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Neue Denkmäler zur Zeit der Nationalstaatsgründung am Beispiel der Bismarck-Türme und –Säulen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert
2. Bismarck-Mythos und Bismarck-Kult
2.1 Entstehung
2.2 Stilisierung zur nationalen Kultfigur
2.3 Formen der Verehrung
3. Bismarck-Türme und -Säulen
3.1 Trägerschaft
3.2 Bismarck-Türme
3.3 Bismarck-Säulen
3.3.1 Aufruf der Deutschen Studentenschaft
3.3.2 Wilhelm Kreis und „Götterdämmerung“
3.4 Geographische Verteilung der Türme und Säulen

III. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

I. Einleitung

Noch heute begegnet man in den Städten und Dörfern dem Namen Bismarck, meistens in Gestalt von Straßen und Plätzen, aber auch Büsten und andere Denkmäler zu Ehren des Eisernen Kanzlers sind vielerorts noch vorhanden. So kann man über die ganze Bundesrepublik verteilt auf Anhöhen außerhalb der Städte noch 165 erhaltene Bismarck-Türme und –Säulen finden, die von den 234 errichteten die zwei Weltkriege und deren Folgen überstanden haben. Diese Türme und Säulen sind Zeugnisse einer enormen Bismarck-Verehrung, die zu einem wahren Kult wurde. Der Reichskanzler hatte 1871 endlich das geschafft, was so viele in einer Zeit des Nationalbewusstseins ersehnt hatten, die Gründung des Deutschen Reiches. Wegen dieser Leistung wurde um die Gestalt Bismarcks ein Mythos aufgebaut, der im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ohne gleichen war. Dieser Kult war eine Konstruktion, die damit begann, dass die Reichsgründung zur Schöpfungsgeschichte des deutschen Volkes und Bismarck zum Schmied dieser Einheit stilisiert wurden. Ihm wurden dann auch viele andere Eigenschaften zugeschrieben und die Verehrung galt jetzt nicht mehr nur dem Wunder der Reichsgründung, sondern seiner gesamten politischen Leistungen. Die Verehrung bekam immer mehr pseudoreligiöse Züge und Bismarck wurde zur nationalen Kultfigur. Trägerschaft der Verehrung und der einsetzenden Bismarck-Denkmalbewegung waren das Bürgertum und die Studenten, die vor allem nach der Entlassung Bismarcks, darin ihren Protest gegen Wilhelm II. ausdrückten. Die Denkmäler besaßen „germanischen“ Charakter, was mit der damaligen Tradition und Konstruktion einer deutsch-germanischen Geschichte zusammenhängt. Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Bismarck-Türmen und –Säulen, auf weitere Bismarck-(National)Denkmäler wird nur in bestimmten Zusammenhängen kurz eingegangen oder hingewiesen. In einem ersten Teil wird kurz auf den Begriff des Nationaldenkmals im 19. Jahrhundert allgemein eingegangen, um dann die Bismarck-Türme und –Säulen als besonderen Typus abzugrenzen. Der zweite etwas längere Teil beschäftigt sich mit der Verehrung Bismarcks. Sie ist zwar nicht Thema der Arbeit, aber für die enorme Denkmalbewegung wichtig und soll deshalb hier erwähnt werden.

In einem letzten Teil werden schließlich die Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen, eben als eine besondere Form der Denkmalbewegung, dargestellt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, wer die Träger dieser Bewegung waren und warum man sich gerade für den Entwurf des Architekten Wilhelm Kreis entschied.

II. Hauptteil

1. Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert

Die Idee des Nationaldenkmals entstand in unterschiedlichen Ausprägungen unter dem Eindruck der Französischen Revolution und der Freiheitskriege. Der Begriff Nationaldenkmal kann im späten 19. Jahrhundert somit für fast jedes patriotische Bauwerk benutzt werden. Vorraussetzung ist aber, dass die ganze Nation sich selbst in dem Denkmal repräsentiert, einem Denkmal in dem die glorreiche Vergangenheit vergegenwärtigt, die Gegenwart verewigt, oder eine bestimmte Idee sichtbar gemacht wird. Die nationale Identität wird somit in einem anschaulichen und dauerhaften Symbol festgehalten. Es gibt mehrere Möglichkeiten wie die Nation an einem Nationaldenkmal „beteiligt“ sein kann. Sie „kann Stifter oder Adressat des Denkmals sein, das Denkmal kann ihr gewidmet sein, sie kann im Denkmal dargestellt sein, die Person oder die Personen, das Ereignis oder die Idee, denen das Denkmal geweiht ist, können eine repräsentative Bedeutung für die Nation haben.“[1] Das Nationaldenkmal ist somit Ausdruck des Nationalbewusstseins. Aber genau hier liegt auch das Problem. Die Nationaldenkmäler besitzen ihren eigenen Stil, aber es ist nicht gesagt, dass dieser Stil mit den Tendenzen des Nationalbewusstseins gleichzusetzen ist. Die Interessen der politische Opposition wurden wohl kaum berücksichtigt und gerade im 19. Jahrhundert gab es einen enormen Stilpluralismus, in dem der „nationale Stil“ in Deutschland nur eine Form darstellte. Und auch er war ein „Mischmasch“ aus verschiedenen Stilrichtungen und Entlehnungen aus verschiedenen Kulturen. So schreibt ein Zeitgenosse aus dem 19. Jahrhundert: „Wenn eine Kultur in einer Verwurzelung steht, die die Tiefe des Mythischen und zugleich Elementarischen hat, dann kann sie die Fremdwerte mit übernehmen und in sich einbeziehen, die ihr aus anderen Zeiten und von anderen Völkern her zukommen: und das Ergebnis von allen Mischungen, Kreuzungen, Austauschbeziehungen, die jede ihrer Ausbreitungen mit sich bringt, wird immer eine neue, eine bereicherte Einheit sein, deren Formen nach wie vor in das Urplasma ausmünden, unter dem das Volk einst in die Geschichte eintrat.“[2] Bis ungefähr 1900 war für die meisten Künstler aber die Ästhetik wichtiger, als die politische oder nationale Aussage eines Bauwerks.

Aus der ästhetischen Struktur kann somit nicht gleich auf die Struktur des Nationalbewusstseins geschlossen werden. Will man nun aber die Funktion des Denkmals und seiner Idee für das Nationalbewusstsein erkennen, muss man alle Stilrichtungen und Entwürfe, ob realisiert oder nicht, und alle politischen Strömungen untersuchen.

Nipperdey unterteilt daher in seinem Aufsatz „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert“ das Nationaldenkmal in fünf verschiedene Typen. Die hier zu behandelnden Bismarck-Türme und –Säulen gehören zu dem letzten Typ, dem Denkmal der nationalen Sammlung, der nationalen Konzentration. Die Nation die durch diese Denkmäler angesprochen wird ist nicht mehr die Staatsnation, sondern die grenzübergreifende geschlossene Volksnation bzw. Volksgemeinschaft mit germanischer Tradition.[3]

2. Bismarck-Mythos und Bismarck-Kult

2.1 Entstehung

Der Bismarck-Mythos und der Bismarck-Kult, die um den Eisernen Kanzler aufgebaut wurden, waren Phänomene, die deutlich bis in die Zeit des Nationalsozialismus hineinreichten. Die ersten Ehrungen für Bismarck tauchten bereits 1866 nach dem Deutschen Krieg auf. Diesen noch privaten Initiativen folgten schnell Ehrenbürgerschaften verschiedener Städte. Die Personenverehrung des Kanzlers beruhte auf seiner gesamten politischen Leistung. Er hatte Elsass-Lothringen für das Reich gewonnen, er führte den Kulturkampf, er war verantwortlich für den Erwerb der Kolonien, aber auch wegen seiner Sprachkunst wurde er bewundert. Sein größtes Werk war aber die Reichsgründung. Hatte er damit doch endlich das geschafft, was so viele lange erhofft hatten.[4] In der Mitte Europas war ein kleindeutsches Kaiserreich entstanden und daraus der Wunsch einer Großmachtstellung. Die Konsequenz, mit der Bismarck dieses Ziel verfolgte und die Schnelligkeit, mit der es erreichte[5], führten zu einer nächsthöheren Ebene der Verehrung. Der Kanzler war nicht mehr nur ein Großer neben vielen, er war „der Größte“, „Deutschlands größter Sohn“, „der beste Mann der Zeit“, „der vollendetste Staatsmann aller Zeiten“, „ der Einzigeine“[6], „Ikone zeitgemäßen Glaubens an Deutschland“, „der urdeutsche Genius der Kraft, des eisernen Willens und Tat“, „Held und Titan“, er war einfach „Deutschland über alles“.[7] Seine Eigenschaften und Fähigkeiten wurden als „unbeugsam, hart, kämpft mit Blut und Eisen, erscheint aber auch schlicht, wahrhaftig, besonnen, lernfähig, den Frieden sichernd“[8], dargestellt.

2.2 Stilisierung zur nationalen Kultfigur

Nach der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands, dem höchsten Ziel im 19. Jahrhundert, setzte bei der Bismarck-Verehrung ein „Boom“ ein. Für sein Werk waren die Deutschen dem Kanzler dankbar. Bismarck hatte Deutschland in die Liga der Großmächte katapultiert und in der Verehrung machten sich die damaligen Minderwertigkeitsgefühle platz. Als Symbol für das Deutsche Reich stand Bismarck. Aber er war noch mehr, er war die Inkarnation Deutschlands, Bismarck war Deutschland selbst. Die Nation als ganzes verstand, ehrte und kräftigte sich in dieser Bismarck-Verehrung, die dadurch mit der Nation-Verehrung zusammenfloss. Der Kult um den Kanzler steigerte sich mit seiner Entlassung am 20. März 1890. Von dem jungen Kaiser mit Undank belohnt wurde Bismarck jetzt zum Märtyrer. Gründe zur weiteren Verehrung lieferten sein 75. Geburtstag wenige Tage nach seiner Entlassung, sein 80. Geburtstag 1895, der eine Art Nationalfeiertag wurde und natürlich sein Tod am 30. Juli 1898. Mit dem Tod Bismarcks brach in Deutschland eine Zukunftsangst aus. „O Bismarck, steig vom Himmel nieder, ergreif des Reiches Steuer wieder[, ins] Ungewisse schwankt das Reich.“[9]

Der Bismarck-Mythos war aber eine Konstruktion und keine spontan entstandene Bewegung. Sicher, man war ihm für die Reichsgründung dankbar, nach der Entlassung wurde er zum Märtyrer stilisiert und nach seinem Tod wurde er zu einem Schutzheiligen des Deutschen Reiches, das nun, wie viele glaubten, in eine dunkle Zukunft steuerte. Aber von Bismarck wurde so lange bewundernd und verherrlichend geredet, bis er zu einem Heiligen aufstieg. In einer Zeit der Säkularisation verlangte es viele Menschen nach einem Mythos, der außerhalb von Rationalität und reiner Logik stand. Die Politik reagierte auf diesen Wunsch und alle staatstragenden und vaterländischen Kräfte versuchten durch Schaffung von Identifikationssymbolen und –figuren ihren Teil dazu beizutragen. So wurden Mythen geschaffen in denen gezeigt wurde, dass in der ruhmreichen Vergangenheit auf deutschen Boden grandiose Ereignisse stattgefunden hatten. Das Wunder der Reichsgründung wurde somit zu der Schöpfungsgeschichte stilisiert, die Fortsetzung der vaterländischen Geschichte seit Armin dem Cherusker und der Befreiungskriege. „Wir haben es also beim Bismarck-Mythos mit einer famosen »kulturpolitischen« Antwort auf ein offenbar manifestes Bedürfnis nach politischer Religion, genauer: nach Vergötterung eines identifikationsfähigen Helden aus der Welt der Politik zu tun.“[10] Beim Bismarck-Kult könnte man schon fast von einem Religionsersatz sprechen, da immer wieder auch religiöse Vorstellungen und Begriffe benutzt wurden.[11] Im Deutschland des 19. Jahrhunderts gab es keine Persönlichkeit, um die schon zu Lebzeiten ein solcher Kult aufgebaut wurde und Bismarck selbst war dieser Mythenbildung um seine Person nicht abgeneigt, trug er doch durch Selbstinszenierungen teilweise dazu bei. Die Verehrung ging vom Bürgertum aus, organisiert in Bürgerinitiativen und von der Jugend, organisiert in Studenten- und Burschenschaften. Sie war Protestbewegung gegen Wilhelm II. und spiegelte politische, gesellschaftliche und geistige Mentalitäten dieser Zeit wieder. Sie war auch Ausdruck einer Angst vor der Auflösung der Volksgemeinschaft und dem Machtverlust in einer glücklosen Weltpolitik.[12] Es ist bemerkenswert, aber aufgrund der oben genannten Tendenzen auch nicht verwunderlich, dass die Verehrung nicht durch staatliche Instanzen gefördert wurde und es keine zentrale Leitung gab.[13]

[...]


[1] Nipperdey, Thomas: Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert. Seite 134-135. In: Ders.: Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte. Göttingen 1976. Seite 133-173.

[2] Meissner, Carl: Wilhelm Kreis. Essen 1925. Seite 14. Das Zitat bezieht sich auf die Konstruktion einer nationalen Geschichte in Deutschland und daher auch auf das Nationaldenkmal, das Ausdruck dieses Nationalismus ist. Auf diese Konstruktion wird hier nicht weiter eingegangen, da sie nicht Thema dieser Arbeit ist. Literatur dazu siehe u.a.: Hardtwig, Wolfgang: Geschichtskultur und Wissenschaft. München 1996. Joachimsen, Paul.: Vom deutschen Volk zum Deutschen Staat. Eine Geschichte des deutschen Nationalbewusstseins. Göttingen 31956. Schulze, Hagen: Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte? Stuttgart 1998.

[3] Vgl. : Nipperdey, Thomas: Nationalidee und Nationaldenkmal. Seite 133-135, 163, 166-170. Zur germanischen Tradition siehe: Gollwitzer, Heinz: Zum politischen Germanismus des 19. Jahrhunderts. In: Max-Planck-Institut für Geschichte (Hrsg.): Festschrift für Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag am 19. September 1971. Band I. Göttingen 1971. Seite 282-356.

[4] „Millionen haben darüber nachgedacht, aber nur Einer hat`s fertiggebracht.“Hedinger, Hans-Walter: Bismarck-Denkmäler und Bismarck-Verehrung. Seite 284. In : Mai, Ekkehard/Waetzold, Stephan (Hrsg.): Kunst, Kultur und Politik im Deutschen Kaiserreich. Band 1. Berlin 1981. Seite 277-314.

[5] „als niemand mehr`s geglaubt“Ebd.: Seite 284.

[6] Alle fünf Zitate vgl.: Hedinger, Hans-Walter: Der Bismarckkult. Ein Umriß. Seite 204-205. In: Stephenson, Gunther: Der Religionswandel unserer Zeit im Spiegel der Religionswissenschaft. Darmstadt 1976. Seite 201-215.

[7] Alle vier Zitate vgl.: Machtan, Lothar: Bismarck-Kult und deutscher National-Mythos 1890 bis 1940. Seite 16. In: Ders.: Bismarck und der deutsche Nationalmythos. Bremen 1994. Seite 14-67.

[8] Vgl.: Hedinger, Hans-Walter: Bismarck-Denkmäler und Bismarck-Verehrung. Seite 285.

[9] Hedinger, Hans-Walter: Der Bismarckkult. Seite 207.

[10] Machtan, Lothar: Bismarck-Kult. Seite 18.

[11] Die Reichsgründungszeit wurde als heilige Zeit bezeichnet, die Anhänger Bismarcks bezeichneten sich selbst als Pilger, die zum heiligen Hain des Sachsenwaldes wanderten. Bismarck segnete als Denkmal das umliegende Land, ihm wurden u.a. Feueraltäre, Opfersteine, Quellenheiligtümer geweiht usw. Vgl.: Hedinger, Hans-Walter: Bismarck-Denkmäler und Bismarck-Verehrung. Seite 296-298. Ebd.: Der Bismarckkult. Seite 211.

[12] War die Bismarck-Verehrung auch eine Art Verschleierung der damaligen sozialen Probleme? Oder sogar Ausdruck und Verstärkung von Militarismus und aggressivem Imperialismus? Hedinger diskutiert diese beiden Thesen und verneint sie am Ende beide. Die Diskussion hier anzuführen würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Vgl.: Hedinger, Hans-Walter: Bismarck-Denkmäler und Bismarck-Verehrung. Seite 286-288.

[13] Vgl.: Hedinger, Hans-Walter: Bismarck-Denkmäler und Bismarck-Verehrung. Seite 285, 288-289. Hedinger, Hans-Walter: Der Bismarckkult. Seite 205-211. Machtan, Lothar: Bismarck-Kult. Seite 16-20.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638686457
ISBN (Buch)
9783656395522
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71903
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,0
Schlagworte
Neue Denkmäler Zeit Nationalstaatsgründung Beispiel Bismarck-Türme

Autor

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