Lade Inhalt...

Der berufsbiographische Ansatz - Auswirkungen auf die Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

1. Einleitung

Lehrerbildung in Deutschland folgt dem Prinzip der Trennung von Theorie und Praxis bzw. dem Grundsatz der der Praxis vorgeschalteten theoretischen beruflichen Qualifizierung. Hier findet ein Teil der Professionalisierung statt. Doch der professionelle Lehrer kann nicht auf seine beruflichen Kompetenzen beschränkt werden, sondern umfasst die gesamte Person einschließlich seiner berufsbiographischen Entwicklung. Dies möchte ich in der vorliegenden Arbeit darstellen.

Dazu werde ich zunächst auf einige professionstheoretische Ansätze eingehen.

2. Professionstheoretische Ansätze

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter “Professionalität” eine “gekonnte Beruflichkeit”[1] und in den Sozialwissenschaften wird Professionalität als “Sonderform beruflichen Handelns”[2] betrachtet.

Talcott Parsons hat sich in seinem strukturfunktionalistischen Ansatz mit der Herausbildung von Professionen im Zusammenhang mit Rationalisierungs- und Modernisierungsprozessen westlicher Gesellschaften beschäftigt und dabei die gesellschaftliche Funktion und Bedeutung von Profession untersucht. Seiner Ansicht nach sind Professionen für die Bearbeitung und Bewältigung von Problemen im sozialen Leben sowie für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung zentral. Ihre spezifische gesellschaftliche Funktion besteht in der Sicherung der zentralen Wertgrundlagen einer Gesellschaft, wie z. B. Gesundheit, Erziehung, Gerechtigkeit und Wahrheit. Talcott Parsons unterscheidet zwischen Berufszweigen, die primär der individuellen Gewinnmaximierung oder bürokratischen Rationalität folgen, und der Profession, deren Kernmerkmale “die Gemeinwohlorientierung und die Verpflichtung auf eine Selbst- bzw. kollegiale Kontrolle durch eine Berufsethik“[3] sind.

Sog. merkmalsorientierte bzw. klassifikatorische Zugänge konzentrieren sich auf die Beschreibung der institutionellen Erscheinungsformen und Merkmale von Professionen, die an den sog. klassischen Professionen wie z. B. dem Mediziner und Juristen entwickelt werden. Zu diesen äußeren Merkmalen und sozialen Attributen zählen: eine wissenschaftliche Wissensbasis; eine primär altruistische Berufsmotivation; ein (kodifiziertes) Berufsethos; die Autonomie der Berufsausübung der einzelnen und die Autonomie der Profession hinsichtlich der Kontrolle von Qualitätsstandards der Berufsausübung und -ausbildung; ein selbstverwalteter Berufsverband; ein monopolisierter Zuständigkeitsbereich sowie ein hohes soziales Ansehen.[4]

Durch diese Kriterien kann der Grad der tatsächlichen Professionalisierung einer bestimmten Tätigkeit bestimmt werden. Dabei wird unter dem Begriff “Professionalisierung” der historische Prozess der invarianten Entwicklung eines Berufs zu einer Profession verstanden.[5]

Der Lehrerberuf gehört nicht zu denjenigen Berufen, die allen Definitionsmerkmalen genügen. Für diese Berufe hat sich der Begriff “Semi-Profession” eingebürgert.

Zwar sind die genannten Merkmale von Professionen relevant und haben einen heuristischen Nutzen, doch kann der klassifikatorische Ansatz weder gegenwärtige Veränderungen in den klassischen Professionen fassen, noch die Fragen nach der Entstehung, Entwicklung und gesellschaftlichen Funktion von Professionen, den strukturellen Voraussetzungen der Professionalisierbarkeit und den von ihnen zu lösenden typischen Handlungsproblemen beantworten.[6]

Zu den Ansätzen, die dies jedoch leisten, komme ich im folgenden Abschnitt zu sprechen.

2.1. Der machttheoretische Ansatz

Der machttheoretische Ansatz beschäftigt sich mit dem geschichtlichen Entstehungsprozess von Professionen sowie aktuellen Entwicklungen aus inter- und innerprofessionellen Machtkämpfen. In diesen andauernden Wettbewerbs- und Konkurrenzprozessen geht es um die institutionelle Kontrolle über die Arbeit und Arbeitsbedingungen, um die Verfestigung professioneller Standards und um die Durchsetzung der Zuständigkeit für die autonome Bearbeitung relevanter sozialer Problembereiche in einer Gesellschaft. Profession wird hier als unabgeschlossener, gesellschaftlicher Prozess verstanden, der darauf abzielt, die gesellschaftliche Akzeptanz für das professionelle Handlungsparadigma zu gewinnen und den jeweiligen Zuständigkeitsbereich zu sichern.[7]

2.2. Der systemtheoretische Ansatz

Der systemtheoretische Ansatz beschäftigt sich ebenfalls mit der Entstehungsgeschichte von Professionen. Professionalisierung wird hier als ein bestimmtes Lösungsmuster für spezifische Probleme in bestimmten Funktionssystemen gesehen.[8] Da die Bearbeitung von Problemen in den zuständigen Funktionssystemen auf “Face-to-face-Interaktionen” zwischen Professionellen und Klienten basieren, und diese Interaktionsprozesse weder technologisierbar noch exakt steuerbar sind, stellt die Tätigkeit von Professionellen eine riskante und unsichere Zielerreichung von Vermittlungsleistungen dar.

Vermittlung im professionellen Handeln hebt die “Dreistelligkeit der Beziehung”[9] und damit die zentrale Position des Professionellen hervor, der zwischen einem zentralen Gut und dem Klienten vermittelt.

2.3. Der symbolisch-interaktionistische Ansatz

An die Schwierigkeit des Handelns als Kennzeichen professioneller Praxis schließen symbolisch-interaktionistische Betrachtungen an. Die prominentesten Vertreter sind Hughes, Strauss und Schütze.

Aus dieser professionstheoretischen Perspektive werden viele unterschiedliche Aspekte professioneller Arbeit beleuchtet: die wissenschaftlich und ethisch begründeten Sinnwelten, die für das berufliche Handeln orientierungsrelevant sind; das gesellschaftliche Mandat bzw. die Lizenz zur Verrichtung besonderer Leistungen bzw. für die Anwendung bestimmter Verfahren und Interventionen in die Lebenspraxis des Klienten; der Fallcharakter der Problematik des Klienten, die mit den allgemeinen Wissensbeständen vermittelt werden muss; Prozesse biographischer Identifikation von Professionsnovizen mit den Werten der Profession in der Berufssozialisation; Wandlungsprozesse der personalen Identität und biographische Verwicklungen bei der Arbeit; arbeitsteilige Abläufe innerhalb professioneller Handlungsbereiche; die Relation zwischen Profession und Organisation; Kernprobleme, Paradoxien und Fehler professionellen Handelns sowie Veränderungen der professionellen Arbeit aufgrund soziokultureller Wandlungs-prozesse.[10]

2.4. Der strukturtheoretische Ansatz

Ein Vertreter des strukturtheoretischen Ansatzes ist Ulrich Oevermann. Er definiert Profession als einen “sozialen Strukturort der stellvertretenden Krisenbewältigung” sowie als “Instanz zwischen Wissenschaft und Lebenswelt“[11]. Nach Oevermann muss eine Profession drei zentrale Aufgaben in einer Gesellschaft erfüllen. Sie dient der Beschaffung von Wahrheit (Wissenschaft, Kunst), Konsens (Justiz, Politik) und Therapie (Medizin, Therapie, Erziehung).

Oevermann hält sich bei seinem Entwurf einer professionalisierten Handlungslogik an, die idealtypische Rekonstruktion des psychoanalytisch-therapeutischen Settings, einer Denkfigur, die auf zwei zueinander im Widerspruch stehende Komponenten verweist und deren gleichzeitige Realisierung und Vermittlung einer spezifischen Praxisform für die Generierung neuer Problemlösungen nötig ist.[12]

Oevermann führt Beispiele für Ebenen an, wo diese widersprüchlichen Einheiten auftauchen:

[...]


[1] Fabel-Lamla, Melanie: Professionalisierungspfade ostdeutscher Lehrer. Biographische Verläufe und Professionalisierung im doppelten Modernisierungsprozess. VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2004, S. 73

[2] Fabel-Lamla, Melanie: S. 73

[3] Fabel-Lamla, Melanie: S. 73 Z. 33-34

[4] Fabel-Lamla, Melanie: S. 74

[5] Fabel-Lamla, Melanie: S. 74

[6] Fabel-Lamla, Melanie: S. 74

[7] Fabel-Lamla, Melanie: S. 74

[8] Fabel-Lamla, Melanie: S. 75

[9] Fabel-Lamla, Melanie: S. 75

[10] Fabel-Lamla, Melanie: S.75

[11] Fabel-Lamla, Melanie: S.76

[12] Oevermann, Ulrich: Entprofessionalisierung der Pädagogik - Professionalisierbarkeit pädagogischen Handelns. Vortragstranskript FU Berlin, 1981, S. 2

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638719186
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74388
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1.0
Schlagworte
Ansatz Auswirkungen Professionalität Lehrerinnen Lehrern Hauptseminar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der berufsbiographische Ansatz - Auswirkungen auf die Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern