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Klassenrat und Streitschlichtung - Zwei Konfliktlösungsmethoden im Vergleich

Hausarbeit 2006 30 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition „Konflikt“

3 Klassenrat und Streitschlichtung
3.1. Ursprung und Definition
3.2 Vorteile und Ziele

4 Voraussetzungen
4.1 Für den Klassenrat
4.2 Für die Streitschlichtung

5 Organisation
5.1 Des Klassenrates
5.1.1 Elemente
5.1.2 Ablauf
5.1.3 Konfliktmoderation
5.2 Der Streitschlichtung
5.2.1 Die Streitschlichterausbildung
5.2.2 Schlichtungsablauf

6 Grenzen des Klassenrates und der Streitschlichtung

7 Abschließende Bemerkungen

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Es klingelt zur großen Pause. Jan läuft durch den Flur, dabei ist ihm Alexander im Weg, weshalb er ihn zur Seite schubst. Alexander lässt sich dies nicht gefallen und versteckt Jans Schulranzen, während dieser in der Pause ist. Nach der Pause betritt die Lehrerin das Klassenzimmer und kann die beiden Streitenden gerade noch trennen, bevor Schlimmeres passiert. Diese erfundene Situation spielt sich wahrscheinlich täglich an vielen Schulen so oder so ähnlich ab. Überall, wo Menschen gemeinsam leben, lernen und arbeiten, treten Konflikte auf. In der Schule gehören Konflikte zum Alltag von Lehrkräften und Kindern. Konflikte an sich sind nichts Negatives, sie spielen in der Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle. Allerdings müssen Kinder lernen, mit Konflikten angemessen umzugehen, ansonsten tun sie es wie in der oben beschriebenen Situation. Damit Kinder angemessen mit Konflikten umgehen und Konfliktlösungsstrategien entwickeln können, bedarf es geeigneter Methoden. In meinem B2-Praktikum an einer Haupt-

schule lernte ich den „Klassenrat“ als Konfliktlösungsmethode kennen. Im Rahmen eines Kompaktseminars im Sommersemester 2006 lernte ich die „Streitschlichtung“ als eine weitere Konfliktlösungsmethode kennen, weshalb es sich anbot, die beiden miteinander zu vergleichen.

Im Folgenden habe ich die beiden Konfliktlösungsmethoden hinsichtlich ihrer Vorteile und Ziele, ihrer Voraussetzungen und Organisation miteinander verglichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sowie die Grenzen der beiden Methoden herausgearbeitet.

2 Definition „Konflikt“

Nach Neubauer gibt es keine einheitliche Definition für Konflikte, dennoch lassen sich wichtige Kennzeichen eines interpersonalen Konflikts feststellen:

1) Vorhandensein von mindestens zwei Konfliktparteien: Bei einem Konflikt gibt es zwei oder mehrere Parteien, die sich gegenüber stehen (Gegner) und die inhaltlich verschiedene Standpunkte einnehmen.
2) Unvereinbarkeit der Handlungstendenzen: Konflikte sind durch Handlungsdispositionen gekennzeichnet, die miteinander unvereinbar sind oder sich sogar gegenseitig ausschließen.
3) Unvereinbarkeit des Verhaltens: Ein Konflikt liegt vor, wenn das beabsichtigte Verhalten einer Partei das Verhalten der anderen Partei behindert, blockiert, dieses stört und es weniger aussichtsreich und wirksam macht.[1]

Nach Deutsch kann man einen interpersonalen Konflikt ganz allgemein wie folgt definieren: „Ein Konflikt existiert dann, wenn nicht zu vereinbarende Handlungstendenzen aufeinander stoßen.“[2]

3 Klassenrat und Streitschlichtung

3.1. Ursprung und Definition

Die Ursprünge des Klassenrats-Konzepts finden sich in den Disziplinen (Reform-) Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie, vertreten durch die Autoren Freinet, Dreikurs und Gordon. Alle diese Autoren stützen sich in ihren Konzeptionen auf John Dewey, einen amerikanischen Philosophen und Pädagogen, dessen Gedanken zur Demokratisierung der schulischen Strukturen die Basis der weiteren Entwicklungen darstellen.[3] Ich werde nur auf Freinets Vorstellungen des Klassenrates eingehen, da er mir als der bedeutendste Vertreter dieser Methode erscheint.

Celestin Freinet (1896-1966) war französischer Reformpädagoge und Dorfschullehrer. Seine Pädagogik baut darauf auf, dass jeder Schüler das Recht auf Verschiedenheit hat. Aus diesem Grund müsse die Schule die spezifischen Bedürfnisse der Schüler berücksichtigen. Wichtiger als das durch den Lehrer vermittelte Wissen, sei das Fördern der Fähigkeiten der Kinder, sich selbstständig Wissen anzueignen und zu erarbeiten. Daraus ergeben sich grundlegende Ziele für den Schulalltag wie z.B.:

- freie Entfaltung der Persönlichkeit,
- kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt,
- Selbstverantwortung des Kindes,
- kooperative Arbeit und gegenseitige Verantwortlichkeit.

Diese Ziele sollen im Unterricht verwirklicht werden, wobei der Klassenrat ein wichtiger Baustein ist. Hier treffen Lehrer und Schüler wichtige Entscheidungen zur Unterrichtsorganisa-

tion und -planung, stellen Regeln auf und sprechen Konflikte an. In der Freinet Pädagogik ist der Klassenrat Teil eines umfassenden Konzepts, das nicht immer so in der Schule übernommen werden kann. Doch nach Blum sei der Klassenrat auch ohne diesen theoretischen Überbau eine gute Methode, die den Unterricht bereichere. Blum definiert den Klassenrat als eine „regelmäßig stattfindende Gesprächsrunde, in der sich Schüler und die Klassenlehrkraft gemeinsam mit konkreten Anliegen der Klassengemeinschaft (z.B. Ausflüge oder Projekte, Organisationsfragen wie Dienste und Regeln, Probleme und Konflikte) beschäftigen und dafür möglichst einvernehmliche Lösungen finden“.[4]

Die Streitschlichtung oder Mediation ist in den 60er Jahren in den USA als ein außergerichtliches Verfahren entwickelt worden, um private Konflikte oder Konflikte zwischen Angehörigen verschiedener Interessensgruppen zu lösen. Es ist ein Verfahren zur Konfliktlösung mit Hilfe von Dritten. Nach Jeffreys-Duden bedeutet „Streitschlichtung oder Mediation die Vermittlung zwischen Konfliktparteien durch eine – oder mehrere neutrale Personen.“[5] Durdel hingegen unterscheidet die Begriffe Mediation und Streitschlichtung. Mediation enthält das lateinische Wort „media/medium“, dass soviel wie Mitte, Mittler oder Vermittlung bedeutet. Der Begriff verweist auf ein wichtiges Merkmal der Mediation. Sie wird durch einen „Mediator“, einen „Mittelsmann“ moderiert. „Schlichten“ dagegen, bedeutet „glätten“ oder „Unebenheiten ausgleichen“. Aber geht es in der Streitschlichtung darum einen Streit „wegzubügeln“ oder klein zureden? Nach Durdel nicht, denn die Traditionslinie der Mediation wird in der Schlichtung aufgenommen und für Kinder und Jugendliche variiert (Peer-Mediation). Die begriffliche Unterscheidung ermöglicht die Vermittlungsversuche durch Kinder und Jugendliche von denen professioneller, über Jahre ausgebildeter Mediatoren abzugrenzen.[6] Ich werde mich in den folgenden Kapiteln an der ersten Definition orientieren und den Begriff „Schlichtung“ synonym mit „Mediation“

gebrauchen. Der Unterschied zwischen der Streitschlichtung und einem Schiedsverfahren besteht darin, dass Schlichter eine Konfliktlösung nicht vorgeben, sondern den Konfliktparteien helfen, selbst eine Lösung für ihr Problem zu entwickeln. Das ermöglicht den Kontrahenten mehr Kontrolle über ihr Problem und mehr Eigenständigkeit bei seiner Lösung. Seit Mitte der 60er Jahre wurden von Forschern in den USA und von Friedensinitiativen im Verlauf der 70er Jahre Programme entwickelt, um Kindern und Jugendlichen Kompetenzen zur Konfliktlösung und Streitschlichtung zu vermitteln. Anfang bis Mitte der neunziger Jahre wurde das Konzept aus den USA nach Deutschland importiert und dankbar aufgegriffen.[7] Ob die beiden Konfliktlösungs-

methoden gemeinsame Vorteile aufweisen und ihnen gemeinsame Ziele zugrunde liegen, wird im nächsten Kapitel geklärt.

3.2 Vorteile und Ziele

Folgende Vorteile des Klassenrates lassen sich bei Blum finden:

Der Klassenrat ermöglicht guten Unterricht durch

- ein positives Klassen- und Lernklima, das durch gegenseitigen Respekt und eingehaltene Regeln entsteht.
- eine Stärkung der Klassengemeinschaft, durch das Besprechen von Anliegen und Problemen und gegenseitige Wertschätzung.
- Gewaltprävention, durch konstruktives Lösen von Problemen in der Klassengemein-

schaft.

Der Klassenrat vermittelt Kompetenzen:

- personale Kompetenzen:

Identitätsentwicklung (Selbst- und Fremdwahrnehmung), Emotionalität (Umgang mit

Gefühlen), Konzentrationsfähigkeit, Selbststeuerungsfähigkeit (ein Verhalten kann selbst

gesteuert werden), Eigenverantwortlichkeit (für eigenes Tun und die Klassengemein-

schaft), Selbstvertrauen

- soziale Kompetenzen:

Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Toleranz, Akzeptanz

- methodische Kompetenzen:

Konfliktlösungsstrategien, Protokoll verfassen, Gesprächsleitung, Planung von Abläufen

- fachliche Kompetenzen:

Inhalte Deutsch (Kommunikationstheorie, Wortschatz)

Ein weiterer wichtiger Vorteil liegt in der Entlastung der Lehrkraft: Der Klassenrat bietet die Möglichkeit, Anliegen und Probleme, die bisher in der Unterrichtszeit oder in der Pause zwischen Tür und Angel besprochen werden mussten, auf einen festgelegten Zeitpunkt in der Woche zu verschieben.[8] Nach Auburger-Schmid werde die Schule durch den Klasserat zu einer demokratisch-

en Werkstatt, in der Regeln entworfen werden und an Möglichkeiten der Konfliktlösung gefeilt wird. Der Klassenrat befähige die SchülerInnen zu Demokratie, leite sie zu verantwortlichem Miteinander an und lasse sie Kompetenzen zur konstruktiven Konfliktbewältigung erwerben. Durch den Klassenrat werde die Schule ihrem Auftrag, die SchülerInnen in ihrer Persönlichkeitsent-wicklung zu unterstützen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, soziale Verhaltensweisen aufzubauen, Werthaltungen zu entwickeln und eigenverantwortliches Handeln anzubahnen, gerecht.[9] Flissikowski weist auf einen weiteren wichtigen Vorteil hin, der in der konsequent gleich bleibenden Struktur der Konfliktregelungsgespräche (s. Kap. 5.1.2) liegt. Denn langfristig führe diese Verinnerlichung des Gesprächsablaufs dazu, dass die SchülerInnen auch ohne die äußere Form des Klassenrates die Stufen des Konfliktlösungsprozesses anwenden können.[10]

Folgende Vorteile der Streitschlichtung lassen sich bei Baurmann, Feilke und Vos finden:

- Die Streitschlichtung ist ein konsensorientiertes, leicht handhabbares

Konfliktbearbeitungsmodell.

- Das Mediationsgespräch hat eine einfache Struktur, die auch von Kindern und Jugendlichen umgesetzt werden kann.
- Die Delegation der Bearbeitung alltäglicher Konflikte unter Gleichaltrigen an SchülerInnen entlastet die Lehrperson.
- Durch Intervention im Vorfeld von Gewalt gilt die Streitschlichtung als Beitrag zur Verbesserung des schulischen Sozialklimas und der Fundierung einer angemessenen Streitkultur.
- Förderung der kommunikativen Kompetenz.
- Streiten und Streit wird positiv-konstruktiv verstanden. An die Stelle von Sieg/Niederlage Modellen tritt ein Win-win Denken.

Ein wesentliches Ziel der Streitschlichtung ist die Vermittlung von Sozialkompetenz, sowohl bei den Schlichtern als auch bei den Konfliktparteien. Weitere Fähigkeiten, die durch die Streitschlichtung vermittelt werden sind:

- Sensibilität für Konflikte und ihre Ausgänge
- Toleranz und Empathiefähigkeit
- Gefühle besser erkennen und verbalisieren können
- Selbstverantwortung (für Konfliktlösung)
- Selbstkontrolle üben
- sich akzeptabel mitteilen
- zuhören lernen
- Konfliktlösungen finden
- unparteilich und verschwiegen sein.[11]

Jefferys-Duden weist auf die „Verinnerlichung“ als einen weiteren wichtigen Vorteil der Streitschlichtung hin. Denn nach einiger Zeit würden die Kinder den Ablauf von Konfliktlösung und Streitschlichtung verinnerlichen und beide Verfahren in und auch außerhalb der Schule anwenden. Das Klassen- und Schulklima verbessere sich dadurch wesentlich. Nach Jefferys-Duden könne die häufige Anwendung von Konfliktlösung und Streitschlichtung die sozial-kognitive und moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stimulieren, indem zum Beispiel die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und die Fähigkeit zur Selbstregulation gefördert würden.[12] Die Perspektivenübernahme ist unter den sozialen Kompetenzen eine Schlüsselqualifi-

kation, weil sie ermöglicht, das Verhalten anderer zu verstehen, also auch Reaktionen auf das eigene Verhalten vorherzusagen. Perspektivenübernahme basiert auf der Erkenntnis, dass es mehr als eine Sichtweise zu einem Problem gibt. Die Fähigkeiten der Schlichter zum Perspektivenwechsel werden im Schlichtungsprozess immer wieder herausgefordert, da ihnen konträre Perspektiven ständig vor Augen geführt werden. Selbstregulation bedeutet, von seinen Impulsen und von externer Kontrolle unabhängiger zu werden. Selbstregulation setzt voraus, Konsequenzen seines Handelns abzuschätzen. Auf Streit bezogen bedeutet Selbstkontrolle, negative Emotionen zu kontrollieren und impulsive Handlungen (z.B. Kampf oder Flucht), zu Gunsten besonnener Verhaltensweisen zu vermeiden. In der Schlichterrolle äußert sich Selbstkontrolle darin, dass spontane Sympathie oder Antipathie zurückgestellt werden und der Impuls, die Problemlösung selbst in die Hand zu nehmen, unterdrückt wird.[13]

Wie sich deutlich erkennen lässt, weisen die beiden Konfliktlösungsmethoden einige gemeinsame Vorteile und Ziele auf. Zum Beispiel:

- konstruktives Lösen von Problemen
- Verbesserung des Klassenklimas
- Entlastung der Lehrkräfte
- Selbstverantwortung und Selbstkontrolle
- Empathiefähigkeit
- Verinnerlichung von Konfliktlösungsstrategien
- Förderung kommunikativer Kompetenzen
- Vermittlung sozialer Kompetenzen.

Sicherlich treffen einige Vorteile und Ziele, die nur bei einer Methode genannt wurde, auch auf die andere zu (z.B. der Perspektivenwechsel), jedoch können diese nicht alle aufgeführt werden.

[...]


[1] vgl. Neubauer, S. 4f.

[2] ebd., S.7

[3] vgl. Flissikowski, S. 294

[4] vgl. Blum, S. 10

[5] Jefferys-Duden (2002), S. 36

[6] vgl. Durdel, S. 9

[7] vgl. Jefferys-Duden (2002) , S. 36

[8] vgl. Blum, S. 14 ff.

[9] vgl. Auburger - Schmid, S. 12

[10] vgl. Flissikowski, S. 301

[11] vgl. Baurmann, Feilke, Vos, S.11

[12] vgl. Jefferys-Duden (2000), S, 41

[13] vgl. Jefferys-Duden (2002), S. 10

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638690089
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72663
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Schlagworte
Klassenrat Streitschlichtung Zwei Konfliktlösungsmethoden Vergleich

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