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Förderung der Sozialkompetenz bei Kindern und Jugendlichen

Hausarbeit 2004 36 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was bedeutet soziale Kompetenz?

3. Entwicklung der Sozialkompetenz

4. Unterstützende Aspekte der Sozialkompetenz

5. Die Förderung sozialen Verhaltens
5.1. Spiele in der Grundschule
5.2. Bewegungsspiele in der Grundschule
5.3. Kampfsport in der Sekundarstufe
5.4. Das Rollenspiel
„Rollenspiel mit Anpassungsfunktion:
Rollenspiel mit Emanzipationsfunktion:
5.5. Rituale und Regeln
Rituale
Regeln
5.6. Interaktionspädagogik
5.7. Das Streitschlichterprogramm
5.8. Triple P – Erziehungskompetenz für Eltern

6. Zusammenfassung

7. Quellenverzeichnis

Internetquellen (letzter Stand Juni 2004)
Zum Kampfsport:
Zur Elternarbeit:
Zum Streitschlichterprogramm:

1. Einleitung

Teamgeist, kommunikative Fähigkeiten und gute Umgangsformen sind Eigenschaften, die neben dem Fachwissen im Beruf gefragt sind. Arbeitgeber achten zunehmend auf die so genannten „soft skills“ bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Unternehmen bieten Seminare an, in denen emotionale und soziale Fähigkeiten gefördert und trainiert werden sollen. Im Bücherhandel gibt es ganze Regale mit Ratgebern zur Sozialkompetenz.

„Wer Erfolg im Leben haben will, muss klug mit seinen Gefühlen umgehen können und das „emotionale Alphabet“ beherrschen“, schreibt der Psychologe Daniel Goleman in seinem Bestseller „Emotional Intelligence“ (Goleman, 1996).

Egal ob soft skills, Sozialkompetenz oder emotionale Intelligenz, für all das gibt es keine Zertifikate. Doch beobachtet man den Arbeitsmarkt und die Forderungen der Arbeitgeberverbände, wird deutlich, dass es gilt, diese Fähigkeiten von früher Kindheit an zu fördern. Denn nicht nur für bessere Perspektiven am späteren Arbeitsmarkt ist dies von Bedeutung, sondern in der gesamten Umwelt des Kindes. Wer anderen zuhören kann, aufgeschlossen ist, seine eigene Meinung klar und deutlich mitteilen kann und trotzdem kompromissbereit ist, Gefühle zeigen und Komplimente machen kann, gewinnt Freunde, egal welchen Alters. Freunde und ein gutes Umfeld sind wiederum wichtig für ein positives Selbstbild.

In der Schule treffen zweierlei Lernfelder aufeinander, das Sachlernen und das soziale Lernen, wobei eines gleich ins Auge sticht: die Gewichtungen sind sehr ungleich. Während das sachliche Lernen weitgehend in den einzelnen Fächern durch bestimmte Richtlinien, Rahmenlehrpläne und Bewertungsmaßstäbe gesteuert wird, geschieht das Soziallernen nur nebenbei. Hierfür gibt es nur in Ansätzen methodische und didaktische Prinzipien. Meistens findet diese Art des Lernens spontan in den Pausen, in Lehrer-Schüler-Interaktionen und in Konfliktsituationen statt. Hauptverantwortlich für die Sozialerziehung ist nach wie vor die Familie. Doch gestaltetes soziales Lernen in der Schule wird immer wichtiger durch die aktuellen Veränderungen in der Kindheit.

Gemeint ist damit zum Beispiel die Veränderung in der Rolle der Familie wie die Tendenz zur zwei- oder dreiköpfigen Kleinfamilie. Durch dieses Phänomen besteht für die Kinder ein geringeres Lernpotenzial in Bezug auf soziale Beziehungen, oft wird ihnen keine Partnerschaft oder Freundschaft vorgelebt, da der Elternteil geschieden oder alleinerziehend ist. Auch durch das sogenannte „Leben aus zweiter Hand“ über die Medien verlieren die Kinder und Jugendlichen reale Beziehungen. In der Schule geraten die Kinder oft aneinander; Mobbing, Gewalt und Außenseitertum gehören fest zum Schulalltag. Auch wenn es statistisch nicht belegt werden kann, dass es mehr Auseinandersetzungen unter den Schülern gibt als früher, so steht doch fest, dass die Übergriffe gewalttätiger werden. Konflikte geraten schneller außer Kontrolle und viele Schüler klagen über steigende Brutalität an den Schulen.

Aus diesen Gründen sollte die Förderung der sozialen Fähigkeiten ein wichtiger Bestandteil in den Schulen werden, da in vielen Fällen die Familie diese Erziehung nicht bewerkstelligen kann.

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Frage, was genau soziale Kompetenzen sind und wie es möglich ist, diese zu fördern und didaktisch zu vermitteln. Ich werde anhand einiger Problemfelder Möglichkeiten aufzeigen, wie der Lehrer gezielt an Konflikten mit seiner Klasse arbeiten kann. Hierbei werde ich bestimmte methodische Ansätze zeigen, von denen einige für die Grundschule, andere für die Sekundarstufe geeignet sind. Anschließend werde ich noch einige Modelle wie das Streitschlichterprogramm vorstellen, die ich für sinnvoll erachte in Bezug auf den Erwerb sozialer Kompetenz.

In den von mir angeführten Quellen wird je nach Autor von sozialer Kompetenz, soft skills, emotionaler Intelligenz oder sozialer Kognition gesprochen. Ich werde diese Begriffe im weiteren Verlauf synonym verwenden.

In keiner Studie konnte ich Hinweise darauf finden, dass der Förderbedarf der sogenannten soft skills an den Förderschulen höher sei als an „normalen“ Schulen. Das gestaltete soziale Lernen ist für alle Schüler wichtig, egal ob Grundschüler, Gymnasiast oder Hauptschüler. Richtig ist allerdings, dass ein erheblicher Anteil der Förderschüler aus problembelasteten Familien stammt. Klein weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche der Schule für Lernbehinderte zum überwiegenden Teil in erschwerten sozialen Situationen leben (1985, S. 5). Häufiger als in anderen Fällen ist das Einkommen der Eltern zu niedrig, der zur Verfügung stehende Wohnraum zu eng und der Erziehungsstil der Eltern zu autoritär oder zu regelfrei (vgl. Heimlich, 1999, S. 196 f.). Wie oben schon erwähnt, kann dies ein Faktor dafür sein, dass ein Kind über wenig soziale Kompetenz verfügt. Ich werde in einigen Beispielen speziell auf die Förderschule eingehen. Am Ende sei aber gesagt, dass sich diese didaktischen Ansätze für jede Schulform eignen.

2. Was bedeutet soziale Kompetenz?

Es ist richtig, dass es keine allgemein akzeptierte Definition gibt. Das rührt jedoch nicht daher, dass es keine profunde wissenschaftliche Auseinandersetzung darüber gäbe, sondern aus der Tatsache, dass unterschiedliche theoretische Zugänge zwangsläufig unterschiedliche Definitionen darüber hervorbringen.

Kompetenz wird im allgemeinen als eine individuelle Fähigkeit betrachtet. Es ist laut Fröhlich (1998, S. 244) eine Bezeichnung für die sachliche Zuständigkeit eines Menschen bei der Lösung von Problemen. Diese Auffassung beinhaltet letztlich die Annahme, dass alles soziale Geschehen auf individuelle Handlungen oder individuelle Denkvorgänge zurückzuführen sei.

Soziale Kompetenz zeigt sich nicht im Inneren eines Menschen, sondern in zwischenmenschlicher Kommunikation. Auch sei zu bedenken, dass es sich hierbei um einen normativen Begriff handelt. Er beinhaltet kulturelle, gesellschaftliche oder lokale Wertvorstellungen über angemessenes Verhalten gegenüber anderen Personen. Im Bereich der Sozialpsychologie umfasst die soziale Kognition „sowohl das Wissen über die Welt sozialer Geschehnisse, als auch den Prozess des Verstehens von Menschen, ihrer Beziehungen sowie der sozialen Gruppen und Institutionen, an denen sie teilhaben“ (Silbereisen 1998, S. 823). Eine pädagogischere Sichtweise vertreten Dettenborn und Schmidt-Denter (1997, S. 188ff.). Als soziales Lernen verstehen sie den Erwerb von Fähigkeit und Bereitschaft zu zwischenmenschlichen Verhaltensweisen, die zu einem akzeptablen Kompromiss zwischen Fremdbedürfnissen und eigenen Bedürfnissen führen. Es geht also nicht nur um das Verstehen von menschlichem Verhalten und Denken, sondern auch um die gekonnte Anwendung sozialer Verhaltensweisen. Als Lerninhalte zählen Dettenborn und Schmidt-Denter folgende Bereiche auf:

- Einfühlungsvermögen: Hierbei handelt es sich um ein auf das Gegenüber gerichtetes Mitgefühl für dessen (missliche) Lage sowie um ein auf sich selbst bezogenes, unangenehmes und aversives Gefühl des Betroffenseins. Unter ersterem versteht man die Empathie, zweiteres betrifft das umgangssprachliche Mitgefühl (vgl. Silbereisen 1998,S. 834ff.).
- Achtung vor sich selbst und anderen: Oft geht inkompetentes Sozialverhalten auf ein negatives Selbstbild zurück. Hierbei zeigt sich deutlich die enge Verknüpfung von sozialer Kompetenz und Selbstkompetenz.
- Soziale Perspektivenübernahme: Hierbei geht es um das Verstehen von Emotionen aufgrund der Lage des anderen. Laut Silbereisen findet die wichtigste Entwicklung in der Unterscheidung von Emotionen und ihrer situationsbedingten Auslöser zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr statt (1998, S. 834). Allerdings wurden in der Forschung nur elementare Gefühle wie Angst, Trauer, Freude und Ärger untersucht. Komplexere Gefühle bereiten selbst achtjährigen Kindern noch Verständnisschwierigkeiten.
- Zuhören und Verständnisbereitschaft: Für eine produktive Konfliktlösung und gute Kommunikation ist die aktive Zuwendung zu den Äußerungen anderer die Vorraussetzung.
- Selbstbehauptung: Bei diesem Aspekt geht es um die Fähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche durchzusetzen, ohne andere zu Schaden kommen zu lassen, wie zum Beispiel durch Gewaltandrohung.
- Differenzierte Folgenreflexion: Hierbei handelt es sich um das Reflektieren und Beurteilen des eigenen Handelns und den Folgen, die daraus für andere und für sich selbst entstehen.

Das Stufenmodell Golemans zur emotionalen Intelligenz stellt Wurzer (1999, S. 12ff.) in seinem Buch vor. Hiernach gibt es fünf auf sich aufbauende Kompetenzen.

1. Die eigenen Emotionen erkennen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Mit den eigenen Gefühlen umgehen können und sie angemessen ausleben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Gefühle in die Tat umsetzen z.B. Ängstlichkeit als vernünftiges Maß an Vorsicht nutzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Empathie einsetzen im Umgang mit anderen Menschen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Individuell mit Menschen umgehen, Unterschiedlichkeiten erkennen

Petillon hat sich mit dem Sozialleben der Grundschulkinder befasst und stellt folgenden Anforderungskatalog zusammen:

Kommunikation: Fähigkeit und Bereitschaft, sich verständlich zu machen und andere zu verstehen.

Kontakt: Fähigkeit und Bereitschaft, mit anderen Kontakt aufzunehmen.

Kooperation: Fähigkeit und Bereitschaft, mit anderen zusammen zu arbeiten.

Solidarität: Fähigkeit und Bereitschaft zu gemeinsamen Handlungen in kleineren und größeren Gruppen; Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und Erkenntnis der gemeinsamen Lage.

Konflikt: Fähigkeit und Bereitschaft, konstruktives Konfliktlöseverhalten zu praktizieren.

Ich-Identität: Fähigkeit und Bereitschaft, Fremderwartungen und eigene Bedürfnisse so zu verarbeiten, dass ein eigenes selbstbestimmtes Rollenverhalten entwickelt und praktiziert werden kann.

Soziale Sensibilität: Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Rolle eines anderen zu versetzen, sich in seine Lage einzufühlen und das Ergebnis dieser Bemühungen in das eigene Verhalten einzubeziehen.

Toleranz: Fähigkeit und Bereitschaft, die Andersartigkeit, Eigentümlichkeit, Hilfsbedürftigkeit usw. anderer zu erkennen und zu respektieren, Vorurteile zu hinterfragen.

Kritik: Fähigkeit und Bereitschaft, Informationen, Normen, Handlungen und feststehende Urteile kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls Alternativen zu entwickeln.

Umgang mit Regeln: Fähigkeit und Bereitschaft, wichtige Regeln des Zusammenlebens zu erarbeiten, zu beachten und gegebenenfalls zu revidieren.

Gruppenkenntnisse: Fähigkeit und Bereitschaft, Kenntnisse über wesentliche Aspekte der sozialen Gruppe Schulklasse zu erwerben.“ (Petillon, 1993 S. 10f.)

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Details

Seiten
36
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638629652
ISBN (Buch)
9783640795239
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72555
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
sehr gut
Schlagworte
Förderung Sozialkompetenz Kindern Jugendlichen

Autor

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