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Lysander - Ein Flottenbefehlshaber im Peloponnesischen Krieg

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Lysander als Naurach
1. a) Die Ausgangslage 408. v. Chr.
1. b) Notion
2. Kallikratidas und die Niederlage bei den Arginusen

III. Die Schlacht von Aigospotamoi
1. a) Die Vorbereitungen
1. b) Die Seeschlacht

IV. Zusammenfassung

V. Quellen und Literatur
1. Quellen
2. Literatur

I. Einleitung

Mehr als zwei Jahrzehnte wütete der Krieg zu Lande und zur See um die Vorherrschaft in der Hellas, der griechischen Welt, als ein bis dahin unbekannter, spartanischer Offizier das Kommando über die Flotte übernimmt und dem Krieg eine neue, irreversible Wendung zugunsten Spartas gibt. Die Flotte und der Krieg zur See, bisher eher an untergeordneter Stelle der spartanischen Kriegsanstrengungen, nehmen unter Lysander einen immer wichtigeren Stellenwert ein und führen in der Konsequenz zum Sieg im Peleponnesischen Krieg.

Es wird anhand zweier Seeschlachten, die unter Verantwortung Lysanders geschlagen wurden, der Versuch unternommen, die militärischen Fähigkeiten dieses Befehlshabers zu analysieren, seinen Erfolg zu erklären und letztlich eine Bewertung vorzunehmen. Weder soll ein moralisches Urteil über sein Verhalten, insbesondere nach den Schlachten, gefällt, noch seine Person hinsichtlich politischer Tätigkeit bewertet werden.

Das Ziel soll sein, insbesondere hinsichtlich der divergierenden Überlieferungen von Xenophon, Plutarch, Nepos und Diodor, die Aspekte auszublenden, die in sich moralische Urteile oder kaum nachprüfbare Behauptungen enthalten, da diese den Blick auf das Wirken Lysanders als Feldherrn und verantwortlichen Soldaten versperren. Oft sind nur Motive und Schlachtverläufe unterschiedlich dargestellt, Ausgangspunkt und Ergebnisse aber in wesentlichen Punkten übereinstimmend. Die Unterschiede sind auf vielfältige Ursachen, wie literarische Ausschmückungen, fehlende Informationen, Nacherzählungen, etc. zurückzuführen. Da Xenophon in seinen Darstellungen der militärischen Aspekte eindeutig genauer und vielfach glaubwürdiger erscheint und zudem als Zeitzeuge1gelten kann, wird seinen Darstellungen in der vorliegenden Arbeit der Vorzug vor den anderen Traditionen gegeben.2

Das sehr eingegrenzte Ziel, lediglich die militärischen Fähigkeiten des Lysander in einem zudem kurzen Zeitraum isoliert von allen menschlichen Qualitäten zu bewerten, scheint auf den ersten Blick wenig lohnenswert, denn die historische Überlieferung versucht ja gerade alle Facetten einer historischen Person zu beleuchten. Aber in diesem Fall kann die sehr eingegrenzte Betrachtung helfen zu verstehen, warum Lysander überhaupt zur historischen Person werden konnte, was nicht mit seinem Wesen, sondern mit seinen Siegen zu erklären ist.

II. Lysander als Naurach

II. 1. a) Die Ausgangslage 408. v. Chr.

Im Jahre 408 v. Chr.3endete die Amtszeit des Oberbefehlshabers der spartanischen Flotte, zu diesem Zeitpunkt Kratesippias, turnusmäßig und ein bis dahin in den Quellen kaum erwähnter Admiral erhält das Oberkommando: Lysander.4

Bis zum Zeitpunkt der Ernennung ist die Quellenlage über Lysander selbst mehr als dürftig und abgesehen vom Namen seines Vaters, Aristokritos5, aus heraklidischem Geschlecht und seiner vermutlich unterprivilegierten Jugend ist nur wenig bekannt. Die Debatte, ob Lysander mütterlicherseits von helotischer Abstammung und auf Grund dessen er erst nach staatlicher Erziehung seine Bürgerrechte erhielt, soll hier nur genannt und auf andere Werke verwiesen werden.6Ob es sich bei der Wahl um eine Protegierung durch den Stiefbruder des Königs Agesialos7handelte, ob vielleicht überragende Fähigkeiten eine Rolle spielten oder die Wahl ein Routinevorgang war, spielt für den späteren Verlauf kaum eine Rolle, ist aber dennoch eine ebenfalls umstrittene Diskussion.

Die Ausgangslage war für den neuen Befehlshaber wesentlich günstiger als für seine Vorgänger. Neben den 30 Trieren, die in Gytheion fertig gestellt wurden, zog er Schiffe aus Rhodos zusammen und verfügt bei seiner Ankunft in Ephesos über 70 Schiffe8, ungefähr dreimal so viele wie Kratesippias.

Er verlegte das Hauptquartier der Flotte nach Ephesos, was einerseits der strategischen Lage von See her geschuldet war9und zugleich die Verbindung nach Sardis erleichterte. Das ermöglichte eine engere Kommunikation mit den persischen Gesandten, welche auf Grund des neuen Bündnisses zwischen Sparta und den Persern nötig wurde.

Das Treffen zwischen Lysander und dem persischen Gesandten und Sohn von Dareios II. wird in Xenophon´s Hellenika zu einer Schlüsselepisode, wo die besonderen Fähigkeiten Lysanders herausgehoben werden. Lysander forderte eine entschiedene Verbesserung der persischen Unterstützung, die ihm von Kyros gewährt wurde. Dem Admiral gelang es nicht nur die finanzielle Unterstützung beträchtlich zu erweitern, sondern auch eine persönliche Beziehung aufzubauen.

Die Versuche des Alkibiades, die Perser davon zu überzeugen, keine der kriegführenden Parteien zu sehr dominieren zu lassen, scheiterten bereits im Vorfeld, da Kyros nicht einmal die Gesandten empfing, die vor den immer mehr dominierenden Beziehungen zu Sparta warnen wollten.10

Bis zum Winter war die Anzahl der einsatzbereiten Schiffe auf ungefähr 90 angestiegen und die Besatzungen soweit eingeübt und trainiert, dass die Flotte als Ganzes Kämpfe zu führen vermochte. Bis dahin ging Lysander jeglicher Konfrontation aus dem Weg und ließ die Zeit zu seinen Gunsten verstreichen, eine Strategie, die im Angesicht von gerade begonnener Aufrüstung der Flotte, mangelnder Übung und auch fehlender Erfahrung geradezu ratsam zu nennen ist.11

II. 1. b) Notion

„ […] Lysander hinterließ einen berühmten Namen, der mehr durch sein Glück, als durch seine Tüchtigkeit gewonnen war.“12Dass Glück, wie Nepos betont, bei der Schlacht von Notion eine Rolle spielte, ist sicherlich nicht in Abrede zu stellen, aber das Ausnutzen einer oder mehrerer günstiger Bedingungen gehört zur Kunst des Feldherren, welche Lysander zweifellos beherrschte.

Der erste günstige Umstand zu Gunsten des Spartaners bestand in der Abwesenheit des gefürchteten Alkibiades, sowie eines Teils seiner Flotte. Der zog es vor, vermutlich, weil die Spartaner zu keiner Seeschlacht bereit waren, seinen Mitstrategen Thrasybulos bei der Belagerung von Phokaia zu unterstützen. Das Kommando übernahm unterdessen der „Steuermann“ Antiochos,13der vermutlich eher den Rang eines Vizeadmirals14bekleidete. Der Auftrag des Antiochos, bei Xenophon kaum interpretierbar, lässt sich nur schlussfolgern. Die Weisung des Alkibiades, nicht gegen Lysander zu fahren, schließt meiner Meinung nach vor allem einen direkten Angriff aus, aber Erkundungsfahrten, wie es diese bereits vorher gab, scheinen sich nicht gegen diesen Befehl zu richten. Auch eine Blockade gegen Ephesos, vor allem um Operationen in Ionien abzusichern, scheint im Befehl nicht ausdrücklich untersagt und sogar im Interesse des Alkibiades. Sowohl Xenophon15, als auch zahlreiche andere Autoren werfen Antiochos direktes Versagen vor, als er mit seinem und einem weiteren Schiff in den Hafen von Ephesos einfährt. Zwei Möglichkeiten sind für diesen Entschluss des stellvertretenden Befehlshabers denkbar. Seine Erfahrung zur See und sein schnelles Kommandeursschiff prädestinierten ihn für eine Erkundung der spartanischen Vorbereitungen, zumal die Schiffe der Spartaner seit einiger Zeit an Land lagen.16Er unterschätze vermutlich die schnelle Reaktion des Lysander, der gleich einige Schiffe zu Wasser ziehen ließ, und er fuhr mit seinem Schiff zu dicht an den Hafen.17Die restlichen athenischen Schiffe, ungefähr acht18, die bis zur Hafeneinfahrt gefolgt waren, wollten dem Bedrängten zu Hilfe eilen. Eine klare Fehlentscheidung kann man nicht unterstellen. Auf der einen Seite die Frage, ob Lysanders noch nicht einsatzbereite Trieren wirklich in der Lage gewesen wären die beiden Erkundungsschiffe einzuholen und zu vernichten. Auf der anderen Seite ist unbekannt, ob die anderen acht athenischen Triearchen nur in der Absicht handelten Lysander von einer Verfolgung abzuschrecken.19 Antiochos ist in diesem Fall kaum übermütiger Ehrgeiz anzukreiden.

Selbst die zweite Möglichkeit ist mit Wohlwollen betrachtet eher ein Störmanöver. Mit einigen Schiffen in der Nähe fährt Antiochos in den Hafen ein, um wenige Schiffe der Athener zum Angriff auf scheinbar nur zwei Schiffe zu provozieren. Die angreifenden Schiffe wären dann den auf der Lauer liegenden athenischen Trieren zum Opfer gefallen. Auch aus dieser Sicht ist das Ganze eher als begrenzt geplante Aktion zu betrachten, um einerseits die eigenen Truppen zu motivieren und andererseits die Vorbereitungen der Spartaner kurz zu unterbrechen.20

Als Lysander erkannte, dass die athenischen Schiffe seinen wenigen überlegen waren, befahl er seiner gesamten Flotte in Schlachtordnung den Angriff. Die athenischen Schiffe im Hafen von Notion liefen ungeordnet und nacheinander aus, entsprechend verstreut und einzeln wurden sie von der formierten Schlachtordnung der spartanischen Flotte getroffen. Der Verlust von 15 Trieren und die Flucht der restlichen Flotte in den Stützpunkt von Samos beendete die Seeschlacht.21

Nach dieser Niederlage versuchte Alkibiades mit einer neu formierten Flotte, Lysander erneut unter anderen Bedingungen zu fordern. Dieser wich, vor allem wegen seiner zahlenmäßig unterlegenen Flotte, einer weiteren Seeschlacht aus. Er siegte dennoch über Alkibiades, der von den Athenern als Stratege abgewählt wurde, da er Disziplinlosigkeit und Leichtsinn seiner Männer nicht unter Kontrolle hatte und dadurch die verlorene Seeschlacht in den Augen der athenischen Bürgerschaft mitverschuldete.22

Gemessen an den Verlustzahlen von Mensch und Material mag diese Schlacht nur geringe Bedeutung gehabt haben, aber die politische Bedeutung ist unübersehbar. Der bisher in vielen Schlachten erprobte und oft siegreiche Alkibiades wurde gezwungen sein Kommando aufzugeben.

Und ein bisher unbekannter Kommandeur trat in den Mittelpunkt der Auseinadersetzungen. Wie aber sind die persönlichen Leistungen und Fähigkeiten des Lysander als Flottenbefehlshaber in der Seeschlacht bei Notion zu werten?

Wie eingangs erwähnt spielten sicherlich die günstigen Umstände eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Abwesenheit des Alkibiades, mehrere Fehleinschätzungen des Stellvertreters wären aber dennoch ohne die ständig in Bereitschaft verharrende Flotte, ohne die schnelleren Schiffe, ohne den schnellen Entschluss zu einem massierten Angriff folgenlos geblieben. Lysander verstand es, die Schwäche des Gegners zu erkennen und zu seinen Gunsten zu nutzen und damit die monatelangen Vorbereitungen seiner Flotte in klare Ergebnisse umzusetzen.

Der Versuchung, das gewonnene kleinere Gefecht mit einer Seeschlacht gegen die gesamte athenische Flotte zu riskieren, widerstand er erfolgreich und gab Alkibiades damit keine Gelegenheit, seinen Namen vor den Bürgern Athens zu rehabilitieren.

Als berechnender Stratege gelang es ihm im Vorfeld eine systematische Überlegenheit aufzubauen. Er verhandelte erfolgreich mit den Persern und sicherte der Flotte damit eine finanzielle Grundlage23, ihm gelang es, die teils zerstreuten Flottenverbände zu vereinen und zu einem einzigen Verband zusammenzufassen. Er umging jegliche kleinere Konfrontation24 bis zum Zeitpunkt der Einsatzbereitschaft und schlug ohne Zögern mit ganzer Kraft zu, als sich eine günstige Gelegenheit zeigte. Obwohl die Quellen, insbesondere Xenophon, vor allem die Fehler des Antiochos betonen, war es Lysanders Verdienst, diese Fehler im richtigen Moment ausgenutzt zu haben.

[...]


1Xenophon 426 v. Chr. - 355 v. Chr.

2Bleckmann, Bruno, Athens Weg in die Niederlage: die letzten Jahre des Peloponnesischen Kriegs, Stuttgart, u.a. 1998, S. 115 - 133 und S. 162 - 180. Der Autor legt ausführlich dar, dass große Teile von Diodors Quelle auf Xenophon zurückgehen.

3Lotze, Detlef, Lysander und der Peloponnesische Krieg, Berlin 1964, S. 14. Das Kommando wurde erst im Folgejahr übernommen.

4Xenophon, Hellenika, Griechisch-Deutsch / editiert Strasburger, Gisela, München 1970, I 5, 1.

5Plutarchus, Große Griechen und Römer: ausgewählte Lebensbilder / Neu bearb. von Dagobert von Mikusch, Berlin 1935, Lysander 2, 1.

6Kahrstedt, Ullrich: RE XIII 2 (1927), 2503 s.v. Lysandros 1. und Lotze (1964), S. 12 - 13.

7Plut, Ages. 2, 1.

8Xen. Hell. I 5, 1.

9Der Stützpunkt Ephesos ermöglichte es, die auf Samos stationierte athenische Flotte bei Verbindungen nach Chios zu umgehen.

10Vgl. Xen. Hell. I 5, 2 - 9.

11Xen. Hell. I 5, 10.

12Nepos, Cornelius, Lysander, lateinisch - deutsch / hrsg. von Wirth, Gerhard, Amsterdam 1994, I, 1. “Lysander Lacedaemonius magnam reliquit sui famam, magis felicitate quam virtute partam.”.

13Vgl. Xen. Hell. I 5, 11.

14Vgl. Lotze, 1964, S. 20. Die Logik, dass die Flotte einem einfachen Steuermann übergeben wird, ist kaum nachvollziehbar. Der Titel des Antiochos ist umstritten, siehe Bleckmann, 1998, S. 175.

15Xen. Hell. I 5, 12.

16Bleckmann, 1998, S. 165. Der Autor wertet die angebliche Befehlsverweigerung des Antiochos von vornherein als Routineauftrag zur Erkundung der spartanischen Flotte.

17Vgl. Xen. Hell. I 5, 12 - 15.

18Die Zahl von insgesamt zehn athenischen Schiffen hat sich allgemein durchgesetzt. Siehe Lotze, 1964, S. 21.

19Bleckmann, 1998, S. 167.

20Lotze, 1964, S. 21. Die These ist vom Autor übernommen.

21Vgl. Xen. Hell. I 5, 13-15.

22Xen. Hell. I 5, 16.

23Vgl. Xen. Hell. I 5, 2 - 9.

24Xen. Hell. I 5, 10.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638635295
ISBN (Buch)
9783638839167
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72011
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Philosophische Fakultät / Institut für Geschichte
Note
2.0
Schlagworte
Lysander Flottenbefehlshaber Peloponnesischen Krieg Proseminar Einführung Alte Geschichte Sizilische Expedition

Autor

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