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Die deutsche Auswanderungsbewegung des 19. Jahrhunderts - ein Überblick

Hausarbeit 2007 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sozialstruktur des Phänomens I
Massenexodus – Motive - Demografische Transition

3. Sozialstruktur des Phänomens II
Statistische Probleme – Kettenwanderung – Agenturen und Vereine

4. Aus Cottbus in die Neue Welt
Exkurs: Niederlausitz

5. Fazit

Literatur

Anhang

Diagramme – Bilder - Gedicht

1. Einleitung

Thema dieser Arbeit ist die deutsche Auswanderungsbewegung des 19. Jahrhunderts, wobei ihr Zweck weniger der detaillierten Beschreibung von Einzelphänomenen beziehungsweise Kategorien dient, als vielmehr der Vermittlung eines Überblicks über sozialgeschichtliche Interessenschwerpunkte. Verschiedene Historiker werden auf den folgenden Seiten zu Wort kommen, deren Ansichten und Argumente mit einander verglichen und analysiert sowie präsentiert werden. Darunter Klaus J. Bade als Leiter des Instituts für Migrationsforschung an der Universität Osnabrück[1], Hans- Ulrich Wehler als einer der wichtigsten Gesellschaftshistoriker der Gegenwart[2], sowie Günter Moltmann, Michael Hubert, Horst Rößler, u.a., welche sich ebenfalls mit dem zu untersuchenden Gegenstand ausgiebig beschäftigen. Leider wird die Gesamtdarstellung von Peter Marschlak: „Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert“, im Folgenden keine Verwendung finden, sodass an dieser Stelle nur auf sie verwiesen werden kann.[3]

Gegliedert wird die Arbeit in drei Hauptkapitel, wobei die einzelnen Abschnitte keine Zwischengliederung vorweisen, um einer Zergliederung vorzubeugen und einen angenehmen Lesefluss gewährleisten. Kapitel zwei und drei beschäftigen sich mit klassischen Themen der Sozialstrukturanalyse, wie Demografie, Geschlechterverhältnis und Berufsstruktur der Auswanderer, beziehungsweise der Auswanderung und vermittelt den eigentlichen Überblick über das Problem. In Kapitel drei wird ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Niederlausitz unternommen um einen mehr oder weniger regionalen Bezug zum Thema herzustellen und zu überprüfen, in wie fern Annahmen auf der Makroebene im speziellen auf andere Perspektiven der Betrachtung zutreffen. Das Fazit vermittelt zum Ende eine Zusammenfassung und verweist auf weiterführende Literatur.

Auf der Suche nach der Bedeutung der deutschen Auswanderung im 19. Jahrhundert ist es notwendig zu erkennen was sie war. Klaus J. Bade charakterisiert das Phänomen in erster Linie als überseeische Nordamerika-Einwanderung und ordnet sie der Alten Einwanderung aus Europa nach Amerika zu.[4] Er argumentiert, dass der Anteil der Nordamerika-Einwanderung an der deutschen Überseeauswanderung im 19. jahrhundert zwischen 85 und 92% betrug.[5] Diese Tatsache spiegelt sich innerhalb dieses Aufsatzes in der Form, dass der Blick primär auf die deutschen Amerikaauswanderer gerichtet sein wird. Selbstverständlich werden andere Ziele deutscher Emigranten genannt, allerdings nicht in besonderem Maße analysiert. Weiterhin ist die Erkenntnis wichtig, dass die „Abwanderungsbewegung der deutschen Bevölkerung aus dem deutschsprachigem Raum nichts neues darstellte, allerdings im 19. Jahrhundert außerordentliche Ausmaße annahm.“[6] Der besondere Zusammenhang der Emigration „mit dem säkularen Übergangsprozeß von einer vornehmlich feudalen und agrarischen in eine kapitalistische und überwiegend industrielle Gesellschaft“[7] muss im folgenden Verlauf nicht näher erläutert werden. Die Große Auswanderung als Kulturtransfer in eine Neue Welt[8] ist eines der „most profound European experiences of the nineteenth century.“[9]

2. Sozialstruktur des Phänomens I

Massenexodus – Motive - Demografische Transition

Das Erkenntnisinteresse des Sozialhistorikers ist verbunden mit Probleme wie: Wer verließ seine Heimat? Warum, was sind die Ursachen für die Auswanderung? Wohin gingen sie? Wie viele waren es? Waren Frauen und Männer gleichmäßig an diesem Phänomen beteiligt oder gingen mehr allein stehende Menschen oder waren mehr Familien auf der Suche nach neuem Glück?[10] Diese und ähnliche Fragen stehen im Kontext der folgenden zwei Kapitel und sollen mit Hilfe verschiedener Autoren und statistischen Ausgaben untersucht und diskutiert werden.

Horst Rößler charakterisiert das Phänomen der deutschen Auswanderung als Massenexodus in die Neue Welt.[11] Etwa 5,9 Millionen Deutsche verließen im Zeitraum 1820 bis 1930 ihre Heimat und emigrierten in die USA. Das sind etwa 90% der gesamten deutschen Auswanderer im langen 19. Jahrhundert.[12] Die restlichen 10 % verteilten sich auf Kanada, Lateinamerika, Australien und Neuseeland.[13] Mit Blick auf die gewählten Zielorte der Emigranten lässt sich feststellen, dass der Massenexodus überseeisch-transkontinental organisiert war.[14] Somit wurde eine zehn Jahrhunderte alte Tradition gebrochen, da sich seit dem Mittelalter die große Mehrheit der deutschen Migranten in Osteuropa und auf dem Balkan niederließen.[15] Michael Hubert weißt darauf hin, dass „in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts noch etwa 100.000 deutsche Auswanderer zu verzeichnen sind, die in den Osten gingen. Hauptsächlich an die Küste des Schwarzen Meeres und in den Kaukasus. Aber bereits zu Beginn der 1820er Jahre wird die Neue Welt, und insbesondere die USA, zum Lieblingsziel der deutschen Emigranten.“[16]

Der Beginn der deutschen Auswanderung im 19: Jahrhundert nach Übersee lässt sich auf die Jahre 1816/17 datieren. Missernte und Hungersnot sorgten für einen sprunghaften Anstieg auf 20.000 Personen. Bis zur Mitte der 1830er Jahre blieb diese Zahl relativ gering und behielt in den folgenden zehn Jahren bis zur Mitte der 1840er diesen Jahresdurchschnitt vor dem Hintergrund des Pauperismus.[17] „Die Krise von 1846/47 riss die Auswanderungskurve über die Revolutionszeit hinweg auf den Sattel von 1852 (176.402), von dem aus sie steil auf den nadelspitzen Gipfel von 1854 (239.246) hochschnellte.“[18] Hans-Ulrich Wehler charakterisiert diesen Zeitraum von 1846 bis 1857 als erste große Welle der deutschen Auswanderung, welche ca. 1,1 Millionen Menschen erfasste.[19] Als Gründe für die Abwanderung nennt er die gescheiterte 48er Revolution, und damit einen politisch motivierten Exodus, sowie soziale Not als deren Triebfeder.[20] Bade interpretiert die erste Welle der Auswanderung als „Fluchtbewegung aus dem erschütterten Sozialgefüge der Alten Welt und als Verweigerung gegenüber dem vom Strukturwandel in Wirtschaftsweise und Arbeitsverfassung bestimmten sozialökonomischen Anpassungszwängen.“[21] Weiterhin macht er deutlich, dass die erste Welle keine rein politische Massenauswanderung war, obwohl politische Enttäuschung, sowie soziale Angst vor allem im jungen Dritten Stand eine große Bedeutung hatten.[22] Die eigentliche Rekrutierung lag seiner Meinung nach allerdings in „tieferen Schichten der Sozialpyramide“. Kollektive Verunsicherung, Gefährdung der ökonomischen Existenzgrundlage und sozialem Status, beziehungsweise Armut und Elend mobilisierten vor allem Handwerker, Kleingewerbetreibende und Bauern, sich aus Zukunftsangst der Sogkraft der transatlantischen Massenbewegung zu ergeben.[23]

Durch den Einbruch der ersten Weltwirtschaftskrise (1857/59)[24] und dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-63) sank die Zahl der Emigranten auf 167.000 ab, schnellte aber nach dem Sieg der Nordstaaten schnell wieder in die Höhe.[25] 1864 setzte somit die zweite Welle ein, die bis 1873 anhielt und „in knapp zehn Jahren rund eine Million Menschen nach Übersee trug. 1867 erreichte sie ihren Gipfel mit 138.000 Auswanderern“.[26] Vergleicht man die Höhepunkte der beiden Wellen, kann man feststellen, dass mit der zweite Welle ca. 100.000 Menschen weniger mit schwammen, was eventuell mit den deutschen Reichseinigungskriegen in dieser Zeit erklärt werden könnte .[27] Durch die Große Depression, welche die deutsche- und amerikanische Wirtschaft gleichermaßen traf, stürzten die Auswandererzahlen (1873-79) aufs Neue steil ab und mündeten in der dritten und stärksten Auswanderungswelle des

19. Jahrhunderts von 1880 bis zum Beginn der 1890er Jahre.[28] Mit dem Höhepunkt dieser Welle im Jahr 1881 (221.000)[29] erreichte dieser Exodus zwar nicht den Gipfel von 1854, allerdings wurden insgesamt im Zeitraum 1880-1893 in Deutschland fast 1,8 Millionen Überseeauswanderer gezählt[30], wovon 95% nach Nordamerika immigrierten.[31] Die strukturelle Agrarkrise sowie entmutigende Wachstumskrisen dienten als „Push“ -Faktoren vor allem für nachgeborene Bauernsöhne und Tagelöhner, welche primär aus dem deutschen Nordosten kamen und ihr Glück in der „Neuen Welt“ erhofften.[32] „Pull“ –Faktoren, wie Wehler sie nennt[33], waren vor allem das Arbeitsangebot der expandierenden, amerikanischen Industrie in den Städten und die Siedlungschancen im Mittleren Westen. Auch Michael Hubert beschreibt in seiner Abhandlung über die Geschichte der deutschen Bevölkerung seit 1815, die Anziehungskraft des Ziellandes USA.[34] Er argumentiert, dass seit 1820 eine Erleichterung der wirtschaftlichen und administrativen Integration geschaffen wurde. Und zwar hatte man die Wartefrist für die Einbürgerung von 14 auf 5 Jahre herabgesetzt und die zu erwerbenden Grundstücke wurden kleiner, „was es selbst Siedlern mit bescheidenen Mitteln erlaubte Grundbesitz zu erwerben.“[35] Die großen zur Besiedlung stehenden Flächen zwischen dem Ohio, Mississippi und den Großen Seen waren sehr reizvoll für die Landbevölkerung, die Deutschland verlassen wollte, weil es dort an Land mangelte.[36]

[...]


[1] http://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/fach/wiso/index.html .

[2] http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/hwehler/index.html .

[3] Marschlak, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur soziologischen Theorie der Bevölkerung, Stuttgart 1973.

[4] Bade, Klaus J.: Vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland? Deutschland 1880-1980, Berlin 1983, S. 23.

[5] Ebenda.

[6] Hubert, Michael: Deutschland im Wandel, Geschichte der deutschen Bevölkerung seit 1815, Stuttgart 1998, S. 78.

[7] Reich, Uwe: Aus Cottbus und Arnswalde in die Neue Welt, Amerika-Auswanderung aus Ostelbien im 19. Jahrhundert, 1. Aufl., Osnabrück 1997, Buchrücken.

[8] Roberts, John M.: Das Moderne Europa und die Welt, Vom Zeitalter der Revolutionen bis zur globalen Ära, Bd. 3, Deutsche Erstausgabe, München 2001, S. 199.

[9] Mikoletzky, Juliane: Die deutsche Amerika-Auswanderung des 19. Jahrhunderts in der zeitgenössischen fiktionalen Literatur, Tübingen 1988, S. 1.

[10] Anmerkung des Verfassers.

[11] Rößler, Horst: Massenexodus: die Neue Welt des 19. Jahrhunderts, in: Bade, Klaus J. (Hrsg).: Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart, München 1992, S. 148.

[12] Ebenda.

[13] siehe Kapitel 2.2.-2.4., in: Bade, Klaus J. (Hrsg.): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart, München 1992, S. 185-230.

[14] Anmerkung des Verfassers.

[15] Hubert 1998, S. 78.

[16] Ebenda, S.78f.

[17] Bade, Klaus J.: Die deutsche überseeische Massenauswanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Bestimmungsfaktoren und Entwicklungsbedingungen, in: Ders. (Hrsg): Auswanderer – Wanderarbeiter – Gastarbeiter, Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Band 1, 2. Auflage, Ostfildern 1985, S. 264f.

[18] Ebenda, S. 265.

[19] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des ersten Weltkrieges: 1849-1914, München 1995, S. 543.

[20] Ebenda, S. 11.

[21] Bade 1985, S. 265f.

[22] Ebenda, S. 266.

[23] Ebenda.

[24] Ebenda, mit Bezug auf H. Rosenberg.

[25] Wehler 1995, S. 11.

[26] Ebenda, S. 543.

[27] Anmerkung des Verfassers.

[28] Bade 1985, S. 269.

[29] Die deutsche Überseeische Auswanderung der Jahre 1871 bis 1889, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Volume 3.F.1. 1891 = 56.1891 /1891/ Issue 5/ Journal Part/ Miscellany, S. 735: download von: http://www.digizeitschriften.de/no_cache/home/jkdigitools/loader/?tx_jkDigiTools_pi1%5Bsquery%5D=deutsche%20Auswanderung&tx_jkDigiTools_pi1%5BIDDOC%5D=226154 am 27.02.07 um10:26.

[30] Bade 1985, S. 269.

[31] siehe Fußnote 20, S. 736.

[32] Wehler 1995, S. 544.

[33] Ebenda.

[34] Hubert 1998, S. 88.

[35] Ebenda.

[36] Ebenda.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638732710
ISBN (Buch)
9783638735117
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72373
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte (WSG)
Note
1,3
Schlagworte
Auswanderungsbewegung Jahrhunderts Einführung Sozialgeschichte

Autor

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