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Die Entwicklung der Familie von der Agrargesellschaft bis zur Dienstleistungsgesellschaft

Vordiplomarbeit 2007 30 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff Familie

3. Familienformen und ihre geschichtliche Entwicklung
3.1 Beispiel einer Familienform in der vorindustriellen Zeit: Die Bauernfamilie
3.2 Eine Familienform zur Zeit der Industrialisierung: Die bürgerliche Familie
3.3 Familienformen heute
3.3.1 Familienentwicklung im Zeitalter von Individualisierung und Pluralisierung

4. Mutterrolle und Mutterliebe im historischen Kontext
4.1 Mutterrolle und Mutterliebe unter den Einflüssen von Rousseau und Pestalozzi
4.2 Mutterliebe im 19. und frühen 20. Jahrhundert

5. Familienpolitik
5.1 Deutsche Familienpolitik
5.2 Das schwedische Familienmodell

6. Eigene Meinung und Zusammenfassung: Welche Auswirkungen hatte die
Entwicklung der Familie auf das Mutterideal und umgekehrt?

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Familie scheint sowohl im alltäglichen Gebrauch als auch in der öffentlichen Diskussion ein deutlicher Begriff zu sein, der keinerlei Erklärung bedarf. Wir alle kennen das Idealbild von Familie, zum Beispiel aus der Kirche: Maria und Joseph bilden mit dem Jesus-Kind die heilige Familie. Viele Menschen glauben, dass Familie schon immer diesem Ideal von Vater-Mutter-Kind entsprochen hat. Wir haben das Familienideal der privatisierten Kleinfamilie mit dem Vorbild der bürgerlichen Familie im Kopf. Dass es Familie aber in ganz anderen Formen gegeben hat und dass sie ein Produkt gesellschaftlicher Veränderungen ist, ist nur wenigen Menschen bewusst. Familie ist in der Politik ein oft diskutiertes Thema, vielleicht gerade weil sie dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen ist. Aus diesem Grund habe ich als Thema für meine Studienbegleitende Hausarbeit „Die Entwicklung der Familie von der Agrargesellschaft bis zur Dienstleistungsgesellschaft“ gewählt. Ich möchte untersuchen, wie das Bild der Idealfamilie, das wir im Kopf haben, entstanden ist. Deswegen werde ich zunächst die Entwicklung der Familie seit der Agrargesellschaft bis zur heutigen Zeit kurz schildern. Im Rahmen dieses Kapitels werde ich auch auf die Begriffe der Individualisierung und Pluralisierung eingehen, weil sie unsere gesellschaftliche Situation sehr geprägt haben. Aber nicht nur die Familie und deren Entwicklung steht im Mittelpunkt meiner Arbeit sondern auch die soziale Rolle der Frau. Ich werde den Begriff der Mutter untersuchen und darstellen, dass auch dieser Begriff nicht absolut ist, sondern abhängig vom Wandel gesellschaftlicher und historischer Rahmenbedingungen.

Der Begriff der Mutter ist uns allen vertraut, und keiner würde je nach einer genauen Definition fragen, wenn es sie denn gibt. Wir ordnen den Begriff der Mutter in die Privatsphäre ein, weil er vielen von uns vielleicht nicht relevant genug in Hinsicht auf Gesellschaft und Politik zu sein scheint. Ich möchte mit meiner Arbeit verdeutlichen, dass die Rolle der Mutter über die familiäre Privatsphäre hinausreicht und gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen unterworfen ist. Wie sind die soziale Rolle der Frau und die Rolle der Mutter entstanden? Diese Frage möchte ich in einem gesonderten Kapitel meiner Arbeit versuchen zu beantworten.

Um die beiden Themen in meiner Arbeit zu vereinen, werde ich auf die deutsche Familienpolitik anhand der Parteiprogramme von SPD und CDU eingehen. Danach stelle ich das schwedische Familienmodell vor, weil es im Vergleich mit Deutschland verdeutlicht, wo die deutsche Mutter steht. Abschließend möchte ich verdeutlichen, wie der Wandel der Familie und der Wandel der sozialen Rolle der Frau zusammenhängen, bzw. wie sich das Bild der Idealfamilie und das Bild der idealen guten Mutter gegenseitig beeinflusst haben und sich beeinflussen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich in meiner Arbeit die soziale Rolle der Frau und Mutter in den Vordergrund stelle und auf die Rolle der Väter wenig Bezug nehmen werde.

2. Der Begriff Familie

Nach Hurrelmann[1] ist die alte Definition von Familie als „auf der Ehebeziehung von zwei erwachsenen Menschen unterschiedlichen Geschlechts aufbauende solidarische Gemeinschaft mit Kindern, die eine Produktionseinheit darstellt“ nicht mehr tragfähig. Er schlägt als zeitgemäße Definition folgendes vor: „Eine soziale Lebensform, die durch das dauerhafte Zusammenleben von mindestens einem Elternteil und einem Kind charakterisiert ist, in der die Beziehungen durch Solidarität, persönliche Verbundenheit und Betreuung geprägt sind.“[2] Hurrelmann verweist auf den soziologischen Kern der Familie, der für ihn in dauerhafter Beziehung und Verbundenheit von Menschen liegt, die unterschiedliche Bedürfnisse haben und aus verschiedenen Generationen kommen.[3]

Nave-Herz[4] betont, bei der Definition von Familie das besonders hohe Abstraktionsniveau. Sie beschreibt die konstitutiven Merkmale von Familie durch:

„ 1. die biologisch-soziale Doppelnatur aufgrund der Übernahme der Reproduktions- und […]
Sozialisationsfunktion […]
2. ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis […]
3. die Generationsdifferenzierung […]“[5]

In der aktuellen Familienforschung werden vier Definitionen von Familie unterschieden[6]:

Der juristischen, der genealogischen, der religiösen und der psychologischen Familienbegriff.

1. Der juristische Familienbegriff beschreibt die Familie als „legalisierte soziale Institution“ die vom Staat geschützt wird und Vergünstigungen vom Staat erhält. Es wird zwischen den Begriffen „vollständige Familie“ und „unvollständige Familie“[7] unterschieden. Unter dem ersten Begriff wird dabei Vater, Mutter und Kinder verstanden und unter dem zweiten ein allein erziehendes Elternteil mit Kindern.
2. Der genealogische Familienbegriff definiert Familie durch das Verwandtschafts-prinzip. Dabei zählen allerdings nur Verschwägerte und Blutsverwandte zur Familie, Stiefeltern, Adoptivkinder oder homosexuelle Partner nicht.
3. Der religiöse Familienbegriff sieht Familie als Religionsgemeinschaft. Dabei wird Familie durch Blutsverwandtschaft und „gemeinsamen Besitz spiritueller Kompetenzen“[8] definiert. Der Individualität einzelner Familienmitglieder wird keine Wichtigkeit zugemessen und in diesem System hat der Vater eine kultische Funktion.
4. Der psychologische Familienbegriff wird von „gemeinschaftlichem Lebensvoll-zug“ und „interpersoneller Involviertheit“[9] geprägt. Die Familie zeichnet sich ebenso durch emotionale, psychische und physische Nähe aus, sowie durch Abgrenzung, Privatheit und Dauerhaftigkeit aus. Bei der psychologischen Familiendefinition fällt auf, dass weder Kinder noch Geschlechtervielfalt voraus-setzt werden.[10]

3. Familienformen und ihre geschichtliche Entwicklung

3.1 Beispiel einer Familienform in der vorindustriellen Zeit: Die Bauernfamilie

In der Zeit vom Mittelalter bis zur Moderne war die Bauernfamilie die am weitesten verbreitete Familienform. Dabei schlossen die Eheleute eine Art Ehevertrag. Neben den Eheleuten gehörten zur bäuerlichen Familie die Kinder, Verwandte und das Gesinde. Für die genealogische Familie, die aus dem Bauern, seiner Frau und den Kindern bestand, gab es bis in die Neuzeit keinen Familienbegriff. Man bezeichnete diese Form lediglich als „mit Weib und Kind“[11]. Die Bauernfamilie wurde auch „Familie des ganzen Hauses“[12] genannt. Die Teilung von Arbeit in der sozialen Form „Ganzes Haus“[13] war geschlechtsspezifisch organisiert. Für die Familienmitglieder war diese Form des Zusammenlebens zugleich Haushalt, Familie und Produktionsstätte. Die uneingeschränkte Autoritätsperson und das Familienoberhaupt war der Vater. Seine Arbeitsbereiche lagen vor allem in Handelsbeziehungen oder Kontakten nach außen. Die Führung des Haushaltes, die Kindererziehung und die Organisation des Gesindes war Aufgabe der Ehefrau. Bei der Kindererziehung halfen alle im Haushalt lebenden Erwachsenen und die älteren Kinder. Die Arbeitsteilung wurde ökonomisch begründet. Die Familien- und Haushaltsversorgung sollte so optimiert werden. Deswegen hatte jedes Mitglied des Haushaltes seine Funktion, um das System zu erhalten. Die Eheschließung und auch schon die Wahl des Partners waren zweckrational ausgerichtet, um fehlende Positionen in der Produktionseinheit zu besetzen.[14]

3.2 Eine Familienform zur Zeit der Industrialisierung: Die bürgerliche Familie

Ende des 19. Jahrhunderts setzte die Industrialisierung ein und bedingte die Urbanisierung sowie neue Arbeitsbedingungen. Dieser historische Einschnitt bewirkte, dass die Sozialform des „ganzen Hauses“ zumindest im städtischen Raum verschwand und Arbeit und Wohnstätte getrennt wurden.[15] Familie war jetzt kein Produktionsort mehr. Die Produktion fand außerhalb der Familie statt. Hurrelmann beschreibt diesen Vorgang als Differenzierung, da ein soziales System nach verschiedenen, spezifischen Aufgaben aufgegliedert wurde, um „die Leistungsfähigkeit nach innen und Angepasstheit an die Umwelt zu vergrößern“.[16] Dies bedeutete für die bäuerliche Familie, dass die in der Familie stattfindende Produktion der Nahrung, die Reparatur von Kleidern, Berufsbildung und Altenpflege in dafür spezialisierte Systeme übertragen wurde.[17]

Da Wohn- und Arbeitsraum nun räumlich getrennt waren, konnten Frauen und Kinder der bürgerlichen Schichten von der Erwerbstätigkeit freigestellt werden. Dadurch kam es zu einer Polarisierung der Geschlechter. Der Mann wurde zum alleinigen Ernährer der Familie und die Frauen waren für den Binnenraum der Familie zuständig. Es erfolgte eine neue Definition der Geschlechterrollen. Der Mann war somit der außerhäuslichen Sphäre zugeteilt und die Frau der innerhäuslichen Sphäre.[18] Somit wurde die Kindererziehung in der bürgerlichen Familie auf die Frau übertragen.[19] Dieser Typ der bürgerlichen Familie war ein Vorläufermodell der modernen Kleinfamilie und kristallisierte sich „als Folge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse“[20] zunächst einmal im „gebildeten und wohlhabenden Bürgertum (hohe Beamte, Unternehmer, Kaufleute)“ heraus.[21]

In der bürgerlichen Familie erfuhren Kinder einen völlig neuen Stellenwert. Die Individualität von Kindern bekam eine Bedeutung und Kindererziehung wurde zu einer Aufgabe, die von den Eltern wahr- und ernst genommen wurde.[22] Kinder erfuhren in ihrem sozialen Umfeld auf einmal Geborgenheit und Liebe.[23]

Es war für hygienische Verhältnisse gesorgt und die Anzahl der Kinder war jetzt nicht mehr zufällig, sondern unterlag einer aktiven Familienplanung. Die Ehefrau nahm, wie Rosenbaum[24] beschreibt, die Rolle einer „geistigen Gefährtin des Mannes und Repräsentantin der Familie“[25] ein und hatte damit nicht mehr die Rolle „einer unermüdlichen Produzentin von Nachkommen“[26] inne.

Die Arbeitswelt der Männer war durch Wettbewerb und Konkurrenzkampf geprägt. Als Gegenpol zum rauen Arbeitsalltag war laut Ochs[27] und Orban[28] nun die Ehefrau gefragt, denn sie übernahm die emotionale Versorgung des Mannes. Ihre Aufgaben lagen in Verlässlichkeit, Vertrauen, Intimität, Geborgenheit und Wärme.[29]

Die Frau stand zwar in einer finanziellen Abhängigkeit des Mannes, aber nach Beck-Gernsheim[30] war der Mann auch abhängig von der Versorgung seiner Frau, damit er arbeitsfähig blieb.[31] In der vorindustriellen Familie war Solidarität genauso wichtig wie in der bäuerlichen Familie, wenn auch in einer anderen Form. Die Veränderungen in der Familienstruktur prägte das Ideal einer modernen Kleinfamilie, womit die bürgerliche Familie zu einem „sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Leitbild wurde.“[32] Am Anfang des 20. Jahrhunderts war diese Familienform zur Norm und zu einem erstrebenswerten Familienbild geworden.

3.3 Familienformen heute

Das Leitbild der Familie wurde laut Peuckert[33] Ende der 60er Jahre destabilisiert. Das lag nach Peuckert an der zunehmenden außerhäuslichen Erwerbstätigkeit der Frau, wirtschaftlichen Wandlungsprozessen und an der Bildungsexpansion. Hinzu kamen feministische Bewegungen und Studentenbewegungen. Für Beck[34] erscheinen die 50er und frühen 60 Jahre als „das letzte goldene Zeitalter der Kernfamilie.“[35] So stellte seiner Meinung nach die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit und politische Idealisierung eine Ideologisierung dar. Zudem enthielt das Modell einen Widerspruch: Durch die Arbeitsteilung und dadurch, dass die Autorität des Mannes rechtlich abgesichert war, wurden die Möglichkeiten der Frauen in ihrer Persönlichkeitsentfaltung stark eingeschränkt.[36] Traditionelle Strukturen wurden abgelehnt. Stattdessen wurde die Bildungsgleichheit der Frau wichtig. Sie war ein Meilenstein in der Familienentwicklung, weil dadurch den weiblichen Lebensverläufen ganze neue Möglichkeiten gegeben waren. Beck-Gernsheim beschreibt die weibliche Biographie von nun an als eine „Wahl- oder Bastelbiographie“.[37] Frauen hatten und haben durch die einsetzende Bildungsgleichheit die Option, ihren Lebenslauf zu individualisieren.

[...]


[1] Hurrelmann, Klaus, geb. 1944,Direktor am Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik, Professor für Sozialisation- und Gesundheitsforschung an der Universität Bielefeld. In: Hurrelmann (2002).

[2] Hurrelmann (2002), S. 130.

[3] ebenda

[4] Nave-Herz, Rosemarie, geb. 1935, Studium: Pädagogik, Germanistik, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Köln. In: Nave-Herz (2005).

[5] Nave-Herz (2005), S. 15.

[6] Ochs, Orban (2002), S. 21.

[7] Ochs, Orban (2002), S. 21.

[8] ebenda

[9] ebenda

[10] ebenda

[11] Ochs, Orban (2002), S. 36.

[12] ebenda

[13] Ochs, Orban (2002), S. 13.

[14] Ochs, Orban (2002), S. 13.

[15] Peuckert (2005), S. 22.

[16] Hurrelmann (2002), S. 127.

[17] ebenda

[18] Peuckert (2005), S. 22.

[19] Ochs, Orban (2002), S. 37.

[20] Peuckert (2005), S. 22.

[21] ebenda

[22] Rosenbaum (1990), S. 352.

[23] Ochs, Orban (2002), S. 37.

[24] Rosenbaum, Heidi, Professorin für Volkskunde /Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen, seit 1999 Leiterin des Projekts „Kinderalltag im Nationalsozialismus“

In: http://www.kaee.uni-goettingen.de/personal/rosenbaum/rosenb.htm#/biografie.

[25] Rosenbaum (1990), S. 352.

[26] ebenda

[27] Ochs, Matthias, geb. 1968, Dipl.-Psychologe an der psychosomatischen Klinik des Uniklinikums Heidelberg.

[28] Orban, Rainer, geb. 1968, Dipl.-Psychologe.

[29] Ochs, Orban (2002), S. 37.

[30] Beck-Gernsheim, Elisabeth, geb. 1946, Professorin für Soziologie an der Universität Erlangen.

[31] Beck-Gernsheim (1994), S. 121.

[32] Ochs, Orban (2002), S. 38.

[33] Peuckert, Rüdiger, Professor für Soziologie an der Universität Osnabrück.

[34] Beck, Ulrich, geb. 1944, Professor für Soziologie an der Universität München. In: Beck; Beck-Gernsheim (1999).

[35] Beck (1996), S. 27.

[36] Beck (1996), S. 27.

[37] Beck-Gernsheim (1994), S.123.

Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638796354
ISBN (Buch)
9783638797306
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75196
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Erziehungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Entwicklung Familie Agrargesellschaft Dienstleistungsgesellschaft

Autor

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Titel: Die Entwicklung der Familie von der Agrargesellschaft bis zur Dienstleistungsgesellschaft