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Fremde - Migration - Frauenhandel - Prostitution

Seminararbeit 2006 28 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fremdheit
2.1 Wer ist der Fremde? Was ist „das Fremde?“
2.2 Fremdheit aus der Sicht der Psychoanalyse
2.3 Fremdheit aus der Sicht der Soziologie
2.4 Fremdheit und Identität

3. Grenzen
3.1 Was ist eine Grenze?
3.2 Welche Formen von Grenzen gibt es?

4. Grenzüberschreitungen durch Migration
4.1 Warum migrieren Menschen?
4.1.1 Welche Faktoren sind maßgebend dafür, das Menschen in ein anderes Land migrieren?
4.2 Migrationstheorien
4.2.1 Die Theorie des dualen Arbeitsmarktes
4.2.2 Gender und Migration – Frauen als Migrantinnen

5. Frauenhandel
5.1 Definition von Menschenhandel
5.2 Unterschiedliche Ausprägungen des Frauenhandels
5.2.1 Frauenhandel – Hausangestellten
5.2.2 Frauenhandel – Heiratshandel
5.3 Prostitution und Frauenhandel

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich den Fragen nachgehen, wer der Fremde oder was das Fremde ist? Wen sehe ich als bekannt an und wer gibt mir ein Gefühl der Unvertrautheit? In diesem Zusammenhang möchte ich einen kurzen Sprung in die Zeit der Pubertät machen, wo sich die Identität des Jugendlichen langsam entwickelt und die Jugendlichen sich mit Fragen beschäftigen: Wer bin ich und wer will ich sein? Denn wie Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie schon sagte, „das Ich wird erst am Du zum Ich“. Das bedeutet also, dass der Mensch (in diesem Fall der Jugendliche) seine Frage nach dem Sinn des Lebens nur in Bezogenheit auf andere (in diesem Fall Fremde) beantworten kann.

Weiters stelle ich mir die Frage, was sind überhaupt Grenzen und woher kommen sie? Sind Grenzen etwas Natürliches oder nur künstlich erschaffen, um sich einen Überblick über sich und die Welt zu verschaffen? Für den deutschen Kulturphilosophen und Soziologen Georg Simmel ist Grenze „keine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen (…), sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel, zit. n. Gestrich 1998, S.9).

In einem weiteren Punkt beschäftige ich mich mit der Überschreitung von Grenzen und gehe dabei auf die Migration näher ein, da MigrantInnen in diesem Verhältnis Gebiete und Länder überqueren und „Grenzen“ erfahren. Ich frage mich, wie wird Migration definiert und welche Formen der Migration gibt es? Aus welchen Gründen migriert man(n) oder Frau und welche Probleme entstehen dabei?

Die letzten Fragen denen ich nachgehe, befassen sich mit Migration – Frauenhandel und Prostitution. Wo liegen die Unterschiede zwischen Menschenhandel und Schlepperei? Welche Formen des Frauenhandels gibt es und warum dieser mit Prostitution nichts zu tun haben muss? Außerdem frage ich mich, wie die Anerkennung der Prostitution als Erwerbsarbeit aussieht?

2. Fremdheit

2.1. Wer ist der Fremde? Was ist das „Fremde“?

Im klassischen Sinn ist der Fremde derjenige, der aus der Ferne kommt, der einem unbekannt und unvertraut ist. Es können einem aber auch Menschen fremd sein, die sich einander nah sind. Oft werden auch Menschen, die schon lange in einer Gesellschaft leben als Fremde gesehen, wie z.B. die Slowenen in Kärnten (eigene Anm.) oder die Juden in Deutschland (vgl. Rommelspacher 2003, S. 47).

Simmel formuliert: „der Fremde wird zum Fremden erst als der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potenzielle Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat“ (Simmel 1992, zit. n. Reinshagen 2000, S. 188).

Im Deutschen hat die Bezeichnung „fremd“, im Gegensatz zum englischen, französischen und italienischen wo es eine neutrale Bedeutung aufweist, einen negativen Gehalt wie man bei den Wörtern: Befremden, fremdeln, fremdgehen und Fremdkörper gut erkennen kann. Heimat, heimisch, daheim und heimisch sind als Gegenbegriffe positiv besetzt. Im deutschen (eigene Anm.: auch österreichischen) Kulturkreis wird das Fremde von jeher misstrauisch und mit Hass und Angst beäugt (vgl. Bartels 1996, S. 19).

Das Wort „Fremdling“ ist in zwei unterschiedlichen Formen wieder zu finden. Einerseits in dem Wort Gast, also dem Fremden den man freundlich gegenübersteht und andererseits dem Wort hostis, der bedrohliche Fremde, dem man feindlich begegnet (vgl. Eifler/Saame 1991, zit. n. Stetter-Karp 1997, S. 43).

Der Begriff des „Fremden“ wird in einer zweifachen Weise zum Begriff des „Eigenen“ gebildet. „Das Fremde liegt jenseits einer Grenze, die dafür sorgt, dass es sich dem Eigenen entzieht“ (Reinshagen 2000, S. 170). Einerseits ist das „Fremde“ das unmittelbar Unerreichbare und es ist zugleich auch das, was fern und fremd bleiben soll, etwas auf das ich Einfluss nehmen kann. Der dichotome Charakter zeigt sich darin, dass das Fremde eigentlich ein Konstrukt vom Eigenen ist und auf der anderen Seite soll es aber fern vom Eigenen bleiben. „Die Grenze zwischen ‚Eigenem’ und ‚Fremden’ muss für den Alltagsverstand säuberlich getrennt werden, es darf keinen Übergriff, keine wechselseitige Beeinflussung geben, denn Verfügungsgewalt und Autonomie würden so in Frage stehen“ (ebd., S. 171).

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, wie z.B. Geschlecht, Religion und Staat ist in der Regel vorgegeben, jede andere Gruppe kann frei gewählt werden. Zu so einer Gruppe zu gehören, verstärkt das „Wir-Gefühl“ und grenzt somit die eigene Gruppe von anderen Gruppen die außerhalb existieren ab. Fremdgruppen werden verzerrt wahrgenommen, da durch die Sozialisation jeder Mensch mit Vorurteilen beeinflusst ist. Die Fremdgruppe wird deshalb vorwiegend mit negativen Zügen konnotiert und bestehende Vorurteile und Stereotype werden bestärkt (vgl. Bartels 1996, S. 19).

Ich bin der Meinung, dass man diese Zugehörigkeit zu einer Gruppe die ein „Wir-Gefühl“ ausdrückt, auch mit der Wichtigkeit der peer-group bei Jugendlichen vergleichen kann. Wie schon erwähnt, können auch Menschen die einander nah sind bzw. nah waren fremd sein. Ich denke dabei an eine Beziehung von Mann und Frau, welche nach Jahren auseinander geht, weil man sich mit der Zeit „fremd“ wurde. Der Partner oder die Partnerin hat sich im Laufe der Zeit so stark verändert, dass es zu diesem Fremdheitsgefühl gekommen ist.

Genauso etwas passiert in der Pubertät, wo den Jugendlichen ihre eigenen Eltern fremd werden. Die Jugendlichen sehen ihre Eltern mit anderen Augen und distanzieren sich weitgehend von ihnen, da sie nicht so werden wollen wie sie. Sie wollen sich von ihren Eltern unterscheiden und gehen ihre eigenen Wege. In einer noch früheren Entwicklungsphase, der Kindheit, sind alle die außerhalb der eigenen Familie leben, Fremde (vgl. Rommespacher 2003, S. 48).

Diese Zeit der Entwicklung die im Alter von 6 bis 8 Monaten zu beobachten ist, wird mit dem Begriff „Fremdeln“ bezeichnet. Es gibt mehrere Theorien zur Erklärung des „Fremdelns“. Unter anderem wird es dadurch erklärt, dass das Kind deshalb Zeichen der „Fremdenangst“ zeigt, weil es Angst hat von der Mutter verlassen und der fremden Person überlassen zu werden (vgl. Oerter/Montada 1995, S. 230).

Der österreichische Verhaltensforscher und Ethnologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt geht davon aus, dass Säuglinge im Alter von 6 Monaten immer und überall „fremdeln“, auch dann wenn sie vorher nie eine schlechte Erfahrung mit Fremden gemacht haben. Trotzdem gibt es keine Beweise und Erkenntnisse darüber, dass sich ein Kind, das stark „gefremdelt“ hat, im Erwachsenenalter besonders ablehnend und feindlich gegenüber fremden Personen verhält (vgl. Stetter-Karp 1997, S. 93).

Wie man bei den Ausführungen sehen kann, sind der Begriff des „Fremden“ und der fremden Person ähnlich, denn beide Ausdrücke sind meines Erachtens mit negativen Aspekten besetzt. Im nächsten Punkt möchte ich die Fremdheit aus zwei verschieden Sichtweisen darstellen. Einerseits aus der Sicht der Psychologie und auf der anderen Seite aus dem Blickwinkel der Soziologie.

2.2. Fremdheit aus der Sicht der Psychologie (der Logotherapie und Existenzanalyse)

Die Logotherapie und Existenzanalyse geht davon aus, dass die Schwierigkeit im Umgang mit dem Fremden Angst macht. Wie schon besprochen, stellt sich also das „Wir-Gefühl“ einer Gruppe gegen das Fremde. Alfried Längle, der Vorsitzende der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse, beschreibt dieses „Wir“ als trügerisch, dass vom Feindbild und Ausgrenzung anderer lebt. Der Mensch ist aber nicht vollständig, wenn er sich nur mit sich selbst beschäftigt, er kann sich nur dort verwirklichen wo er in Beziehung mit anderen tritt. Genauso wie Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, sagt: „Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person“ (Frankl 1982, zit. n. Stetter-Karp 1997, S. 88).

Aus der Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse machen wir, wenn wir uns bedroht fühlen uns abwenden, aus dem Anderen einen Fremden. Nach Längle ist das Fremde eine „innere Distanz zu mir“. Er sagt dazu: „Wenn ich dich als den „Anderen“ sehe, dann darf dein Eigenes und mein Eigenes bestehen. Dann ist Deines wie Meines von Wert. Wenn ich in Dir den „Fremden“ sehe, dann sehe ich die Distanz zu dir, aber nicht dich“ (Längle 1989, zit. n. Stetter-Karp 1997, S. 89).

Anhand dieses Zitats kann man sehen, wenn man jemanden als fremd bezeichnet, sieht man nur die Vorurteile und die Distanz zu diesem und man weiß über diesen Menschen eigentlich gar nichts.

Ich stelle mir nun die Frage :

Woher kommt diese Fremdheit? Gibt es auch Ursachen für das Entstehen von Fremdheit?

Laut Logotherapie und Existenzanalyse gibt es drei Ursachen für die Entstehung von Fremdheit:

1) Beziehungsarmut
2) Angst
3) Verweigerung von Verantwortung

ad 1) der Mensch erlebt das Fehlen von lebensnotwendigen Beziehungen als Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Leere

ad 2) wenn man sich in seiner Selbstbestimmtheit bedroht fühlt und das Gefühl hat eingeengt, bedroht zu werden (z.B. auch bei Ehepartner die sich einander eingeengt haben)

ad 3) der Mensch steht ein Leben lang vor der Aufgabe, sein Leben selbst zu verantworten. Dort wo er sich unverantwortet verhalten hat entsteht Fremdheit (vgl. Stetter-Karp 1997, S. 90).

Dahingehend entwickelt Längle drei Wege für die Überwindung von Fremdheit:

1) Verstehen
2) Mut
3) Vertrauen

ad 1) „verstehen-wollen“, also nach den Gründen fragen was einen Menschen bewegt und so der Beziehungsarmut entgegenwirken

ad 2) gegen die Angst und das Gefühl der Einengung

ad 3) die Vertrauensbereitschaft gegen den Mangel an Verantwortung (vgl. ebd., S. 90).

Die französische Psychoanalytikerin und selbst Immigrantin Julia Kristeva, erfährt Fremdheit ästhetisch und kreativ. Sie fragt sich wer der Fremde überhaupt ist, wie sieht das Verhältnis zu seinen Wurzeln und zu seiner Muttersprache aus. Schlussendlich kommt sie zu der Auffassung, der Fremde ist derjenige der mehrere Masken und Identitäten habe, der sich hinter der Distanz verstecken kann und sich frei von Grenzen fühlte. Er sei auch deshalb in der Lage Fremdheit produktiv umzusetzen. Weiters stellt sie noch fest, dass der Fremde „in Abweichung vom Eigenen erfahren wird“. Für die Entstehung der Vorstellung des Fremden sind auch Machtverhältnisse von Bedeutung – also „das Fremde wird funktionalisiert zur Bestätigung der eigenen Überlegenheit“. Julia Kristeva setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der die Menschen anerkennen sollten, dass das Fremde ein Unheimliches in uns selbst ist und deswegen nicht mehr im Fremden abgewehrt werden muss. Sie ist auch eine der ersten die sich mit den speziellen Fremdheitserfahrungen der Frauen befasst hat. Im Gegensatz zur Existenzanalyse, die stärker auf die interpersonale Kommunikation, also auf die Abwehr ergebenden Prozesse richtet, stellt Kristeva die im Fremden bzw. im Eigenen vollziehenden Wirkungen und Prozesse in den Mittelpunkt (vgl. ebd., S. 91f.).

2.3. Fremdheit aus der Sicht der Soziologie

Der bekannte jüdische Philosoph und Soziologe Georg Simmel, beschreibt den Fremden, wie schon erwähnt, (…) „als der Wanderer, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel 1908, zit. n. Stetter-Karp 1997, S. 103). Er schreibt den Fremden Beweglichkeit und Objektivität zu. Aufgrund dessen das der Fremde ungebunden ist, hat er auch die Chance, das Leben objektiv zu betrachten (vgl. Stetter-Karp 1997, S. 103).

Ein weiterer Soziologe und Sozialpsychologe, Uli Bielefeld, geht davon aus, dass Fremd sein nicht durch sich selbst bestimmt ist, sondern das das Fremd sein von unterschiedlichen Faktoren bestimmt ist, nämlich von dem jeweiligen historischen Moment und von denen die als Nicht-Fremde gelten und die Macht haben diese Geltung durchzusetzen. Nach Bielefeld präzisiert sich das Fremde im Eigenen. Das heißt, dass man auch nicht allgemein über das Fremde reden kann. Bestimmt man es, so redet man in Wirklichkeit über sich selbst (vgl. ebd. S. 105).

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Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638736251
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73195
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1,00
Schlagworte
Fremde Migration Frauenhandel Prostitution

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