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Essstörungen in der Adoleszenz. Intervention und Prävention im schulischen Kontext

Examensarbeit 2007 101 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung in der Adoleszenz
2.1 Die Adoleszenz – Versuch einer definitorischen Erklärung
2.2 Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz
2.3 Entwicklungsauffälligkeiten in der Adoleszenz
2.3.1 Ursachen von Entwicklungsauffälligkeiten in der Adoleszenz
2.3.2 Psychische, somatische und soziale Auffälligkeiten in der Adoleszenz

3. Essstörungen als eine Entwicklungsauffälligkeit
3.1 Ein historischer Exkurs
3.1.1 Kulturgeschichte der Anorexia nervosa
3.1.2 Kulturgeschichte der Bulimia nervosa
3.1.3 Kulturgeschichte der Adipositas
3.2 Die Symptomatologie und das Erscheinungsbild der Hauptformen von Essstörungen
3.2.1 Anorexia nervosa
3.2.2 Bulimia nervosa
3.2.3 Adipositas
3.2.3.1 Binge-Eating-Störung
3.2.3.2 Die latente Esssucht

4. Diagnosekriterien und terminologische Abgrenzungen der einzelnen Essstörungen
4.1 Anorexia nervosa
4.2 Bulimia nervosa
4.3 Adipositas
4.4 Binge-Eating-Störung

5. Gesamtbetrachtung der Hauptformen von Essstörungen
5.1 Gemeinsamkeiten von Essstörungen
5.2 Unterschiede von Essstörungen

6. Ursachen und Erklärungsansätze von Essstörungen
6.1 Familiäre Einflüsse
6.1.1 Die Magersuchtfamilie
6.1.2 Die Bulimikerfamilie
6.1.3 Die Adipositasfamilie
6.2 Soziokulturelle Faktoren
6.3 Biologische bzw. genetische Faktoren
6.4 Sexueller Missbrauch

7. Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten
7.1 Ambulante, teilstationäre und stationäre Therapien
7.2 Medizinische Behandlungen
7.3 Psychotherapeutische Therapieverfahren
7.3.1 Die Verhaltenstherapie
7.3.2 Die analytische Psychotherapie
7.3.3 Die Gesprächspsychotherapie
7.3.4 Die Familientherapie
7.3.5 Gestalt- und Körpertherapien
7.3.6 Die Selbsthilfe
7.4 Die Adipositastherapie
7.4.1 Diätetische Maßnahmen
7.4.1.1 Fastenkuren/Nulldiät
7.4.1.2 Das modifizierte Fasten
7.4.1.3 Kalorienreduzierte, unausgewogene Diäten
7.4.1.4 Kalorienreduzierte, ausgewogene Diäten
7.4.1.5 Stark kalorienreduzierte Diäten

8. Intervention und Prävention von Essstörungen im schulischen Kontext
8.1 Prävention: Klärung des Begriffs
8.2 Prävention von Essstörungen im schulischen Kontext
8.3 Intervention von Essstörungen im schulischen Kontext

9. Verallgemeinerung der Erkenntnisse und Perspektiven

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang...

1.Einleitung

Essstörungen gehören zu den psychischen Krankheiten, die zunehmend diagnostiziert und registriert werden. Sie ist eine Art der Problembewältigung und tritt bei Mädchen bzw. jungen Frauen auf, wobei Berichten zufolge männliche Jugendliche zunehmend unter Essstörungen leiden. Die medizinischen Fachausdrücke Anorexie, Bulimie und Adipositas sind durch ein falsches Essverhalten und das Fixieren auf die Nahrung charakterisiert. Während das magersüchtige Mädchen eine Nahrungsaufnahme verweigert, nehmen Bulimiker[1] große Mengen Nahrung zu sich und zwingen sich anschließend die gegessenen Speisen zu erbrechen. Nahrung und Essen stehen bei Essgestörten im Mittelpunkt. Sowohl übergewichtige als auch bulimische und magersüchtige Jugendliche sind dauernd mit der Nahrungsaufnahme und der Kontrolle ihres Essverhaltens beschäftigt.

Essstörungen werden heute vor allem bei jugendlichen Mädchen und jungen Frauen in westlichen Industrieländern diagnostiziert. Anorexie und Bulimie werden auch als eine „Nebenwirkung“ einer Leistungsgesellschaft aufgefasst, da die Betroffenen, vornehmlich Frauen, durch berufliche und persönliche Anforderungen überfordert werden, was durch ein dogmatisches Schlankheitsideal noch verstärkt wird (vgl. CUNTZ/HILLERT, 2003, S. 7). Darüber hinaus sagen Essstörungen etwas darüber aus, wie Jugendliche mit ihrer Persönlichkeit und den Lebensanforderungen zurechtkommen, und werden des Öfteren mit einer Identitäts- und Selbstwertproblematik in Zusammenhang gebracht.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Essstörungen in der Adoleszenz und stellt einen Versuch dar, dieses Phänomen im Zusammenhang von Intervention und Prävention im schulischen Kontext zu erläutern.

Ich habe mich bewusst für dieses Thema entschieden, da das Thema Gewicht und Diät schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt haben. Sowohl als junges Mädchen als auch heute mit 23 Jahren bin ich um eine gute Figur bemüht. Ich halte öfters Diäten und treibe Sport, um dadurch zu einer schöneren Figur zu gelangen. Vergangenen Sommer habe ich auf diese Weise geschafft, in weniger als 6 Wochen 14 kg abzunehmen. Mein Speiseplan bestand nur noch aus Gemüse und proteinhaltigen Nahrungen. Kohlenhydrathaltige Nahrung war tabu für mich. Obendrein besuchte ich 6-mal die Woche das Fitnessstudio und achtete darauf es nicht zu verlassen, ohne 4 Stunden darin verbracht zu haben. Es war ein riesiger Erfolg für mich zu sehen, dass mein Gewicht von Tag zu Tag weniger wurde, und es spornte mich an immer weiterzumachen. Teils wurde ich um meinen Ehrgeiz und meine Figur bewundert und teils davor gewarnt, weiterzumachen. Auch meine Hausärztin warnte mich davor diesen Prozess fortzuführen und weiter abzunehmen. Ich habe meine Trainingsintensität auf 3-mal die Woche reduziert und aufgehört, wie besessen zu trainieren, ernährte mich wieder normal und versuchte nicht mehr daran zu denken, weiterhin abzunehmen.

Obwohl es immer mein Wunsch war, richtig abzunehmen, bin ich froh darüber, dass der Gedanke, das Gewicht reduzieren zu müssen, immer mehr verschwand. Denn ich hatte keinen normalen Alltag mehr, gemütliche Kochabende mit Freundinnen wurden aus der Liste gestrichen und der Stadtbummel durch den Besuch im Fitnessstudio ersetzt. Stattdessen überlegte ich ständig, was ich essen werde, wie viel ich schon gegessen habe und zählte ständig Kalorien, um den „Überblick“ zu behalten.

Mein gestörtes Verhalten hat mich motiviert, diese Arbeit zu schreiben. Es würde mich interessieren, wo mein Verhalten als eine Essstörung eingestuft werden kann und wie sie definiert wird. Ich möchte einen Vergleich zu den Geschichten der Betroffenen stellen und somit für mich selbst zur Erkenntnis kommen, welche Parallelen und Unterschiede in unserer Verhaltensweise bestehen.

Nach einer Einführung im ersten Kapitel, wird im zweiten Kapitel zunächst auf die Definition der Adoleszenz eingegangen und danach ein Versuch zur Darstellung von Entwicklungsaufgaben, deren Bewältigungsstrategien und zum Schluss der Entwicklungsauffälligkeiten gestartet.

Das dritte Kapitel befasst sich in 3.1 mit der Historie der Anorexia nervosa, der Bulimia nervosa und der Adipositas, das heißt mit den kulturgeschichtlichen Hintergründen der Essstörungen. In Kapitel 3.2 werden anschließend die einzelnen Erscheinungsformen und die Symptomatologie der einzelnen Essstörungen dargestellt, worauf folgend die körperlichen Folgeschäden aufgeführt werden.

In Kapitel 4 wird die Symptomatik der Anorexie, Bulimie und Adipositas unter Berücksichtigung der Klassifikationssysteme ICD und DSM3 beschrieben, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Kapitel 5 dargelegt werden.

In Kapitel 6 werden die Ursachen von Essstörungen unter die Lupe genommen und anschließend wird auf unterschiedliche Risikofaktoren eingegangen, die eine Essstörung begünstigen. Darauf folgend werden in Kapitel 7 die Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten der Essstörungen erklärt.

Kapitel 8 befasst sich mit der Prävention und Intervention im schulischen Kontext und stellt einen Überblick darüber dar, wie Lehrkräfte konkret in der Praxis bzw. im Unterricht handeln können und welche Aspekte bei der Prävention und Intervention zu berücksichtigen sind.

Abschließend wird in Kapitel 9 in Bezug auf die vorangegangenen Kapitel ein Fazit gezogen, in dem einige Themeninhalte noch einmal aufgegriffen und bewertet werden.

2. Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung in der Adoleszenz

2.1 Die Adoleszenz – Versuch einer definitorischen Erklärung

Der Begriff Adoleszenz stammt vom lateinischen „adolescentia“ und wurde in Rom für die Altersgruppe zwischen 17 und 30 Jahren verwendet (vgl. DE VIT/VAN DER VEER, 1982, S. 13).

Während der Begriff Adoleszenz in den Niederlanden einer einfachen Definition zugeordnet wird, finden sich in der deutschen Literatur noch differenzierte Bezeichnungen hierfür. REMPLEIN (1958) erklärt die Präpubertät als eine Phase, die mit einer starken Unausgeglichenheit verbunden ist; die Pubertät als jene, die vor allem durch den Aufbau der Persönlichkeit gekennzeichnet ist, und die Adoleszenz als den Abschnitt, „der durch eine Periode erhöhter Labilität eingeleitet wird und dann den Abschluss der Persönlichkeitsentwicklung sowie die Orientierung auf einen Beruf enthält“ (REMPLEIN, 1958, in DE VIT/VAN DER VEER, 1982,S. 13).

BLOS (1992, S. 24) sieht die Adoleszenz als Summe aller Anpassungsversuche der Pubertät an die neuen inneren und äußeren (endogenen und exogenen) Situationen, mit denen das Individuum konfrontiert wird. Von einer Adoleszenz spricht BAACKE (1993, S. 36) dann, wenn die sozialen und emotionalen Folgen der Pubertät noch nicht beendet sind. Denn es ist nicht nur das Ereignis der Pubertät gemeint, sondern ein längerer und gedehnter Zeitraum einer Altersgruppe, die unter dem Begriff „Jugendliche“ zusammengefasst wird. Sowohl in der Medizin als auch in der Psychologie, der Soziologie, der Pädagogik, der Biologie und der Rechtswissenschaft ist jedoch keine einheitliche Definition zu finden (vgl. OERTER/MONTADA, 2002, S. 259). Da verschiedene soziale Gebiete die Adoleszenz nach unterschiedlichen Leistungskriterien und Normen bewerten, bestehen unterschiedliche Definitionen der Adoleszenz in Bezug auf verschiedene Altersabgrenzungen.

Beginn und Ende der Adoleszenz sind allerdings nicht genau zu bestimmen. Es existieren mannigfache Auffassungen hinsichtlich der zeitlichen Abgrenzung der Adoleszenz. PEARSON (1958) vertritt die Meinung, dass die Adoleszenz mit physiologischen Veränderungen einsetzt, die schließlich zur Geschlechtsreife führen. HURLOCK (1967) und BAACKE (1993, S. 38) dagegen nehmen die körperlichen Symptome als Grenzzeichen, aus denen Geschlechtsreife sichtbar wird, während JOSSELYN (1952), STONE und CHURCH (1957) die Phase beschleunigten Längenwachstums als Kriterium wählen (vgl. in DE WIT/VAN DER VEER, 1982, S. 14).

In dieser Lebensphase nehmen soziale, biologische und psychische Veränderungen gegenseitig Einfluss aufeinander. Sie ist der Abschnitt zwischen Kindheit, Pubertät und Erwachsensensein, in der kindliche Verhaltensformen aufzugeben und die Aufgaben und Merkmale Erwachsener anzunehmen sind. HALL fasst die Adoleszenz als eine Sturm-und-Drang-Periode auf, als eine Zeit extremer Ausprägungen des Erlebens und Verhaltens, die von innerpsychischen Spannungen und interpersonellen Konflikten begleitet werden (vgl. in OERTER/MONTADA, 2002, S. 262).

Die Adoleszenz wird von Entwicklungspsychologen gerne als eine „Übergangsphase“ bezeichnet. Damit ist der Interimsstatus gemeint, den der Jugendliche einnimmt, wo er teils wie ein Kind seinen Status noch von seinen Eltern herleitet und teils seine eigenen Beiträge zu den Veränderungen leistet (vgl. AUSUBEL, 1954, in DE WIT/VAN DER VEER, 1982, S.14). Es ist jedoch eine schwache bzw. unzureichende Charakterisierung, wenn man die weit umfassende, vielfältige Veränderungsdynamik der Adoleszenz in Betracht zieht.

Es gibt viele Autoren, die den Abschnitt der Adoleszenz bis zum 24. oder gar 25. Lebensjahr ausdehnen. Viele sehen die Zeit allerdings zwischen dem 12. und dem 22. Lebensjahr. HALL ist der Auffassung, dass sich die Adoleszenz vom 11./13. bis zum 22./25. Lebensjahr ausdehnt. Trotz der mannigfachen Annahmen lässt sich nicht eindeutig feststellen, mit welchem Alter die Adoleszenz beginnt und mit welchem Alter sie erreicht wird.

Aus den vorangegangenen Begriffsbestimmungen lässt sich ableiten, dass die Adoleszenz nach unterschiedlichen Ansatzpunkten interpretiert wird und die Definition somit nicht leicht fällt. Dennoch steht fest, dass die Adoleszenz die Zeit zwischen der „vollen Kindheit“ und dem „Erwachsensein“ darstellt, in der auf biologisch-somatischer Ebene Veränderungen mit der Umstrukturierung interpersoneller Beziehungen einhergehen, schulische und berufliche Entwicklungsbereiche gegenüber dem familiären Umfeld in den Vordergrund treten und in der sich durch den Übertritt in einen anderen Lebensbereich neue Handlungserfordernisse und Handlungsmöglichkeiten ergeben (vgl. LIEPMANN/STRIKSRUD, 1985, S. 5).

2.2 Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz

In den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Konzept der Entwicklungsaufgaben von HAVIGHURST und seinen Kollegen an der Universität von Chicago entwickelt. Dementsprechend stellen Entwicklungsaufgaben Lernaufgaben dar, wobei die Entwicklung als Lernprozess verstanden und als „eine Entwicklung aufgefasst wird, die sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt, und im Kontext realer Anforderungen zum Erwerb von Fertigkeiten und Kompetenzen führt, die zur konstruktiven und zufrieden stellenden Bewältigung des Lebens in einer Gesellschaft notwendig sind“ (OERTER/MONTADA, 2002, S. 268). Heranwachsende werden in ihrem Leben mit kulturell und gesellschaftlich vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen konfrontiert, denen sie sich stellen müssen, um diese zu bewältigen.

Das von HAVIGHURST in den 40er Jahren entwickelte Modell der Entwicklungsaufgaben erscheint in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Deswegen wird darauf genauer Bezug genommen.

HAVIGHURST definierte das Konzept der Entwicklungsaufgaben und stellt das Leben als eine Folge von Problemen dar. Jeder einzelne Mensch muss sich gegen diese Probleme stellen und versuchen sie zu bewältigen.

Im Folgenden werden die Entwicklungsaufgaben nach HAVIGHURST dargestellt, die den Lebensabschnitt der Adoleszenz kennzeichnen:

- Erwerb der männlichen bzw. weiblichen Geschlechterrolle
- Aufbau neuerer und reiferer Beziehungen zu Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
- Akzeptanz der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers
- Erlangen der emotionalen Unabhängigkeit von Eltern und anderen Erwachsenen
- Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
- Vorbereitung auf eine berufliche Karriere
- Erreichen eines sozial verantwortlichen Verhaltens
- Errichten einer eigenen Werteskala und eines eigenen ethischen Systems und danach leben; Entwicklung einer Ideologie

(vgl. REMSCHMIDT, S. 1992, 139 f.).

Die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz können jedoch auch in Verknüpfung mit den Aufgaben der mittleren Kindheit (6-12 Jahre) oder im frühen Erwachsenenalter (18-30 Jahre) auftreten. Somit kann die Adoleszenz als Resultat der Kindheit und zugleich als Determinante für die folgenden Lebensabschnitte betrachtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst - dargestellt unter der Perspektive des Übergangs zwischen Kindheit und frühem Erwachsenenalter (vgl. DREHER/DREHER, 1985b, S. 59, in OERTER/MONTADA, 2002, S. 270).

Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie Jugendliche die Entwicklungsaufgaben in ihrem Leben bewältigen und Probleme bzw. Anforderungen, die daraus entstehen, angehen und mit sich vereinbaren können.

Zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben sind Kompetenzen notwendig, die teilweise auf die in der Kindheit entwickelten Fähigkeiten aufbauen, und welche, die in der Adoleszenz neu errungen werden. Neue Ansichten, Strategien und Strukturierungen sind für eine positive Weiterentwicklung unumgänglich.

OLBRICH (1984, in REMSCHMIDT, 1992, S. 141) beschreibt ein Modell namens Coping, das sich mit der Bearbeitung von Herausforderungen oder belastenden Veränderungen beschäftigt. Übersetzt heißt Coping so viel wie bewältigen. OLBRICH (1984) beschreibt das Coping als einen Prozess, in dem man versucht eine konstruktive Anpassung zu erreichen. Diese Anpassung hat zur Folge, dass der Jugendliche in eine Lage versetzt wird, in der er die Probleme zu bewältigen hat. Dadurch entsteht ein positives Gefühl, es zu können und der Situation „gewachsen“ zu sein, was eine große Rolle bei der Stärkung des Heranwachsenden spielt.

Der Copingprozess erfolgt in drei Phasen. Im ersten Schritt (primary appraisal) steht die subjektive Einschätzung der Situation im Vordergrund, wobei affektive und kognitive Komponenten mitbewertet werden. Im zweiten Teil (secondary appraisal) werden die eigenen Mittel und Möglichkeiten, die bei der Bewältigung der Schwierigkeiten genutzt werden, auf mögliche Folgen und ihre Effektivität geprüft. In der dritten Phase können die Jugendlichen eine erneute Abschätzung und Bewertung des Zustands machen und die alternativen Lösungsmöglichkeiten abwägen, die durch Fehlschläge in der Bewältigung bedingt sind (vgl. OERTER/MONTADA, 2002, S. 266). Die einzelnen Phasen sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sondern können sich wechselseitig beeinflussen oder ineinander übergehen.

Eine umfassende Studie stellte fest und belegt, dass unter drei unterschiedlichen Formen des Coping differenziert werden kann. In der ersten Form der Problembewältigung geht es um die Strategie des Rückzugs, was bedeutet, dass Abstand von Schwierigkeiten und Problemen gehalten wird. Die andere Art des Coping ist die aktive. Sie äußert sich im problemorientierten Handeln auf sachlicher Ebene. Und letztlich gibt es das internationale Coping, womit die Arbeit an der inneren Einstellung bzw. Auffassung zu einem Problem gemeint ist.

2.3 Entwicklungsauffälligkeiten in der Adoleszenz

Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben bzw. der Umgang mit daraus entstehenden Problemen gelingt nicht jedem Adoleszenten. Es gibt solche, die es vorziehen, Abstand von den Problemen und Konflikten zu halten. Diese Prozesse drücken sich oft in psychischen Auffälligkeiten und sozialen Abweichungen aus, was einen typischen Charakter einer Entwicklungsauffälligkeit besitzt.

Im Folgenden werden die Ursachen von Entwicklungsstörungen durch das Darstellen der Motive deutlich gemacht, die einen Einfluss auf die Problembewältigung haben.

2.3.1 Ursachen von Entwicklungsauffälligkeiten in der Adoleszenz

Es ist nicht einfach, die Ursache von Entwicklungsauffälligkeiten zu beschreiben. Von einer Begünstigung bzw. Bestärkung einer Entwicklungsstörung kann erst dann gesprochen werden, wenn unterschiedliche Faktoren zusammenwirken.

Der Erfolg oder Misserfolg eines Jugendlichen in der Bewältigung einer Aufgabe bzw. eines Problems ist von zwei Faktoren abhängig. Zum einen handelt es sich hier um die personale und zum anderen um die soziale Situation des Jugendlichen. Mit personalen Bedingungen sind die Persönlichkeit, die Denkweise und Gefühlslage eines Menschen gemeint. Jugendliche haben über grundlegende Kompetenzen zu verfügen, um die Einflüsse im Leben verarbeiten zu können. Im Verlauf ihrer Entwicklung eignen sich die Heranwachsenden kognitive, motivationale, soziale und praktische Kompetenzen an, die bei der Verarbeitung der Realitätseinflüsse zum Einsatz kommen (vgl. HURRELMANN, 1994, S. 157 ff.).

Ein Misserfolg bei der Lösung eines Problems kann für den Heranwachsenden erhebliche individuelle Beanspruchungen und Belastungen zur Folge haben, die weitere Auffälligkeiten bzw. Störungen nach sich ziehen können (vgl. BALTES/LANG 1997; FEND 1994; Hamburg 1980; JESSOR/JESSOR 1977; SCHULENBERG/MAGGS/HURRELMANN 1999, in HURRELMANN 1994, S. 158). Dies kann nämlich sowohl zu einem niedrigen Selbstwertgefühl als auch zu einer Unsicherheit des Jugendlichen führen.

Heranwachsende werden in ihrem Leben mit verschiedenen Handlungsbereichen konfrontiert, wie etwa schulischen und beruflichen Tätigkeiten. Die fehlende Handlungskompetenz des Jugendlichen in einem Bereich kann schon zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Entwicklung führen. HURRELMANN (1994, S. 158) spricht an dieser Stelle von einem „Problemstau“, der dann entsteht, wenn „eine unbewältigte Entwicklungsaufgabe eine schlechte Voraussetzung für die Bewältigung einer anderen Aufgabe“ darstellt (HURRELMANN, 1994, S. 158). Um solch einen Misserfolg zu vermeiden, wird deswegen ein Einklang der Aufgaben in Schule, Partnerschaft, Freizeitorientierung bezüglich der Bewältigungsfähigkeiten empfohlen.

2.3.2 Psychische, somatische und soziale Auffälligkeiten in der Adoleszenz

Nach HURRELMANN (1994, S.19 ff.) werden die Auffälligkeiten in soziale, psychische und somatische Bereiche unterteilt. Im Folgenden wird näher darauf eingegangen.

Politische Normen und kulturelle Überlieferungen bestimmen unter anderem das soziale Verhalten der Menschen. Ein Verhalten wird dann als nonkonform bezeichnet, wenn es außergewöhnlich und unpassend ist. Dieses nonkonforme Verhalten wird aber nur ertragen, solange es im normalen Rahmen des sozialen Verhaltens bleibt. Wird der Normalbereich überschritten, so kann man von kriminellem oder delinquentem Verhalten sprechen. Die nach außen gerichteten Formen von einer Konfliktbearbeitung gehören zu diesen Verhaltensweisen und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht nur normabweichend und unangebracht sind, sondern zugleich auch förmlich geächtet sind und Sanktionen unterliegen, weil geschriebene und ungeschriebene Normen gebrochen werden (vgl. HURRELMANN, 1994, S. 163). In den Bereich der sozialen Auffälligkeiten fallen neben der Kriminalität auch Gewalt und Aggressionen.

Ein sozial abweichendes Verhalten ist mit Aggression und Gewalt verbunden und drückt normverletzende und sozial unangemessene Handlungsweisen aus, während unter kriminellem Verhalten mit Strafen verbundene Verhaltensweisen wie Diebstahl, Körperverletzung, Raub und Konsum illegaler Drogen zu verstehen ist (vgl. BRUSTEN/HURRELMANN 1973, S. 27; LÜDEMANN/OHLENMACHER 2002, S. 10, in HURRELMANN, 1994, S. 163). HURRELMANN sieht die Kriminalität als ein Zeichen für die Nichtbewältigung von mehreren Aufgaben, von dem Leben in ungünstigen Sozialisationsbedingungen innerhalb der Familie bis hin zum fehlenden Schulabschluss, das in vielen Fällen eine Arbeitslosigkeit zur Folge hat.

HURRELMANN (1994, S. 161) geht von drei Ausprägungen unangemessener Formen der Bewältigung von Problemkonstellationen aus:

- nach außen gerichtete (externalisierende)
- nach innen gerichtete (internalisierende)
- ausweichende (evadierende)

Das nach außen gerichtete Verhalten drückt sich in der konfliktorientierten und aggressiven Verhaltensweise gegen die soziale Umwelt von Familie, Schule und Öffentlichkeit aus. Während aus sozialer Sicht zu dieser nach außen gerichteten Ausprägung ein sozialer und politischer Protest, antisoziales und kriminelles Verhalten gehören, ist im gesundheitlichen Bereich von Aggressionen gegenüber anderen Menschen zu sprechen. Jugendliche weisen diese Auffälligkeiten auf, weil sie sich ihrem Problem nicht stellen möchten, sondern es an die „Außenwelt“ abschieben.

Das nach innen gerichtete Verhalten äußert sich im sozialen Bereich durch Isolation, Desinteresse, depressive Stimmung und Suizidversuche. Auf diese Verhaltensformen wird meist hilflos reagiert, da die Verantwortung bei einem selbst liegt.

HURRELMANN (1994) spricht außerdem von einer ausweichenden Verhaltensweise, das ein ausweichendes Verhalten der schwierigen Arbeit an sich selbst und an der Lebenssituation darstellt. Während die Haltung den Problemen auszuweichen, sich im sozialen Bereich in nonkonformen Verhaltensweisen und unbeständigen, wechselhaften sozialen Beziehungsmustern ausdrückt, ist im gesundheitlichen Bereich mit suchtgefährdeten Verhaltensweisen wie Konsumsucht und Essstörungen zu rechnen (vgl. HURRELMANN, 1994, S. 162).

Eine wirkliche Lösung dieser Problemlagen kann erst dann erreicht werden, wenn sich der Jugendliche anstatt sich vor den lästigen und schwierigen Problemen zu scheuen und ihnen auszuweichen der harten Arbeit an der eigenen Persönlichkeit widmet. Die Beschuldigung von Mitmenschen für das eigene falsche Verhalten oder das Isolieren von der Gesellschaft sind keine Lösung. Es könnten sich sogar auf Dauer negative Dynamiken für die umfassende bevorstehende Persönlichkeitsentwicklung ergeben (vgl. HURRELMANN, 1994, S. 162).

Ein somatisch auffälliges Verhalten bezeichnet in diesem Kontext Erkrankungen, die durch das Überschneiden von Störungssymptomen entstehen, so dass es zu einer Mehrfachbelastung kommt. HURRELMANN (1994, S. 181) spricht als Ursache der Gesundheitsstörungen von einer Kombination der somatischen, psychischen, sozialen und ökologischen Faktoren und Einflüsse. Der hohe Anteil der behandlungsbedürftigen Jugendlichen widerspricht dem sozialen Stereotyp von der „gesunden Jugend“. Der Jugendliche unterliegt einem erhöhten „Entwicklungsdruck“, der zu verschiedenen Befindlichkeits- und Gesundheitsstörungen führen kann, die wiederum mit den Lebensgewohnheiten, insbesondere dem Bewegungs-, Ess-, Hygiene- und Entspannungsverhalten eng zusammenhängen.

Erstaunlich ist jedoch, dass die gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen von den Jugendlichen oftmals provokant und demonstrativ eingesetzt werden, um Anerkennung und Aufmerksamkeit in der Gruppe zu gewinnen, wobei die Gesundheitsauswirkungen bewusst ignoriert werden. Beispielsweise wird ungeschützter Geschlechtsverkehr aufgenommen, um die frühzeitige körperliche Reife zu beweisen, und Tabak konsumiert, um in der Gleichaltrigengruppe Ansehen zu erreichen (vgl. FRANZKOWIAK 2002; HELFFERICH 1994; MATT/SEUS/SCHUMANN 1999; MILLSTEIN/IRWIN 1987; PALINKAS 1992; PINQUART/SILBEREISEN 2002, in HURRELMANN, 1994, S. 181).

3. Essstörungen als eine Entwicklungsauffälligkeit

3.1 Ein historischer Exkurs

3.1.1 Kulturgeschichte der Anorexia nervosa

Ein historischer Rückblick ist aufschlussreich und erforderlich, damit der heutige Umgang mit Essen und Nahrung und die Bedeutung für den einzelnen Menschen verständlich gemacht und gleichzeitig eine plausible Erklärung für die Ausbreitung in der Gegenwart gefunden wird. Deswegen werden in diesem Kapitel die kulturgeschichtlichen Hintergründe der Essstörungen beleuchtet.

Das Vorkommen von Essstörungen wurde seit der Antike und insbesondere seit dem Mittelalter dokumentiert. Vor allem Magersucht war zu allen Zeiten nachweisbar. Verschiedene Kulturen verweigern aus verschiedenen Gründen die Nahrung. Aus Sicht der Religionen wurde dem Fasten eine große Bedeutung zugeschrieben. Im Islam hat der Ramadan, der Fastenmonat, einen hohen Stellenwert und gilt als eine der im Koran verankerten Pflichten der Muslime, die dabei einen Monat, morgens von der Dämmerung bis zum Einbruch der Nacht, auf Speisen und Getränke verzichten.

Im frühen Christentum wurde das Fasten nicht nur als eine Form der Enthaltung betrachtet, sondern auch als ein Mittel, um die Verbundenheit der Christen darzustellen (vgl. VANDEREYCKEN/VAN DETH/MEERMANN, 2003, S. 31).

Das Fasten wurde im Mittelalter als eine Gelegenheit gesehen, die Sünden zu begleichen und sich zu bestrafen. Es wurde das Bedauern über die Sünden ausgedrückt, die man selbst begangen hat oder andere verübt haben (vgl. VANDEREYCKEN/VAN DETH/MEERMANN, 2003, S. 32). Um sich von den Sünden vollständig befreien zu können, musste man büßen. Im Alten Testament heißt es „auch soll Euch das ewig Recht sein: am zehnten des 7. Monats sollt ihr Euren Leib kasteien und keine Werke tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremder unter Euch. Denn an diesem Tage geschieht Eure Versöhnung, dass ihr gereinigt werdet; von Euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn. Darum soll es Euch ein großer Sabbat sein und ihr sollt Euren Leib kasteien“ (3. Buch Mose, Kapitel 16, Absatz 29).

In der Antike lebten manche Menschen nach der asketischen Lebensweise. Diese hatte das Ziel, die vollkommene Unabhängigkeit von allen körperlichen Bedürfnissen bzw. die vollkommene Macht über die eigenen Triebe zu besitzen (vgl. VANDEREYCKEN 1992, S. 34, in STAHR/BARB-PRIEBE/ SCHULZ, 1995, S.10).

Schon im Mittelalter, besonders in der Zeit vom 13. bis zum 16. Jahrhundert, war es eine verbreitete und normale Angelegenheit, die Nahrung zu verweigern. Es ist jedoch festzustellen, dass es sich bei den in der historischen Literatur beschriebenen Personen beinahe ausschließlich um Frauen handelt wie beispielsweise die Mystikerin Catharia von Genua und Maria von Oignies (vgl. VANDEREYCKEN/VAN DETH/MEERMANN, 2003, S. 42). Es sind zwei Typen von Nahrungsverweigerung auffindbar: Beim ersten Fall handelt es sich um die Menschen, die auf Nahrung verzichten, um heilig gesprochen zu werden. Während des Mittelalters war die Nahrung sehr knapp. Die Menschen, die ganz bewusst und aus einer ethischen Gesinnung heraus auf Nahrung verzichteten, wurden von gläubigen Menschen bewundert und verehrt (vgl. STAHR/BARB-PRIEBE/SCHULZ, 1995, S. 10).

Nach BRAUN gibt es aber grundlegende Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Askese im Mittelalter, wenn es ums Fasten geht: „Während beispielsweise Mönche fasteten, um sich von der Sünde zu ‚reinigen‘, die sich außerhalb ihres Körpers befand (…), fasteten Frauen, um sich vom eigenen, vom weiblichen Körper zu befreien – diesem Körper, den das Christentum zum Ort der Niederlassung der ‚Sünde‘ erklärt hatte“ (vgl. BRAUN, 1992, S. 215, in STAHR/BARB-PRIEBE/SCHULZ, 1995, S.10). Beim zweiten Fall handelt es sich um die Nahrungsverweigerung als Reaktion auf eine drohende und ungewollte Ehe. Die 1245 geborene heilige Margaret von Ungarn ist ein gutes Beispiel hierfür. Margaret sollte gegen ihren Willen verheiratet werden. Sie bemühte sich für ihren Zukünftigen so unattraktiv wie möglich zu machen. Durch eine extrem asketische Lebensweise, gekennzeichnet durch sehr wenig Nahrung, Selbstzüchtigung und harte Arbeit bis zur Erschöpfung, sollte ein körperlicher Verfall verursacht werden. Der Körper von Prinzessin Margaret wurde als dürftig beschrieben. Schließlich starb sie im jungen Alter von 26 Jahren (vgl. HABERMAS 1990, S. 39).

HABERMAS (1990a, S. 44) stellt eine bedeutsame Ähnlichkeit zwischen der gegenwärtigen Magersucht und der extremen Askese weiblicher Heiliger dar. Er ist der Meinung, dass die heutigen jungen Mädchen mit ihrem asketischen Verhalten versuchen, sich der Aufnahme sexueller Beziehungen zu enthalten.

„Heilige wie Magersüchtige entsagen der Sexualität, indem sie sich unattraktiv machen. Ihren Appetit behandeln sie, pars pro toto, als Lust schlechthin. Im Unterschied zur heutigen normalen Pubertätsaskese, die häufig auch bei Jungen zu finden ist, genügt es ihnen nicht, ihre Triebe in Schach zu halten; sie scheinen sie annullieren zu wollen. Und dafür wählen sie die Ernährung als Kampffeld, um das herum alle Magersüchtige alle anderen asketischen Handlungen organisieren“ (HABERMAS, 1990 in STAHR/BARB-PRIEBE/SCHULZ, 1995, S.11).

Die ersten Angaben von jungen Frauen, die das Essen verweigern, ohne eine rätselhafte Krise durchzumachen, stammen aus dem 17. Jahrhundert. Im Jahre 1686 wurde der erste ausführliche Fall von dem Engländer Richard Morton, einem Geistlichen und Leibarzt von König Wilhelm III., medizinisch belegt. Es entstanden zu dieser Zeit Begriffe und Bezeichnungen, die mit der heute bekannten Bezeichnung „Anorexia nervosa“ verwandt sind. Der Ausdruck „Anorexia mirabilis“ kann beispielsweise als wundersame Appetitlosigkeit und der Begriff „Inedia prodigiosa“ als großartiges Hungern übersetzt werden. Manche Forscher und Historiker behaupten, dass der Begriff „Anorexia mirabilis“, der auf das Mittelalter zurückzuführen ist, die gleiche Bedeutung wie die heutige Bezeichnung „Anorexia nervosa“ hat.

Das erste ausführliche Geschehnis wurde 1691 medizinisch von dem Engländer Richard Morton belegt. In beiden detaillierten Dokumentationen beschreibt er Patienten mit Symptomen wie Amenorrhoe, Verstopfung, Appetitlosigkeit und Hyperaktivität einhergehend mit extremer Abmagerung, Traurigkeit und angsterfüllten Sorgen. Daraus ist zu folgern, dass es sich bei der von ihm beschriebenen Erkrankung um Magersucht handelt. Er benannte diese Erscheinung „Phthisis nervosa“, was als „nervöse Schwindsucht“ beschrieben werden kann. Nach Morton deutet die Krankheit auf die Schädigung des Nervensystems.

Erst zwei Jahrhunderte später können medizinische Definitionen von Anorexia nervosa nachgewiesen werden. Das Krankheitsbild wurde mit den durchgeführten Arbeiten des Engländers William Gull (1868-1874) und des Franzosen Charles Laségue (1873) als „Anorexia nervosa“ und „hysterische Anorexia“ bezeichnet.

3.1.2 Kulturgeschichte der Bulimia nervosa

Bulimie weckte um 1980 das öffentliche Interesse und ist erst in den vergangenen Jahren als ein klinisches und eigenständiges Syndrom erkannt worden. Es werden ausführliche Forschungsergebnisse benötigt, daher ist eine klare historische Betrachtungsweise noch nicht gegeben. Dies trägt zu einem unklaren und ungründlichen Bild der Entwicklungsgeschichte der Bulimie bei. Trotzdem kann eine Verbindung zu historischen Vorläufern der Erkrankung gefunden und dargestellt werden. Die Übergänge von Magersucht und Bulimie sind seit Anfang der Verweigerung der Nahrung und des Abmagerns fließend. In dieser Hinsicht ist die Bulimie seit der Antike bekannt. Trotz der fließenden Übergänge wird seit ungefähr zwanzig Jahren die Bulimie als eigene Essstörung von der Magersucht abgegrenzt.

Es gibt verschiedene Beschreibungen und Berichte über das Entstehen und der Verbreitung dieser Erkrankung.

PLUTARCHs Berichten zufolge war es bei antiken Festen gängig und völlig normal, nach einer Mahlzeit zu erbrechen, um weitere Mengen von Nahrung aufnehmen zu können. Auf eine andere Art und Weise stellte es die heilige Katharina von Siena (1347-1380) dar. Die italienische Mystikerin und Kirchenlehrerin „steckte sich von Zeit zu Zeit einen Zweig in den Hals, um die Lebensmittel, die sie gezwungenermaßen verzehrt hatte, wieder herauszuwürgen“ (BRUMBERG, 1994, S. 46).

Auch in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts konnten LASÉGUE und GULL Heißhungerattacken beobachten, auch wenn diese nicht so häufig waren.

Dokumente und Berichte über Fressanfälle sind allerdings erst seit den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts belegt (vgl. HABERMAS, 1990, S. 33).

Im Jahre 1913 berichtete der französische Arzt NOGUÉS von dem Missbrauch eines hochwirksamen Abführmittels namens Laxantien, das zur Behandlung von Übergewicht eingesetzt wurde. Abführmittel gab es schon im 19. Jahrhundert, sie wurden trotz ihrer negativen Auswirkungen verwendet.

1932 schrieb WULF aber die erste genaue Falldarstellung mit klassischen bulimischen Symptomen. Und zwar handelte es sich hierbei um einen männlichen und vier weibliche Fälle, die abwechselnde Phasen von Fasten und Heißhungerattacken, Ekel vor dem eigenen Körper und Vorliebe für Süßigkeiten aufweisen.

BRUCH dokumentiert 1957 zum ersten Mal eine Bulimikerin mit einem durchschnittlichen Gewicht, die nach jeder Mahlzeit ein anschließendes Erbrechen hervorrief. Eine gründliche Beschreibung und mannigfache neue Bezeichnungen der Bulimie entstanden aber erst Mitte der 70er Jahre. 1979 beschrieb der englische Psychiater RUSSEL anhand ausführlicher klinischer Besichtigungen zum ersten Mal die Bulimie in ihrer aktuellen gebrauchten Form als „variant of anorexia nervosa“. Die davor gebrauchten Ausdrücke wie „Bulimarexie“, „Binge-Purge-Syndrom“, „Thin- Fat-People“ konnten sich dagegen als Diagnosebegriff nicht durchsetzen.

3.1.3 Kulturgeschichte der Adipositas

Diese Erkrankung ist bis zur griechischen Antike zurückzuführen. Damals kam Adipositas unter dem Begriff „polysarkia“ vor, das als Fleischüberschuss übersetzt werden kann. Gleichzeitig wurde Fettleibigkeit als Abwehr gegen das gefürchtete Los des Verhungerns aufgefasst (BRUCH, 1997, S. 21).

Übermäßige bzw. falsche Ernährung und fehlende Bewegung wurden als Ursache für diese Krankheit gesehen. Schon in alten Zeiten wurden Menschen, die unter Fettleibigkeit litten, mit Vorurteilen konfrontiert. Diese Menschen wurden von vielen Menschen als träge und faul abgestempelt. Doch alte Darstellungen von extrem fettleibigen Frauen mit großen Brüsten und einem gewaltigen Bauch zeigen, dass die Vorliebe für fettleibige Frauen bis zur Steinzeit fortwährte. Auch die griechischen und ägyptischen Figuren zeigen, dass Frauen mit großem Leib und breiten Hüften und Oberschenkeln für künstlerische Huldigungen bevorzugt wurden (vgl. BRUCH, 1997, S. 21).

Im Folgenden wird auf verschiedene Therapiemöglichkeiten von einigen Philosophen und Forschern eingegangen.

Als hippokratische Therapiemethode bezeichnet RIES (1970, S. 517, in KLOTTER, 1990, S. 45) eine spezielle hauptsächlich pflanzliche Speise, harte körperliche Arbeit und ungekleidetes Herumlaufen bei Wind und Wetter. Im Jahre 1892 nennt KISCH als eine wirksame Therapiemöglichkeit, in der er den Betroffenen einen Spaziergang vor dem Frühstück, auf nüchternen Magen empfiehlt.

Diese Therapiemodelle zeigen offensichtlich, dass Adipositas zu dieser Zeit keine Anerkennung bekam und nicht als ein gesundheitliches Risiko verstanden wurde. Diese Krankheit wurde eher als ein gesellschaftlich verpönter Zustand gesehen.

In der Adipositasforschung gab es bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch keine einheitliche Bezeichnung für diese Krankheit. Es wurde eine Menge von zu viel Fett als „Übergewichtigkeit“, „Fettleibigkeit“, „Corpulenz“ bezeichnet. Im 20. Jahrhundert trat eine Bezeichnung für schwere Fälle von Adipositas unter dem Namen „Fettsucht“ auf. Der Ausdruck „Fettleibigkeit“ wurde dagegen für leichtere Fälle der Adipositas verwendet.

3.2 Die Symptomatologie und das Erscheinungsbild der Hauptformen von Essstörungen

Im Folgenden werden die einzelnen Erscheinungsformen und die Symptomatologie der Essstörungen analysiert und als eine Begleiterscheinung einer Entwicklungsauffälligkeit definiert. Darauf folgend werden die körperlichen Folgeschäden der einzelnen Essstörungen dargestellt. Die Erfahrungsberichte sollen das Leid der Patienten klar machen und einen tieferen Einblick in die Thematik ermöglichen.

3.2.1 Anorexia nervosa

Berichten zufolge ist die Zahl der Magersüchtigen in den letzten 10 Jahren gewaltig gestiegen. In westlichen Industrieländern leiden etwa 1% der Mädchen unter Magersucht und 4% sind magersuchtgefährdet. Hauptsächlich sind Mädchen von dieser Krankheit betroffen, deutlich seltener Jungen. Nach GERLINGHOFF (1996) tritt diese Essstörung 10-mal häufiger auf als bei Jungen (vgl. GERLINGHOFF, 1996,S. 18). Das Erkrankungsalter liegt vor allem zwischen der Adoleszenz und dem 25. Lebensjahr. Das Erkranken jüngerer Kinder oder älterer Frauen kann dabei nicht ausgeschlossen werden.

In erster Linie ist diese Krankheit durch die strenge Nahrungsverweigerung, mit dem Ziel so viel wie möglich abzunehmen, gekennzeichnet. Es ist keine Seltenheit, dass Frauen an Anorexia nervosa sterben. Das Leid des Hungers wird ausgehalten, auch wenn den sehr abgemagerten Anorektikerinnen der Tod droht.

[...]


[1] Da eine ständige Aneinanderreihung von weiblichen und männlichen Bezeichnungen die Lesbarkeit beeinträchtigt, habe ich mich dazu entschlossen, die männliche Bezeichnung zu verwenden. Damit sind selbstverständlich auch alle Frauen mitgedacht und eingeschlossen.

Details

Seiten
101
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638634519
ISBN (Buch)
9783638685245
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73304
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Essstörungen Adoleszenz Intervention Prävention Kontext

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Titel: Essstörungen in der Adoleszenz. Intervention und Prävention im schulischen Kontext