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Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und seine Bedeutung in der Kirche

Diplomarbeit 1998 68 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die biblische Grundlegung des gemeinsamen Priestertums
2.1 Der Begriff „Priester“ im Neuen Testament
2.2 Das Verhältnis Jesu zum Priestertum
2.3 Amtsstrukturen in den neutestamentlichen Gemeinden
2.3.1 Die charismatische Struktur der paulinischen Gemeinden
2.3.2 Institutionalisierte Gemeindestrukturen innerhalb des Neuen Testaments
2.4 Folgerungen für die Amtstheologie

3 Die zunehmende Trennung zwischen Klerikern und Laien
3.1 Die strukturelle Entwicklung: Entstehung des Monepiskopats
3.1.1 Gründe für diese Entwicklung
3.2 Die spirituelle Entwicklung: Ausbildung von zwei Ständen
3.3 Die Folge: Überbetonung des Amtes
3.4 Gegenbewegungen
3.4.1 Das Beispiel der Waldenser
3.4.2 Die Reformation
3.4.3 Christlich-soziale Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts

4 Ein neues Verständnis: Die Aufhebung der Trennung
4.1 Das Kirchenbild vom „Volk Gottes“
4.2 Das Wesen des gemeinsamen Priestertums
4.2.1 Aktive Teilnahme an sakramentalen und liturgischen Handlungen
4.2.2 Weltdienst
4.2.2.1 Das Zeugnis des christlichen Lebens
4.2.2.2 Das Zeugnis des Wortes
4.2.2.3 Der Weltdienst in Verbindung mit dem Heilsdienst
4.2.2.4 Die den Laien eigene Sendung
4.3 Das Priestertum des Dienstes im Unterschied zum gemeinsamen Priestertum der Gläubigen
4.3.1 Begriffe
4.3.2 Grundsätzliche Unterscheidung
4.3.3 Das neue Amtsverständnis
4.3.4 Die Bedeutung des Amtes

5 Probleme bei der Verwirklichung des gemeinsamen Priestertums
5.1 Die Trennung zwischen Klerikern und Laien ist noch nicht aufgehoben
5.2 Mangelnde Voraussetzungen der Laien

6 Schlussbemerkungen

7 Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen:
7.2 Literatur:

Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Schon im Alten Testament wird das Volk Gottes „als ein Reich von Priestern“ bezeichnet[1], und auch im Neuen Testament wird gesagt, die Kirche sei „eine königliche Priesterschaft“ [2]. Was aber bedeutet dies? Aufgabe eines Priesters ist es seit alters her in der Religionsgeschichte, zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln. Früher taten die Priester dies durch die Darbringung von Opfern, um so das Volk zu entsühnen. Da Jesus Christus aber als der einzige Hohepriester ein für allemal das Opfer dargebracht hat, indem er sich selbst dahingab für die Sünden der Welt, ist für die Kirche die Darbringung von Opfertieren nicht mehr nötig. Durch ihn haben alle Gläubigen im Heiligen Geist Zugang zum Vater.[3] Dadurch können sie auch anderen diesen Zugang eröffnen und somit einen priesterlichen Dienst vollziehen.

Somit ist das gemeinsame Priestertum der Gläubigen ein Wesensmerkmal der Kirche. Jahrhundertelang wurde dies jedoch fast vergessen, weil die Kirche im Lauf der Zeit immer stärker auf das Amt hin zentriert wurde. Mehr und mehr Aufgaben in der Kirche wurden den Amtsträgern reserviert. Zudem zeigte sich eine Tendenz, den priesterlichen Lebensstil als den höherwertigeren anzusehen. Dadurch wurden die Laien zunehmend in eine passive Rolle gedrängt, so daß sie in der Kirche immer weniger Bedeutung hatten. In der katholischen Kirche kam es erst durch das Zweite Vatikanische Konzil zu einem neuen Bewußtsein über das gemeinsame Priestertum. Das Konzil stellte heraus, daß alle Gläubigen durch die Taufe Anteil an dem einen Priestertum Jesu Christi haben und so ein priesterliches Volk bilden.

Wenn dabei auch vieles erst im Entstehen ist und es noch viele Unklarheiten gibt, so ist dennoch durch die Revitalisierung des gemeinsamen Priestertums im Zweiten Vatikanum der Grund gelegt für eine Erneuerung der Kirche, damit alle Gläubigen sich der Größe ihrer Berufung bewußt werden.

In dieser Arbeit soll zunächst die biblische Grundlegung des gemeinsamen Priestertums anhand des neutestamentlichen Priesterbildes und der neutestamentlichen Gemeindeorganisation dargelegt werden. Im Anschluß daran folgt eine Erörterung der geschichtlichen Ereignisse, die zu einer immer weiter fortschreitenden Trennung der Kirche in den Priester- und den Laienstand geführt haben. Danach soll, ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil, die Bedeutung des gemeinsamen Priestertums sowie der Unterschied zum Priestertum des Dienstes erläutert werden. Den Abschluß der Arbeit bildet ein kurzes Kapitel über Schwierigkeiten, die es bei der Verwirklichung des gemeinsamen Priestertums noch gibt.

2 Die biblische Grundlegung des gemeinsamen Priestertums

Im Neuen Testament zeigt sich gegenüber dem Alten Testament ein verändertes Priesterbild. Der einzige Hohepriester ist Jesus Christus. Er ermöglicht es, daß alle Getauften zu einem priesterlichen Volk zusammengeschlossen werden. Durch dieses neue Priesterbild ergibt sich auch eine neue Gemeindeorganisation, die jedem einzelnen im Volk Gottes ermöglichen soll, sein Charisma zu verwirklichen und am Aufbau der Gemeinde mitzuwirken. Wie dieses neutestamentliche Priesterbild und die damit verbundene Gemeindeorganisation aussieht, soll in diesem Kapitel herausgearbeitet werden.

2.1 Der Begriff „Priester“ im Neuen Testament

Im Neuen Testament wird der Begriff „Priester“ mit dem Wort „ƒereÚj“ ausgedrückt. Zwar gibt es auch den Begriff „presbÚteroj“, aber dies bezeichnet einen Gemeindevorsteher, dessen Funktionen mit denen eines Priesters nicht übereinstimmen.[4] Sucht man nun im Neuen Testament nach dem Begriff „ƒereÚj“, so fällt auf, daß dieser Begriff nie auf einzelne Angehörige der christlichen Gemeinden angewandt wird. Der Begriff „ƒereÚj“ hat im Neuen Testament drei verschiedene Bedeutungen:[5]

a) Er bezeichnet die Priester des alten Bundes.
b) Er bezeichnet das einzigartige eschatologische Hohepriestertum Jesu Christi. Diese Bedeutung findet sich vor allem im Hebräerbrief.
c) Schließlich wird der Begriff „ƒereÚj“ verwendet, um das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden zu bezeichnen, wie dies zum Beispiel in 1 Petr 2, 9 geschieht: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“

Dies macht deutlich, daß das neutestamentliche Priesterbild sich gegenüber dem alttestamentlichen wesentlich verändert hat. Offenbar waren mit dem alttestamentlichen Priesterbegriff Vorstellungen von Macht und Autorität verbunden, die mit dem Selbstverständnis der frühen christlichen Gemeinden nicht vereinbar waren. Aus diesem Grund vermeidet das Neue Testament ganz bewußt jede sazerdotale Terminologie.[6] Im Hebräerbrief wird Jesus als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks bezeichnet.[7] Darin wird bereits das Ende des alttestamentlichen Priestertums angedeutet, denn er ist nicht Hoherpriester nach der Ordnung des Aaron.[8] Nach Hebr 10, 11 f. brachten die Priester des alten Bundes „viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können.“ Jesus Christus aber hat nur ein Opfer dargebracht und uns dadurch von allen Sünden erlöst. Ein weiteres Sühneopfer gibt es nicht mehr[9], und somit gibt es auch kein Priestertum mehr, außer dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen.

Nach 1 Petr 2, 5 wird diese Priesterschaft aus „lebendigen Steinen“ gebildet. „Folglich gehören dazu die, welche das Leben haben, welches man nach neutestamentlicher Auffassung durch die Taufe erhält. Somit wird durch die Taufe auch das Priestertum begründet.“[10] An diesem Priestertum haben nicht nur bestimmte Amtsträger Anteil, sondern alle Getauften. Es gibt nirgends im Neuen Testament eine Unterscheidung zwischen „Klerikern“ und „Laien“ im Sinn von klar abgegrenzten Gruppen oder Ständen.[11] Der Begriff „Volk“ (laÒj) wird, wenn damit die Kirche gemeint ist, „durchgehend auf alle Gläubigen angewandt; in 1 Petr 2, 9 sogar sehr pointiert in der Verbindung mit den alten israelitischen Würdetiteln“[12]. Zu einer fundamentalen Gleichheit aller Kinder Gottes mahnt ja auch Jesus, wenn er sagt: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ [13] .

Somit ist das gemeinsame Priestertum der Gläubigen also eindeutig bereits im Neuen Testament grundgelegt. Daß es sich dabei nicht um ein „uneigentliches“ oder „gewisses“ Priestertum handelt, sondern um ein wirkliches Priestertum, welches das Kultpriestertum des alten Bundes ablöst, wird an der Terminologie von 1 Petr 2, 4 f. deutlich, denn hier werden kultische Begriffe verwendet:[14]

„Kommt [ prosercÒmenoi] zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus [ okoj pneumatikÒj] aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft [ ƒer£teuma ¤gion], um durch Jesus Christus geistige Opfer [ pneumatik¦j qus…aj] darzubringen, die Gott gefallen.“

Das Wort prosšrcesqai, das hier für das Hinzutreten zu Christus verwendet wird, bedeutet im Kult das Hinzutreten zum Opferaltar. Es werden nun keine Opfertiere mehr dargebracht, um das Volk zu entsühnen, sondern es handelt sich um geistige Opfer, die in einem gottgefälligen Leben bestehen. Auch Joh 4, 21 - 24 betont, daß die Anbetung Gottes nicht an einen bestimmten Ort oder an den Tempel gebunden ist, sondern daß die wahren Beter Gott „im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ [15] Weil somit der Tempel überflüssig geworden ist, bilden die Gläubigen nach 1 Petr 2, 5 ein geistiges Haus. Sie selber sind der Tempel[16], denn sie haben durch Jesus Christus im Heiligen Geist direkten Zugang zum Vater[17].

2.2 Das Verhältnis Jesu zum Priestertum

Seinem jüdischen Status nach war Jesus kein [18] Priester. Er gehörte weder einer Priesterfamilie an, noch war er Levit. Somit hatte er den Status eines Laien. Daß er oft als „Rabbi“ angesprochen wurde, zeigt, daß er den Pharisäern, die sich um die Weitergabe des Wortes und des Gesetzes bemühten, näher stand als den Priestern, die sich um den Kult kümmerten. Damit steht er in der Tradition der alttestamentlichen Propheten, die immer gewarnt haben vor der bloßen kultischen Pflichterfüllung. Den Tempelkult und damit auch die Opferpriester hat Jesus abgelehnt, denn er ist der neue Tempel, und somit gibt es keine bevorzugten heiligen Orte mehr. Gott ist überall gegenwärtig, wo er im Geist und in der Wahrheit angebetet wird, überall dort, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ [19]. Jesus ging es um das Herz der Menschen, nicht um kultische Pflichterfüllung.

Blank betont in diesem Zusammenhang auch, daß für Jesus eine Aufspaltung des Lebens in Gottesdienst und Weltdienst nicht möglich ist, denn Gott will den ganzen Menschen. „Jesus geht es um einen neuen Gehorsam, der aus tiefem Vertrauen zum himmlischen Vater und aus der Freudigkeit des nahe gekommenen Heils, aus dem Geschenk des Evangeliums lebt. Dies gilt für alle Jünger, die in Jesu Gemeinschaft eintreten. Eine Unterscheidung von Klerikern und Laien ist dieser Gemeinschaft ursprünglich fremd“[20].

Aus dem hier gesagten kann man sicherlich nicht folgern, daß Jesus überhaupt kein Amtspriestertum wollte, sondern nur ein gemeinsames. Es geht lediglich darum, daß jedes Amtsverständnis in der Kirche von der gleichen Würde aller Getauften ausgehen muß. Deshalb kann ein Amt in der Kirche niemandem eine höhere Würde verleihen als die, welche er bereits in der Taufe empfangen hat. Auch darf ein Amt nicht primär als Mittel zur Machtausübung mißverstanden werden. Jesus wollte in der Kirche keine Herrschaftsstrukturen nach weltlichem Muster:[21]

„Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ [22]

Das Wesentliche an einem Amt ist für Jesus also der Dienst an den Brüdern und Schwestern. Besonders deutlich wird dieses Amtsverständnis im Bild der Fußwaschung dargestellt:[23] Der „Meister und Herr“ wäscht seinen Jüngern die Füße und gibt ihnen den Auftrag, ebenso zu handeln. Von diesem Verständnis ausgehend muß jeder Amtsträger seine Tätigkeit einzig und allein auf die Frage gründen: Was dient der Gemeinde?

2.3 Amtsstrukturen in den neutestamentlichen Gemeinden

Im Folgenden sollen neutestamentliche Gemeinden auf ihre Amtsstrukturen hin untersucht werden. Dabei wird sich zeigen, daß es sowohl in den stark charismatisch organisierten paulinischen Gemeinden, als auch in den bereits mehr institutionalisierten Gemeinden von Anfang an Ämter gab. Man wird somit nicht sagen können, die kirchlichen Ämter seien erst in späterer Zeit entstanden und seien von Jesus nicht gewollt gewesen. Ebensowenig wird man behaupten können, daß es in der Kirche kein Amtspriestertum, sondern nur das gemeinsame Priestertum geben dürfe. Doch wie sehen die kirchlichen Ämter in den neutestamentlichen Gemeinden aus?

2.3.1 Die charismatische Struktur der paulinischen Gemeinden

In den authentischen Paulusbriefen zeigt sich eine sehr stark charismatisch geprägte Gemeindestruktur. Die verschiedenen Aufgaben und Dienste, die es in einer Gemeinde gibt, werden je nach den Begabungen (Charismen) der einzelnen Gemeindemitglieder verteilt.[24] Die verschiedenen Charismen schenkt der Heilige Geist.[25] Paulus betont dabei durchaus die Verschiedenheit der einzelnen Glieder der Kirche, jedoch sind alle Teil des Leibes Christi und tragen durch ihre je verschiedenen Gaben gemeinsam zum Aufbau der Gemeinde bei.[26] Eine Ordination durch Handauflegung kennt Paulus jedoch noch nicht.[27]

Wenn jemand in der Gemeinde ein Amt hat, wie zum Beispiel das des Apostels, so versteht auch Paulus darunter immer einen Dienst ( diakon…a) an der Gemeinde. Nach der Auffassung von Blank handelt es sich bei dem Wort „diakon…a“ bzw. „diakone‹n“ um ein bewußt gewähltes Wort der Urchristenheit, denn in der Septuaginta kommt dieses Wort kaum vor und hat dort auch keine spezifisch theologische, „amtliche“ Bedeutung.[28] Daraus kann man schließen, daß mit diesem Wort ein neues Amtsverständnis verbunden ist, das es vorher nicht gab. Das Wort „diakon…a“ hat nicht die Bedeutung von „doule…a“, was einen Sklavendienst bezeichnet, sondern es bedeutet zum einen „Tischdienst“, und zum anderen einen sehr persönlichen Dienst, den man jemandem erweist. Somit geht es bei dem Dienst, der mit einem Amt verbunden ist, zum einen darum, den Glaubenden zu dienen im Sinne eines Füreinander-Daseins, und zum anderen, der Gemeinde Jesus nahe zu bringen, ihn sichtbar zu machen.[29] Nach 2 Kor 1, 24 sind die Apostel nicht die Herren über den Glauben, sondern Mitarbeiter an der Freude der Gemeinde. Das kirchliche Amt soll also der Freude der Glaubenden dienen.[30]

Wie sieht nun Paulus innerhalb einer solchen Gemeindestruktur sein Amt als Apostel? Für ihn ist der apostolische Dienst immer auch ein Dienst für das Evangelium, das von der Versöhnung Gottes mit den Menschen spricht:[31] „Dies alles aber kommt von Gott, der uns mit sich durch Christus versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gab.“ [32] Das Apostolat ist also für Paulus ein „Dienst der Versöhnung“. Dieser Dienst besteht darin, den Menschen die Botschaft von der Versöhnung zu verkünden. Der Dienst am Evangelium bedeutet für Paulus die Hingabe seiner ganzen Existenz. Er verzichtet dafür sogar auf sein Recht auf Unterhalt und auf sein Recht auf Ehe.[33]

Gegenüber der Verkündigung des Evangeliums ist für Paulus sogar sakramentales Handeln von sekundärer Bedeutung: „Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden“ [34]. Auch der Vorsitz in der Eucharistie ist in den paulinischen Gemeinden noch nicht an ein Amt gebunden. In 1 Kor 11, 17 - 34 prangert Paulus Mißbräuche beim Herrenmahl an. „Paulus wendet sich nun nicht etwa an einen einzelnen Amtsträger, indem er ihn auffordert, für Ordnung Sorge zu tragen, sondern er spricht die ganze Gemeinde an. Daraus wird man folgern, daß es solche Amtsträger, die das Mahl als »Priester« vollzogen hätten, nicht gab. (...) Das Wir der Kirche begeht das Mahl.“[35] Überhaupt war in dieser Zeit die Spendung der Sakramente nicht Aufgabe eines einzelnen Amtsträgers, sondern der ganzen Kirche.[36]

Der Dienst des Apostels besteht nach paulinischem Verständnis in der Gründung und dem Aufbau einer Gemeinde, nicht jedoch in deren fortwährender Leitung. Ziel dieses Dienstes ist, daß die Gemeinde mündig und selbständig wird auf dem Fundament Jesu Christi.[37] Das zeigt sich sehr gut in 1 Kor 3: Die korinthische Gemeinde klammert sich in ihrer Unmündigkeit an Autoritäten wie Paulus und Apollos. So entstehen Streit und Spaltung in der Gemeinde, weil sie sich nicht an die eigentliche Autorität halten, nämlich Jesus Christus, der das einzige Fundament ist.[38] In seinem Brief bedauert Paulus die Unmündigkeit der Korinther. Er betont, daß Apollos und Paulus Diener sind, und daß es einzig und allein auf Christus ankommt.

Das heißt jedoch nicht, daß Paulus in den Gemeinden nicht eine gewisse Autorität hätte. Diese Autorität erwächst aus seinem Dienst, und so kann er der Gemeinde Weisungen erteilen, und er kann sogar Anordnungen über sie verfügen, wie zum Beispiel in 1 Kor 11, 34 oder 1 Kor 16, 1.[39] Entscheidend bleibt dabei aber, daß er dies nur aus dem einen Beweggrund tun kann, der Gemeinde zu dienen.

2.3.2 Institutionalisierte Gemeindestrukturen innerhalb des Neuen Testaments

Die eher charismatische Struktur steht im Neuen Testament nicht alleine da, sondern parallel dazu finden sich auch stärker institutionalisierte Gemeindestrukturen. Vor allem die judenchristlichen Gemeinden haben schon sehr früh eine feste Ämterstruktur „mit den zwölf Aposteln am Anfang, einer Ältestenordnung, daneben Missionare, Propheten und Evangelisten, dazu der Ritus der Handauflegung (...) als Ordinationsritus.“[40] Diese Gemeindestrukturen werden vor allem in der lukanischen Tradition überliefert. Für Lukas ist es bereits sehr wichtig, durch die Übertragung von Ämtern einen Rückbezug zu Christus herstellen zu können. Deshalb kann bei der Wahl des Matthias zum Apostel nur jemand gewählt werden, der diesen Bezug zu Christus hat:

„Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, - einer von diesen muß nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein.“ [41]

Da Paulus für Lukas einen solchen Rückbezug zum historischen Jesus nicht hat, wird er in der ganzen Apostelgeschichte nie als ¢pÒstoloj bezeichnet. Das Apostolat des Paulus scheint auch tatsächlich diesbezüglich angefochten worden zu sein, denn in 1 Kor 9, 1 verteidigt er sich gegen den Vorwurf, kein Apostel zu sein: „Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?“ Er muß betonen, daß auch er einen Rückbezug zu Christus hat. In der späteren Auseinandersetzung mit der Gnosis wird dieser Rückbezug auf die Apostel und den historischen Jesus eine entscheidende Rolle für das Amtsverständnis spielen.[42] Auch bei den übrigen kirchlichen Ämtern betont Lukas deren Hervorgang aus dem apostolischen Amt. So wählen zum Beispiel in Apg 6, 1 ff. die Gemeinden Diakone aus, die dann vor die Zwölf gestellt werden, damit diese ihnen unter Gebet die Hände auflegen.[43]

Eine Entwicklung zur Herausbildung von Amtsstrukturen zeigt sich im Neuen Testament jedoch nicht nur in den judenchristlichen, sondern auch bereits in den heidenchristlichen Gemeinden. Nach Apg 14, 23 setzen auch Paulus und Barnabas in den Gemeinden Kleinasiens „Presbyter“ ein, die sie selbst erwählt hatten. „In den Pastoralbriefen ist die Entwicklung zum monarchischen Episkopat bereits deutlich erkennbar.“[44] Es gibt Episkopen, Presbyter und Diakone, und es gibt auch den Ritus der Handauflegung.[45] Timotheus ist für die Ordnung in der Gemeinde verantwortlich, und er hat auch Disziplinargewalt über die Presbyter.[46] Titus erhält nach 1 Tit 5 die Vollmacht, Presbyter einzusetzen.

Aufgrund der Existenz von Episkopen, Presbytern und Diakonen jedoch auf eine bereits vorhandene Ämtertrias zu schließen, wäre wohl nicht gerechtfertigt, denn „Episkopen und Presbyter müssen gleichen Funktionen genügen, gleiche Anforderungen erfüllen. Ersten Ranges ist nicht eine kultische Aufgabe, sondern die Wahrnehmung des Lehramtes; daß dieses die überkommene Botschaft verkündigt, wird durch die Sukzession garantiert; daß der Amtsträger in ihr steht, gewährleistet die Ordination durch Handauflegung.“[47] Keinesfalls sind diese Ämter gleichzusetzen mit unserem heutigen Verständnis von Bischöfen, Priestern und Diakonen.

Auch in den heidenchristlichen Gemeinden stellte sich also nach dem Tod der Apostel eine rein charismatische Gemeindeorganisation schnell als nicht praktikabel heraus, und so kam es zur Ausbildung fester Ämter, die durch Handauflegung übertragen wurden. Nach Blank geschah dies in der Übergangszeit „von der zweiten zur dritten urchristlichen Generation, von der sogenannten »apostolischen zur nachapostolischen Zeit«, also die Zeit zwischen 70 - 100 nach Christus, und dann hauptsächlich im 2. Jahrhundert“[48].

Insgesamt zeigen sich also im Neuen Testament sehr unterschiedliche Gemeindestrukturen.[49] Die paulinischen Gemeinden sind stark charismatisch organisiert. In Antiochien wird die Gemeinde von charismatischen Propheten und Lehrern sowie von ehemaligen Wanderpredigern geleitet. In Jerusalem stehen an der Spitze die Zwölf sowie die „drei Säulen“ Jakobus, Kephas und Johannes, und die Presbyter unter der Leitung des Jakobus. Mt, Joh und Hebr kennen weder Presbyter noch Episkopen, während es in Apg, 1 Petr und Jak Presbyter gibt, jedoch keine Episkopen oder Diakone. In den Pastoralbriefen schließlich werden alle drei Ämter erwähnt.

2.4 Folgerungen für die Amtstheologie

Eine einheitliche Lehre vom Amt oder ein allgemeingültiges Strukturmodell von Ämtern und Diensten ist also im Neuen Testament nicht zu finden.[50] Kirchliche Strukturen und Ordnungen sind erst im Entstehen. Dabei zeigt sich aber bereits in neutestamentlicher Zeit eine Spannung, die in der Kirche wohl nie aufzulösen sein wird: Das Gegenüber von Institution und Charisma. Beides gehört zum religiösen Leben.

[...]


[1] Vgl. Ex 19, 6a: „Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“;

Jes 61, 6a: „Ihr alle aber werdet «Priester des Herrn» genannt, man sagt zu euch «Diener unseres Gottes».“

[2] Vgl. z. B. 1 Petr 2, 9: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“

[3] Vgl. Eph 2, 18: „Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.“

[4] Vgl. z. B. Schmid, J.: Art. Priester. III. Im NT, in: LThK2, Bd. 8, 743 - 744.

[5] Vgl. Blank, J.: Vom Urchristentum zur Kirche ‑ Kirchenstrukturen im Rückblick auf den biblischen Ursprung, München 1982, 150.

[6] Vgl. Beinert, W.: Autorität um der Liebe willen ‑ Zur Theologie des kirchlichen Amtes, in: Hillenbrand, K. (Hrsg.): Priester heute: Anfragen, Aufgaben, Anregungen; Würzburg 1990, 36.

[7] Vgl. Hebr 5, 10.

[8] Vgl. Blank: Vom Urchristentum zur Kirche, 164 - 166.

[9] Vgl. Hebr 10, 26 f.: „Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, gibt es für diese Sünden kein Opfer mehr, sondern nur die Erwartung des furchtbaren Gerichts und ein wütendes Feuer, das die Gegner verzehren wird.“

[10] Blinzler, J.: Art. Priestertum, Allgemeines P. I. In der Schrift, in: LThK2, Bd. 8, 753 - 754.

[11] Vgl. Kehl, M.: Die Kirche ‑ Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg, 31994, 118.

[12] Ebd.

[13] Mt 23, 8.

[14] Der Zusammenhang zwischen dem alttestamentlichen Kultpriestertum und dem gemeinsamen Priestertum wird aufgezeigt in: Beck, I.: Sakrale Existenz ‑ Das gemeinsame Priestertum des Gottesvolkes als kultische und außerkultische Wirklichkeit, in: Münchener Theologische Zeitschrift 19 (1968) , 23.

[15] Joh 4, 24.

[16] Vgl. 1 Kor 3, 16: „Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“

[17] Vgl. Eph 2, 18.

[18] Zu den folgenden Ausführungen vgl. Blank, 156 - 161.

[19] Mt 18, 20.

[20] Blank, 158.

[21] Vgl. Beinert: Autorität um der Liebe willen, 53 - 55.

[22] Mk 10, 42 - 45.

[23] Vgl. Joh 13, 1 - 20.

[24] Vgl. Röm 12, 6 - 8.

[25] Vgl. 1 Kor 12, 4 - 11.

[26] Vgl. 1 Kor 12, 12 - 30.

[27] Vgl. Blank, 170.

[28] Vgl. ebd., 178 - 179.

[29] Vgl. 2 Kor 4, 5: „Denn nicht uns selbst verkündigen wir, sondern Jesus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“.

[30] Vgl. Blank, 168.

[31] Vgl. ebd., 191 - 199.

[32] 2 Kor 5, 18.

[33] Vgl. Schlier, H.: Die neutestamentliche Grundlage des Priesteramtes, in: Deissler A. u. a.: Der priesterliche Dienst I ‑ Ursprung und Frühgeschichte, Freiburg i. Br. 1970 (QD 46), 87.

[34] 1 Kor 1, 17.

[35] Schelkle, K. H.: Theologie des Neuen Testaments, Bd. IV/2: Jüngergemeinde und Kirche, Düsseldorf 1976, 152.

[36] Vgl. ebd., 69.

[37] Vgl. ebd., 206 - 210.

[38] Vgl. 1 Kor 3, 11: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

[39] Vgl. Schlier: Die neutestamentliche Grundlage des Priesteramtes, 91 - 93.

[40] Blank, 170.

[41] Apg 1, 21 f.

[42] Siehe 3.1.1.

[43] Vgl. Schlier, 101 - 102.

[44] Blank, 170.

[45] Vgl. 1 Tim 4, 14; 5, 22; 2 Tim 1, 6.

Wenn die Pastoralbriefe von der Handauflegung sprechen, so widerlegt dies nicht die Aussage, daß Paulus einen solchen Ritus nicht kannte, denn im allgemeinen werden die Pastoralbriefe in der exegetischen Forschung nicht zu den authentischen Paulusbriefen gerechnet, sondern sie gehören zu den sog. „Pseudepigraphen“, die erst in späterer Zeit entstanden sind.

[46] Vgl. 1 Tim 5, 17 ff.

[47] Beinert, 37 - 38.

[48] Blank, 175 - 176.

[49] Zu den verschiedenen Gemeindestrukturen im NT vgl. Beinert, 37.

[50] Vgl. Blank, 174.

Details

Seiten
68
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638695824
ISBN (Buch)
9783638711791
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75082
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
Priestertum Gläubigen Bedeutung Kirche

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