Lade Inhalt...

Rumänen, Ungarn und Deutsche im Siebenbürgen der Zwischenkriegszeit (1918-1941)

Seminararbeit 2007 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ethnische Struktur Siebenbürgens

3. Geschichte Siebenbürgens von 1918 bis 1941
a) Schicksalsjahr 1918: Anschluss Siebenbürgens an Rumänien
b) Siebenbürgen in den 20er und 30er Jahren

4. Die Nationalitäten Siebenbürgens von 1918 bis 1941
a) Die Rumänen: Von der nationalen Minderheit zum Staatsvolk
b) Die Ungarn: Von Mehr- zu Minderheitlern
c) Die Siebenbürger Sachsen

5. Verbindungen zwischen den Volksgruppen im Rumänien der Zwischenkriegszeit
a) Probleme zwischen den drei großen ethnischen Gruppen in Siebenbürgen
b) Das Cultura-Modell

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Land Siebenbürgen, Herzprovinz Rumäniens, stellt in vielerlei Hinsicht eine besondere Re­gion dar, denn dieser multiethnische Landeskreis, im weiteren Sinn das innerkarpatische Rumänien – also auch die Maramuresch, das Kreischgebiet und das Banat – bietet vom historischen, ethnogra­phischen und künstlerischen Standpunkt eine besonders interessante Konfiguration. Das Karpaten­becken hat eine bewegte Geschichte, war „Durchzugsland und auch Heimat wechselnder Volks­stäm­me seit frühester Zeit – einige sind geblieben und in ander­en Be­völker­ungs­gruppen aufge­gan­gen, andere haben sich als ethnische Gruppen bis in die Gegen­wart erhalten.“[1] Die drei großen Nationalitätengruppen Siebenbürgens, die in dieses Arbeit Er­wäh­nung finden sollen, stellen Rumä­nen, Ungarn und Deutsche dar. Natürlich haben neben diesen „großen“ Bevölkerungs­gruppen zahl­reiche andere Ethnien das heutige Gesicht des Landes mitge­prägt, so beispielsweise – ohne auf Voll­ständigkeit zu zielen – Juden, Roma und Sinti, Armenier oder Griechen. „Aus dem Zu­sam­men­wirken all dieser Nationali­täten entstand ein Kulturgebiet von be­merkenswertem Reichtum und von großer Mannigfaltigkeit, das mit keinem anderen Europas zu vergleichen ist.“[2]

Die vorliegende Arbeit wird kurz die ethnische Struktur Siebenbürgens nachzeichnen, soll dann einen Abriss über die Geschichte des Landes in der Zwischenkriegszeit bie­ten und sich letzt­lich in gegebenem Rahmen mit der Frage nach den drei größten und bedeutend­sten Natio­na­li­tä­ten­gruppen der Region und deren Zusammenleben in genanntem Zeitraum ausei­nander setzen. Ver­weisen möchte ich da­rauf, dass das hier behandelte Thema nur sehr marginal dargestellt werden kann und weiters darauf, dass die wissenschaftliche Erforschung rumänischer Politik des 20.Jahr­hunderts dahingehend bis in die Gegen­wart auf zahlreiche Schwierigkeiten stößt, als dass es einer­seits bis in die Gegenwart nur be­grenzt die Möglichkeit gibt, be­stimmte Archive zu kon­sul­tie­ren und anderer­seits aufgrund der Tatsache, dass die Literatur (aller drei großen Sprachgruppen) so­wohl vom jeweilig vorherrschenden politischen Klima als auch von der Unmittelbarkeit des Ge­scheh­ens beeinflusst war und ist. „Die Entwicklung Rumäniens in der Zwischenkriegszeit im Allgemeinen und besonders die Minder­heiten­frage hat eine reichhaltige und oft widersprüchliche historische Literatur hervorge­bracht, die sich vor allem auf Siebenbürgen bezieht.“[3]

2. Die ethnische Struktur Siebenbürgens

Die Ansiedlung von Menschen im Siebenbürgischen Territorium, welches aufgrund seiner natür­lichen Grenzen – es ist „in weitem Bogen […] von den Gebirgszügen der Karpaten umspannt“ – „deutlich von seinen Nachbargebieten getrennt“ ist, ist schon seit der älteren Steinzeit nachzu­weisen.[4] Um das zweite Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung war das Gebiet „von indogerma­nischen Völkern besiedelt, vom 5. Jahrhundert an von den Agathyrsen, später von den Skythen, die wieder­um durch das thrakogeto-dakische Staatsgebilde abgelöst wurden.“[5] Nachdem die seit spätestens 200 v. Chr. das Land besiedelnden Dakier um die erste Jahrhundertwende unserer Zeitrech­nung in zwei aufeinander folgenden Feldzügen (105 bzw. 107n.Chr.) vom römischen Kaiser Trajan besiegt wurden, wurde das Land zur römischen Provinz Dacia umformiert. Diese römische Ostpro­vinz bestand bis in das Jahr 271, dann wurde das Territorium für lange Zeit Durchzugs- sowie Siedlungs­gebiet unterschiedlichster Ethnien und Stammesverbände – als erstes wurde das Karpaten­becken nach dem Rückzug der römischen Legionen von den Goten besetzt, welche wiederum von den Hunnen verdrängt wurden. Weitere Volksgruppen, die das Gebiet des heutigen Siebenbürgen be­herrschten, stellen die Gepiden und danach die Awaren dar.

Das erste staatsbildende Volk im Siebenbürger Becken waren die Magyaren – sie „schufen die Voraussetzungen für geregelte Verhältnisse und Stabilität in diesem Raum“.[6] Dieses finnisch-ugrische Volk wurde, nachdem es 955 von Otto dem Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg besiegt worden war, sesshaft. Bezüglich des Verlaufs der Landnahme durch die Ungarn in Siebenbürgen ist sich die Forschung noch uneinig, fest steht aber, dass die Magyaren schon zu Be­ginn des 10. Jahrhunderts in das Karpatenbecken vorstießen und dass sie dann im Laufe des­selben Jahrhunderts anfingen, das Land etappenweise in Besitz zu nehmen.[7]

Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts wurden erstmals Angehörige der deutschen Volksgruppe, die Siebenbürger Sachsen, von den damals dort herrschenden ungarischen Königen in Trans­sylvanien angesiedelt.[8] Diese Sachsen waren „das erste nichtmagyarische Element, das nach der ungarischen Landnahme im Südosten Siebenbürgens in geschlossenen Gebieten angesiedelt wurde“ und stellen „die älteste deutsche ethnische Gruppe Südosteuropas“ dar.[9]

Als die Sachsen in Siebenbürgen angesiedelt wurden, trafen sie auf die rumänische Landesbe­völkerung – auch Walachen genannt. Ihre genaue Herkunft ist in der Forschung zwar immer noch umstritten, doch wird das Vorhandensein einer autochthonen rumänischen Bevölkerung in Sieben­bürgen vor dem 13. Jahrhundert gemeinhin nicht angenommen, denn „historischen Ur­kunden zu­folge begann erst Anfang des 13. Jahrhunderts nördlich der Donau, so auch auf dem Gebiet Sieben­bürgens […] die erste Einwanderung der nomadisieren­den Volksgruppe der Rumä­nen“, welche hier slawo-rumänische Dorf­gemeinschaften bildeten.[10] Am Ende des Spätmittelalters war der Großteil der Siebenbürger Bevölkerung ungarischer, etwas mehr als ein Viertel rumänischer und etwas weniger als ein Viertel deutscher Muttersprache. Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts kam es dann zu einer massiven rumänischen Zuwanderung, welche durch die ungarische Gesetzgebung gefördert wurde und dazu führte, dass „die rumänische Volksgruppe in Siebenbürgen um 1760 den 60%-en Anteil der Gesamtbevölkerung erreichte.“[11]

3. Geschichte Siebenbürgens von 1918 bis 1941

a) Schicksalsjahr 1918: Anschluss Siebenbürgens an Rumänien

Schon 1883 war die damalige Monarchie Rumänien mit Österreich-Ungarn und Deutschland ein Bündnis eingegangen, dennoch blieb das Land nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorerst neutral. Ge­mäß dem Historiker István Eördögh war sich der Staat „seiner bestimmenden Rolle im Balkan­raum wohl bewusst“ und hatte längst erkannt, dass „die Möglichkeit zur Verwirklichung seiner imperia­listischen Pläne an der Seite der Entente größer war“[12], weswegen es bald Verhandlungen mit der anderen Seite aufnahm. Am 17. August des Jahres 1916 trafen sich Regierungsdelegierte der Entente und der rumänische Ministerpräsident in Bukarest und schlossen ein geheimes politisch-militä­risches Abkommen, welches Rumänien das Recht zubilligte, sich „als Gegenleistung für seinen Kriegseintritt gegen die Mittelmeermächte Gebiete und plurinationale Bevölkerung […] einzuver­leiben“, nämlich die ungarischen Gebiete Siebenbürgen, die Bukovina und das Banat – jeweils von verschiedenen Nationalitäten besiedelt – sowie „etwa die Hälfte der ungarischen Tiefebene […] mit einer rein ungarischen Bevölkerung.“[13]

Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges besiegelten dann 1919/1920 die Pariser Vorort-Verträge die Auflösung der Österreich-Ungarischen Monarchie und regelten die Neuverteilung der abgetrennten Ländereien. Schon am 1.Dezember 1918 hatte die rumänische Nationalversammlung – trotz magyarischen Protestes – den Anschluss Siebenbürgens an Rumänien proklamiert, welcher „im Friedensvertrag von Trianon (4. Juni 1920) von den Alliierten und Assoziierten Großmächten bekräftigt wurde“.[14] Durch diesen Friedensvertrag wurde Transsylvanien zur rumänischen Zentral­provinz. 1915 noch hatte die Fläche Rumäniens 137.092 km² betragen, auf welcher eine Bevölkerung von 7.867.311 Ein­wohnern lebte. Das Land wurde kaum von nationalen Minderheiten bewohnt. Nach dem Ersten Weltkrieg nun vergrößerte sich das Staatsgebiet auf Kosten Ungarns und Russlands auf 295.049km² (Stat. 1930). Einwohner zählte es jetzt 18.057.028 und davon 4 Millionen Angehörige anderer Nationalitäten – Großrumänien war entstanden.[15]

Besonders in Ostmitteleuropa „gerieten die Lebensbedingungen und Zielsetzungen der Völker […] in scharfen Gegensatz zueinander“, denn „Angehörige früherer Staatsnationen waren Bürger fremder Staaten und damit nationale Minderheiten geworden“ während sich „andere, die ehemals ethnische Minoritäten gebildet hatten, […] in den Stand von herrschenden Staatsnationen versetzt“ sahen.[16] In der Zwischenkriegszeit und auch nachher war das „Hauptstreben der rumänischen Innen­ und Außenpolitik […] die Zusammenhaltung dieser Gebiete von verschiedenen Kulturen, unter­schied­lichem wirtschaftlichem Niveau, von verschiedenen Nationalen- und Religions­strukturen.“[17]

[...]


[1] Annemie Schenk: Deutsche in Siebenbürgen. Ihre Geschichte und Kultur. München: C.H. Beck 1992, S. 17, in der Fol­ge zitiert als: Schenk: Deutsche in Siebenbürgen.

[2] Vasile Drăguţ: Historische Denkmäler in Siebenbürgen aus der Perspektive der Restaurierungsarbeiten. In: Sieben­bürgen als Beispiel Europäischen Kulturaustausches. Hrsg. von Paul Philippi. Köln, Wien: Bühlau 1975. (=Sieben­bürgisches Archiv. 12.), S. 19-26, hier S. 19 f., in der Folge zitiert als: Drăguţ: Historische Denkmäler.

[3] Ioana Alexandra Negreanu (Hrsg.): Minorităţile naiţonale din România 1918-1925 / Die nationalen Minderheiten in Rumänien 1915-1925. Bukarest: ohne Verlag 1995, S.45, in der Folge zitiert als: Negreanu (Hrsg.): Minderheiten.

[4] Schenk: Deutsche in Siebenbürgen, S. 13.

[5] Elmer Illyés: Nationale Minderheiten in Rumänien. Siebenbürgen im Wandel, Wien: Braumüller 1981. (=Ethnos.23.), S. 3., in der Folge zitiert als: Illyés: Nationale Minderheiten.

[6] Illyés: Nationale Minderheiten, S. 3.

[7] Schenk: Deutsche in Siebenbürgen, S. 29f.

[8] Aus der Geschichte wissen wir nicht genau, woher diese Siedler genau gekommen sind, jedoch hat die Sprachwissen­schaft „durch den Vergleich der Mundarten festgestellt, daß die Siebenbürger Sachsen ihren Ursprung vom deutschen Stamm der Mittelfranken herleiten und dass ihre Heimat, aus der sie ausgewandert sind, an den Ufern der Mosel […] sowie in den Eifeltälern des heutigen Luxemburg lag.“, vgl. Nicolae Iorga: Die Siebenbürger Sachsen. Wer sie sind und was sie wollen. Köln, Wien: Bühlau 1969. Aus dem Rumänischen übersetzt von Nikolaus Hubert. [Originaltitel: Ce sînt şi ce vor saşii din ardeal ], S. 17, in der Folge zitiert als: Iorga: Die Siebenbürger Sachsen.

[9] Illyés: Nationale Minderheiten, S. 7f.

[10] Ebda, S. 12.

[11] István Eördögh: Geschichte , Gründe und Voraussetzungen der rumänischen Expansion in Siebenbürgen (1916-1920). Keine weiteren Angaben, S. 13, in der Folge zitiert als: Eördögh: Rumänische Expansion.

[12] Eördögh: Rumänische Expansion, S. 34.

[13] Eördögh: Rumänischen Expansion, S.35f.

[14] Der Anschluss wurde in den so genannten Karlsburger Beschlüssen vom 1. Dezember 1918 in Gyulafehérvár/Alba-Iulia proklamiert und zwei Jahre darauf von den Alliierten anerkannt. Vgl. Illiés: Nationa­le Minderheiten, Vorwort.

[15] Richard Wagner, Helmut Frauendorfer (Hrsg): Der Sturz des Tyrannen. Rumänien und das Ende einer Diktatur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1990. (= rororo aktuell. 12839.), S. 102.

[16] Illyés: Nationale Minderheiten, S. 79.

[17] Lázló Révész: Minderheitenschicksal im Nachfolgestaat der Donaumonarchie. Unter besonderer Berücksichtigung der magy­arischen Minderheit. Wien: Braumüller 1990. (= Ethnos. 37.), S. 111, in der Folge zitiert als: Révész: Minder­heitenschicksal.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638783910
ISBN (Buch)
9783638795050
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74546
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Rumänen Ungarn Deutsche Siebenbürgen Zwischenkriegszeit Einführung Studium Zeitgeschichte

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Rumänen, Ungarn und Deutsche im Siebenbürgen der Zwischenkriegszeit (1918-1941)