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Sonderpädagogisches Gutachten für ein Kind mit Beeinträchtigung im Verhalten

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Gutachten über den sonderpädagogischen Fördebedarf

1. Personen- und Untersuchungsdaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Anlass der Begutachtung

Tim ist 6 Jahre alt und lernt seit August 2004 in der Klasse 1a. Tim ist nach Aussagen der Lehrerin ein intelligenter Junge. Er hat eine schnelle Auffassungsgabe und zeigt in keinem Fach Schwierigkeiten im Lern- und Leistungsverhalten. Schon in den ersten Tagen zeigte Tim aber ein sehr auffälliges Verhalten. Es stört den Unterricht, indem er mit Sachen wirft, durch den Raum läuft, nicht auf die Anweisungen der Lehrerin hört oder einfach reinruft. Er verweigert die Mitarbeit, zerstört Schuleigentum, schlägt andere Schüler und einmal auch eine Lehrerin. Anlässlich des störenden Verhaltens wurden Elterngespräche, Gespräche im Klassenverband und Einzelgespräche mit der Lehrerin und der Direktorin geführt. Anfangs wurde das Verhalten von der Lehrerin, soweit es ging auch ignoriert. Tim wurde darüber hinaus schon zweimal beim Montagstreffen vor der ganzen Schule wegen seinem negativen Verhalten getadelt. Diese Maßnahmen zeigten jedoch nur sehr kurzzeitigen oder gar keinen Erfolg. Die Klassenlehrerin und die Referendarin wissen nicht mehr, was sie mit Tim noch machen können. Um ungestört unterrichten zu können hilft häufig nur noch den Schüler aus der Klasse zu entfernen, und ihn für den Rest der Stunde zur Direktorin zu bringen. Damit leidet die gesamte Klasse unter dieser Situation.

3. Fragstellung

Es soll untersucht werden in welchen Situationen Tim das auffallende Verhalten zeigt und welche Auslöser es dafür geben könnte. Tims Verhalten soll dabei in natürlichen Unterrichtssituationen und in der Pause dokumentiert werden. Gespräche mit Lehrern und dem Schüler sollen weiterhin mögliche Ursachen für sein Verhalten zeigen.

Ziel der Diagnostik ist es Tims auffälliges Verhalten zu präzisieren, zu differenzieren, abzugrenzen und zu verstehen, um nach Möglichkeiten für einen angemessenen Umgang in der Schule zu suchen.

4. Eingesetzte Methoden

Da es sich um eine inoffizielle Begutachtung, durch eine nichtautorisierte Person handelt, standen nur einige Methoden zur Verfügung. Akteneinsicht, Elterngespräche und diagnostische Testverfahren, waren aus Gründen des Datenschutzes nicht möglich.

Befragung der Lehrer

Im Gespräch mit der Lehrerin wurden die häuslichen Verhältnisse, Informationen über den Kindergartenbesuch, die soziale Stellung in der Klasse, die bisherige schulische Entwicklung und der Leistungsstand des Schülers erfragt. Weiterhin wurde die Lehrerin gebeten das Verhalten von Tim ihr gegenüber und gegenüber den anderen Schülern, Situationen in denen er dieses Verhalten zeigt, die Konsequenzen und die Reaktion des Schülers darauf zu schildern. Die Lehrerin sollte weiterhin beschreiben, in welchen Situationen, dass Verhalten nicht auftritt, obwohl es zu vermuten gewesen wäre. Der Referendarin oder der Sportlehrerin wurden ähnliche Fragen gestellt.

Befragung des Schülers

Im Schülergespräch wurde untersucht, inwieweit der Schüler sein Verhalten selber wahrnimmt. Welche Gründe er für sein Verhalten sieht, welche Intention er möglicherweise hat und wie er die Konsequenzen auffasst. Weiterhin wurden die häuslichen Verhältnisse, Interessen, Lieblingsfächer, Freundschaftsbeziehungen und das allgemeine Wohlbefinden in der Schule erfragt.

Beobachtung des Unterrichts und der Pausen

Über einen Zeitraum von drei Wochen wurden Beobachtungen in den Fächern Deutsch, Mathe, Heimat- und Sachkunde, Ethik und Sport durchgeführt und dokumentiert. Die Beobachtungen erstreckten sich weiterhin auf die kleinen und großen Pausen, da es hier oft zu Zwischenfällen mit Schülern aus anderen Klassen kommt. Die Beobachtungen im Unterricht und in der Pause sollen Aufschluss über mögliche Auslöser für das störende und aggressive Verhalten geben. Sie sollen zeigen was der Schüler genau tut, welche Konsequenzen dies hat und welche Reaktionen darauf folgen. Dies wurde zwar schon von den Lehrern erfragt, durch die Augen eines unabhängigen Beobachters kann sich die Situation aber auch völlig anderes darstellen. Weiterhin sind die Lehrkräfte nicht in der Lage nur diesen Schüler zu beobachten.

Die durchgeführten Gespräche und natürlichen Beobachtungen sollen das Verhalten des Schülers Tim in verschiedenen Situationen, die Konsequenzen, die Reaktionen auf diese, mögliche Auslöser und Ursachen für dieses Verhalten darstellen, um nach Möglichkeiten für den Umgang mit diesem Verhalten zu suchen.

5. Lebensweltliche Bedingungen

5.1. Häusliche Rahmenbedingungen

Tim ist das einzige gemeinsame Kind der Eltern. Der Klassenlehrerin ist über Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, sowie über außergewöhnliche Krankheiten nichts bekannt. Die Mutter von Tim war bei der Geburt noch sehr jung, sie war gerade erst 18 geworden. Tims Eltern leben, seit er ein Jahr alt ist, getrennt. Die Eltern haben das gemeinsame Sorgerecht. Unter der Woche lebt Tim bei seinem Vater und am Wochenende ist er bei seiner Mutter. Diese Vereinbarung wird aber oft nicht eingehalten. Der Vater hat oft keine Zeit, so das Tim häufig über mehrere Tage bei seiner Großmutter väterlicherseits untergebracht ist oder auch unter der Woche bei der Mutter wohnt. Die Mutter des Jungen ist neu verheiratet. Sie hat mit diesem Mann ein weiteres Kind, einen zweijährigen Jungen. Der Vater hat häufig wechselnde Lebensgefährtinnen. Aus diesem Grund verändert sich die Wohn- und Lebenssituation von Tim ständig. Der Vater zieht mit Tim nämlich häufig bei seinen Partnerinnen ein. Momentan hat Tim sein eigenes Zimmer, mit einem eigenen Fernseher und einem eigenen Computer. Die Eltern von Tim verstehen sich nicht sehr gut. Es gestaltete sich äußerst schwierig, beide Elternteile und die Großmutter zum gemeinsamen Gespräch in die Schule einzuladen. Um schulische Belange kümmert sich vor allem die Großmutter. Das Verhalten von Tim ist nach den Aussagen der Eltern zu Hause ähnlich unbeherrscht, wie in der Schule. Er wirft auch hier mit Dingen, hört nicht auf seine Eltern, läuft einfach weg oder macht etwas kaputt. Der Vater sagt, er lässt ihn dann einfach machen oder steckt ihn in sein Zimmer, er könne da sowieso nichts ändern. Die Mutter und die Großmutter versuchen mit Gesprächen und Konsequenzen das Verhalten zu beeinflussen. Dies hat aber meistens nur kurzweiligen Erfolg. Bei den Konsequenzen handelt es sich meistens um Verbote.

Ein typischer Schultag von Tim beginnt nach Tims Aussagen mit Frühstück vor dem Fernseher, dann bringt ihn sein Vater zur Schule. Im Hort machte er seine Hausaufgaben und zu Hause geht er seiner Lieblingsbeschäftigung Computer spielen nach. Irgendwann isst er Abendbrot, meistens allein, und geht „spät schlafen“. Die Uhrzeit kennt Tim noch nicht. Der Vater spielt nur selten mit ihm, kauft ihm aber oft neue Computerspiele. Gemeinsame Mahlzeiten gibt es nur selten. Regeln kennt Tim nur wenige, so darf er zum Beispiel so lange fernsehen und Computer spielen, wie er möchte. Der Vater besteht aber darauf, dass Tim nur in seinem Zimmer spielt und fernsehen guckt. Pflichten im Haushalt hat er keine. Die Mutter besucht am Wochenende oft ein Freizeitbad mit Tim. Die Gromutter spielt häufig mit ihm Autorennen. Computer spielen und Autorennen sind Tims Lieblingsbeschäftigungen. Draußen spielt er nur selten.

5.2 Schulische Rahmenbedingungen

Bevor Tim im August 2004 eingeschult wurde, besuchte er eine Kindertagesstätte. Auch hier war er den Erzieherinnen wegen aggressiven und unangemessenen Verhalten aufgefallen. Obwohl also schon seit vier Jahren bekannt ist, dass Tim Schwierigkeiten im Verhalten hat, wurden noch keine Maßnahmen, wie der Besuch eines Kinderpsychologen, Elternberatung oder ähnliches ergriffen. Zum jetzigem Zeitpunkt lernt Tim gemeinsam mit 14 weitern Schülern in einer ersten Klasse (5 Jungen, 10 Mädchen). Die Klasse wird von der Klassenlehrerin Frau W. und von einer Referendarin im ersten Jahr in Deutsch, Mathe, Heimat- und Sachkunde und Ethik unterrichtet. Frontale und freie Arbeitsformen wechseln einander ab. Freie Arbeitsformen in der Klasse sind Wochenplanarbeit, Stationslernen, Angebotslernen, Projektunterricht und Gruppenarbeit. Die Aufgabenstellungen sind in der Klasse differenziert, da ein sehr unterschiedliches Leistungsniveau vorliegt. Feste Rituale sind Kreisgespräche zu Beginn einer Unterrichtseinheit, gemeinsames Frühstück, verschiedene Klassendienste und der Montagstreff der ganzen Schule. Soziale Arbeitsformen in der Klasse sind Gruppenarbeit, Partnerarbeit und gemeinsame Kreisgespräche. Die Schüler bekommen für gute Leistungen und gutes Betragen am Ende der Woche Aufkleber oder Stempel in ihre Hausaufgabenhefte. Tim isst in der Schule Mittag und besucht nachmittags den Hort.

Tim ist vom Leistungsstand her ein guter Schüler, er bearbeitet immer die schweren Aufgaben. Bei den sozialen Arbeitsformen kommt es häufig zu großen Problemen, da die anderen Schüler nicht in einer Gruppe mit Tim sein wollen. In Kreisgesprächen schlägt und tritt er oft die neben ihm sitzenden Schüler. Die Lehrerin lobt Tim, sobald er sich für eine gewisse Zeit unauffällig benimmt. Aufkleber oder Stempel am Ende der Woche bekommt er dagegen nur sehr selten.

6. Individuelle Bedingungen

6.1 Sozialer- und emotionaler Entwicklungsstand, Bedürfnisse und Motive

Der erste Eindruck von Tim ist der von einem normal entwickelten Sechsjährigen. Auch die Lehrer haben erst nach den ersten Tagen festgestellt, dass sein Sozialverhalten unangemessen ist. Tim ist durch sein störendes und aggressives Verhalten sehr unbeliebt in seiner Klasse. Besonders die Mädchen meiden ihn. Die Jungen gehen ihm meistens nur aus dem Weg, wenn er aggressiv wird. Nur Dennis, ein Junge aus der Klasse verbringt viel Zeit mit Tim und besucht ihn auch nachmittags. Tim schlägt und tritt auch nach Dennis. Diesen stört das augenscheinlich aber weniger, da er zurücktritt oder schlägt. Tim hat wahrscheinlich keine Vorstellung von einer richtigen Freundschaft. Er begreift zwar das sein Verhalten anderen weh tut, ihm scheint dies, nach eigenen Aussagen, aber egal zu sein. Er zeigt nur Reue, wenn er die Konsequenzen zu tragen hat. Bei den Kindern selbst entschuldigt er sich nicht. Auf Disziplinierung von Gleichaltrigen reagiert Tim überhaupt nicht. Auch die öffentliche Darstellung seines Verhaltens vor der ganzen Schule und der damit verbundene Tadel zeigte nur kurzzeitig Wirkung. Tim erscheit in seinem ganzen Tun sehr ichbezogen. Sein Verhalten ist impulsiv und besonders im Unterricht drauf ausgerichtet seinen Willen durchzusetzen. Er will bestimmen was gespielt wird, wann er mit etwas fertig ist, neben wem er sitzen will und so weiter. Empathie für Andere empfindet er dagegen anscheinend nicht. Tim neigt weiterhin dazu sich zu überschätzen. Er hält sich für schlauer, als seine Mitschüler und denkt, er kann entscheiden, wann er fertig ist oder mit was er sich beschäftigen will. Er zeigt auch keine Furcht davor auf viel ältere Schüler einzuschlagen. Auch gegen erwachsene Personen hat sich sein aggressives Verhalten schon gerichtet, indem er die Referendarin der Klasse schlug. Schimpft in die Lehrerin aus und will ihn mit vor die Tür nehmen, wehrt sich Tim dagegen, indem er sich an Tischen oder an der Tür festhält und um sich tritt.

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Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638621694
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72287
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Schlagworte
Sonderpädagogisches Gutachten Kind Beeinträchtigung Verhalten

Autor

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Titel: Sonderpädagogisches Gutachten für ein Kind mit Beeinträchtigung im Verhalten