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Fundamentalismus im Nord-Süd-Konflikt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 35 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Sozialprofil fundamentalistischer Bewegungen
a) Marginalisierte Mittelschichten
b) Intellektuelle
c) Unterschichten

III. Allgemeine Merkmale des fundamentalistischen Kulturmilieus
a) Autoritäre und patriarchale Herrschaftsstrukturen
b) Urbane Gesellschaft
c) Klassenheterogenes Kulturmilieu
d) Die Kritik an der bestehenden Gesellschaft und der "Feind"
e) Apokalyptisches Geschichtsverständnis
f) Politische Ambitionen
g) Fazit

IV. Der Fundamentalismus der islamischen Welt
a) Historische Perspektive: Der Sechs-Tage-Krieg
b) Die politische Krise der islamischen Welt
c) Die sozioökonomische Krise
d) Die kulturelle Krise und Revitalisierung des Islam

V. Fundamentalismus und Nord-Süd-Konflikt
a) Globale Revitalisierung von Religion
b) Globalisierung von Kultur und Revitalisierung von lokaler Kultur
c) Die globalisierte Kultur des Nordens und die kulturelle Defensive des Südens

VI. Schluss

VII. Literatur

I. Einleitung

Nimmt man die Berichterstattung in den Medien zum Maßstab, hängt das weltgesellschaftliche Wohl und Wehe vor allem von zwei Faktoren ab: Der Börse und den Bombenanschlägen islamistischer Terroristen. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und vor allem nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes hat die Bedeutung des gegenwärtigen Kapitalismus und des Fundamentalismus tatsächlich zugenommen: Ihre Bedrohungen sind näher gerückt.

Religiöser Fundamentalismus ist dabei ein Symptom der Krise des Südens und gleichzeitig Ursache vieler ihrer Probleme auf dem Weg wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gesundung. In manchen Ländern eher nur ein innenpolitisches Problem, ist beispielsweise der Fundamentalismus der islamischen Welt eine so starke gesellschaftliche Bewegung, dass er die Handlungsfähigkeit der Staaten unterminiert und sie auch außenpolitisch und wirtschaftlich isoliert.

Dass der Fundamentalismus besonders in Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten, Algerien und Nigeria zu politischem Einfluss gekommen ist, also in Ländern, die der westlichen Welt historisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich eher nahe stehen, ist sicher kein Zufall: Fundamentalismus als kulturelle Defensive braucht eine kulturelle Offensive, auf die er reagieren kann.

Mit zwei Theorien über den Fundamentalismus will sich diese Arbeit kritisch auseinandersetzen: Zum einen mit der Erklärung, Fundamentalisten seien Klassenkämpfer, die den Nord-Süd-Konflikt als ökonomischen Konflikt betrachten und den Fundamentalismus als ideologisches Vehikel nutzen, um wirtschaftliche Machtverhältnisse umzukehren. Zum anderen mit der Annahme, Fundamentalisten seien bärtige Traditionalisten, die sich die Welt des Mittelalters in einem Aufstand gegen Aufklärung und Moderne zurückerkämpfen.

Stattdessen soll der Fundamentalismus als Milieu mit seinen sozialen Ursachen dargestellt werden und auf seine Funktion für den Einzelnen befragt werden. Diese Perspektive kann sein Auftreten sowohl in den Industrienationen als auch in den Ländern der Dritten Welt erhellen, unabhängig von der jeweiligen Religion seiner Anhänger (Kapitel II. und III.).

In einem zweiten Schritt soll die islamische Welt als paradigmatischer Fall für den Fundamentalismus der Dritten Welt und als dringendstes Beispiel für die Bedrohungen durch den Fundamentalismus dargestellt werden (Kapitel IV.).

Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse über revitalisierte, politisierte und radikalisierte Religion in einen weltgesellschaftlichen Rahmen gestellt, um die Zusammenhänge zwischen Nord-Süd-Konflikt und religiösem Fundamentalismus deutlicher zu machen (Kapitel V.).

Ein "Angriff auf die gesamte zivilisierte Welt" wurden die Anschläge islamistischer Fundamentalisten von 11. September 2001 genannt. Sich diese machtvolle zivilisierte Welt zum Feind zu machen, bedarf für einen Menschen entweder guter Gründe oder starker Ursachen.

II. Sozialprofil fundamentalistischer Bewegungen

So nahe es liegt, gerade den Fundamentalismus in wirtschaftlich gebeutelten Ländern der dritten Welt als klassenspezifische Art der Interessenartikulation zu interpretieren, sprechen zwei Merkmale des Phänomens gegen diese Deutung:[1]

1. Das Selbst- und Weltbild der Fundamentalisten, die sich als Verteidiger ihrer jeweiligen Religion sehen und ökonomische und soziale Missstände wenn überhaupt nur als Folge des religiösen Verfalls anprangern.
2. Die Sozialstruktur der fundamentalistischen Bewegungen, die ihre Mitglieder nie aus einer einheitlichen ökonomischen Klassenlage heraus rekrutieren.

Die Bevölkerungsgruppen, aus denen sich die Bewegungen zusammensetzen, die Ziele, die das Handeln des Fundamentalisten bestimmen, die organisierten und nichtorganisierten sozialen Beziehungen, die das fundamentalistische Milieu charakterisieren, lassen eine „unvermittelt sozioökonomische Deutung“[2] des Phänomens nicht zu. Fundamentalismus ist weitgehend klassenübergreifend bzw. nicht klassenhomogen.

Zum einen setzen sich fundamentalistische Bewegungen aus verschiedenen sozioökonomischen Schichten der jeweiligen Bevölkerung zusammen, zum anderen wandelt sich diese Zusammensetzung, ohne die jeweilige Ideologie der Gruppe maßgeblich zu verändern. Sowohl in den bekannten christlichen Fundamentalismen der westlichen Welt, als auch im jüdischen und islamischen Fundamentalismus ist diese „Dominanz kultureller Ideale über ökonomische Interessen“[3] wesentlich. Sie integriert stets hauptsächlich drei wichtige soziale Schichten: „Die ‚marginalisierte Mitte’, proletarisierte Intellektuelle und die Unterschichten“.[4]

a.) Marginalisierte Mittelschichten

Mitglieder der Mittelschicht stellen oft die Basis fundamentalistischer Bewegungen. Internationalisierung der Wirtschaft, Säkularisierung des kulturellen Bereichs, der Einfluss von Konsum und Massenmedien auf die ‚Moral’ der Gesellschaft und politische Veränderungen rauben der traditionellen Mittelschicht die Grundlagen ihres gesellschaftlichen Status. Das fundamentalistische Milieu bietet sich ihr zur Kompensation und Artikulation ihres Elends an: Ihre Angehörigen, die ehemaligen Träger wesentlicher ökonomischer Bedeutung und gleichzeitig Repräsentanten der alten, traditionellen Frömmigkeit, empfinden sich als „Schicksalsgemeinschaft“[5], die gegen die entgöttlichte Welt, das moralische Chaos und den sozialen Wandel ihre eigene Religiosität setzen und so zu neuer Identität und Selbstvergewisserung gelangen. Auch soziale und ökonomische Bedrohungen werden religiös uminterpretiert und so zur Herausforderung an die fromme Lebensführung. Durch eine gewisse Abschottung nach außen, die Integration und Zusammenarbeit in der Gruppe erreicht die Mittelschicht auch eine faktische Verminderung vieler ‚Bedrohungen’ der ‚Außenwelt’.

b.) Intellektuelle

Ökonomische und soziale Marginalisierung bedrohen weite Teile der Intellektuellen. Bei ihnen klaffen Selbstbild und –anspruch und soziale Realität tendenziell am weitesten auseinander: Wer einst als Profiteur des aufkommenden Wirtschafts- und Bildungsaufschwungs erschien, sieht sich nun am ehesten in seinen Erwartungen enttäuscht.[6] Der Protest formiert sich in Bewegungen unterschiedlichster Zielrichtungen, eben auch im Fundamentalismus. In den arabischen Ländern z.B. wird „nach den enttäuschenden Erfahrungen mit arabischem Sozialismus, Panarabismus, Nationalismus und westlichem Liberalismus“ der „Islam zu einer revolutionären Ideologie umgeschmiedet“.[7] Was mit modernistischen Bewegungen nicht möglich schien, wird nun, vor allem durch die Trägerschaft naturwissenschaftlich gebildeter Akademiker, durch eine religiös-politische Revitalisierung angestrebt. Intellektuelle übernehmen in diesen Bewegungen, wie nicht anders zu erwarten, zumeist ideologische Leitfunktionen und organisatorische Führungspositionen. Ihre Massenbasis rekrutieren sie allerdings aus den Unterschichten der traditionalistischen Arbeiterschaft und der Stadtmigranten, die sie ideologisch durch Programmarbeit, aber auch materiell durch den Aufbau von durchaus wirksamen Sozialsystemen mit der fundamentalistischen Haltung vertraut machen.

c.) Unterschichten

Die Unterschichten der Arbeiterschaft und der Stadtmigranten werden durch den Fundamentalismus der marginalisierten Mittelschicht wie den der Intellektuellen gleichermaßen angesprochen. Traditionell stellt die Mittelschicht für Teile dieser Unterschichten einen gewissen Zielpunkt ihres Handelns und eine Identifikationsgrundlage dar, sowohl ökonomisch als auch kulturell. Der Fundamentalismus der Mittelschicht kann sich so assoziativ übertragen. Wie oben beschrieben, bilden die materiell spürbaren sozialen Maßnahmen der fundamentalistischen Bewegungen für die Unterschichten einen weiteren Grund zur Identifikation.

Unabhängig von den Initiativen der Intellektuellen und der Mittelschichten entwickeln die Unterschichten allerdings zumeist nur gemäßigte, „auf die Bewältigung der Alltagsprobleme gerichtete Binnenkulturen“, oder eine Religiosität „ohne politische Ambitionen mit reformistischer oder revolutionärer Zielsetzung“[8].

Teile von Unterschichten, Intellektuelle und Mitglieder der Mittelschicht (die selber extrem heterogen aus Lehrern, Handwerken, Angestellten etc. zusammengesetzt ist), integrieren sich so in einem Fundamentalismus, dessen Milieu offenbar keine unmittelbaren Klasseninteressen mehr vertritt. Zwar sind manche (vor allem religiös-moralische) Zielvorstellungen noch mit den überkommen Idealen der traditionellen Mittelschicht identifizierbar, doch sind es „neu definierte und radikalisierte“[9] Traditionen, die nicht mehr die alte Lebensführung der Mittelschicht repräsentieren, sondern in ganz neuen Handlungsmustern (v.a. anderen Gesellschaftsgruppen gegenüber) münden. Ihre Maximen sind „abstrakte Idealisierungen einer verlorengegangenen Lebensweise“[10], die nun ganz verschiedene Klasseninteressen in einem Kulturmilieu verbindet.

Diese Vergesellschaftungsphänomene kommen unabhängig von der Nationalität und der Religion der Fundamentalisten vor: Christen in Nordamerika und im Libanon, Juden in den USA und in Israel, Muslime in der Türkei und in Nigeria machen die buchstabengetreu interpretierte Religion zum absoluten Maßstab ihrer Politik und Lebensführung.

III. Allgemeine Merkmale des fundamentalistischen Kulturmilieus

Die Integration marginalisierter Gesellschaftsschichten zu einer neuen Einheit, ihre Abgrenzung von anderen Gruppen, die Bildung einer neuen, sinnstiftenden Identität für den Einzelnen, seine Motivation zu ganz bestimmten und oft extremen Handlungen: Dies alles findet im Falle des Fundamentalismus offenbar nicht in erster Linie über sozioökonomische, sondern über kulturelle Inhalte statt. Es sind andere Faktoren als die unmittelbar wirtschaftlichen, die bestimmen, ob jemand sich dem fundamentalistischen Milieu anschließt und ob er in der Gruppe als Mitglied akzeptiert wird, welche Herrschaftsstrukturen und welches spezielle Handeln die Bewegungen charakterisiert.

Der Phänotyp fundamentalistischer Bewegungen ist dabei in allen Kulturen und Religionen im wesentlichen identisch.

a.) Autoritäre und patriarchale Herrschaftsstrukturen

Fundamentalistische Bewegungen zeichnen sich durchgehend durch eine stark autoritäre, nicht-demokratische Herrschaftsstruktur aus. Gegen einen kulturellen Relativismus und den Zerfall absoluter Werte, gegen demokratisches Chaos und sinnentleerte Bürokratie stellen Fundamentalisten „Texte und Ereignisse der Vergangenheit, auf die man sich autoritativ und mit absoluter Überzeugung verlassen könne.“[11] Diese Handlungsgrundlagen müssen gekannt, selektiert und vermittelt werden durch die entsprechende Institution oder die entsprechende Person: Ihr Einfluss auf das Denken und Handeln der Gruppenmitglieder wird gesteigert durch den Absolutheitsanspruch der religiösen Lehre für das Leben und die heilsgeschichtliche Dramatisierung der fundamentalistischen Lebenswelt.[12] So unterliegen Fundamentalisten dem „Zwang, ihre Gemeinschaften von geringfügigsten Abweichungen zu säubern, um Autoritätsverlust und Identitätsproblemen vorzubeugen.“[13]

[...]


[1] vgl. RIESEBRODT, M.: Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“. München, 2000. S. 59 ff.

[2] ebd. S. 59.

[3] ebd. S. 76.

[4] ebd. S. 78

[5] ebd. S. 78.

[6] vgl. MARTY, M. / APPLEBY, S.: Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Juden und Moslems im Kampf gegen die Moderne. Frankfurt / Main. 1996. S. 190.

[7] RIESEBRODT S. 81.

[8] ebd. S.83.

[9] ebd. S.85.

[10] ebd.

[11] MARTY / APPLEBY S. 35.

[12] vgl. JÄGGI, C. / KRIEGER, D.: Fundamentalismus. Zürich 1991. S. 29.

[13] MARTY / APPLEBY S.78.

Details

Seiten
35
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638690393
ISBN (Buch)
9783638776653
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74285
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Fundamentalismus Nord-Süd-Konflikt Soziale Ungleichheit Interessenartikulation

Autor

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