Lade Inhalt...

Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik im Deutschen Reich und in den Vereinigten Staaten

Eine Betrachtung der deutschen und amerikanischen Wirtschaftspolitik in den Jahren 1929 - 1941

Zwischenprüfungsarbeit 2001 38 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situation in der Weltwirtschaftskrise 1929 - 1933
2.1. Der „schwarze Freitag“ und die Folgen
2.2. Geschichte der Konjunkturpolitik
2.3. Wirtschaftspolitik am Ende der Weimarer Republik
2.4. Wirtschaftspolitik der Hoover Administration

3. Machtwechsel und Sofortprogramme
3.1. Der Nationalsozialismus und die Ökonomie
3.1.1. Ideologie
3.1.2. Arbeitsmarktpolitik in Deutschland
3.2. Die Roosevelt Administration und „The New Deal Order“
3.2.1. Krisenmanagement in der Demokratie
3.2.2. Auswirkungen am Arbeitsmarkt

4. Der Weg zur Kriegswirtschaft
4.1. Merkantilismus versus Freihandel
4.2. Deutschland: Konjunkturpolitik als Rüstungspolitik
4.3. USA: Rüstungspolitik als Konjunkturpolitik

5. Zusammenfassung

Anhang

I. Abbildungen

II. Quellenverzeichnis

III. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ende der 20er Jahre und der Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von den Erschütterungen der Weltwirtschaftskrise. Die ökonomischen Bedingungen jener Zeit führten zu großen sozialen und politischen Verwerfungen auf beiden Seiten des Atlantiks. Die weitreichenden Konsequenzen jenes Desasters auf den internationalen Finanz- und Gütermärkten bestimmten in nicht zu unterschätzender Weise den Verlauf der Geschichte. Der Einbruch der Konjunktur verursachte eine enorme Arbeitslosigkeit und stellte die noch recht jungen Industriegesellschaften vor bislang nie gekannte Probleme.

Bei dem Versuch, die Bewältigung der großen ökonomischen Krise im Deutschen Reich und in den Vereinigten Staaten von Amerika miteinander zu vergleichen, stößt man zwangsläufig auch auf die Gegensätzlichkeit von zwei verschiedenen Männern: Franklin Delano Roosevelt (FDR; 1882 - 1945) und Adolf Hitler (1889 - 1945). Die politischen und ökonomischen Interessen der beiden Machthaber standen sich diametral gegenüber. Die Unterschiede beider Systeme verstärkten sich im Verlauf der 30er Jahre bis zur Eskalation und führten zu einer militärischen Konfrontation, deren Auswirkungen die weltpolitischen Entwicklungen und den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts bestimmten und das Selbstverständnis der USA bis heute prägen.1

Die Konzepte einer neuen ökonomischen Theorie begannen sich erst langsam durchzusetzen und Deutschland wie auch die USA reagierten mit staatlich finanzierten Arbeitsbeschaffungsprogrammen und kreditfinanzierten Investitionen zunächst in die zivile, dann in die militärische Infrastruktur, um die Konjunktur zu beleben und die Arbeitslosigkeit abzubauen. Der Zeitgeist der großen Depression und der daraus resultierende innenpolitische Druck schien als Konsequenz den Rückzug aus weltweiten ökonomischen Verflechtungen erzwingen zu wollen. Bei der Betrachtung der wirtschaftspolitischen Konzepte zur Überwindung der Krise ergeben sich auf den ersten Blick erstaunliche Ähnlichkeiten. Erst die nähere Betrachtung aber eröffnet den Blick auf die doch grundsätzlichen, in den Strukturen der Systeme und der unterschiedlichen Weltanschauung begründeten Unterschiede.

Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik im Deutschen Reich und in den Vereinigten Staaten. 3 Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und Maßna hmen ihrer Eindämmung in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren von 1929 bis 1941. Ziel dieser Arbeit soll sein, die Gründe, den Verlauf und den Erfolg der Konjunkturpolitik aufzuzeigen, die zur Zeit der großen Depression immer auch Arbeitsmarktpolitik war. Insbesondere die Rüstungspolitik und ihre politischen Implikationen haben in der ökonomischen Bewältigung der großen Krise eine herausragende Rolle gespielt und bilden einen Schwerpunkt dieser Arbeit.

Zwangsläufig gewinnen die Fragen nach den Unterschieden der politischen Gestaltung eine besondere Bedeutung. Die Darstellung soll sich jedoch nicht an den Möglichkeiten von Politik in einer Diktatur und in einer Demokratie erschöpfen. Immer im Auge behalten werden muss auch der Einfluss und die Unterschiede der Ideologien und davon ausgehende Motivationen auf die Wirtschaftspolitik, die zwar beide Länder auf unterschiedlichen Wegen aus der großen Depression heraus führten, allerdings mit dem verheerenden Krieg teuer bezahlt werden mussten.

Aufgrund des Umfangs und der Komplexität dieses Themas würde eine erschöpfende Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben kann.

2. Situation in der Weltwirtschaftskrise 1929 - 1933

2.1. Der „schwarze Freitag“ und die Folgen

Die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die mit dem symbolhaften „schwarzen Freitag“ am 25. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street ihren Lauf nehmen sollten, hatten schwerwiegende Folgen für Deutschland und für die USA. Ökonomisch wie sozial waren die Auswirkungen verheerend. Der Crash führte zu einer massiven Entwertung des Geldes, zum Zusammenbruch von Banken und zur Deflation. Die Deflation bezeichnet einen Überschuss des gesamtwirtschaftliche n Angebots bei kostendeckenden Preisen über die gesamtwirtschaftliche kaufkräftige Nachfrage. Die Ursache ist eine massive Geldentwertung und der Zusammenbruch von Banken. Beide Faktoren setzten eine den Zustand weiter verschlechternde Abwärtsspirale in Ga ng. Das Vertauen in das Tauschmittel Geld wurde zerstört. Die Nationen wollten ihre produzierten Güter zwar verkaufen, niemand jedoch wollte kaufen. Der Außenhandel geriet ins Stocken und die auf Arbeitsteilung ausgerichtete Weltwirtschaft wurde ihrer Märkte beraubt. Die Umlaufgeschwindigkeit des noch vorhandenen Geldes verlangsamte sich drastisch und konnte nur kaum produktiv wirksam werden. Folgen waren Inflation und Arbeitslosigkeit. Das Geld war nichts mehr wert und aufgrund der ausbleibenden Nachfrage wurde auch weniger produziert. Die daraus resultierende massive Arbeitslosigkeit lähmte wiederum die private Nachfrage und ruinierte den Staatshaushalt.2

Die tiefe Depression jener Zeit hatte tiefgreifende politische, soziale wie auch wirtschaftstheoretische Folgen. In Deutschland waren (wurden) ein Drittel der wirtschaftlich verfügbaren Arbeitskräfte arbeitslos. Die Kapazität der industriellen Produktion lag fast zur Hälfte brach. Mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit staatlicher Interventionen und einer staatlichen Konjunkturpolitik zugunsten einer Deflationspolitik und der als vorrangig bewerteten Bezahlung der enormen Lasten durch anhaltende Reparationszahlungen, die aus dem Vertrag von Versailles resultierten, bestimmten den Einsatz staatlicher Mittel.3 Der nachhaltige Boykott deutscher Waren im Ausland ließ die Produktion der Exportwirtschaft zusätzlich stagnieren. Das Welthandelssystem war durch eine globale Politik des nationalen Protektionismus zusammengebrochen, was die Situation nur weiter verschärfte.

Die USA traf die Depression mindestens ebenso hart. Nach dem Wirtschaftsboom der 20er Jahre erreichte die Arbeitslosigkeit 1933 ihren Höhepunkt. Von den ca. 50 Mio. Arbeitskräften war jeder Vierte arbeitslos. Die Industrieproduktion hatte sich um fast 40% verringert; 74 Milliarden Dollar oder fünf Sechstel des gesamten Aktienkapitals wurden von September 1929 bis zum Juli 1933 vernichtet.4 Die

angemeldeten Konkurse erreichten Rekordniveau und in vielen Teilen des Landes herrschte Hungersnot. Die Schließung von ca. 4000 Banken alleine im Jahr 1933 hatte einen Einlagenverlust von 540.000.000 Mio. Dollar zur Folge.5

2.2. Geschichte der Konjunkturpolitik

Die „unsichtbare Hand“ des freien Marktes und das eigennützige Handeln der Wirtschaftssubjekte sollten zu einem Zustand der Harmonie der ganzen Wirtschaft führen. Aus diesem zentralen Gedanken des englischen Nationalökonomen und Philosophen Adam Smith (1723 - 1790) wurde die Forderung weitgehender Nicht- Intervention des Staates in das Wirtschaftsleben abgeleitet. Insbesondere aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 - 1932 änderte sich jedoch zunehmend dieser Konsens liberaler Traditionalisten hin zur Einsicht über die Notwendigkeit antizyklischer staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen jenseits von Zoll- und Handelspolitik. Jener Glaube an die selbstregulierenden Kräfte ökonomischer Systeme mag uns aus heutiger Sicht naiv vorkommen. Das zögerliche Eingreifen der Politik in den Marktmechanismus seinerzeit gar verantwortungslos.6

Doch es gab bis Ende der 1920er Jahre tatsächlich keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse über Sinn, Nutzen und Notwendigkeit staatlicher Interventionen.7 Eine Politik des staatlichen Interventionismus etablierte sich erst nur langsam seit Mitte der 1920er Jahre. Ihr bis heute prominentester Vertreter war John Maynard Keynes (1883 - 1946), der mit seinem Werk „General Theory of Employment, Interest and Money“ (1936) neue Maßstäbe in der ökonomischen Theorie setzte. Keynes war es auch, der die aus dem 1. Weltkrieg resultierenden Reparationsforderungen an Deutschland für nicht vertretbar hielt („The Economic Consequences of Peace“, 1919). Er leitete zwar als Berater des britischen Schatzamtes dessen Delegation auf der Friedenskonferenz von Versailles, konnte aber seine Position nicht durchsetzen. 1922 forderte er eine Revision der Versailler Verträge („A Revision of the Treaty“, 1922).

Der nach Meinung mancher Ökonomen wichtigste Bestandteil der Keynes’schen Lehre ist das Multiplikatormodell.8 Es beschreibt die Auswirkungen staatlicher Interventionen im Wirtschaftskreislauf, wonach jede eingesetzte Währungseinheit, durch den Staat in Umlauf gebracht, mehrfach produktiv wirksam wird.

In Deutschland kamen Vertreter wie Wilhelm Lautenbach aus dem Reichswirtschaftsministerium schon 1931 und vermeintlich ohne Kenntnis der Keynes’schen Lehre zu diesem Ergebnis.9 Bereits die Wirtschaftskrise der Jahre 1925/26 veranlasste den damaligen Reichskanzler Luther und seinen Arbeitsminister Brauns, über eine Belebung der Konjunktur durch direkte staatliche Eingriffe nachzudenken. Der Niedergang der deutschen Wirtschaft in den Jahren 1925/26 war mehr als eine „Reinigungskrise“, die liberale Traditionalisten als einen natürlichen Selektionsprozess einer sich von selbst regulierenden Ökonomie ansahen. Das Ausmaß der Krise und die Anzahl der von der Konkurswelle Betroffenen veranlasste die Regierung Luther zu einer aktiven und konjunkturbeeinflussenden Politik, die im Sommer 1926 nochmals finanziell verstärkt wurde und sich „zu einem Arbeitsbeschaffungsprogramm verdichtete.“10

Eingriffe des Staates in das wirtschaftliche Geschehen waren zwar nicht unbekannt, doch beschränkten sie sich bis dato hauptsächlich auf die Handels-, Zoll- und Steuerpolitik, wobei die Erhebung der „Steuern nicht aus konjunkturpolitischen, sondern ausschließlich aus fiskalischen Gründen“ bemessen wurde.11

2.3. Wirtschaftspolitik am Ende der Weimarer Republik

In Deutschland waren die Wirkungen einer antizyklischen Finanzpolitik spätestens seit dem Kabinett Luther bekannt. Reichskanzler Brüning verfügte also über ein bereits vorhandenes Instrumentarium aktiver konjunkturpolitischer Eingriffsmöglichkeiten, als er im April 1930 das Amt übernahm. Seine harte Deflationspolitik jedoch war dem Primat der Reparationszahlungen untergeordnet. Die Bekämpfung der wirtschaftlichen Krise durch den Einsatz staatlicher Finanzmittel wurde von Brüning als zweitrangig eingestuft. Nicht die wirtschaftstheoretische Unkenntnis von Brüning und seinen Zeitgenossen, sondern vielmehr seine „Fixierung auf die Reparationsfrage wird als ein Fehler gedeutet, der das deutsche Volk in soziales Elend und politischen Radikalismus gestürzt habe [...].“12

Eine Ausweitung des sogenannten Staatskonsums verhinderten die Regierungschefs der Weimarer Republik wegen der inflatorischen Wirkung staatlicher Geld- und Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik im Deutschen Reich und in den Vereinigten Staaten. 7 Kreditschöpfung. Die Wirkung der von der Regierung Brüning beschlossenen halbherzigen staatlichen Konjunkturmaßnahmen sorgten für keine wirtschaftliche Erholung. Im Jahre 1932 beschloss seine Regierung ein „mageres“ Arbeitsbeschaffungsprogramm in Höhe von nur 135 Millionen Reichsmark (RM).13 Ende Mai 1932 wurde Brüning gestürzt. Die Erkenntnis setzte sich durch, „daß eine radikale wirtschaftspolitische Neuorientierung unerlässlich sei“.14 Das Brüning- Programm wurde im September 1932 auf 304 Mio. Reichsmark ausgeweitet. Nach dem Sturz Brünings legte die Regierung von Papen im Oktober 1932 ein Konjunkturprogramm in Höhe von bis dahin nie da gewesenen 2,5 Milliarden Reichsmark auf.15

Durch Arbeitsbeschaffungswechsel wurde eine Vorfinanzierung der Arbeit als Anleihe auf die Zukunft, ohne gleichzeitig inflatorisch wirksam zu werden, ermöglicht. Durch vermehrten Staatskonsum sowie mittels zahlreicher weiterer Anreize versuchte der Staat die Initialzündung für neue, zivile Investitionstätigkeiten herbeizuführen.

Doch stellte sich die wirtschaftliche Erholung nur langsam ein. „Die Pferde wurden ans Wasser geführt, aber sie wollten nicht saufen.“16 Die Anfang Dezember 1932 gebildete Regierung Schleicher hielt an den Konjunkturprogrammen der von Papen Administration fest. Als zentralen Programmpunkt des Regierungsprogramms verkündete Schleicher in seiner Regierungserklärung vom 15. Dezember 1932 über den Rundfunk denn auch: „Arbeit schaffen.“17

Mit der Konjunkturpolitik der Regierungen von Papen/Schleicher kam es zum Umbruch in der deutschen Finanz- und Wirtschaftspolitik. „Geldschöpfung und direkte Staatsintervention wurden erstmals in Deutschland als Instrumente einer aktiven Konjunkturpolitik eingesetzt.“18

Nach dem Zwischenspiel von 1926 war dies der erste großangelegte Versuch staatlicher Konjunktur- und Arbeitbeschaffungspolitik.19

2.4. Wirtschaftspolitik der Hoover Administration

Die ökonomische Entwicklung in den USA Ende der 20er Jahre war geprägt durch einen bislang einzigartigen industriellen Wirtschaftsboom. Die Eingriffe der Wilson Regierung in das wirtschaftliche Geschehen zur Mobilmachung während des 1. Weltkrieges zeigten positive Auswirkungen auf die Konjunktur. Nach einer kurzen Rezession 1921 verzeichnete die amerikanische Industrie hohe Wachstumsraten. Ausdruck dieser wirtschaftlichen Blüte war u. a., dass 1929 jeder fünfte von ca. 125 Mio. US-Amerikanern ein eigenes Kraftfahrzeug besaß.20 Ein nie da gewesenes Wohlstandsniveau wurde erreicht und der scheinbar grenzenlose Optimismus manifestierte sich nicht nur im Bau von Wolkenkratzern wie dem Empire State Building. So triumphierte Herbert Hoover im Präsidentschaftswahlkampf 1928: „Heute [...] sind wir in Amerika dem endgültigen Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes“.21 Und auch in seiner Antrittsrede als Präsident der USA im März 1929 erblickte er die Zukunft seines Landes „in hoffnungsfrohem Glanz“.22 Der Wirtschaftsboom der 20er Jahre in den USA bedurfte keiner staatlichen Regulierung. Der Glaube an den freien Markt wurde eindrucksvoll durch die Hochkonjunktur untermauert und bestärkte das Vertrauen in den „Laisser-faire-Kapitalismus“. Hoover wurde von der Krise im Herbst 1929 überrascht. Jedoch ist es nicht verwunderlich, das er nach dem steilen Aufstieg im liberalen Denken verhaftet blieb und bei der Bewältigung der Krise auf die Kräfte der Privatwirtschaft setzte. Hoover appellierte „an den >unerschütterlichen Individualismus< als bewährte amerikanische Grundhaltung“ und glaubte offensichtlich, die Krise ohne grundsätzliche Veränderungen bewältigen zu können.23 Von seinen Gegnern im Wahlkampf 1932 wurde er auch deswegen als „herzloser Ingenieur“ angegriffen.24 Dennoch, so JAEGER (1974), „dürfte feststehen, daß Hoovers Konjunkturpolitik keineswegs ein reines Deflationsprogramm war [...]“.25

Sein Arbeitsbeschaffungsprogramm gründete sich auf der Schaffung der „Reconstruction Finance Corporation“ (RFC), die, vom Bund ausgestattet mit einem Kapital von 500 Millionen Dollar, über 2 Milliarden Dollar verbilligte Kredite ausgeben und somit Arbeit finanzieren sollte.26

Doch der große Erfolg dieser Maßnahme stellte sich nicht ein und es blieben, wie in der Regierung Brüning, „halbherzige und verspätete“ Maßnahmen zur Kreditausweitung und zur Konjunkturbelebung.27 Mangelnde theoretische Alternativen und die Paralyse des Niedergangs führten sogar zum Vorschlag, Dollarnoten mit dem Flugzeug abwerfen zu lassen, um eine Wirtschaftsbelebung zu erzwingen, der dann aber doch unrealisiert blieb.28

3. Machtwechsel und Sofortprogramme

Die Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise ebneten Hitler wie Roosevelt den Weg an die Spitze ihrer Länder. Während die Amerikaner „reif“ wurden für Roosevelts Botschaften, die Regierung müsse regulierend und ordnend in die Wirtschaft eingreifen, um das Elend der Depression zu beheben, erlagen die Deutschen zunehmend dem politischen Radikalismus und wählten jenen „Führer“, der ebenfalls versprach, Deutschland aus der Krise zu führen.

Adolf Hitler und Franklin Delano Roosevelt betraten die politische Bühne fast zeitgleich. Am 8. November 1932 wurde Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten der USA gewählt und trat sein Amt am 4. März 1933 an; nur kurz nachdem Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzlers des Deutschen Reiches ernannt wurde.

3.1. Der Nationalsozialismus und die Ökonomie

Die Nationalsozialisten waren zu Beginn der Weltwirtschaftskrise alles andere als kompetent in Wirtschaftsfragen. Das im Februar 1920 von Gottfried Feder und Adolf Hitler entworfene 25 Punkte Programm der NSDAP, welches die Eckpunkte nationalsozialistischer Politikziele manifestierte und „unabänderlich“ Bestand haben sollte, stellt sicherlich ein frühes Zeugnis auch der nationalsozialistischen Wirtschaftsideologie dar, das den Kurs der kommenden 25 Jahre erstaunlicherweise programmatisch determinierte.29 Die Grundlagen der wirtschaftstheoretischen Überlegungen der Nationalsozialisten entbehrten großer wegweisender Ideen, die notwendig gewesen wären, um die Krise zu bewältigen. Die Forderungen z. B. nach Verstaatlichung von Großbetrieben, nach „Brechung der Zinsknechtschaft“ oder der Abschaffung der Großwarenhäuser im 25 Punkte Programm entsprachen den antikapitalistischen Strömungen jener Zeit und der Programmatik einer Protestpartei. Sie implizierten potentiell wachstumsfeindliche Auswirkungen, da private Investitionen unter solchen Bedingungen nicht oder nur bedingt stattfinden und entsprechend weder konjunkturell noch produktiv wirksam werden können.

Erst 1931 begann die Partei mit der Entwicklung einer „neuen nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung“ und gründete die „wirtschaftspolitischen Abteilung“ (WPA) der NSDAP.30 „Als einer der wenigen dokumentarischen Belege der wirtschafts- politischen Vorarbeiten im Rahmen der WPA“ gilt ein Dokument vom 5. März 1931 mit dem Titel: „Entwurf: Wirtschaftspolitische Grundanschauungen und Ziele der NSDAP.“ Die anscheinende Gemeinschaftsarbeit der WPA belegt wie kaum ein anderes Dokument „so früh und eindeutig“ den „späteren Staatsdirigismus der Wirtschaft“ bspw. durch die Erklärungen, >>die Volkswirtschaft ist der Staatskunst untertan<< und daß >>nationalsozialistische Wirtschaftsführung ... die durch staatliche Überwachung und Leitung gewährleistete Herrschaft des völkische n Gemeinschaftsgedankens in der Volkswirtschaft<< bedeutet.“31

Bis zum Frühjahr 1932 warteten die NS-Ideologen mit keinem Arbeitsbeschaffungs- programm von Bedeutung auf.32 Ursache dafür war nicht nur ihr wirtschafts- theoretisches Unvermögen, sondern vor allem der unbedingte Vorrang der politischen Ideologie vor der Wirtschaft in Hitlers Weltanschauung. Hitler war der Ansicht, eine Wiedergenesung Deutschlands sei nicht von der Wirtschaft zu erwarten. Fast zeitgleich mit dem Sturz Brünings und dem Amtsantritt von Papens als neuem Reichskanzler verkündete der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser, am 10.

[...]


1 Vgl.: Sirois, Herbert: „Zwischen Illusion und Krieg: Deutschland und die USA 1933 - 1941.“ Paderborn 2000, S. 9.

2 Einzelheiten zu wirtschaftstheoretischen Fachbegriffen in: Sellien, Reinhold; Sellien, Helmut (Hg.): „Gabler Wirtschafts-Lexikon.“ 12., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl., Wiesbaden 1988.

3 Siehe u. a.: Neebe, Reinhard: „Großindustrie, Staat und NSDAP 1930 - 1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik.“ Göttingen 1981 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 45), S. 111 f.

4 Die Zahlen sind belegt u.a. in: Junker, Detlef: „Weltwirtschaftskrise, New Deal, Zweiter Weltkrieg, 1929 - 1945“, in: Adams, Willi Paul; Lösche, Peter (Hg.): „Länderbericht USA. Geschichte - Politik - Geographie - Wirtschaft - Gesellschaft - Kultur.“ 3., aktualisierte und neubearbeitete Auflage, Frankfurt am Main/New York 1999, S. 124; U.S. Bureau of the Census (Ed.): “Historical Statistics of the United States, Colonial Times to 1970, Bicentennial Edition, Part 1.” Washington/New York 1975, S. 135.

5 Vergleiche hierzu: Jaeger, Hans: „Big Business und New Deal. Die kritische Reaktion der amerikanischen Geschäftswelt auf die Rooseveltschen Reformen in den Jahren 1933 - 1939.“ Stuttgart 1974 (= Amerikastudien / American Studies, Band 40), S. 72.

6 Erläutert beispielhaft an der Politik Brünings in: Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings.“ Frankfurt am Main 1982, S. 235.

7 Ausführliche Erläuterungen zur Wirtschaftstheorie der 20er und 30er Jahre in: Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums.“ Düsseldorf 1983, S. 6 f.

8 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 8; das Multiplikatormodell ist u. a. erläutert in: Samuelson, Paul A.; Nordhaus, William D.: „Volkswirtschaftslehre“ - Übersetzung der 15. amerikanischen Auflage. Mit einem Vorwort von Carl Christian von Weizsäcker. Studienausgabe, Wien 1998, S. 517 - 536.

9 Mehr zur Theorieentwicklung in Deutschland in: Barkai, Avraham: „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Der historische und ideologische Hintergrund 1933 - 1936.“ Köln 1977 (= Bibliothek Wissenschaft und Politik Band 18), S. 54.

10 Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings“, S. 247 f.

11 Ebda., S. 209.

12 Ebda., S. 235.

13 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 22.

14 Ebda., S. 24.

15 Ebda., S. 27.

16 Ebda., S. 27.

17 Dülffer, Jost: „Deutsche Geschichte 1933 - 1945. Führerglaube und Vernichtungskrieg.“ Stuttgart 1992, S. 30.

18 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 29.

19 Vergleiche hierzu: Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings“, S. 253.

20 Ein Verhältnis, das in der Bundesrepublik Deutschland erst 1965 erreicht wurde; mehr zum Autound Wirtschaftsboom u.a. in: Heideking, Jürgen: „Geschichte der U.S.A.“ 2. Aufl., Tübingen 1998 (= UTB Taschenbuch 1938), S. 276 f.

21 Hier zitiert nach: Junker, Detlef: „Franklin D. Roosevelt. Macht und Vision: Präsident in Krisenzeiten.“ Göttingen 1979 (= Persönlichkeit und Geschichte, Band 105/106), S. 47.

22 Hier zitiert nach: Jaeger, Hans: „Big Business und New Deal. Die kritische Reaktion der amerikanischen Geschäftswelt auf die Rooseveltschen Reformen in den Jahren 1933 - 1939“, S. 19.

23 Adams, Willi Paul: „Die U.S.A. im 20. Jahrhundert.“ München 2000 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 29), S 61.

24 Ebda., S 59.

25 Jaeger, Hans: „Big Business und New Deal. Die kritische Reaktion der amerikanischen Geschäftswelt auf die Rooseveltschen Reformen in den Jahren 1933 - 1939“, S. 22.

26 Siehe ebda., S. 22 f.; Adams, Willi Paul: „Die U.S.A. im 20. Jahrhundert“, S. 60.

27 Vgl.: Jaeger, Hans: „Big Business und New Deal. Die kritische Reaktion der amerikanischen Geschäftswelt auf die Rooseveltschen Reformen in den Jahren 1933 - 1939“, S. 23.

28 Schmölders, Günter: „Konjunkturen und Krisen.“ 11. Auflage, Hamburg 1972, S. 84.

29 Siehe zum Wortlaut des 25 Punkte Programms: Billung, K.: „N.S.D.A.P. - Die Geschichte einer Bewegung.“ München 1931, S. 145 - 150.

30 Barkai, Avraham: „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Der historische und ideologische Hintergrund 1933 - 1936“, S. 33.

31 Ebda., S. 35.

32 Ebda., S. 36.

Details

Seiten
38
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638147309
ISBN (Buch)
9783638639989
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7470
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Weltwirtschaftskrise Zweiter Weltkrieg Konjunkturpolitik New Deal Arbeitslosigkeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik im Deutschen Reich und in den Vereinigten Staaten