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Herausforderungen an die Raumplanung in der afrikanischen Sahelzone

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 34 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Sahelzone
1 Räumliche Abgrenzung
2 Naturräumliche Gegebenheiten
3 Klassische Wirtschafts- und Lebensformen
4 Veränderungen der Wirtschaftsformen und heutige Probleme
5 Sozioökonomische Merkmale der Sahelstaaten

III. Umwelt- und deren Folgeprobleme im Sahel als Herausforderungen an die Raumplanung
1 Desertifikation – ein weltweite Bedrohung
2 Desertifikation – ein komplexes Phänomen
3 Ursachen von Desertifikation im Sahel
4 Einige theoretische Ansätze zur Erklärung der ökologischen Krise im Sahel

IV. Soziale Probleme im Sahel
1 Migration
2 Die Rolle der Frauen
3 Die Bedeutung des ländlichen Raumes

V. Raumplanung und ihre Stellung in der Entwicklungszusammenarbeit
1 Raumplanung in der Dritten Welt
2 Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit im Wandel
3 Raumplanung im Rahmen einer Strategie der ländlichen Entwicklung

VI. Die Landnutzungsplanung
1 Die LNP – lokales Instrument der Raumplanung
2 Von der Partizipation zur Selbstbestimmung

VII. Raumplanung in der Sahelzone in der Praxis
1 Comité Inter-Etats de Lutte Contre la Sécheresse dans le Sahel (CILLS)
2 Partizipative LNP in Burkina Faso

VIII. Fazit

IX. LITERATUR

Verzeichnis der Abbildungen, Tafeln und Tabellen

Abb.1: Die Sahelzone

Abb.2: Verbreitung der desertifikationsgefährdeten Gebiete in Afrika, Asien, Australien und Europa

Abb.3:Desertifikation als Zusammenwirken ökologischer, endogener und exogener Faktoren

Abb.4:Theoretische zur Erklärung der Umwelt- und Hungerkrisen in der Sahelzone

Abb.5: Der Weg zur Selbstbestimmung – verschiedene Partizipationsformen im Rahmen ländlicher Entwicklung

Abb.6:Phasen der LNP nach CILLS

Abb.7:Konzeptionelle Hauptpfeiler des PNGTV

Tafel 1: Anthropogene Ursachen von Desertifikation

Tafel 2:Wichtige Daten in der Desertifikationsbekämpfung

Tafel 3:Bewährte technische Maßnahmen in der Desertifikationsbekämpfung

Tab.1: Wichtige Kennziffern der Sahelstaaten

I. Einleitung

Die Bedeutung des arabischen Ausdruckes As-Sahil (=Ufer), von dem die geographische Bezeichnung Sahel abstammt, deutet darauf hin, dass dieser Raum einst als ein dem Menschen wohlgesonnener Raum wahrgenommen wurde. Als ein „rettendes Ufer“ für Mensch und Tier nach den zermürbenden Wanderungen durch die Sahara, die nach Norden den Sahel begrenzt. Durch vielschichtige Veränderungen spätestens seit der Kolonialzeit wandelte sich die Sahelzone jedoch zu einer Krisenregion. Mit den Dürren kamen katastrophenartige Zustände über das Land, das Problem stellte sich schnell als große Herausforderung an die Weltgemeinschaft heraus.

In dieser Arbeit soll zunächst ein fundierter Überblick über die Sahelzone und ihre Probleme gegeben werden. Das Problem der Desertifikation steht im Mittelpunkt dieses Grundlagenteils, da in ihr sicher auch die größte Herausforderung an die Entwicklung des Sahels und so auch an die Raumplanung im Sahel zu sehen ist.

Die Überleitung zum Block der Raumplanung bildet dann die Beschäftigung mit der Rolle und Bedeutung der Raumplanung in der Dritten Welt. Der Wandel der Entwicklungzusammenarbeit leitet dann über zur Darstellung des Instrument der Landnutzungsplanung (LNP), dem gegenwärtig zentralen raumplanerischen Element in der Entwicklung des ländlichen Raumes. Nach Herausstellung der Bedeutung von Selbstbestimmung im Rahmen dieses raumplanerischen Ansatzes sollen dann abschließend mit dem Comité Inter-Etats de Lutte Contre la Sécheresse dans le Sahel (CILLS) ein intraregionaler Ansatz zur Förderung ländlicher Entwicklung und dem Programme National de Gestion des Terroirs Villageois (PNGTV) in Burkina Faso ein nationales Programm zur Förderung der LNP vorgestellt werden.

Da in der Entwicklungsländerforschung am Geographischen Institut Tübingen Lateinamerika als regionaler Schwerpunkt den Mittelpunkt von Forschung und Lehre bildet, erschien eine umfangreiche Darstellung auch der Grundlagen angebracht, wodurch der für diese Arbeit vorgesehene Umfang überschritten wurde.

II. Die Sahelzone

1 Räumliche Abgrenzung

Die Sahelzone gilt als Übergangsbereich in vielerlei Hinsicht. Mit zunehmender Nähe zum Äquator geht aus vegetationsgeographischer Sicht die Wüste in die Savanne über, wobei für den Sahel hauptsächlich die Dornsavanne als charakteristisch gilt, klimageographisch wechselt das ganzjährige Harmattanregime (Harmattan: staubreicher NE-Pasatwind, der auf dem Weg zum Atlantik die Sahara durchquert) in das jahreszeitlich charakterisierte Monsunregime, morphologisch vollzieht sich der Übergang vom Bereich der rezenten Wanderdünen hin zur Altdünenlandschaft und kulturgeographisch von den Nomaden hin zu den sesshaften Bauern. (vgl. RIST 1999, S. 7)

Diesem Übergangscharakter des Sahel entsprechend lassen sich für ihn keine genauen Grenzen stecken. Als Abgrenzungskriterium werden oftmals die Isohyeten zu Hilfe genommen. Demnach wäre der Bereich der Sahelzone nach Norden von einer Isohyete mit 100 mm durchschnittlichem Jahresniederschlag begrenzt und nach Süden von der 600 mm-Isohyete. Nach Norden schließt sich das passatische Trockengebiet der Sahara mit jährlichen Niederschlagswerten von 5-20 mm an ( vgl. hierzu BESLER 1992, S. 15), während im Süden ein Übergang in die sudanesische Zone vollzogen wird, die mit 600-1100 mm Jahresniederschlag charakterisiert ist (vgl. Mainguet 1994, S. 61ff).

Da für die Sahelzone als bedeutsamer und somit auch charakteristischer die Niederschlagsvariabilität einzustufen ist, ist es auch sinnvoll einen Kernbereich der Sahelzone auszuweisen, in dem die jährliche Niederschlagsvariabilität zwischen 20 und 30% beträgt und worin gleichermaßen ein Hinweis auf die Labilität des Naturpotenzials des Sahel enthalten ist. (siehe Abb.1; vgl. u.a. MENSCHING 1990, S. 31 und S. 55; ANHUF 1990, S.152; MAINGUET 1994, S. 61)

Somit lässt sich als Sahelzone ein etwa 6000 km langer und etwa 400 km breiter Streifen ausmachen, der sich südlich des zwanzigsten nördlichen Breitengrades von der Atlantikküste des Senegal bis zum äthiopisch-eritreischen Ufer erstreckt. Die Sahelländer, mit unterschiedlich großen Anteilen an der Sahelzone (siehe Tab.1) sind demnach: Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad, Sudan, (Äthiopien und Eritrea)

(vgl. KRINGS 1993, S. 130f).

Im klassischen Sinn des Sahels als „Ufer“ der Sahara gehören die Länder Äthiopien und Eritrea zwar nicht direkt zu den eigentlichen Sahelstaaten, da sich aber bei ihnen ähnliche naturräumliche Bedingungen und die daraus entstehenden Umweltprobleme in Teilen des Landes finden, seien sie hier noch mit aufgeführt, auch wenn sie für den weiteren Teil der Arbeit nicht mehr im Mittelpunkt stehen sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Die Sahelzone.

Quelle: verändert nach MENSCHING 1990, S.55

2 Naturräumliche Gegebenheiten

Nach KÖPPEN erhält der Großteil der Sahelzone die Kennbuchstaben „BSh“, es herrscht also ein trockenheißes (B, h) Steppenklima (S). Die Jahresmitteltemperatur liegt bei etwa 25 °C, mit Maxima bis über 40° und Minima bis knapp unter 10 °C . Es herrschen somit aride Verwitterungsmerkmale, ergänzt durch fluviale, die den kurzen Regenzeiten zuzuschreiben sind. Bemerkenswert sind auch die heißen Bodentemperaturen von bis zu 60 °C, die teilweise auch in der Regenzeit gemessen werden können. Diese dauert von Mai bis September, wobei die ergiebigsten dieser sehr aktiven tropischen Regenfälle in den feuchtesten Sahelregionen des Sahels von Mai bis August mit Werten um bis zu 250 mm/Monat fallen (vgl. MENSCHING 1985a, S.238) .

Die ITC-Tropenfront bringt in den Sommermonaten diese äquatorialen feuchten Luftmassen heran, während in den trockenen Monaten ,derer es 7 bis 8 gibt, der Sahel unter dem Einfluss der trockenen Luftmassen der Passatwindzone steht

(vgl. MENSCHING 1985b, S.100).

Es kann jedoch vorkommen, dass sich in den Sommermonaten Azoren- und Lybien-Hochdruckgebiet weniger weit nach Norden bewegen als im Normalfall, was ein Vorstoßen der ITC nach Norden behindert, weshalb ein Einströmen der regenbringenden Luftmassen des SW-Monsuns aus dem St.-Helena-Hoch nur in geringer Ausprägu stattfindet und somit niederschlagsarme Sommer die Folge sind (vgl. NOHLEN 2000, S.656). Die Jahresniederschläge von je nach Breitengrad 100 bis 600 mm unterliegen somit einer großen Variabilität von 20 – 45 %. Trockenere Jahre formieren sich dabei in größerer Zahl zu Perioden zusammen als es die feuchteren Jahre tun, weshalb Dürreperioden in der Sahel so häufig sind (vgl. Mensching 1985b, S.100).

Den klimatischen Bedingungen entsprechend finden sich in der Sahelzone vorwiegend Savannen- und Halbwüstenböden (Nach FAO-UNESCO: Xerosole, Arenosole, Regosole, Vertisole). Typisch sind auch lateritische Verwitterungsböden mit Eisenkonkretionen, die oberflächlich Latritkrusten ausbilden können, auf denen keine oder nur noch bedingt Landwirtschaft möglich ist. In Senken und durch fehlerhafte Bewässerungsmethoden zeigen sich starke Versalzungserscheinungen (vgl. RIST 1999).

Auf den Böden des Sahel gedeiht potenziell vorwiegend Dornsavannenfauna. Ein weitständiger Dornbuschbestand wird von wenigen höheren Bäumen durchsetzt, von denen Adansonia (Affenbrotbaum) und die Dumpalme hier ihre nördlichste Ausdehnung erreichen. Je weiter nördlich, desto weniger durchgehend ist die Grasbedeckung während der Regenfallperiode (vgl. MENSCHING 1985a).

3 Klassische Wirtschafts- und Lebensformen

Die beiden wichtigsten Wirtschafts- und Lebensformen im Sahel sind gemäß den naturgeographischen Bedingungen und der kulturhistorischen Entwicklung der Hirtennomadismus und das Savannenbauerntum. Nördlich der 300mm-Isohyete (MENSCHING 1990, S.55: 250mm-Isohyete) ist im Sahel in der Regel kein der Natur angepasster Regenfeldbau mehr möglich und so dominieren seit jeher im Nordsahel die verschiedenen Formen der voll- und halbnomadischen Tierhaltung. Als typische Vollnomaden wären hier die Tuareg, Mauren und Fulbe zu nennen. Die Nomaden folgen in ihrer angepassten Wirtschaftsweise mit ihren Kamel-, Ziegen und Rinderherden den Regenfällen und können so auch die während der Regenzeit sprießenden Gräser in sonst sehr trockenen, abgelegen Gebieten nutzen (vgl. KRINGS 1993, S. 134).

Die südlichen Regionen des Sahel, die in die sudanischen Savannen übergehen, sind seit Jahrtausenden den natürlichen Möglichkeiten entsprechend Bauernland. Körnerfruchtanbau bildet hier die Lebensgrundlage. So werden im Regenfeldbau verschiedene Hirse- und Sorghumarten, Mais und Knollenfrüchte angebaut. Hinzu kommen im bewässerten Gartenbau z.B. Tomaten und Zwiebeln.

Typische Wirtschaftsweise ist die Landwechselwirtschaft. Durch Brandrodung neu gewonnene Felder werden 2-5 Jahre genutzt, um anschließend 10-20 Jahre brach zu liegen (vgl. KRINGS 1993, S.135). Entscheidend für diese an die schnell verarmenden Böden angepasste Wirtschatsform ist eine genügend lange Brachezeit, da sonst die Böden nicht vollständig regenerieren können und in wenigen Jahrzehnten schon völlig ausgelaugt sind und kein Erträge mehr liefern (vgl. z.B. SCHULTZ 2000, S.471f).

In Bezug auf das seit der Kolonialzeit zunehmende Konfliktpotenzial zwischen den klassischen Wirtschaftsweisen und der Frage nach einer nachhaltigen Regelung der Landnutzung sei auch auf die Rolle der Regelungen des Bodenrechts im Sahel hingewiesen. In den Regionen mit mobiler Viehhaltung ist ein Funktionieren des Systems nur dann gewährleistet, wenn es keine ausschließlichen Nutzungsrechte gibt, und so finden sich dort traditionell gemeinsame Nutzungsrechte, die für alle Viehhalter einer Region gelten. Anders ist dies in den Gegenden stationärer Landwirtschaft, wo Nutzungsrechte jeweils an eine Familie oder Gruppe gebunden und somit ausschließlich sind (Privateigentum im europäischen Sinne gibt es nicht, da kulturhistorisch begründet Land als eine Ressource wie Luft und Wasser allen Menschen gehört ) (vgl. BIRU 1999, S.34f).

Gerade eine durch zunehmenden Bevölkerungsdruck verursachte Ausdehnung des Feldbaus in Regionen der stationären Viehhaltung hinein ist somit automatisch mit Landnutzungskonflikten verbunden. In diesen Konflikten sahen sich in der Vergangenheit fast immer die Nomaden als Verlierer, weshalb ihnen das Überleben schwerer gemacht wurde (vgl. STAMM 1996, S. 73ff und KRINGS 1994; zur Problematik der Konflikte um Land allgemein vgl. z.B. COY 2001; S.30f oder zu Afrika MÜNKNER 1995).

4 Veränderungen der Wirtschaftsformen und heutige Probleme

Die klassischen Wirtschaftsweisen waren gut an das naturräumliche Potenzial im Sahel angepasst. Der größte Teil der Wirtschaftsfläche wurde von den mobilen Tierhaltern in Anspruch genommen, nur etwa 10 bis 20 % der Böden wurden durch die extensive Landwechselwirtschaft genutzt. Mit der Kolonialzeit setzten entscheidende Veränderungen dieses Systems ein. Die Produktionsstruktur wurde zum Teil auf Exportkulturen umgelenkt, der Feldbau war den Kolonialherren wichtiger als die Tierhaltung, Monokultur setzte sich immer mehr durch. Damit wurde das empfindliche Gleichgewicht der Inwertsetzung des labilen Ökosystems des Sahels gestört. Weitere Veränderungen, vor allem ein rasches Anwachsen der Bevölkerung zwangen die Bauern immer mehr, von ihren traditionellen Wirtschaftsweisen abzuweichen. Brachezeiten wurden nicht mehr eingehalten, immer mehr Felder wurden beackert und die Nomaden in immer peripherere Räume zurückgedrängt. In Jahren mit viel Niederschlag drang so der Ackerbau weit nach Norden vor, der Grundstein für die Krise während darauffolgender trockenerer Jahre wurde gelegt

(vgl. MENSCHING 1990).

Das Sesshaftwerden von Nomaden wurde zunehmend von den Staatsregierungen unterstützt, da im Nomadismus eine überkommene Wirtschaftsform gesehen wurde, die dazu noch Grenzkonflikte verursacht, weshalb es sie zu überwinden galt. Befreite Sklaven gingen aus verschiedenen Gründen dazu über, stationäre Weidewirtschaft zu betreiben, eine an das System des Sahel völlig unangepasste Wirtschaftsweise.

So hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts durch komplexe und gravierende kulturelle und sozioökonomische Veränderungen, exogener wie endogener Art, die in einem umfangreichen Wirkungsfgeflecht zueinander in Beziehung stehen, das Wirtschaften immer weiter von seiner ursprünglichen Idealform entfernt. Die großen Probleme und Fehlentwicklungen wurden mit den Dürren schonungslos offengelegt. Die ökologischen Folgeprobleme dieser Veränderungen und das Phänomen der Desertifikation sollen im nächsten Kapitel näher erläutert werden, nachdem noch in einem knappen Überblick im nächsten Abschnitt die sozioökonomischen Merkmale der Sahelstaaten herausgearbeitet werden (vgl. KRINGS 1993, S.137f).

5 Sozioökonomische Merkmale der Sahelstaaten

Ein Blick auf wichtige ökonomische Kennziffern der Sahelländer verdeutlicht (siehe Tab.1), dass die Sahelstaaten zu den ärmsten und unterentwickelsten Ländern der Welt zählen. HDI-Ränge (Human Development Index der Vereinten Nationen), die sich ausschließlich unter den letzten Vierzig befinden, verdeutlichen dies, auch wenn zum Teil kleine (allerdings nur relative) Verbesserungen von 1998 zu 2001 zu verzeichnen sind. Klassische Probleme von Unterentwicklung fallen in diesen Ländern zusammen, seit vielen Jahrzehnten sind die Sahelstaaten auf internationale Hilfe angewiesen. Hungersnöte und Flüchtlingskatastrophen machen den Staaten immer wieder zu schaffen.

Die Lebensbedingungen der Sahelländer sind dementsprechend schlecht. Geburtenraten, die nach wie vor sehr hoch sind, stehen hohen Säuglingssterberaten und einer geringen Lebenserwartung gegenüber. Der ländliche Raum ist oftmals vollständig marginalisiert, die im Kolonialismus einseitig auf Export ausgerichtete Infrastruktur ist noch lange nicht überwunden. Eine Industrialisierung ist, wenn überhaupt, nur in Ansätzen zu erkennen, und so sind die Sahelländer als Agrarstaaten zur Devisenbeschaffung von den Exporten weniger „cash crops“ abhängig. Schwankenden Weltmarktpreisen sind die Staaten aufgrund ihrer wenig diversifizierten Exportstruktur machtlos ausgeliefert. Durch die koloniale Grenzziehung sind die Sahelländer auch noch, mit Ausnahme Senegals und Mauretaniens, vom Meer abgeschlossen, was, verbunden mit langen Entfernungen von den Seehäfen und schlechter Straßen- und Kommunikationsstruktur, lange Lieferzeiten und zusätzliche Transportkosten für die Importe mit sich bringt (vgl. NEUN & YADE 1992, S. 8).

Bildungs- und Gesundheitssystem im Sahel sind ebenfalls wenig entwickelt. Die Desertifikation als das große Entwicklungshemmnis erschwert den Saaten des Sahel jegliche Versuche, sich aus ihrer Lage zu befreien. Die Entwicklung des ländlichen Raumes und eine Neuausrichtung der Agrarwirtschaft hin zu verträglichen, nachhaltigen und Nahrungsmittel für das eigene Land schaffenden Formen, um so der Desertifikation und ihren Folgeproblemen wie Landflucht und Nahrungsmittelunsicherheit Herr zu werden, sind dringend notwendig. Ohne Hilfe von außen können die Sahelstaaten momentan nicht bestehen.

Und so wird intensiv nach hoffnungsvollen Ansätzen zur Bewältigung der Probleme der Sahelstaaten auch im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit gesucht. In diesem Zusammenhang ist unter dem Schlagwort der „Landnutzungsplanung“ (LNP) ein Ansatz der Raumplanung in der Technischen Zusammenarbeit entwickelt worden, welcher im Hauptteil dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen soll. Zum besseren Verständnis der komplexen Sahelproblematik, werden dafür im nächsten Kapitel die Probleme des Sahel aus der Perspektive der Desertifikation näher erläutert, um darauffolgend darzustellen, welche Mittel die Technische Zusammenarbeit in Form von raumplanerischen Elementen den Sahelstaaten an die Hand geben kann, um endlich aus der krassen Unterentwicklung heraus zu kommen.

Einen Überblick über wichtige Kennziffern der Länder des Sahels liefert Tabelle 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Wichtige Kennziffern der Sahelstaaten

Eigene Zusammenstellung nach MICHLER 1991, BARATTA 2002, OHNE AUTOR 2002, UNDP 2002a, UNDP 2002b. Anmerkungen: Soweit verfügbar wurden neueste Daten verwendet (Stand 2001/2002). Zeilen 2 bis 4 sind jedoch von 1991. Der Anteil der ruralen Bevölkerung entspricht dem Stand von 1997. Es wird bewusst der rurale und nicht der sonst übliche städtische Anteil angezeigt, um die nach wie vor hohe Bedeutung des ländlichen Raumes zu verdeutlichen.

III. Umwelt- und deren Folgeprobleme im Sahel als Herausforderungen an die Raumplanung

1 Desertifikation – ein weltweite Bedrohung

Weltweit sind gegenwärtig 110 Länder von Desertifikationerscheinungen betroffen, auch Industrienationen wie die USA und die europäischen Mittelmeerstaaten sind nicht davon ausgenommen. In Afrika jedoch ist die Verwüstung am weitesten vorangeschritten. Deshalb ist auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit dort am aktivsten. Von den etwa 1,43 Mrd. Euro, die das BMZ zur Desertifikationsbekämpfung für laufende Projekte zugesagt hat, gehen rund 840.000 Euro nach Afrika, wo die GTZ mit 135 Projekten 60% ihrer Projekte zur Desertifikationsbekämpfung durchführt (vgl. GTZ 2002).

Etwa 70 % der Trockengebiete der Erde (ausgenommen Wüsten) sind heute degradiert. 30% aller Landflächen der Erde sind durch Desertifikation gefährdet, eine Fläche dreieinhalb Mal so groß wie Europa, lokal teils irreversibel, geschädigt (siehe Abb. 1). Dürren und Desertifikation gefährden weltweit über 1,2 Mrd. Menschen, 135 Mio. von ihnen droht unmittelbar aus ihren Lebensräumen durch irreversible Schäden verdrängt zu werden (vgl. DIALLO 2001, S.3). Das Phänomen der Umweltflüchtlinge, von denen es heute bereits 25 Millionen in der Welt gibt (vgl. HORSTMANN 2001, S.6), wird im allgemeinen als eine der großen Herausforderungen dieses anbrechenden Jahrhunderts gesehen (vgl. zur Flüchtlingsproblemtaik z.B. NUSCHELER 1995, OPITZ 1997).

Investitionen in die Desertifikationsbekämpfung haben bisher bei Weitem noch nicht die notwendigen Erfolge gezeigt, die wirtschaftlichen Verluste in Form entgangener Einkommen durch Desertifikationsschäden werden jährlich auf 42 Mrd. US $ geschätzt, und die Prozesse der Desertifikation schreiten so rasant fort, dass sie Chancen für eine erfolgreiche Bekämpfung der Armut bereits heute beeinflussen (vgl. HORSTMANN 2001).

Die Probleme der Sahelländer der vergangenen Jahrzehnte finden ihren Ursprung in der Desertifikation und die große Dürrekatastrophe der Siebziger war es denn auch, die das Thema der Desertifikation in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit katapultierte. Seither wurden viele Untersuchungen durchgeführt und verschiedene Ansätze zur Erklärung der Ursache-Wirkungskomplexe hervorgebracht, die im folgenden überblickartig dargestellt werden.

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Details

Seiten
34
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638147163
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7456
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Geographisches Institut
Note
1
Schlagworte
Herausforderungen Raumplanung Sahelzone Entwicklungsländern

Autor

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Titel: Herausforderungen an die Raumplanung in der afrikanischen Sahelzone