteln zu ersten Versorgungsengpässen. Schon im Februar 1915 wird die Brotkarte eingeführt, die dem Verbraucher nur noch einen festgeschriebenen Bedarf an Brot- und Mehlmengen zugesteht. Bis Ende 1916 fallen auch die wichtigsten anderen Grundnahrungsmittel unter die der Bevölkerung zugestandenen Ernährungsrationen. Lange Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, als „Lebensmittelpolonaisen“ verspottet, sind an der Tagesordnung. Aber auch die Qualität der verkauften Lebensmittel lässt im Laufe des Krieges immer weiter nach, so wird für die Produktion von Brot minderwertigeres Mehl verwendet und die Milch mit Wasser verdünnt. Die besten landwirtschaftlichen Produkte kommen nicht mehr in den geregelten Handel, sondern werden auf dem Schwarzmarkt gewinnbringend versilbert.

Im Winter 1916/1917, der als „Kohlrübenwinter“ in die Geschichte eingeht, überschreitet die Not der Volksmassen die Grenze des Ertragbaren. Eine katastrophale Kartoffelernte, gegenüber dem Vorjahr konnte nur weniger als die Hälfte eingebracht werden machen die Kohlrübe zum Hauptnahrungsmittel. Brot, Marmelade, selbst Kaffee, Pudding und Bier werden aus Kohlrüben hergestellt. Im Januar 1917 haben die Rationen, die den Menschen zum Überleben ausreichen sollen, geradezu lächerliche 1313 Kalorien. Selbst diese mehr als kargen Rationen werden im weiteren Kriegsverlauf gekürzt, so dass im Oktober 1918 der Berliner Politiker Scheidemann davon spricht, „dass man vor einem völligen Rätsel stehe, wenn man sich frage, wovon die Berliner Arbeiter lebten“[2]. Die Nahrungsmittelrationen von Fleisch betragen im 2. Halbjahr 1918 nur noch 12 Prozent des Friedensverbrauchs, bei Fisch sind es gar nur noch 5 Prozent. Aber auch bei den Grundnahrungsmitteln kommt es zu einem dramatischen Rückgang. Die Rationen für Mühlenprodukte machen mit 47 Prozent nicht einmal mehr die Hälfte des Konsums in Friedenszeiten aus, Butter und Pflanzenfette sind mit 28 bzw. 17 Prozent des Friedensverbrauchs ebenfalls zu Luxusgütern verkommen.

Nur durch die zusätzliche Nahrungsbeschaffung auf dem Schwarz- und Schleichhandel, ist es der Bevölkerung möglich dem Hungertod zu entgehen. Ohne den Schleichhandel wären also Millionen Menschen verhungert, dennoch überwiegen die negativen sozialen Begleiterscheinungen dieses inoffiziellen Handels, denn es „bleibt festzuhalten, dass der Schleichhandel dem bedürfnisorientierten, soziale Gerechtigkeit anstrebenden öffentlichen Verteilungssystem auf illegale Weise ca. ein Drittel der zur Verfügung stehenden Lebensmittel entzog und dieses Drittel nach den Kriterien von Einkommen, Vermögen und wirtschaftlicher Macht verteilte“[3]. Vor allem die Tatsache, dass mit ausreichenden finanziellen Ressourcen noch immer alles in beliebiger Menge zu haben ist, führt bei den ärmeren Gesellschaftsschichten zu Verbitterung.

Die Nahrungsmittelnot führt zu regelrechten Volkswanderungen, jedes Wochenende fallen Frauen und Kinder wie Heerscharen in die ländlichen Gebiete ein, um bei den Landwirten zusätzliche Nahrungsmittel zu kaufen oder gegen Wertgegenstände einzutauschen. Weder Verbote, Kontrollen oder gegen Kriegsende strenge Strafen können die Ausweitung des „Hamsterns“ verhindern. Bahnhofskontrollen von Polizeibeamten, die den Stadtbewohnern, die mühsam ergatterten Lebensmittel wegnehmen, lassen den Unmut gegen die Regierung anwachsen, vor allem weil die großen Schieber fast nie gefasst werden.

2.3 Gesundheit / Mortalität innerhalb der deutschen Bevölkerung

Die desolate Nahrungsmittelversorgung hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Zusätzlich steigen die Belastungen der Zivilbevölkerung durch die in Kriegszeiten deutlich erschwerte Arbeit, vor allem in der Rüstungsindustrie. „Viele Werktätige mussten statt bisher acht bis neun, jetzt zehn bis zwölf Stunden und länger arbeiten. Nacht- und Sonntagsarbeit sowie unbezahlte Überstunden waren gang und gäbe“[4] Die hohen körperlichen Anforderungen, verbunden mit der katastrophalen Ernährungssituation, lassen die Erkrankungen innerhalb der Betriebe sprunghaft ansteigen. So steigt die Zahl der Krankheitsfälle in einem Düsseldorfer Sprengstoffwerk bei den männlichen Arbeitern 1918 im Vergleich zu 1913 um fast 80 Prozent, bei den weiblichen Arbeiterinnen um über 55 Prozent. „1918 erkrankte praktisch jeder Arbeiter einmal im Jahr, in allen Kriegsjahren war die Zahl der Erkrankungen höher als im Frieden“[5]

Auch die medizinische Versorgung wird immer mangelhafter, da viele Krankenhäuser zu Lazaretten umfunktioniert werden, was mit einer Vernachlässigung der Hygiene epidemische Erkrankungen begünstigt. Der Aufenthalt in einer Klinik während des Ersten Weltkriegs kann leicht zum Todesurteil werden. „Der Tod hielt Ernte in den städtischen Krankenhäusern, ließ nicht ab, ehe alles Brüchige dahingesunken war; in den Irrenanstalten sank die Belegschaft bis auf die Hälfte.“[6] Typhuserkrankungen steigen dramatisch an, „allein an der (Krankheit) Ruhr starben 1917 17500 Menschen. Die Todesfälle infolge Tuberkulose nahmen um 27 Prozent zu und die Säuglingssterblichkeit lag 1917 um 10 Prozent höher als 1913“[7]. Aber auch andere Erkrankungen, wie Cholera und Fleckfieber nehmen unbekannte Ausmaße an. Im Frühjahr 1917 kommt es zu Erkrankungen, die auf die unzureichende Ernährung zurückzuführen sind, so treten „... in den Großstädten die ersten Hungerödeme auf – eine Krankheit, bei der Arme und Beine stark anschwollen.“[8] Mit zunehmender Kriegsdauer steigt die Mortalität innerhalb der Zivilbevölkerung. „Eine schnelle Steigerung der Todgeburten auf Grund der Schwäche der Frauen und vor Hunger vergehende Kinder, ältere Männer und Frauen, die „wie die Fliegen starben“, Krankheiten, die den Körper unförmig anschwellen oder verkümmern ließen und zu permanenter Invalidität führten“[9]. „Allein im Jahre 1918, das durch eine schwere Grippeepidemie gekennzeichnet ist, starben in Deutschland 220 000 Zivilisten mehr als 1913“[10]. Bis Kriegsende sterben mindestens 700 000 Menschen an Mangelfolgen.

3. Ursachen der Nahrungsmittelnot

3.1 Alliierte Hungerblockade und Importabhängigkeit

Als eine der Hauptursachen der schlechten Lebensmittelversorgung im Deutschen Reich kann die vor allem von England durchgesetzte Blockadepolitik der Alliierten angesehen werden. England hält sich in der Durchsetzung der Blockade zunächst noch an die bestehenden internationalen Abkommen, so dass die Auswirkungen auf den deutschen Außenhandel sich in Grenzen halten. Doch schon im November 1914 erklären die Briten die Nordsee zum Sperrgebiet. So werden vor allem im südlichen Teil der Nordsee ohne Rücksicht auf die zivile Handelsschifffahrt weiträumig Minenfelder ausgelegt, und ab 1916 fallen „... alle wirtschaftlich nutzbaren Güter unter absolute Konterbande.“[11].

Der Import aller Güter sinkt ab 1915 dramatisch ab. Trotz der vor Kriegsbeginn stark verbesserten Produktivität der deutschen Landwirtschaft ist das Deutsche Reich in erheblich Maße von Nahrungsmittelimporten abhängig, noch 1914 bezieht Deutschland „etwa 20 Prozent seines gesamten Nahrungsmittelkonsums aus dem Ausland.“[12]

[...]


[1] Michalka, Wolfgang, Der Erste Weltkrieg : Wirkung, Wahrnehmung, Analyse Originalausgabe. - München : Piper, 1994, S.607.

[2] Gutsche, Willibald, Von Sarajevo nach Versailles : Deutschland im ersten Weltkrieg / Willibald Gutsche ; Fritz Klein ; Joachim Petzold. - Berlin, Akademie .-Verlag, 1974, S.307.

[3] Kocka, Jürgen, Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914 –1918, Frankfurt am Main, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, 1978, S.44.

[4] Gutsche, Willibald, Von Sarajevo nach Versailles : Deutschland im ersten Weltkrieg / Willibald Gutsche ; Fritz Klein ; Joachim Petzold. - Berlin : Akademie -Verlag, 1974, S.111.

[5] Kuczynski, Jürgen, Geschichte des Alltags des deutschen Volkes ,Köln : PapyRossa-Verlag,1957, S.449.

[6] ebd., S.450.

[7] Gutsche, Willibald, Von Sarajevo nach Versailles : Deutschland im ersten Weltkrieg / Willibald Gutsche ; Fritz Klein ; Joachim Petzold. - Berlin : Akademie -Verlag, 1974, S.222.

[8] Michalka, Wolfgang, Der Erste Weltkrieg : Wirkung, Wahrnehmung, Analyse Originalausgabe. - München : Piper, 1994, S.609.

[9] Kuczynski, Jürgen, Geschichte des Alltags des deutschen Volkes ,Köln : PapyRossa-Verlag,1957, S.450/51.

[10] Gutsche, Willibald, Von Sarajevo nach Versailles : Deutschland im ersten Weltkrieg / Willibald Gutsche ; Fritz Klein ; Joachim Petzold. - Berlin : Akademie -Verlag, 1974, S. 351.

[11] ebd., S.17.

[12] ebd., S.18.

Details

Seiten
16
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638145176
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7183
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Hunger Arbeiterproteste Weltkrieg.

Autor

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