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Die Kompetenz des Übersetzers – Übersetzungstheorien und ihre Anwendung in der Praxis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 31 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übersetzen
2.1 Was bedeutet übersetzen?
2.2 Der Text
2.3 Übersetzungstheorien und –modelle
2.3.1 Sprechakt und Übersetzung
2.3.2 Die Skopostheorie
2.3.2.1 Die Skoposwahl
2.3.2.2 Scenes and frames
2.3.3 Die transformationelle Theorie
2.3.4 Das denotative Modell
2.4 Übersetzungstypen
2.5 Übersetzungsprobleme
2.5.1 Probleme mit der denotativen Äquivalenz
2.5.2 Lakunen
2.5.2.1 Linguistische Lakunen
2.5.2.2 Textlakunen
2.5.2.3 Kulturelle Lakunen
2.5.2.4 Die Kompensation von lexikalischen Lücken

3 Zusammenfassung – Übersetzen

4 Ein Praxisbeispiel - die Geschichte Helsinkis

5 Zusammenfassung – Übersetzungsvergleich

6 Abschließende Zusammenfassung

7 Zakończenie

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Was bedeutet übersetzen? Bezüglich der literarischen Übersetzung bringt es Wuneng Yang auf den Punkt:

"Denn das literarische Übersetzen ist kein Handwerk, keine einfache Inhaltswiedergabe des Originaltextes, es bedeutet auch keinesfalls allein 'den Transfer von Wörtern aus einer Sprache in die andere'. Es stellt vielmehr eine geistige, schöpferische Arbeit, einen komplexen interkulturellen Transfer dar und ist im Grund genommen auch eine literarisch-künstlerische Schöpfung. Das literarische Übersetzen soll nämlich alle Werte des Originals – inhaltliche wie informative, emotionelle wie geistige, stilistische wie ästhetische – mit der Zielsprache möglichst adäquat wiederherstellen. Es ist dem Wesen nach eine Kunst der Wiederschöpfung, nichts als Wiederschöpfung. Die Eigenart des literarischen Übersetzens als Kunst liegt eben in dem Wörtchen 'Wieder'." (Wuneng Yang 2003 in: IQ-01).

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Übersetzungsarten und Textsorten (Rede, Werbung, literarische Übersetzung usw.) bleibt allerdings die Frage offen, ob diese Aussage verallgemeinert werden kann.

Mittels der Darstellung einiger Übersetzungstheorien/-modelle und deren Anwendung an einem Praxisbeispiel soll gezeigt werden, welche Faktoren bei einer Übersetzung beachtet werden müssen und über welche Kompetenz(en) der Übersetzer verfügen sollte.

2 Übersetzen

Übersetzen ist eine "kommunikative Herausforderung" die immer unter den Aspekten des Sprach- und Kulturarkontaks betrachtet werden muss (vgl. Koller 2001: 59).

Die Sprachbarriere steht dabei an erster Stelle, da die Kommunikation bei mangelnden Sprachkenntnissen bereits an ihr scheitern kann.

Bei geeigneten Sprachkenntnissen lassen sich Kulturbarrieren zumindest verringern, allerdings gibt es auch Kulturbarrieren, die nicht mit sprachlichen Mitteln (Übersetzen) überwunden werden können (vgl. Koller 2001: 26).

2.1 Was bedeutet übersetzen?

Übersetzungen gibt es schon seit Jahrtausenden, aber auf die Frage, was Übersetzen denn eigentlich genau bedeutet und wie eine Übersetzung beschaffen sein soll, gab und gibt es, abhängig von den verschiedenen Sichtweisen und Standpunkten der Autoren sowie den Übersetzungszwecken und unterschiedlichen Textsorten, immer wieder vielfältige und widersprüchliche Antworten.

Im Hinblick auf maschinelle Übersetzungen fragt Albrecht, welche Art der Beziehung zwischen zwei Texten berechtigterweise "Übersetzung" genannt werden kann und konstatiert, dass bestenfalls Grenzen gezogen werden können, innerhalb derer man bestimmen kann, ob die Übersetzung "lügt".

Schaubild 1: Grenzen der Übersetzung (vgl. Albrecht 1997 in: Schmidt/Wotjak 1997: 91f.).

"too literal" "too free"

target language translation elements of the

message to be

conserved

Zur Bestimmung einer "echten" Übersetzung könnten folgende Kriterien gelten:

1. die Idiomatik ("linguistic naturalness")
2. die Grammatik ("wellformedness"): grammatikalisch korrekte, nicht unbedingt idiomatische Äußerungen können als Übersetzung gelten
3. die Verständlichkeit: alles, was noch irgendwie verständlich ist, gilt als Übersetzung

Nach Ansicht von Coseriu ist Übersetzen am ehesten mit dem Sprechen analog, weswegen jeweils nur finalistisch motivierte und finalistisch differenzierte Normen gelten.

"Auch die beste Übersetzung schlechthin für einen bestimmten Text gibt es aus demselben Grund nicht: Es gibt nur die beste Übersetzung dieses Textes für bestimmte Adressaten, zu einem bestimmten Zweck und in einer bestimmten geschichtlichen Situation." (Coseriu 1978 in: Wilss 1981: 46).

Fuchs konstatiert diplomatisch, dass es weder gelungene noch misslungene Übersetzungen gibt, sondern nur gute oder schlechte, wobei die Qualität von den Ansprüchen und Interessen der verschiedenen Beteiligten abhängt (vgl. Fuchs 2002 in: Renn/Straub/Shimada 2002: 296).

Besonders benachteiligt sind dabei kleine Sprachen, da es wenig qualifizierte Übersetzer gibt und eine Kontrolle sehr schwierig ist. Aus demselben Grund werden auch oft die Texte schon verstorbener Autoren "verunstaltet":

"Aber mit finnischen Texten, da darf man alles anstellen, zumal es fast niemand kontrollieren kann. Und erst recht darf man es, wenn die Autoren schon tot sind, keine Rechtsansprüche mehr haben. Da dürfen Texte verfälscht, modernisiert, in Mc Donald Deutsch übersetzt werden. Man ist verblüfft, zu welchen Narreteien eine sogenannte moderne Übersetzungstheorie manche Übersetzer verleiten kann." (Kelletat 1990 in: Kuvamäki 1998: 265).

2.2 Der Text

Am Anfang jeder Übersetzung steht der AS-Text, der letztlich erst durch die Übersetzung zum "Originaltext" werden kann:

"Auf keinen Fall gibt es für einen Translator den Ausgangstext, noch kann es das Translat geben. Folglich ist auch das 'Translatieren' (wie man früher öfter sagte) so, wie es traditionell, zum Beispiel von einer älteren Kommunikationstheorie ausgehend, als Suche nach sprachlichen Äquivalenten verstanden wird, unmöglich." (Vermeer 2002 in: Renn 2002: 137).

Hinsichtlich dieses "Originaltextes" merkt Bachmann-Medick an, dass Übersetzung überhaupt erst das "Original" schafft und es doch zugleich auflöst (vgl.Bachmann-Medick 2002 in: Renn/Straub/Shimada 2002: 282).

Dabei können weder Wörter noch Sätze übersetzt werden, sondern nur der Text als Ganzes, was Coseriu mit dem Deutschen "Guten Morgen" verdeutlicht, das weder bedeutungsgleich ins Französische (Bon matin) noch ins Spanische (Buena mañana) "übersetzt" werden kann, da diese Ausdrücke nicht verwendet werden (vgl. Coseriu 1978 in: Wilss 1981: 30 f.).

Der Sinn eines Textes ergibt sich aus der Kombination verschiedener Faktoren (syntaktische/semantische Beziehungen der Zeichen, thematischer Aufbau, Relationen zum Umfeld, z.B. kultureller Hintergrund, Kontext usw.) und ist von der Textfunktion (z.B. Werbung, Rede usw.) zu unterscheiden (vgl. Stolze 1986 in: Snell-Hornby 1994: 135).

Weitere Überlegungen aus dem Bereich der Textlinguistik (Textverstehen, Textanalyse) würden zu weit führen und werden nur im Rahmen der Theorien/Modelle behandelt.

2.3 Übersetzungstheorien und -modelle

Nachfolgend soll ein kurzer Überblick über einige wichtige Übersetzungstheorien und Übersetzungsmodelle gegeben werden, die für den Übersetzer hilfreich sein können.

2.3.1 Sprechakt und Übersetzen

Ein Sprechakt (sprachliche Äußerung) besteht aus Lokution (Inhalt) und Illokution (Intention). Texte bestehen aus einzelnen Sprechakten, deren Summe dem Gesamttext oftmals eine bestimmte Aussage verleiht. Bedingt durch die Tatsache, dass die Illokution nicht unbedingt aus der Lokution hervorgeht sind (neben Äußerungen auch) Texte mehrdeutig, d.h. interpretierbar (vgl. Sager 1986 in: Snell-Hornby 1994: 332 ff.).

Schaubild 2: Die Situation im Sprechakt (vgl. Sager 1986 in: Snell-Hornby 1994: 334).

Realisierung

in der Botschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Interpretierbarkeit ist im Hinblick auf das Übersetzen interessant und relevant, da sich der Empfänger der ZS oft in einer völlig anderen Situation wie der Empfänger der AS befindet und den Text für andere Zwecke benötigt.

Sager führt als Beispiel an, dass in der Londoner U-Bahn Vorschriften für französische Touristen, direktiv sind, die gleichen Vorschriften aber zum Beispiel für Betreiber der Pariser Metro informativen Charakter haben.

2.3.2 Die Skopostheorie

Skopos (griechisch "Ziel", "Zweck") gilt als primärer Parameter jeder Translation, wobei "Zweck" als Untersorte von Ziel verstanden wird (vgl. Vermeer 2002 in: Renn u.a. 2002: 138).

So müssen bei der Übersetzung eines Textes in eine andere Sprache Kultur gefügeelemente geschaffen werden, um die Informationen adäquat zu vermitteln. Übersetzung ist in erster Linie ein interkultureller Transfer und immer abhängig von ihrem Zweck.

Hierzu passt auch die Äußerung von Kußmaul, dass sich die Funktion der Übersetzung nach der Funktion des Originals richtet, wobei man aber unter ökonomischen Gesichtspunkten von der Funktion des ZS-Textes ausgeht. Der AS-Text stellt lediglich ein Informationsangebot dar und kann je nach Bedarf verwendet werden, wobei der Übersetzer aber immer zuerst die Funktion des AS-Textes erkennen muss (vgl. Kußmaul in: Snell-Hornby 1986: 208).

Koller führt unter Anlehnung an Hönig/Kußmaul aus, dass dem Ausgangstext keine vorrangige Bedeutung zuzukommen hat, da ansonsten der Eindruck entsteht, der Übersetzer sei dem (Irr-)Glauben an ein "heiliges Original" verfallen (vgl. Hönig/Kußmaul 1982 in: Koller 2001: 213).

Dabei "gibt es (mit kulturspezifischen Einschränkungen) von einem Textem aus potenziell überabzählbar viele Skopoi und überabzählbar viele Strategien zur Realisierung eines Skopos (als Informationsangebot)" (Vermeer 2002 in: Renn u.a. 2002: 137).

Vermeer hält die Rolle der Kultur für den Translationsprozess für unabdingbar. Ausgangs- und Zielkulturen geben den Grund für translatorisches Handeln ab, allerdings bleibt unklar, welchen Einfluss eine Kultur auf die Skoposwahl (s. 2.3.2.1) und Translationsstrategie hat.

2.3.2.1 Die Skoposwahl

Die Wahl des Skopos und der Übersetzungsstrategie obliegt dem Translator und hängt vor allem von der Zielgruppe ab, die oftmals heterogen ist (z.B. Mehrfachverwendungen des Translats; Artikel, der erst vom Herausgeber einer Fachzeitschrift, dann vom Publikum gelesen wird usw.).

Die Entscheidung richtet sich nach folgenden Kriterien (vgl. Witte 1998: 128 f.):

- vergleichbare Erscheinungsform
- vergleichbare Funktion
- Stellenwert/Bewertung

Dies beinhaltet noch nicht unbedingt die sprachliche Form, welche in Abhängigkeit von z.B. Textsortenkonventionen erst später spezifiziert werden kann ("Subskopoi").

Witte führt als Beispiel eine spanische "tortilla de patatas" an, für die sich "fallspezifisch-skoposbedingt im Deutschen z.B. ein 'Omelett' (vergleichbare Erscheinungsform; ähnliche Vorstellungs-scene) oder ein anderes preiswertes beliebtes deutsches Alltagsgericht (vergleichbare Funktion oder Stellenwert/Bewertung; ähnliche Bewertungs-scene) einsetzen [ließe]." Die Beibehaltung des Ausdrucks "tortilla" könnte "bei unzureichend vorhandenem Vorwissen der Zielrezipienten zu anderen Vorstellungen und Bewertungen führen als ursprünglich in der Ausgangskultur." (vgl.Witte 1998: 128 f.).

Hier stellt sich die Frage, ob in diesem Fall eine Erklärung bzw. ein Kommentar zu "tortilla" (im Text oder als Fußnote) nicht vorzuziehen wäre, da "Omelett" nicht mehr sehr spanisch klingt. Als angenehmer Nebeneffekt könnte sich der interessierte Leser auf diese Weise weitere Informationen über das jeweilige Land und die Kultur aneignen.

Die bei Witte verwendeten scenes gehen auf das Konzept der scenes-and-frames zurück, welches 1977 erstmals von Fillmore entwickelt wurde und nachfolgend vorgestellt werden soll.

2.3.2.2 Scenes and frames

Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus den Erfahrungen des Sprechers und ist nicht ein Hinzufügen von Merkmalen. Eine linguistische Form (frame) wird mit einer erlebten Situation (scene) verbunden. Durch Abstrahierung kann die erfahrene Bedeutung auf neue Situationen angewandt werden.

"Der Übersetzer muß die hinter den frames stehenden scenes in der Ausgangssprache erfassen und verstehen und dazu die passenden frames in der Zielsprache suchen, die wiederum die gewünschten scenes beim Adressaten hervorrufen. Als kreativer Textgestalter braucht er das nötige Welt- und Sachwissen, um die scenes im Text aktivieren zu können." (Holzer 1998 in: Feyrer/Holzer 1998: 165).

Bereits Vermeer fasst die Übersetzung nicht als "Kommunikationskette", sondern als "Informationsangebot" auf, wobei der ZS in folgender Reihenfolge und Überlegungen entsteht: Zweck der Übersetzung, Kohärenz mit Sprache und Situation der Zielkultur, Kohärenz mit dem Ausgangstext (vgl. Vermeer 1974 in: Wilss 1981: 262).

Das Translat ist ein "Informationsangebot über ein Informationsangebot", wobei in der Zielkultur vorhandenes bzw. als vorhanden angenommenes und für die jeweilige Situation relevantes Wissen über die Ausgangskultur berücksichtigt wird.

Das Wissen der Zielkultur über die Ausgangskultur stimmt nicht mit dem Wissen der Ausgangskultur über sich selbst überein.

Hier könnte man der Frage nachgehen, was "Wissen" über die Zielkultur genau bedeutet und inwieweit Stereotype und Vorurteile Bestandteile dieses "Wissen" sind und möglicherweise Einfluss auf die Übersetzung haben.

2.3.3 Die transformationelle Theorie

Alle sprachlichen Formen von AS und ZS können auf eine geringe Zahl von Strukturen zurückgeführt werden, wobei zwischen diesen Strukturen völlige Äquivalenz herrscht und "sich die Übersetzung auf der Ebene dieser Strukturen als einfache Substitution vollzieht, als Ersetzung der ausgangssprachlichen Struktur durch die entsprechende zielsprachliche Struktur" (Komissarov 1972 in: Wilss 1981: 175).

Grundlage der Theorie ist die Annahme, dass jedes Sprachenpaar eine bestimmte Anzahl von "Kern"-Einheiten besitzt, deren Inhalt identisch ist und von denen anhand fester Regeln alle anderen Einheiten der Sprache erschlossen werden können. Zunächst werden die Kernstrukturen der AS erarbeitet und dann durch Äquivalente der ZS ersetzt.

Zum anderen können Inhaltskategorien (z.B. "Bewegung", "Hierarchie") in jeder Sprache mit bestimmten Mitteln zum Ausdruck gebracht werden und gelten als "Tiefenstruktur" einer Sprache. Beim Übersetzen werden zunächst die Einheiten des Originals auf die betreffenden Inhaltskategorien übertragen, d.h. schon "übersetzt", da AS und ZS über die gleichen Kategorien verfügen.

Probleme bei dieser Theorie treten aber auf, wenn die gleiche Situation in zwei Sprachen durch verschiedene semantische Kategorien ausgedrückt wird. Abgesehen davon gibt es bisher für kein Sprachenpaar eine vollständige Auflistung von Inhaltskategorien (vgl. Komissarov 1972 in: Wilss 1981: 177).

2.3.4 Das denotative Modell

Dieses Modell impliziert, dass die uns umgebende Wirklichkeit für alle Menschen gleich ist und sieht daher im Original und der jeweiligen Übersetzung "hauptsächlich eine sprachliche Realisierung der im jeweiligen Text zu beschreibenden Wirklichkeit (Situation)" (vgl. Komisssarov 1972 in: Wilss 1981:172).

In einem ersten Schritt erfasst der Übersetzer die beschriebene Situation der realen Welt im Originaltext. Danach beschreibt er eben diese Situation mit den Mitteln der ZS.

Allerdings ist sich der Übersetzer meist der Existenz gemeinsamer Denotate in AS und ZS bewusst und kann auf den Umweg über die außersprachliche Wirklichkeit verzichten.

Kade bezeichnet die Übersetzung auf Basis der denotativen Bedeutung als Paraphrase. Dabei wird nicht um codiert, sondern vom Objekt aus neu codiert (vgl. Kade 1968 in: Wilss 1981: 215).

Bei bestimmten Textarten (lyrische Texte, Wortspiele) stellt sie die einzig mögliche Übersetzungsform dar.

Zu den Problemen bezüglich der denotativen Äquivalenz vgl. Punkt 2.5.1.

2.4 Übersetzungstypen

Zu den gebräuchlichsten Übersetzungstypen zählen (vgl. Kadric/Snell-Hornby 1995: 19ff):

- Interlinearversion (Wort-für-Wort-Übersetzung)

Als "Mutter aller Übersetzungen" dient sie vor allem Sprachforschern zur Erschließung unbekannter Sprachen, wobei Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache nicht beachtet werden und der Text lediglich als lineare Abfolge von Wörtern betrachtet wird.

Auch bei früheren Bibelübersetzungen (Wortstellung und morphologische Strukturen der heiligen Texte galten als unantastbar) wurde die Interlinearversion verwendet.

- wörtliche Übersetzung (grammar translation)

Diese wird vor allem im Fremdsprachenunterricht angewendet, um die Fähigkeit des Lernenden zu prüfen, lexikalische und syntaktische Strukturen korrekt zu erfassen.

Die Übersetzung ist rein sprachlich verstehbar, ohne Kenntnis der Ausgangskultur ist der Sinn des Gesamttextes jedoch nicht erschließbar.

- dokumentarische/philologische/"gelehrte" Übersetzung

Der Leser in der Zielsprache soll "zum Autor bewegt werden" und erfahren, wie dieser mit den Originallesern kommuniziert hat, wobei die Zielsprache teils völlig verfremdet wird.

- kommunikative Übersetzung

Basierend auf der Erkenntnis, dass Kommunikation mit Texten (also nicht mit einzelnen Sätzen oder Wörtern) erfolgt, wird eine situationell und soziokulturell angepasste Imitation des Ausgangstextes in der Zielsprache angestrebt. Der Text soll nicht unnötig verfremdet und sprachlich nicht als Übersetzung erkannt werden.

- bearbeitete Übersetzung

Bei diesem Übersetzungstyp dient der Ausgangstext als Rohmaterial für einen in der Zielsprache anderen Leserkreis (Fachliteratur für Laien, Erwachsenenliteratur für Kinder usw.).

Koller unterscheidet lediglich zwei Hauptgruppen (vgl. Koller 2001: 60):

- die adaptierende Übersetzung: Assimilation des AS-Textes im ZS-Kontext (spezifische kulturell verankerte Textelemente werden durch entsprechende Ausdrücke der ZS-Kultur ersetzt).

- die transferierende Übersetzung: kulturspezifische Elemente der AS werden bewusst im ZS-Text vermittelt. Dabei können Sprach- und Stilnormen der ZS verändert/erneuert werden.

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Details

Seiten
31
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638686099
Dateigröße
984 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74179
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Fakultät für Kulturwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Kompetenz Anwendung Praxis Linguistische Aspekte
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