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Tiergeschichten bei Robert Musil und Franz Kafka

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1. Robert Musil „Die Maus“
1.1 „Nachlass zu Lebzeiten“
1.2 Erste Ansätze für „Die Maus“ in Musils Tagebuch
1.3 Zur Frage der Gattung
1.4 Analyse der Erzählung „Die Maus“
1.4.1 Metaphorik
1.4.1.2 Wasser- und Meresmetaphorik
1.4.1.3 Brandungsmetaphorik
1.4.1.4 Schlaf-, Schwangerschafts- und Schöpfungsmetapher
1.5 Polaritäten
1.6 Die Funktion der Maus im Text

2. Parallelen und Treffpunkte im Leben von Robert Musil und Franz Kafka

3. Franz Kafka „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse
3.1 Die Sammlung „Ein Hungerkünstler“
3.2 Die Funktion des oder-Titels
3.3 Die Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse
3.4 Das Verhältnis zwischen Josefine und dem Volk der Mäuse
3.5 Der Existenzkampf des Volkes und die Kunst
3.6 Das künstlerische Selbstverständnis Josefines
3.7 Wettstreit zwischen Kunst und Daseinskampf oder das Verhältnis von Volk und Künstler
3.8 Trägt Josefine autobiographische Züge Kafkas

4. „Die Maus“ und „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ im Vergleich zur Fabel

5. Die Aussageabsichten der Autoren

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars: Robert Musil - Kleine Prosa und Essayistik habe ich mich eingehend mit den Tiergeschichten Robert Musils, besonders mit der Erzählung „Die Maus“ beschäftigt.

Im Folgenden möchte ich die Entwicklung, die der Protagonist des Textes durchlebt, ausführlich darstellen. Er bewegt sich von einem Zustand des Außer-sich-seins zum völligen Bewusstsein zurück. Innerhalb dieser Phase erlebt er die Mystik des „anderen Zustandes“ und erkennt so in einer ganz unscheinbaren grauen Maus den Sinn des Lebens.

Anschließend an diese Betrachtungen folgt eine Beschäftigung mit der Tiererzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ von Franz Kafka. Dieser hat sich in seiner Künstlergeschichte ebenfalls für die Maus als Tier entschieden, anhand der er die Situation und das Wesen eines Künstlerlebens nachzeichnet und die Beziehung von Volk und Künstler bzw. Kunst und umgekehrt erläutert.

In diesem Zusammenhang gehe ich näher auf die beiden Autoren und die Entstehungsgeschichte der Erzählungen ein. Bevor ich diese Tiergeschichten von der klassischen Fabel abgrenzen möchte.

1.1 Nachlass zu Lebzeiten

Angetrieben von dem Kunsthistoriker Otto Prächt stellte Robert Musil zwischen dem 10. und 30. Oktober 1935 eine Sammlung von 30 Kurzprosatexten zu einem kleinen Buch zusammen: dem „Nachlass zu Lebzeiten“.[1] Einige dieser Stücke sind nicht neu. Sie wurden schon vor beziehungsweise während des Ersten Weltkrieges verfasst und sollten in einem Buch mit dem Titel „Tierbuchl Idyllen“ erscheinen.[2]

Von dieser Sammlung hat sich Musil vor allem versprochen, bei seinen Lesern in Österreich und Deutschland nicht in Vergessenheit zu geraten. Doch schon in der Vorbemerkung zu seinem Werk kritisierte Musil die Uniformität im Deutschen Reich, die nun auch schon auf die Schriftsteller übergegriffen hatte.[3] Der Inhalt einzelner Erzählungen, vor allem „Affeninsel“ und das „Fliegenpapier“, führte dazu, dass sich diese Werke auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ wiederfanden. Auch in Russland gab es keine positiven Rezensionen. In Musils Heimat Österreich waren die Kritiker zwar milder gestimmt, aber dennoch entwickelte sich das Buch zum Ladenhüter.[4]

Die Erzählungen wurden von Musil selbst in vier Gruppen unterteilt, wobei innerhalb dieser Aufteilung eine Fünf-Block-Struktur zu erkennen ist, die aus den Thematischen Zusammenhängen entspringt: so ist in den ersten fünf „Bildern“ eine satirische Tendenz zu beobachten, während die zweite Untergruppe den „anderen Zustand“ zum Thema hat, der sich auch in den folgenden vier Texten fortsetzt, diesmal kombiniert mit satirischen Momenten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wirklichkeitsvorstellung und Sprache kommen in den Bildern 16-20 zum Ausdruck, wobei auch hier wieder der satirische Aspekt auftaucht, bevor im vorletzten Bilderblock das erkennende Subjekt im Mittelpunkt steht. Den Abschluss bilden verschiedene Erzählelemente, die erprobt, parodiert und reflektiert werden.[5]

1.2 Erste Ansätze für „Die Maus“ im Tagebuch

Eine der bekanntesten Erzählungen aus dem „Nachlass zu Lebzeiten“ ist „Die Maus“, auf die im Folgenden ausführlich eingegangen wird. Dieser Text, taucht aber schon früher auf. So wurde sie erstmals am 30. Oktober 1921 in der „Prager Presse“ unter dem Titel „Die Maus auf Fodara vedla“ abgedruckt.[6] Die ersten Entwürfe finden sich allerdings schon in Musils Tagebüchern zwischen den Jahren 1916 und 1919. Die Geschichte geht auf Erlebnisse Musils während des Ersten Weltkrieges ein und zeigt die „mystischen Ureigenschaften“[7] und das „religiöse“, das Musil stets mit dem Krieg verbindet.

Die Niederschrift der Erzählung im Tagebuch ist noch nicht vollständig. Bei einem Vergleich der beiden Texte fällt folgendes auf: Der erste Abschnitt der späteren Version fehlt komplett, der Leser wird also nicht in Zeit und Umstände eingeführt. Den Handlungsort erfährt er durch die Überschrift, die später auf die zwei Worte „Die Maus“ verkürzt wird. Der Autor steigt sofort in die Geschichte ein. Er beginnt mit der Bank, ohne Weiteres über die Kriegssituation, die Umgebung der Bank und die Erschöpfung des lyrischen Ich zu berichten. Auch die folgenden Beschreibungen wird Musil durch starke Erweiterungen noch erheblich verändern.

Doch sind bereits die wichtigsten Punkte und Metaphern enthalten, auch die Funktion der Maus geht schon deutlich hervor. Im Gegensatz zu Endfassung wird in der Tagebuchaufzeichnung die Monologstruktur des Stückes anschaulich dargestellt: das lyrische Ich spricht den Leser direkt an:

„Gottes Wille geschieht? Oder der Wille einer kleinen Feldmaus,

vor dem du zitternd unvorbereitet stehst:“[8]

Dieses „du“ taucht zwar nur ein einziges Mal auf und geht auch hier gleich in das unpersönlichere „man“ über, welches auch in der Endfassung durchgängig gebraucht wird, doch an dieser Stelle ist ersichtlich, dass es sich um einen Monolog handelt, in dem das lyrische Ich zu sich gefunden hat und über das Geschehene reflektiert.

Hiermit endet der Entwurf dieses „Bildes“. In der endgültigen Form folgt ein weiterer Absatz, der einen offenen Schluss enthält, auf den später noch näher eingegangen wird.

1.3 Zur Frage der Gattung

„Die Maus“ steht als zehnte Geschichte im „Nachlass zu Lebzeiten“. In der Gruppe, der Musil den Untertitel „Bilder“ gegeben hat. Dieser Begriff steht in einer langen Reihe von Gattungsbezeichnungen, die Musil selbst bei dieser kleinen Skizze angewandt hat. Beispielsweise gab er ihnen Namen wie „kleine Arbeiten“ oder „kleine Satiren“.[9]

Gleich zu Beginn des Textes spricht der Autor von einer winzigen Geschichte, einer „Pointe“, einer einzigen kleinen „Spitze“, die im Grunde „gar keine Geschichte“ ist.[10]

Den Begriff der Pointe kennt man allerdings eher als ein Element der Anekdote, nicht als eine eigenständige Gattung. Will man „Die Maus“ nun als Anekdote bezeichnen, so gibt es hinsichtlich ihres kleinen Umfanges keine Probleme, ihr Aufbau entspricht durchaus den Forderungen dieser Gattung: Zuerst werden Ort, Zeit und handelnde Person eingeführt, es folgt die Beschreibung der Situation, bevor am Schluss die überraschende Wendung, die Pointe steht. Betrachtet man aber den Inhalt der Erzählung, werfen sich Fragen auf, denn hier ist nichts Heiles oder Geschlossenes zu finden, was Charakteristika der Anekdote sind.[11] Musils Bild zeichnet eher eine schadhafte, aus den Fugen geratene Welt nach. Auch findet man nirgends den typischen naiv erzählenden Ton, es handelt sich um ein objektives, personales Erzählen im monologischen Stil. All dies sind Kennzeichen, die darauf hinweisen, dass dieser musilsche Text nicht als Anekdote bezeichnet werden kann. Wie der Autor am Anfang schon selbst sagt, handelt es sich hier wirklich nur um einen einzigen, kleinen, beleuchteten Punkt, von dem berichtet wird und auf den alles zuläuft und der das „verkehrte Gefühl“[12] beim erzählenden Ich auslöst. Aus diesem Grund dürfte der Begriff der Pointe der einzig richtige sein, auch wenn er in der Literaturwissenschaft nicht als eigenständige Gattung zu finden ist.

1.4 Analyse der Erzählung „Die Maus“

Die Erzählung „Die Maus“ trägt sich während des Ersten Weltkrieges “auf der ladinischen Alpe Fodara Vedla“ zu. Zunächst steht eine einfach Bank im Mittelpunkt, die vom Krieg nicht beschädigt wurde, obwohl die ganze Umgebung schwer gezeichnet ist. Es folgen die Betrachtungen eines auf der Bank Sitzenden, bevor am Schluss eine kleine Maus auftaucht, in deren Augen sich der Blick das Menschen spiegelt.

Die Pointe „Die Maus“ lässt sich in sechs einzelne Abschnitte gliedern, wobei kein Teil länger als 13 Zeilen ist. Die Geschichte beginnt mit einer Bestimmung der Gattung, darauf folgt eine Einführung in Ort, Zeit und Raum. Hier wird erstmals ein wichtiger Gegenstand der Geschichte genannt: die Bank.[13]

Im zweiten Abschnitt setzt die Entwicklung ein, in der sich der Protagonist der Erzählung befindet. Zuerst ist er in einem Zustand, in dem er nicht Herr seiner Kräfte und Sinne ist. Er besteht nur aus dem, was er im Moment empfindet, ohne jegliche Reflexion: er sitzt auf der in der Sonne gelegenen Bank, die vom Krieg verschont blieb.[14] Diese Impressionen sind völlig gefühlsneutral, es ist einfach ein Sehen der Dinge, ohne dass sie irgendwelche subjektiven, emotionalen Eindrücke auf ihn ausüben. Gleich der Idylle in der Mulde wird das Kriegsgeschehen um ihn herum geradezu bagatellisiert. Die Schüsse werden mit Schiffen und Fischen verglichen, die ruhig ihre Bahnen ziehen, der Krieg scheint seine Gefahr zu verlieren. Doch könnte auch gerade diese Ruhe als Bedrohung gesehen werden.

Andrerseits „wer auf dieser Bank saß, saß fest.“[15] Der Erschöpfte wird sich nun seiner Müdigkeit bewusst, er spürt den leblosen Körper, den geschlossenen „Mund“, die „Glieder“, die sich wie abgetrennt anfühlen und ein gesonderter Gegenstand sind, der nicht zum übrigen Körper bzw. Geist gehört.

[...]


[1] Corino, Karl; Robert Musil; Rowohlt, Reinbek, 2003

[2] Musil Robert, Tagebücher Bd. 1 Hrsg. Frisè, Adolf; Rowohlt,; Reinbek, 1979

[3] Corino; S. 1211 - 1215

[4] Ebd. S. 1211 - 1220

[5] Arntzen, Helmut; Musil-Kommentar sämtlicher zu Lebzeiten erschienener Erzählungen außer dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften; Winkler, München 19890; S. 143ff.

[6] Ebd.

[7] Musil, Robert; Tagebüche Bd.1; Hrsg. Frisè, Adolf; Rowohlt; Reinbek, 1976

[8] Ebd.

[9] Mauch, Gudrun; Robert Musils „Anekdoten“ aus dem Ersten Weltkrieg; in: Zeitschrift für deutsche Philologie; Bd 98; Schmidt; 1979

[10] Aus „Die Maus“ werde ich im Folgenden nur mit Angabe der Zeilenzahl zitieren und zwar nach: Musil, Robert; Gesammelte Werke; rowohlt, Reinbek 1978

[11] Mauch,

[12] Die Maus Z. 42

[13] Ebd, Z. 1-5

[14] Ebd, Z. 12ff.

[15] Ebd. Z. 15

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638728966
ISBN (Buch)
9783638903578
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73947
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
Schlagworte
Tiergeschichten Robert Musil Franz Kafka Hauptseminar

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