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Kognition und menschliche Persönlichkeit - Eine Auseinandersetzung mit der Entwicklungspsychologie Jean Piagets

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 32 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Biographie von Jean Piaget

III. Was ist kognitive Entwicklung?

IV. Grundbegriffe der kognitiven Entwicklungstheorie jean piagets
a) Adaption: Assimilation und Akkomodation
b) Organisation
c) Schema und Struktur
d) Äquilibration

V. Stufentheorie der kognitiven Entwicklung

VI. Methodologie

VII. Kritik an Piagets Theorie

VIII. Bezug zur Praxis: Lernpsychologische Implikationen

IX. Schlussbetrachtung

X. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Wie kaum ein anderer seines Faches hat der Biologe, Entwicklungspsychologe und Konstruktivist Jean Piaget durch seine fast jahrelange wissenschaftliche Arbeit zu theoretischer Diskussion und empirischer Forschung angeregt. Nicht nur für den Bereich der Entwicklungspsychologie ist das Studium von Piagets Arbeiten unerlässlich, sondern auch im Bereich der Pädagogik und Erziehungswissenschaft, der Naturwissenschaften und der Sozialisation sowie der Philosophie nimmt er eine bedeutende Rolle ein. Mit seinen kontinuierlich fortgeführten empirischen Untersuchungen schaffte er die Grundlage für eine umfassende Theorie der kognitiven Entwicklung des Menschen in der Kindheit und Jugend.

Doch was bedeutet kognitive Entwicklung? Wie sind Erkenntnisprozesse strukturiert? Welche lernpsychologische Relevanz hat seine Theorie?

Jean Piagets Arbeit kann man den Bereichen des Kognitivismus und Konstruktivismus zuordnen. Seine Ergebnisse standen im Gegensatz zu den damals vorherrschenden Ansichten des Behaviorismus und der Psychoanalyse.

“Die zuletzt genannten Theorien gehen davon aus, dass der Organismus Befreiung von Stimulation und Erregung sucht und handelt, um sie zu beruhigen. (Reizberuhigung; Freud, Hull)[1]
Laut Piaget sucht der Säugling jedoch bereits in den ersten Lebenstagen den Reiz. Wenn er zu einer Handlung fähig ist, versucht er sie auszuführen und nicht jedes Verhalten des Säuglings kann als Reaktion auf einen als unangenehm empfundenen Zustand erklärt werden.“[2] Auch in punkto Aktivität unterscheidet sich Piagets Theorie von den anderen: der Behaviorismus sieht Entwicklung im wesentlichen als eine , dem als passiv verstandenen Organismus aufgedrängte Ansammlung einzelner Erfahrung. Auch die Reifungstheorien sprechen der Aktivität des Kindes kaum Bedeutung zu.

Piaget hingegen betont den aktiven und konstruktiven Aufbau des Welt- und Selbstverständnis durch das Kind.[3]

Durch seine Beobachtungen widersprach er der dominierenden Annahme des Behaviorismus, dass das Kind durch spezifische Reiz-Reaktions-Kopplungen jegliche Leistungen zu jeder Zeit erlernen kann, denn er fand heraus, dass Kinder bestimmter Altersklassen noch nicht in der Lage sind, Aufgaben mit bestimmten Schwierigkeitsgraden zu lösen. Dies war das Fundament für die Entwicklung seiner Stufentheorie.[4]

In dieser Hausarbeit werde ich die Eckdaten seines Lebens aufführen.
An die darauf folgende, kurz gehaltene Definition des Begriffs „kognitive Entwicklung“ schließt sich eine Erklärung der Grundbegriffe Piagets und dessen eigentlicher Theorie an.
Den Abschluss bilden die lernpsychologischen Implikationen, die sich aus Jean Piagets Theorie entwickeln lassen.

II. Biographie von Jean Piaget

Jean Piaget wurde 1896 in Neuchatel in der Schweiz geboren.
Sein ausgeprägtes Interesse für Biologie betrieb er schon sehr früh, wodurch er sich bereits im Gymnasium durch Aufsätze über Weichtiere bei Spezialisten einen Namen machte. Er studierte Biologie in Neuchatel und promovierte dort 1918 zum Doktor der Biologie.

Danach führte ihn seine Forschung nach Zürich, wo er bei dem Freud-Schüler C. G. Jung lernte und zu Claparède nach Genf und zu Binet, dem Entwickler des ersten IQ-Tests, nach Paris.

Dort bereits fand er zu seiner empirisch psychologischen Untersuchungsmethode als er Studien zum Urteilsvermögen Pariser Kinder durchführte.

Im Jahr 1925 übernahm er eine Dozentur in Neuchatel, bereits 1929 wurde er

zum Professor für Geschichte des naturwissenschaftlichen Denkens nach

Genf berufen. Sein außerordentlich breit gefächertes Wissen zeigte sich erneut darin, dass der Biologe Piaget im Jahre 1939 die Professur für Soziologie in Genf übernahm, bevor er nach dem überraschenden Tod Claparèdes im Jahr 1940 dessen Professur für experimentelle Psychologie in Genf übernahm, wo er bis zu seinem Tode 1980 wirkte.[5]

III. Was ist kognitive Entwicklung?

Die kognitive Entwicklung wurde von Jean Piaget erforscht und durch spätere Untersuchungen grundsätzlich bestätigt. Der menschliche Organismus strebt mit Hilfe von zwei komplementären Mechanismen, Assimilation und Akkomodation, ein Gleichgewicht mit seiner Umwelt an. Dadurch verändern sich die kognitiven Strukturen, d.h. die geistigen Instrumente, mit denen die Welt begriffen wird. Sie differenziert sich aus (die Realität kann immer genauer verstanden werden), immer mehr Welt kann integriert werden, Erkenntnisprozesse, Strategien zur Problemlösung, Wahrnehmung, Denken und Vorstellungen verändern sich und es kann immer mehr Distanz vom eigenen Standpunkt genommen werden (Dezentrierung). Die kognitive Entwicklung wird von inneren Gesetzmäßigkeiten gesteuert, ist aber auf eine vielfältige Umwelt angewiesen, die die kognitiven Prozesse anregt.[6] Sie verläuft in aufeinander aufbauenden Stufen, die sich durch einen qualitativ anderen Zugang zur Realität unterscheiden:

Sensomotorische Phase (Verstehen der Welt durch aktives Tun), Präoperationale Phase (Zusammenhänge werden in einer Richtung gesehen und sind und sind noch stark vom eigenen Standpunkt geprägt, Phase der konkreten Operationen (in konkreten Handlungen können zwei Standpunkte gleichzeitig berücksichtigt und Zusammenhänge von beiden Richtungen her verstanden werden), Phase der formalen Operationen (es kann hypothetisch gedacht und abstrahiert werden). In der neueren Literatur wird teilweise für das Erwachsenenalter noch die Phase des dialektischen Denkens hinzugefügt. Es geht dabei darum, dass Widersprüche erkannt und ausgehalten werden. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen entwickeln sich nach diesen Gesetzmäßigkeiten, jedoch langsamer.[7]

IV. Grundbegriffe der kognitiven Entwicklungstheorie Jean Piagets

a) Adaption: Assimilation und Akkomodation

Laut Piaget muss der Organismus unabhängig von seiner Entwicklungshöhe eine ständig fortwährende Anpassung an seine Umwelt leisten.[8] Bei diesen Adaptionsvorgängen sind zwei komplementäre Teilprozesse begrifflich zu unterscheiden, weil deren Mitwirkung bei den verschiedenen Adaptionsprozessen unterschiedlich stark ausgeprägt ist:

Bei der Assimilation werden die Elemente der Umwelt vorhandenen Strukturen und Eigenschaften des Organismus angepasst, d.h. sie bezeichnet einen Prozess der Aufnahme und Verarbeitung bei der die Elemente der äußeren Welt in das eigene System einverleibt werden (z.B. mechanische Zerkleinerung und chemische Umformung der als Nahrung zu verwendenden Umweltelemente).[9]

Piaget unterscheidet drei Arten der Assimilation: die reproduktive, die rekognitive und die generalisierende Assimilation. Die reproduktive Assimilation bedeutet die einfache Wiederholung einer Handlung und bewirkt eine Festigung der Struktur. Bei der rekognitive Assimilation wird ein Gegenstand als assimilierbar an ein bestimmtes Schema wieder erkannt. Im Zusammenhang mit lernpsychologischen Überlegungen ist die generalisierende Assimilation für uns interessant, da sie eine Ausweitung des Anwendungsbereiches eines Schemas führt.[10]

Akkomodation bedeutet eine Modifikation des Organismus, d.h. der Adaptionsvorgang hat eine modifizierende Anpassung des Organismus und seiner Strukturen an vorgegebene Eigenschaften der Umwelt zur Folge (Beispiel Nahrungsaufnahme: Entwicklung von Aufnahme-, Transport- und Verdauungsorganen, z.B. Mund, Speiseröhre, Magen, Darm, verschiedener Verdauungsstoffe und Enzyme). Eine Akkomodation wird immer dann notwendig, wenn ein Gegenstand oder eine Situation sich nicht assimilieren lässt. Dann werden eine Modifikation des Assimilationsschemas und eine Veränderung der Struktur notwendig.[11]

Die kognitive Entwicklung ist die Folge eines fortwährenden Wechselspiels von Assimilation und Akkomodation. Dabei bewahrt und erweitert die Assimilation das Bestehende und stellt eine Verbindung zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit her. Die Akkomodation resultiert aus Problemen, die die Umwelt stellt und somit auf Unzulänglichkeiten des bisherigen Assimilationsschemas hinweisen.[12] Eine reine Akkomodation oder Assimilation ist nicht möglich![13]

b) Organisation

„Organisation bedeutet die Tendenz aller Organismen, Strukturen und Aktivitäten zu systematisieren, hierarchisch zu koordinieren, in immer höhere, komplexere, übergreifende funktionale Systeme zu integrieren, um so übergeordnete, immer umfassendere und komplexere Funktionen zu realisieren.“[14]

Dies bedeutet, dass jeder lebendigen Entwicklung die Neigung zur Integration, Zentralisierung oder Hierarchisierung, der sich zunehmend spezialisierenden Teilstrukturen, innewohnt und zu einer fortschreitenden Koordination im Sinne weit reichender Funktionen führt.[15]

c) Schema und Struktur

„Unter einem Schema versteht Piaget eine kognitive Struktur, die sich auf eine Klasse gleichartiger Handlungssequenzen bezieht. Diese Handlungssequenzen bilden im Rahmen des jeweiligen Schemas eine organisierte Ganzheit, innerhalb derer die einzelnen elementareren Handlungssegmente straff gekoppelt, in festliegender Abfolge angeordnet sind. (...) Im Laufe der Aktivierung assimilatorischer und akkomodabler Adaptionsprozesse entwickeln sich spezielle instrumentelle kognitive Strukturen, Erkenntnisorgane und organisierte Dispositionen.“[16] Z.B. ist das Greifschema eines der wichtigsten Erkenntnisorgane über das sich das Kind die ersten wesentlichen Umweltperspektiven aneignet.[17]

[...]


[1] Vgl. Montada, 1970, S. 32

[2] Vgl. Ginsburg/Opper, 1975, S.51

[3] Vgl. Kubli, 1983, S.24ff
Vgl. Furth/ Wachs, 1978, S. 43-47
Vgl. Donaldson, 1982, S. 75
Vgl. Montada, 1970, S. 22

[4] Vgl. Wetzel, 1980, S. 150-155
Vgl. Kubli, 1983, S. 97

[5] Vgl. Kubli, 1983, S. 10f
Vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at /WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE /PSYCHOLOGEN/PIAGET/default.shtml
Vgl. http://www.unige.ch/piaget/biographies/biod.html

[6] Vgl. Zimbardo/ Gerrig, 1999, S. 462

[7] Vgl. Ginsburg/Opper, 1975, S. 110
Vgl. Piaget/ Iinhelder, 1996

[8] Vgl. Buggle, 2001, S. 24

[9] Vgl. Buggle, 2001, S. 25
Vgl. Piaget, 1975, S. 399
Vgl. Montada, 1970, S. 46

[10] Vgl. Montada, 1970, S. 47

[11] Vgl. Buggle, 2001, S. 25
Vgl. Piaget, 1975, S. 399
Vgl. Zehl-Fahlbusch, 1982, S. 51-55
Vgl. Kubli, 1983, S. 24-27
Vgl. Montada, 1970, S. 46f, S. 84ff

[12] Vgl. Philip/ Gerrig, 1999, S. 463
Vgl. Zimbardo/ Gerrig, 1999, S. 463

[13] Vgl. Piaget, 1996, S. 21

[14] Buggle, 2001, S. 26

[15] Vgl. Zehl-Fahlbusch, 1982, S. 46f
Vgl. Montada, 1970, S.16, S. 25-36, S. 44

[16] Buggle, 2001, S. 31

[17] Vgl. Zehl-Fahlbusch, 1982, S. 46-55
Vgl. Zimbardo/ Gerrig, 1999, S. 463

Details

Seiten
32
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638735407
ISBN (Buch)
9783638736701
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73024
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Schlagworte
Kognition Persönlichkeit Eine Auseinandersetzung Entwicklungspsychologie Jean Piagets

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