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Ingeborg Bachmann: Geht Undine wirklich?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zur Thematik

2. Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht
2.1 Ingeborg Bachmanns Perspektivenwechsel in Undine geht

3. Undines Welten
3.1 Welt der Einsamkeit
3.2 Kritik an den deformierten Geschlechterbeziehungen
3.3 Utopia - Strategie der Absonderung

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Hinführung zur Thematik

Der Wasserfrauenmythos wird in der Literaturgeschichte immer wieder aufgegriffen und erfuhr bisher mehrfache Veränderungen. Die Figur der Wasserfrau ist ein Geschöpf der Phantasie, ein Zwitterwesen, was sowohl tierische als auch menschliche Elemente in sich vereint. Somit vereint sie auch Merkmale zweier Welten bzw. Daseinsformen in sich. Gleichzeitig verkörpern sich in diesem Mythos sowohl die Sehnsucht nach Überschreitung von Grenzen, als auch die Hilflosigkeit diese zu überwinden. In meiner Seminararbeit werde ich das Motiv der Wasserfrau anhand Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht hinsichtlich der Konstruktion von Geschlechteridentitäten untersuchen. Betrachtet man sich einmal das klassische Bild hinsichtlich des Wasserfrauenmythos so wird deutlich, dass dieses aus dem Blickwinkel des Mannes entworfen wurde. Die Autorin Ingeborg Bachmann löst ihre Protagonistin Undine von diesem aufgepressten Frauenbild los, indem sie einen Perspektivenwechsel vornimmt und Undine somit Gehör verschafft. Indem Bachmann ihrer Protagonistin mithilfe der Erzählsituation Subjektqualitäten verliehen hat, kann diese Erzählung als reiner von Emotionen der Titelgestalt bzw. Klage über die Verhältnisse von Mann und Frau verstanden werden1. Undine ist im Gegensatz zu ihren Gleichgesinnten kein passives Wassergeschöpf mehr, sondern möchte ihrem eigenen Mythos entsteigen. Dabei fordert sie ihre eigene Kultur und vor allem ihr selbst entworfenes Spiegelbild. Wie der Titel meiner Arbeit schon andeutet, werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob Bachmanns Undine am Ende wirklich geht und sich von ihrem Zwang, einen Menschen namens Hans zu lieben, befreien kann. Ich werde so vorgehen, dass ich zunächst unter 2. allgemein auf Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht eingehe. Dabei ist der vorgenommene Perspektivenwechsel, den ich bereits erwähnt habe, ein wesentlicher Bestandteil der Undinenkonzeption bei der Autorin. Aus diesem Grund werde ich diesen unter 2.1 näher erläutern, um darauf aufbauend, unter Punkt 3, die Welten der Protagonistin darzustellen und zu diskutieren.

2. Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht

Die Autorin Ingeborg Bachmann wurde oft für eine Feministin gehalten. Gerade ihre Undinengeschichte gab dafür immer wieder Anlass und führte zu falschen Einschätzungen der Schriftstellerin. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass sie mit ihrem Werk Undine geht wohl erstmals die Frage nach der Möglichkeit der Kommunikation zwischen Mann und Frau stellt. Das führte wohl dazu, dass man ihre Erzählung als ein Selbstbekenntnis las. In einem Interview von 19642 wird sie deshalb um eine Stellungnahme gebeten, ob es sich bei ihrer Undinenfigur tatsächlich um sie selbst handelt. Ingeborg Bachmann antwortet darauf folgendermaßen: „Sie ist meinetwegen ein Selbstbekenntnis. Nur glaube ich, dass es darüber schon genug Missverständnisse gibt. Denn die Leser und auch die Hörer identifizieren ja sofort – die Erzählung ist ja in der Ich- Form geschrieben – dieses Ich mit dem Autor. Das ist keineswegs so. Die Undine ist keine Frau, auch kein Lebewesen, sondern, um es mit Büchner zu sagen, >>die Kunst, ach die Kunst<<. Und der Autor, in dem Fall ich, ist auf der anderen Seite zu suchen, also unter denen, die Hans genannt werden.“3 Auch noch im Jahre 19784 wird der Schriftstellerin dieses so genannte Selbstbekenntnis von Peter Horst Neumann vorgehalten. Dieser äußert sich dazu wie folgt: „Die Märchennixe öffnet den Mund für die Dichterin: ihr Männerhaß ist der ihre und beiden gehört das Geständnis, ’zum Lieben verurteilt zu sein’.“5

Dieses Missverständnis, das die Autorin bereits ein Jahrzehnt vorher aus der Welt schaffen wollte, prägte die Rezeption von Undine geht bis in die späten siebziger Jahre. Nicht nur das es fälschlicherweise Autorin und Erzähler- Ich gleichsetzt, sondern obendrein noch der Erzählung die Thematisierung einer menschlichen Liebesbeziehung unterstellt6. Diesbezüglich ist die ungleiche Liebeskonstellation von Wasserfrau und Mensch, die so genannte Mahrtenehe, von zentraler Bedeutung. Die Mahrtenehe gilt als ein wesentliches Strukturelement des Undinenstoffs, welches bereits ein konstitutives Element bei Fouqué und Giraudoux war. „Ingeborg Bachmann war Fouqués “Undine“ und Giraudoux’ “Ondine“ bekannt.“7 Das wird anhand der von Bachmann vorgenommenen Umgestaltung des Undinenstoffs in Undine geht deutlich. Auf das Strukturelement der Mahrtenehe werde ich nicht extra eingehen, da das Augenmerk meiner Seminararbeit auf einer anderen Fragestellung liegt. Zum einen, ob sich Undine am Ende wirklich von Hans löst, wie der Titel in Ingeborg Bachmanns Erzählung vermuten lässt. Des Weiteren steht auch die Betrachtung und Beschreibung von Undines Welten im Mittelpunkt.

Die Darstellung einer solchen ungleichen Liebeskonstellation geht in jedem Fall über die Beschreibung einer menschlichen Liebesbeziehung hinaus, da sie von anderen Inhalten bestimmt wird8. Ingeborg Bachmanns Undine geht erscheint erst einmal als ein Text, der sich direktem Verständnis entzieht9. „Nur der Titel gibt den Namen der Sprecherin an und rekurriert damit auf ein vorausgesetztes Wissen um Undinen.“10

Wie ich bereits erwähnt habe, waren Ingeborg Bachmann die Erzählungen ihrer Vorgänger bekannt. Ihre Undinengeschichte bietet viele versteckte Hinweise auf die stofflichen Vorläufer, was sich beispielsweise an der Verwendung des Namens Hans zeigt, der innerhalb der Erzählung als ein Verweis auf die Tradition des Undinenstoffes fungiert11. Ingeborg Bachmanns Geschichte um Undine und Hans muss man folglich „als ein überaus dichtes Geflecht von Übertragung und Umarbeitung solch tradierter Stoffelemente“12 sehen. „Die rätselhafte Identität der Bachmannschen Undine kann über die Geschichte des Undinenstoffes ein Stück weit entschlüsselt werden.“13 Wolfgang Gerstenlauer sieht die Motive aus den Bearbeitungen Fouqués und Giraudoux’ folgendermaßen: „[…] dass der Titel auch als Abschied von allen Undinen- Geschichten verstanden werden könnte.“14 Dass der von Ingeborg Bachmann gewählte Titel für einen Einschnitt in die bisherige Konzeption des Undinenstoffes zu sehen ist, scheint mir plausibel. Denn auch der vorgenommene Perspektivenwechsel, den die Autorin für ihre Protagonistin wählt, ist ein Hinweis auf die Generalüberholung der bislang tradierten Texte. Darüber hinaus ist auch das Ende der Erzählung anders, als bei den bisherigen Fabeln um die Wasserfrauen. Zwar kehrt die, vom menschlichen Geliebten, betrogene Mahrte in ihre alte Umgebung – das Wasser – zurück, aber der Untreue bleibt dabei am Leben. Dieser vorgenommene Perspektivenwechsel ist von zentraler Bedeutung, was ich im Folgenden aufzeigen werde.

2.1 Ingeborg Bachmanns Perspektivenwechsel in Undine geht

Die Autorin Ingeborg Bachmann nimmt in ihrer Erzählung Undine geht einen entschiedenen Perspektivenwechsel vor. „Es ist der Blickwinkel der Mahrte, aus dem diese Interpretation des Stoffes ihren Standpunkt bezieht.“15 Mit Hilfe des Perspektivenwechsels eröffnet die Schriftstellerin ihrer Hauptfigur, im Gegensatz zu deren Vorgängerinnen, die Möglichkeit, aus ihrem eigenen Mythos herauszutreten. Undine ergreift die Chance für sich, indem sie eine Rede entfaltet, in der sich ihre Anklage manifestiert. „Das Erzähler- Ich ist Undine. Mit der Kopplung von “Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!“ wird diese Veränderung der Sichtweise von Beginn an dem Leser vermittelt.“16 Aus der Sicht der Wasserfrau sind folglich die Menschen die “Ungeheuer“ und “Monster“ und nicht sie selbst. In ihrer Anklage bezieht sich dabei auf ein Du (Hans), sodass ihre Rede einen quasi dialogischen Charakter erhält17. Nur mit dem Unterschied, dass kein Gegenüber existiert, was ihre Äußerungen kommentiert oder relativiert. Zudem kommt, dass das Erzähler-Ich, den Leser in seinem Monolog, die eigene Identität nicht erkennen lässt. Undine produziert kein Bild von sich und bleibt demzufolge rätselhaft in ihrem Wesen. Lediglich ihr Name wird im Titel preisgegeben, wobei dort eine andere Erzählsituation vorliegt18. Nicht das Erzähler-Ich selbst nennt ihren Namen. Aus ihrer Perspektive erfährt der Leser lediglich Merkmale, die nicht auf sie zutreffen. „Ich habe keine Kinder von euch, weil ich keine Fragen gekannt habe, keine Forderungen, keine Vorsicht, Absicht, keine Zukunft und nicht wusste, wie man Platz nimmt in einem anderen Leben. Ich habe keinen Unterhalt gebraucht, keine Beteuerung und Versicherung [...].“19

Die Dekonstruktion von Bildern geschieht an dieser Stelle also durch Negation. Undine beschreibt nur ihre nicht vorhandenen Eigenschaften. Zudem ist die Mahrte Undine auch „zu keinem Gebrauch“20 bestimmt. Somit entzieht sie sich auch allen Bestimmungen zur Entschlüsselung ihrer Identität. Im Nachfolgenden werde ich mich mit den Welten des Erzähler-Ichs auseinandersetzen.

[...]


1 Vgl. Bartsch, Kurt: Ingeborg Bachmann. 2. Aufl.. Stuttgart / Weimar 1997. S.118.

2 Vgl.: Kohrs-Strohschneider, Ingrid: Stimme und Sprache. Ingeborg Bachmanns Version des Undine-Themas. P. Kirchheim Verlag, München, 2003. S. 26.

3 Bachmann, Ingeborg: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. Hrsg. Von Christine Koschel und Inge von Weidebaum. 4. Aufl. München und Zürich 1994. S. 46.

4 Vgl.: El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S. 5.

5 Neumann, Horst Peter: Vier Gründe deiner Befangenheit. Über Ingeborg Bachmann. In: Merkur 32 (1978). H. 11, S. 1134.

6 Vgl.: El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S. 5.

7 El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S. 5.

8 Vgl.: El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S. 5.

9 Vgl.: ebda.

10 ebda, S. 5.

11 Vgl.: ebda.

12 ebda.

13 ebda.

14 Gerstenlauer, Wolfgang: Undines Wiederkehr. Fouqué – Giraudoux – Ingeborg Bachmann. In: Die neueren Sprachen 69 (N.F. 19) (1970), S. 514 – 527, S. 525.

15 El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S. 68.

16 ebda.

17 Vgl. El Nawab, Mona: Ingeborg Bachmanns "Undine geht". Ein stoff- und motivgeschichtlicher Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine" und Jean Giraudoux "Ondine". Würzburg 1993. S.69.

18 Vgl.: ebda., S. 70.

19 Bachmann, Ingeborg: Undine geht. Das Gebell. Ein Wildermuth. Nachbemerkung von Bode, Dietrich. Stuttgart: Reclam jun., (Reclam UB, 8008), 1998. S. 4.

20 ebda., S. 8.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638620772
ISBN (Buch)
9783638769471
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72325
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Institut für Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Ingeborg Bachmann Geht Undine Vater Mutter Familienmodelle Familiendesaster

Autor

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Titel: Ingeborg Bachmann: Geht Undine wirklich?