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Zum Rückgang des adverbalen Genitivs

Verschiedene Erklärungsansätze im Kontrast

Hausarbeit 2007 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ein Wort zum Beginn

2. Vorkommen und alternative Ausdrucksmöglichkeiten genitivregierender Verben

3. Erklärungen für den Schwund
3.1. Diachrone Erklärungsansätze
3.1.1. Erklärungsansatz durch Prozessanalyse der verbalen Geschehensweise
3.1.2. Schwund durch Verlust der genitivspezifischen Funktion der Indefinitheitsmarkierung nach Leiss
3.1.3. Schwund durch syntaktische Varianz und semantische Konstanz nach Schrodt
3.1.4. Die Verträglichkeit von Schrodts und Leiss’ Hypothesen
3.2. Ein synchroner Erklärungsversuch

4. Resümee

5. Literatur

1) Ein Wort zum Beginn

Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod versichert der Titel eines nahezu emphatisch rezipierten populärwissenschaftlichen Buches nunmehr in der 24. Auflage (Sick 2006). Nun ist es kein Geheimnis mehr. Der Gebrauch des Kasus Genitiv schwindet. Doch muss das Urteil derart vernichtend ausfallen, muss dem – umgangssprachlich als Wesfall betitelten – Genitiv tatsächlich der Tod prognostiziert werden?

Tatsächlich mutet der Genitiv – jedenfalls im mündlichen Sprachgebrauch – meist recht befremdlich an. Nicht selten lässt er sich stilistisch der Bildungssprache oder zumindest dem gehobenen Sprachgebrauch zuordnen. Folgende Beispiele erscheinen dafür paradigmatisch:

1. Das ist der Weisheit letzter Schluss:

(Goethe: Faust II. Hervorhebung nicht im Original)

2. Wer wagt es, […], sicheren Mutes an unsere blassen und ermüdeten Religionen zu appelieren,

(Nietzsche: Die Geburt der Tragödie. Hervorhebung nicht im Original)

3. […] sich der geistigen Germanisierung zu erwehren […].

(Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Hervorhebung nicht im Original)

Der Genitiv erscheint hierbei in unterschiedlichen syntaktischen Konstruktionen. Bei Beispiel 1 handelt es sich um einen strukturellen, bei Beispiel 2 um einen semantischen und bei Beispiel 3 um einen inhärenten Genitiv. Letzterer kann im vorliegenden Fall ebenso adverbaler Genitiv genannt werden, da der Kasus vom verbalen Phrasenkern vergeben wird und die Genitivzuweisung im Valenzrahmen des Verbs vorangelegt ist.

Dieser adverbale Genitiv soll auch Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein. Zuerst sollen auf synchroner Basis das Vorkommen und die Verwendung des adverbalen Genitivs in der gegenwärtigen schriftlich fixierten und mündlich gesprochenen Sprache und dessen alternative Ausdrucksmöglichkeiten ansatzweise skizziert werden. Anschließend sollen sowohl diachron als auch synchron orientierte Erklärungsmodelle für einen etwaigen Schwund des Genitivobjekts vergleichend thematisiert werden. Die der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegende Fragestellung lautet demzufolge: ‚Ist es legitim einen Schwund des Genitivobjekts zu konstatieren und – sofern die Antwort affirmativ ausfällt – wie kann dieser Schwund begründet werden?’

2) Vorkommen und alternative Ausdrucksmöglichkeiten genitivregierender Verben

Gegenwärtig ist ein zumindest moderater Gebrauch von wenigstens 40 Verben, deren Valenzrahmen ein Genitivobjekt verlangen, in der Schriftsprache festzustellen (vgl. Kolvenbach 1973). In der gesprochenen Sprache hingegen nimmt der adverbale Genitiv einen Raritätsstatus ein.

In der gesprochenen, lebendigen Sprache fehlt er total; sollte der Sprecher bei einem zu wählenden Verb nur die Genitivoption haben, so verzichtet er lieber auf dieses Verb […]. (Abraham 1995: S. 177)

Auch Duden evaluiert das Vorkommen des adverbalen Genitivs als „verhältnismäßig selten“ (Duden-Grammatik 1998: Randziffer 1127).[1] Während jedoch verschiedentlich ein Aus- sterben des Genitivobjekts prognostiziert wird (vgl. etwa Abraham 1995: S. 177, Behaghel 1923: §358-361), heißt es anderwärts, „die Verwendung des adverbalen Genitivs nimmt […] in stärkerem Maße wieder zu“ (Kolvenbach 1973: S. 123). Den Ausführungen der Urheberin letzterer These soll zunächst nähere Beachtung geschenkt werden.

Neben einer synchronischen Bestandsaufnahme des gegenwärtig gebrauchten adverbalen Genitivs leistet Kolvenbach (1973) zusätzlich exemplifizierend die Eruierung der in mündlicher Sprache mit dem Genitivobjekt grundlegend konkurrierenden Ausdrucksmöglichkeiten. Vornehmlich – so Kolvenbach – zeigen sich Interrelationen des Genitivobjekts mit dem Akkusativobjekt und der Präpositionalphrase.

Dies möchte sei exemplarisch anhand einiger Nietzsche-Zitate kurz skizziert. Beispiele für Verdrängung durch Präpositionalobjekte sind folgende:

4. Es regnet, und ich gedenke der armen Leute, (Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

5. Ich denke an Menschen wie Napoleon,

(Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse)

6. […] wenn sie sich des Vergangnen erfreuen,

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

7. Er […] erfreut sich doch an seiner Vernichtung.

(Nietzsche: Die Geburt der Tragödie)

8. […] denn er erinnerte sich seiner Krankheit.

(Nietzsche: Also sprach Zarathrustra)

9. Erinnern wir uns zweitens an Kants ungeheures Fragezeichen,

(Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

Beispiele für Verdrängung durch Präpositionalobjekte sind folgende:

10. […] beraubt er sich nicht seiner herrlichsten Freiheit,

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

11. Raub dir das Weib, für das dein Herze fühlt!

(Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

12. […] wie niemand des Schlafs entbehren kann.

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

13. […] der, als Abbreviatur der Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann.

(Nietzsche: Die Geburt der Tragödie)

14. Die Erfahrung belehrt uns leider eines Bessern - oder Schlimmern:

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

15. Ich will sie das lehren, was jetzt so wenige verstehen […].

(Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

Einerseits korreliert die Ersetzung des Genitivobjekts durch semantisch nahezu äquivalente Konstruktionen­ oft mit Präfixelision am Verb – wie die Beispiele 5, 11 und 15 demonstrieren –, andererseits – wie das Bsp. 11 demonstriert – mit der Änderung des verbalen Valenzrahmens:

Im Deutschen gibt es nur bei wenigen Verben die Möglichkeit, daß zwei Objekte im gleichen Kasus stehen. Durch eine Umwandlung des Genitivobjekts in ein Akkusativobjekt wird dann, falls schon ein Akkusativobjekt vorhanden ist, eine weitere Änderung des Kasusrahmens der Verben notwendig. (Kolvenbach 1973: S. 128)

Beispiel 15 markiert dabei freilich eine Ausnahme. Lehren ist „eines der wenigen Verben, die einen doppelten Akkusativ zulassen“ (Kolvenbach 1973: S. 129).

Nicht allen Verben jedoch, die den Genitiv regieren, bieten sich Ersatzkonstruktionen an. Den Genitivobjekten folgender Beispiele obliegt keinerlei Transformationspotential:

16. […] um uns hier einmal […] eines schneidermäßigen Deutsches zu befleißigen.

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

17. Um uns aber der Terminologie Platos zu bedienen,

(Nietzsche: Die Geburt der Tragödie)

18. […] dieser Mensch des schlechten Gewissens hat sich der religiösen Voraussetzung bemächtigt,

(Nietzsche: Zur Genealogie der Moral)

Gemein haben die Beispiele das echt reflexive Verb. Bei notwendigen reflexiven Verben ist die Transformation des Genitivobjekts mit immensen Schwierigkeiten behaftet (Vgl. Kolvenbach: S. 131).[2] Dies führt Kolvenbach zu folgender These:

Ein “Hauch von Genitivobjekt“ wird weiterhin bestehen bleiben, besonders im Deutsch der Amtsstuben und Gerichte, […]. Außerdem werden die heute noch gebräuchlichen notwendig reflexiven Verben, bei denen der Genitiv außer Subjekt und Reflexivpronomen die einzige weitere notwendige Ergänzung darstellt, auch weiterhin den Genitiv regieren. (Kolvenbach 1973: S. 133)[3]

Demgemäß lässt sich konstatieren, dass Verben, deren Valenzrahmen ein Genitivobjekt verlangen, mit zwei entscheidenden alternativen Ausdrucksmöglichkeiten konkurrieren: dem Präpositionalobjekt und dem Akkusativobjekt. Die Transformation eines Genitivobjekts in eine semantisch alternative syntaktische Konstruktion geht häufig mit Präfigierung bzw. Elision des Präfixes am Verb oder mit Änderung des verbalen Valenzrahmens einher. Echten reflexiven Verben mit Genitivrektion obliegt eine Transformation in eine syntaktische Ersatzkonstruktion nur partiell. Dieses mangelnde Transformationspotenzial sichert den echt reflexiven Verben mit Genitivrektion wohl weiterhin – wenigstens in der Schriftsprache – ihren Gebrauch. Die Bilanz für den adverbalen Genitiv müsse demgemäß – zumindest aus synchronischer Perspektive – nicht allzu schlecht ausfallen (vgl. Kolvenbach 1973: S. 133).

Eine ähnlich positive Diagnose – die der Prognose, der adverbale Genitiv werde aussterben,[4] adversativ gegenübertritt – stellt Engel:

Man darf […] nicht den Schluss ziehen, dass die Genitivergänzung demnächst aussterben werde. Bei den meisten „Genitivverben“ erscheint die Genitivergänzung als durchaus beständig (z. B. bei bedürfen, bezichtigen, sich enthalten). Dies mag auch damit zusammenhängen, daß viele Genitivverben […] auf bestimmte Fachgebiete […] beschränkt sind, was sich offenbar stabilisierend auf den Sprachgebrauch auswirkt. (Engel 1996: S. 192)

Trotz Kolvenbachs und Engels Versicherungen, der adverbale Genitiv sei keineswegs vom Aussterben bedroht, kann ein fundamentaler Rückgang der sowohl mündlich als auch schriftlich gebrauchten Verben, die den Genitiv regieren, seit mittelhochdeutscher Zeit kaum geleugnet werden.

Im Mhd. konnte man mehr als 300 Verben mit Genitivrektion zählen, heutzutage begegnet man einem Genitivobjekt jedoch nur noch nach fünf bis acht Verben […]. (Sauter 1998: S. 181)[5]

Wie kann dieser Rückgang – der faktisch nicht zu bestreiten ist – erklärt werden? Was ist für diesen immensen Schwund verantwortlich? Kolvenbach selbst antwortet auf diese Frage mit der Hypothese, dass das Präpositionalobjekt – der Hauptkonkurrent des Genitivobjekts – durch den richtungbestimmenden Hinweis der Präposition semantisch eindeutiger erscheint. Die Verdrängung des Genitivobjekts durch das Präpositionalobjekt entspreche „dem Bedürfnis nach einer genaueren Angabe der Relation, die zwischen dem Verb und dem vom Verb Abhängigen, teilweise im Genitiv Ausgesagten besteht“ (Kolvenbach 1973: S. 127). Inwiefern jedoch die Verdrängung des adverbalen Genitivs durch das Akkusativobjekt erklärt werden kann, bleibt bei Kolvenbach gänzlich ungeklärt.

Ein semantisches Erklärungsmodell, welches neben dem Präpositionalobjekt auch das Akkusativobjekt beachtet, liefert Sauter (1998). Dies gilt es im Folgenden zu thematisieren.

3) Erklärungen für den Schwund

a) Diachrone Erklärungsansätze

i) Erklärungsansatz durch Prozessanalyse der verbalen Geschehensweise

Sauter (1998, auch 1995) versucht anhand der ‚Guillaumeschen Theorie der Verbsemantese’[6] die Funktionen des Genitivobjekts, des Akkusativobjekts, des Präpositionalobjekts und des Verbs kontrastierend zu explizieren, um auf semantisch-funktionale Weise das Schwinden des Genitivobjekts zu plausibilisieren oder wenigstens zu interpretieren.

Transitive Verben besitzen zwei Argumente, wobei – aus Perspektive des vom Verb ausgedrückten Prozesses – das externe Argument, das Subjekt, als kausativ und das interne Argument, das Akkusativobjekt, als resultativ oder effektiv bestimmt werden kann. Folgender Satz macht dies deutlich:

19. Strauß schlägt Schopenhauer –

(Nietzsche: Unzeitmäßige Betrachtungen)

Die Spannung entwickelt sich zwischen Kausation und Effektion und es ergibt sich ein links und rechtsbegrenzter Prozeß. Das Subjekt kann als (+ operativ) und das Objekt als (+ resultativ) bestimmt werden. (Sauter 1998: S: 187)

[...]


[1] Die in der neuesten Dudenausgabe (Grammatik-Duden 2005) angeführten Erläuterungen zum adverbalen Genitiv sollen später diskutiert werden.

[2] Bsp. 9 ist dafür ein Gegenbeispiel. Allerdings gilt die These hpts. für die Transformation von Genitivobjekten in Akkusativobjekte.

[3] Die These, dass die Verwendung des adverbalen Genitivs zunimmt (vgl. oben S. 2), erfährt schlussendlich allerdings kaum positive Evidenz. Das einzige Argument dafür ist „das Vordringen des substantivischen Stils“ (Kolvenbach 1973: S. 123), wobei Kolvenbach dabei auf Schneider (1963: S. 32-37) verweist. Dort heißt es: „Die Konstruktion mit dem Genitiv ist nicht nur die ältere, sondern auch die ehrwürdigere und vornehmere und trägt dazu bei, den Stil zu erhöhen, sei es an einzelnen hymnischen Stellen, sei es in der Gesamthaltung.“ (Schneider 1963: S. 32) Einen Nachweis für die Hypothese, dass der substantivische Stil vordringt, erbringt Kolvenbach jedoch nicht.

[4] Vgl. oben S. 3.

[5] Diese Anzahl der genitivregierenden Verben widerspricht offensichtlich Kolvenbachs (1973) konstatierter Anzahl (vgl. oben S. 3). Allerdings listet Kolvenbach auch Verben auf, die wohl als feste Bestandteile von Phraseologismen aufzufassen sind.

[6] Eine explizite Rekonstruktion dieser Theorie würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Sauters Argumentation erscheint jedoch auch ohne eine Rekonstruktion dieser Theorie evident.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638729307
ISBN (Buch)
9783638733335
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74862
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Rückgang Genitivs

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