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Zur Kategorie des Risikos in der soziologischen Theorie

Essay 2006 10 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Gesellschaftliche Modernisierung und Risikodiskurs
Der Wandel von der Klassengesellschaft zur Industriegesellschaft
Der Übergang von der Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft
Kennzeichen moderner Risiken
Beziehung zwischen individuellen und kollektiven Risiken
Gesellschaftlicher Umgang mit Risiken

Fazit

Literatur:

Einleitung

Charakterisieren wir gegenwärtige gesellschaftliche Veränderungsprozesse als Übergangsphänomene von der Industrie- zur modernen Risikogesellschaft, so nehmen wir mit dieser Deutung einen gesellschaftlichen Wandel in den Blick, der bisherige Sicherheiten und Rationalitäten in Frage stellt.[1] Im Vergleich zu früheren Epochen geht die Gesellschaft heute anders mit Unsicherheiten und Gefahren um. Die Beziehungen zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verändern sich, ebenso die Stellung des Einzelnen in bezug auf seine private Lebensgestaltung und seine gesellschaftliche Partizipation.[2] Diese gesellschaftlichen Wandlungsprozesse diskutiere ich in den folgenden Abschnitten. Dabei lasse ich mich von folgenden Fragen leiten:

1.) Was kennzeichnet moderne Risiken und wie geht die Gesellschaft damit um?
2.) Moderne Gesellschaften zeichnen sich u.a. durch einen spezifischen Umgang mit Unsicherheit aus. Inwiefern lässt sich in diesem Zusammenhang von einer „Risikogesellschaft“ sprechen? Könnte man nicht auch von einer „Chancengesellschaft“ reden?
3.) Wie reiht sich die Entwicklung eines ausgeprägten Risikodiskurses in jene Prozesse des gesellschaftlichen Umbaus ein, die die Soziologie als „Modernisierung“ thematisiert?

Im ersten Abschnitt skizziere ich zunächst den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess und gehe der Frage nach, welches Wechselverhältnis Modernisierung und der Umgang mit Gefahrenlagen eingehen. Danach werde ich Risiken genauer charakterisieren. In den daran anschließenden Abschnitten diskutiere ich die Frage, welche Verbindung zwischen individuellen und kollektiven Risikolagen besteht und wie die Gesellschaft damit umgeht. Es wird deutlich werden, dass Antworten vorläufig sind und die Suche nach Antworten als nicht abschließbarer Prozess verstanden werden muss.

Gesellschaftliche Modernisierung und Risikodiskurs

Der Wandel von der Klassengesellschaft zur Industriegesellschaft

Frühere Gesellschaften waren durch unterschiedliche Klassen gekennzeichnet, deren Lage sich anhand ihrer sozio-ökonomischen oder kulturellen Lebenssituation bestimmen ließ. Klassenlagen drücken sich durch „soziale Ungleichheit“ aus. Dabei handelt es sich um verfügbare Ressourcen wie Bildung, Macht, Besitz oder Ansehen. Die unterschiedlichen Verfügungsmöglichkeiten über Ressourcen beeinflussten die Betroffenheit von Gefahren und den Umgang mit den Folgeschäden. Vor dem Siegeszug der Industrialisierung fand in den Handwerkerhaushalten oder auf dem Lande die Produktion von Gütern und das alltägliche Leben noch unter einem Dach statt. Gefahren wie Produktionsausfälle durch Krankheit waren sinnlich wahrnehmbar und lösten direkte Betroffenheit aus. So waren Missernten in traditionalen bäuerlichen Milieus jener Zeit Anlass für Gebete und Prozessionen. Das Leben wurde zyklisch, im Jahreskreis gedacht. Aneinandergereihte Handlungsketten (von der Aussaht bis zur Ernte) verliehen dem Alltagsleben Sicherheit, Sinn und Struktur und wurden traditionell an die Nachkommen weitergegeben.[3]

Auch in der aufkommenden Industrialisierung blieb die Gefährdungslage und der Umgang mit den Schäden zunächst von den eigenen Ressourcen abhängig. Gefährdungslagen beschreiben in der Zeit der Vormoderne und der Industriegesellschaft demnach zunächst lokal eingegrenzte Erscheinungen, die man nach verfügbarem Wissenstand, nach ererbter Tradition oder Erfahrung behandelte. Die Gefahren waren Verursachern zurechenbar und wurden auf der Ebene der betroffenen Akteure bearbeitet. Zugleich begann sich jedoch ein Wandel abzuzeichnen, welcher sich als Rationalisierung, Säkularisierung und fortschreitende Technologieentwicklung beschreiben lässt.

Der Übergang von der Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft

Der gesellschaftliche Modernisierungsprozess von der Industrie- zur Risikogesellschaft lässt sich in vier zentralen Begriffen verdichten:

(1) Die Arbeitsteilung (beispielsweise in der Trennung von Nahrungsmittelproduzenten und Industriearbeitern) leitete im Zuge wirtschaftlicher Entwicklung einen gesellschaftlichen Differenzierungsprozess ein. In der Gesellschaft bildeten sich Subsysteme aus, wie Wirtschaft, Wissenschaft, Recht oder Politik. Diese getrennten Systeme bearbeiten spezialisierte Aufgabenbereiche und zeichnen sich beobachtungsabhängig durch wechselseitige Resonanz aus.[4] Das bedeutet, rationale Entscheidungen in einem System greifen in die Zuständigkeiten anderer Systeme ein und beeinflussen deren weitere Entscheidungen.[5] Die Gesellschaft muss einen Kompromiss zwischen Spezialisierung und Integration der verschiedenen Teilbereiche finden, um ihren Zusammenhalt nicht zu verlieren. Dafür übernimmt die Politik Verantwortung, indem sie Rahmenbedingungen vorgibt.

[...]


[1] Vgl.: Beck, U. (1986):Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am, Main. S.: 25-67

[2] Vgl.: ebd. S.: 254-300

[3] Auf den Unterschied gesellschaftlicher Unsicherheitskonstruktionen in vormodernen und modernen Gesellschaften weist Wolfgang Bonß, bezugnehmend auf Douglas und Wildavsky hin. In ihrem Werk „Risk and Culture“ illustrieren Douglas und Wildavsky den Umgang mit Unsicherheiten bei den Lele, einem Volk in Zaire. Zur Unsicherheitsprävention werden magische Praktiken durchgeführt, Betroffenheiten werden moralischen Verfehlungen und weniger den Handelnden selbst zugerechnet. Vgl.: Bonß, W. (1995), S.: 44-45

[4] Die hier eingeführte Resonanzhypothese folgt Luhmanns Sicht auf Gesellschaft als sinnhaftem Kommunikationszusammenhang funktional differenzierter Subsysteme. Vgl.: Luhmann, N. (1986), S.: 202 ff

[5] Beispielsweise beeinflusst die Rüge des europäischen Gerichtshofes zu den Arbeitszeiten der Klinikärzte in Deutschland direkt die nationale Gesundheitspolitik. Eine Änderung ihrer Arbeitszeiten erhöht möglicherweise die Kosten der Krankenversicherung. Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung teilen sich Unternehmen und der Versicherte. Produzierte Güter werden teurer oder die Unternehmen reagieren mit Rationalisierung oder Verlagerung von Arbeitsplätzen auf die gestiegenen Lohnnebenkosten.

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638809382
ISBN (Buch)
9783638809658
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72161
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Insitiut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Kategorie Risikos Theorie Risiko-Gesellschaft Unsicherheit Handeln Nichtwissen Risiko

Autor

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