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Inszenierungen an der Schnittstelle von medialer Kultur und Geschlecht

Männlichkeiten in der Reality Soap Big Brother

Diplomarbeit 2001 126 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

0. Prolog

1. Einleitung

2. Die Konstruktion von Geschlecht

3. Die Herstellung von Männlichkeit

4. Die soziale Dimension der Medien

5. Big Brother

6. Epilog

7. Literaturverzeichnis

0. Prolog

Im platonischen Höhlengleichnis scheitert der, der sich von seinen Fesseln befreien kann und an das Licht der Sonne und an die Oberfläche gelangt, an dem Unglauben der im Schatten verbliebenen. Spannend an diesem Gleichnis scheint mir aber weniger die platonische Erkenntnistheorie, noch die messianische Vorstellung, zur ‚Sonne’ zu gelangen, zu höheren Weihen. Was mich irritiert, ist der Punkt, an dem der Sich-Losreißende die Wahrheit der Schatten entlarvt und als reale Dinge erkennt.

Sind diese Dinge aber wirklich wahr? Zuerst ist der Sich-Losreißende noch sicher: „Er würde das, was er vorher gesehen hat (die Schatten) , für wahrer halten als das, was man ihm jetzt zeigt (die Dinge)”[1]. Wieso beginnt er zu glauben, die Schatten seien nur Abbild der Wirklichkeit? Woher kommt der Wechsel im Erkennen und Denken? Mit welcher Gewissheit kann der Sich-Losreißende annehmen, die vorbeigetragenen Dinge seien real? Echt? Und wie verhält es sich mit dem, was er später unter dem Licht der Sonne erschaut, ist die Sonne wahr? Anhand welcher Erkenntnismodelle kann der Sich-Losreißende diese Behauptungen als Wahrheit, als Seele der Dinge konstituieren. Und - weil dieses auch eine Arbeit über die Frage nach dem ist, was gemeinhin als Realität angenommen wird - was passiert mit der Sicherheit der Realität, wenn auch die Sonne nur ein Feuer wäre, inszeniert, um dem Streben nach Wahrheit eine weitere Wendung hinzuzufügen? Was ist, wenn die Sonne nun ein - zum Beispiel medial erzeugtes - Symbol ist? Welchen Brechungen innerhalb einer kontingenten Vorstellung von Wahrheit entstehen, wenn wir die Parabel abends im Fernsehen sähen? Wenn sie eine Computeranimation wäre, ein Spiel? Was also ist die Realität mehr als eine Annahme, eine Fiktion, eine Idee der Wissenschaft. Vielleicht einfach eine Strategie, um sich in einer fremdartigen Welt zu versichern und sich diese so anzueignen und zu unterwerfen? Im Scheitern des Sich-Losreißenden liegt der entscheidende Teil des Dramas. Welche Wahrheit, welches Wissen erklärt die Wirklichkeit. Könnte es nicht sein, dass Wissen nicht abstrakt ist, die Erkenntnis im Lichte der Sonne lediglich eine andere, keinesfalls eine höhere? Ist Wirklichkeit kontextabhängig?

Und doch, die Realität ist wirklich[2], sie wirkt. „Man sage nicht, die Seele sei eine Illusion oder ein ideologischer Begriff. Sie existiert, sie hat eine Wirklichkeit, sie wird ständig produziert[3]. In gelehrigen Diskursen, durch Körper, in der symbolischen Ordnung. Dieser Wirklichkeit wird in dieser Arbeit nachgespürt. Die Vorstellung von Wahrheit, von der Gleichzeitigkeit von Wirklichkeit und Wahrheit wird angefochten werden. Ebenso die Vorstellung von der eindeutigen Unterscheidbarkeit, die Grenze, welche die Identität konstituiert. Mein Vorhaben bleibt notwendigerweise prekär, da die Arbeit immer mit aufruft, was sie verwerfen möchte. Die Methode folgt diesem Vorhaben, indem sie nicht nach starren Vorgaben, sondern suchend forscht. So dient die Methode in erster Linie der Entlarvung von allgemein gültigen Wahrheiten und nicht deren Neuproduktion.

1. Einleitung

Es begann mit kleinen Rissen,

Unstimmigkeiten, einem mikroskopischen

Abstand zwischen der Welt, von der man redete,

und der Welt, die tatsächlich da war

Lars Gustafson

Die Bedeutung einer symbolischen Revolution, die darauf zielt, die fundamentalen Prinzipien der männlichen Weltsicht in den Köpfen wie in der Wirklichkeit umzustürzen, sollte man nicht unterschätzen; denn die männliche Herrschaft ist das Paradigma (und oft das Modell und der Gegenstand) aller Herrschaft[4].

Männlichkeit und Herrschaft sind zwei Begriffe, die, wie in dem Zitat von Bourdieu deutlich wird, eng miteinander verwoben sind. Herrschaft als ungerechten Zugriff und Männlichkeit als Zumutung - so mein Verständnis - ist aber nicht unveränderbar und starr. Im Gegenteil, es ist sogar nötig, Herrschaft und Männlichkeit zu verändern, denn Herrschaft verhindert die Entwicklungsmöglichkeiten der Einzelnen und steht damit auch einer pädagogischen Vorstellung im Wege, die ihre Arbeit in der Unterstützung zu Selbstbefähigung und zum Abbau von Chancenungleichheiten sieht.

Das Thema Männlichkeit beschäftigt mich seit langer Zeit, zuerst auto-biographisch, später wissenschaftlich und seit Jahren in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen/jungen Männern im Kontext meiner Arbeit in der Jugendhilfe. Dabei existiert meiner Erfahrung nach inzwischen in verschiedenen Bereichen der Pädagogik sowohl auf der theoretischen, als auch auf der praktischen, handlungsorientierten Ebene ein Alltagsverständnis von Geschlecht als wichtige Strukturkategorie. Dies wird kaum mehr infrage gestellt, auch wenn es nicht für alle pädagogischen Einrichtungen, für alle unterschiedlichen Disziplinen und wissenschaftliche Diskurse in gleicher Weise gilt. Problematisch erscheint mir eher, dass sich das Verständnis auf eben der alltagstheoretischen Grundlage bildet und kaum in der Lage ist, über schematische Antworten hinwegzukommen[5]. Zusätzlich werden klassische Bestandteile von Männlichkeit unhinterfragt reproduziert: Heterosexualität, vermeintlich unterschiedliche Geschlechtercharaktere, bestimmte Rollenmodelle.

Dabei ist Geschlecht eine vertrackte Angelegenheit. Ein Modell von Macht, Zustimmung, Dominanz, Aus- und Einschluss, ein Modell der Zweigeschlechtlichkeit, der Natürlichkeit, der abendländischen Vernunft.

Dabei ist mein Verständnis von Männlichkeit kein ontologisches - Geschlecht und Männlichkeit werden in dieser Arbeit als soziale Konstruktionen[6] begriffen. Das bedeutet nun aber gerade nicht, dass die materielle Seite, die Körper[7], deswegen bedeutungslos seien. Verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, angefangen von der Transsexuellenforschung von Kessler/McKenna bis hin zum linguistic turn[8] zeigen, dass Geschlechter hergestellt, inszeniert, reproduziert und ausgerichtet werden. Die feministische Bewegung hat hier einen entscheidenden Beitrag zur Erhellung des Prozesses geleistet.

Im Zuge der Anfechtungen der Geschlechterwahrheiten durch den Feminismus und veränderte Arbeitsmarktbedingungen gerät auch die Kategorie Mann zunehmend in die Auseinandersetzung. Männlichkeit ist nicht mehr selbstverständlich, sondern erklärungsbedürftig. Dabei etabliert sich eine Sicht, die aufgrund der Veränderungen, die mit der ‚zweiten Moderne‘, der ‚Postmoderne‘, der ‚Risikogesellschaft‘, der ‚Globalisierung‘[9] einhergehen, von einer „Krise der Männlichkeit[10] spricht. Männlichkeit könne sich aufweichen, wird irgendwie weniger gewaltförmig. Durch den zunehmenden Erklärungsnotstand tradierter Männlichkeit[11] gäbe es die Möglichkeit, Alternativen zu entwickeln, sozialere, verantwortungsvollere. Es gibt die Hoffnung auf eine Art Enthierarchisierung von Männlichkeit[12]. Gleichzeit lassen sich Stimmen finden, die in einer solchen Modernisierung eher eine Verschärfung von männlicher Herrschaft erkennen. Ob sich Männlichkeiten nun verändern, soll in der Arbeit untersucht werden. Wie sind diese Veränderungen zu bewerten? Bildet sich eine mögliche Alternative heraus? Erweitern nicht Männer einfach nur ihre Handlungsoptionen, um ihre Dominanz unter veränderten Vorzeichen aufrecht erhalten zu können? Ein Anliegen meiner sowohl persönlichen als auch pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Thema ist die Suche nach Alternativen, Veränderungen, Brüchen, um die dem Konzept von Männlichkeit innewohnende strukturelle und persönliche Macht und Gewalt zu verringern, zu verändern, zu beseitigen, eine Suche nach Möglichkeiten zur Enthierarchisierung von Männlichkeit.

Fernsehen hingegen hat mein Interesse eigentlich so recht noch nie zu fesseln vermocht. Im Gegenteil, meistens langweile ich mich dabei, kann der Handlung oft nicht konzentriert folgen und widme mich nach einigen Minuten anderer Tätigkeiten. Dann kam Big Brother. 10 KandidantInnen, so die Idee des Formats, leben für 100 Tage in einem Container zusammen, ständig von mehreren Kameras gefilmt. Zusammen mit dem Ende des Studiums machte ich mir verschiedene Gedanken über ein Thema für meine Diplomarbeit. Seitdem die Serie „Dallas“ nicht mehr im deutschen Fernsehen lief, hat mich keine Sendung so interessiert wie Big Brother. Ich sage nicht ‚begeistert‘. Ich stehe der Idee, Menschen ständiger Überwachung auszusetzen, kritisch gegenüber, die Freiwilligkeit der KandidatInnen macht das nicht besser. Verwiesen sei hierzu auf den Diskurs über Sicherheit, Ordnung und Überwachung, in dem der öffentliche Raum zunehmend gesteuert und parzelliert wird, der Zugang unterliegt einer ausgefeilten Regulierung und Kontrolle[13]. Herrschaft – hier durch die ständige Überwachung manifestiert – funktioniert reibungsloser in Zustimmung als in Repression[14]. Fasziniert hat mich Big Brother trotzdem. Gesellschaftliche Tabus wie Privatsphäre, Überwachung und Kontrolle sowie die Grenzen von Fernsehunterhaltung wurden gebrochen, das Verhältnis von Realität und Simulation auf eine harte Probe gestellt, die Fähigkeit, aus scheinbar Nichts - außer dem höchst langweiligen, zeitweiligen Zusammenleben von zehn Menschen, zu Kultstatus und Marktsegment gebracht – Wert und Ideologie zu produzieren, wurde eindrücklich demonstriert. Erst einmal kein Thema für Männlichkeit?

Die dieser Arbeit zugrunde liegende These ist, dass die gesellschaftlich dargebotenen Inszenierungsmöglichkeiten von Männlichkeit[15] trotz gesellschaftlicher Veränderungen, auf ein tradiertes Bild hegemonialer Männlichkeit rekurrieren. Männlichkeiten verändern sich der These zufolge nicht in dem Maße, wie es die vielfache Rede um die Krise von Männlichkeit möglicherweise nahelegt. In vielen gesellschaftlichen Bereichen existiert eine traditionelle Vorstellung von Männlichkeit weiter, die mit Veränderung, Aufweichung, Vervielfältigung und Flexibilisierung nicht viel zu tun hat und haben will. Meiner Einschätzung nach haben die tradierten Bilder von Männlichkeit eine große Beharrungstendenz.

Ich verwende, entgegen der Ansicht von Connell und Meuser, den Begriff Männlichkeit in der Arbeit zumeist im Singular. Zwar ist es richtig, zu betonen, dass Männlichkeiten unterschiedlich sind, uneindeutig und widersprüchlich, ich glaube aber, dass der Begriff im Plural verwandt zu viel an Veränderung, Aufweichung und Flexibilisierung suggeriert. Er erweckt den Eindruck, Männlichkeiten sei brüchig. Die Ansicht habe ich lange Zeit geteilt, stelle sie jedoch mittlerweile wieder in Frage. An den Stellen, an denen die Binnendifferenzierungen bedeutsam sind, wird aber auch von Männlichkeiten die Rede sein. Aus dem gleichen Grund verwende ich die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit, bzw. Mann und Frau, nicht in Anführungszeichen. Diese Arbeit vertritt eindeutig die These, dass die Begriffe Konstruktionen sind, keine Wahrheiten. Sehr wohl aber Wirklichkeiten. Männer und Frauen sind gesellschaftlich vorfindbar, durch die „heterosexuelle Matrix[16] aufeinander bezogen und machtvoll normierend. Und, wenn ich Anführungszeichen im Bezug auf die Kategorie Geschlecht verwendete, um deren Konstruktionscharakter hervorzuheben, so müßten bei einer akribischen Vorgehensweise noch viel mehr Begriffe durch dieses Merkmal gekennzeichnet werden. Ich will aber gerade mit aufrufen, dass die Kategorie Geschlecht trotz aller Veränderungen bedeutenden Einfluss auf die Strukturierung von Gesellschaft und Individuen hat.

Gerade in seinem hochgradigen Inszenierungscharakter scheint mir Big Brother - als Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit - eine gelungene Porträtaufnahme dessen zu sein, was für Männlichkeiten im Moment gesellschaftlich inszenierbar bzw. marktkompatibel sind. Wenn Geschlecht und Männlichkeit eine Verhandlungssache sind, die in alltäglichen Praxen hergestellt und abgesichert werden, immer in Tateinheit mit geschlechtlich konnotierten Strukturen, dann stellt Big Brother eine besondere Schnittstelle dar, in der Privates exemplarisch im öffentlichen Raum dargestellt wird. Die immense gesellschaftliche Beachtung, die Big Brother erfahren hat, weist der Sendung eine Art ‚Stichwortgeberfunktion‘ zu. Der Diskurs, in den sich Big Brother einmischt, ist kein akademischer, es ist ein kultureller, ein popkultureller. Big Brother stellt die sichtbare ‚Spitze des Eisberges‘ populärer Männerbilder dar. Die Sendung ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum Diskurs um Männlichkeit. Spannend ist an Big Brother weiterhin, dass Begriffe wie Realität und Simulation, bzw. öffentlich und privat umdefiniert werden. Big Brother schafft Realitäten wie Authentizität, die aber – ebenso wie Geschlecht – auf sozialen und kulturellen Konstruktionen beruhen.

Die Arbeit ist wie folgt strukturiert:

In Kapitel 2 wird dargestellt, wie Geschlecht als eine soziale Konstruktion denkbar ist. Es wird gezeigt, dass die Kategorien von Geschlecht veränderbar sind und in diskursiven Praktiken hergestellt werden. Kapitel 2.1. beschäftigt sich mit Laqueurs Untersuchungen zum Wandel vom Ein-Geschlecht- zum Zwei-Geschlechter-Modell. Anschließend zeige ich, dass die momentane Auffassung von Geschlecht und Männlichkeit direkt an den Begriff des bürgerlichen Subjekts geknüpft ist. Das heißt nun nicht, dass die Konstruktion der Geschlechter eine beliebige Angelegenheit ist. In Auseinandersetzung mit den Ansätzen von Butler (Kapitel 2.2.1. und 2.2.3.) und Maihofer (2.2.2.) werde ich eine Vorstellung des Konstruktionsprozesses entwickeln, der die Materialität mitdenkt.

Im 3. Kapitel werde ich sozusagen die ‚Binnenstruktur‘ von Männlichkeit beleuchten. Unter Verwendung von Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit (Kapitel 3.1.), welche besagt, dass Männlichkeiten unterschiedlich ausgeformt werden können und sich nach normativen heterosexistischen Vorgaben ausrichten, wird ein differenziertes Bild der Struktur von Männlichkeit entworfen. Mit Bourdieu nähere ich mich unter Punkt 3.2. den Bedingungen für die je einzelnen Männer an, die ihre Position innerhalb der Geschlechterhierarchie festlegen. Ihre Position innerhalb des Geschlechterarrangements wird von den jeweils zugänglichen Kapitalen bestimmt. Die symbolische Ordnung der Geschlechter dient dabei der Aufrechterhaltung der hierarchischen Binarität. Die Geschlechterordnung der Moderne befindet sich, so wird in verschiedenen Diskursen eröffnet, momentan in Anfechtung. Unter 3.3 und 3.5. werde ich drei verschiedene Stränge nachzeichnen, deren Anfechtung sich auf Körperkonstruktion, Wandel der Erwerbsarbeit, veränderte soziale Anforderungen etc. beziehen.

Die Medien haben einen herausragenden Anteil an der Produktion und Reproduktion der als inszenierbar erachteten Männlichkeiten. In Kapitel 4 werde ich darstellen, wie Fernsehen die Trennung zwischen privat und öffentlich und zwischen Realität und Simulation verschiebt. Unter 4.2. werde ich allgemeine Überlegungen zur Rezeption anstellen, um dann die Besonderheiten in der Rezeption von Big Brother darzustellen. Anhand der Reality Soap Big Brother werde ich in Kapitel 5 überprüfen, inwieweit sich anhand der dort inszenierten Männlichkeiten eine Veränderung bestätigen oder verwerfen läßt. Dazu werde ich zuerst die Selbstdarstellung der Männer in „Deutschlands bekanntester WG[17] anhand von Videomitschnitten analysieren. Anschließend untersuche ich die Fremdinszenierung in verschiedenen Sekundärmedien wie der Bravo, um Unterschiede und Veränderungen in den Darstellungen herauszuarbeiten.

2. Die Konstruktion von Geschlecht

Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte

Pierre Bourdieu

Dem verbreiteten Alltagsverständnis von Geschlecht soll in dieser Arbeit durch eine Reflexion über die Art und Weise begegnet werden, wie Geschlecht produziert, hergestellt und vermittelt wird.

Ich werde dafür zuerst, unter Rückgriff auf Laqueur, exemplarisch den Wandel der Vorstellungen über Geschlecht vom Mittelalter zur Moderne nachzeichnen, um deutlich zu machen, dass Geschlecht und Männlichkeit soziale Konstruktionen sind und in je unterschiedlichen Zeiten, Orten, Klassen und kulturellen Zusammenhängen variabel sind. Der hier behandelte Zeitraum ist auch insofern von besonderem Interesse, da sich hier historisch jenes zu formen begann, was heute unter dem Begriff der bürgerlichen Moderne fungiert. Jene bürgerliche Moderne, deren Geschlechterordnung sich momentan in Anfechtung befindet und deren traditionelle theoretische Basis erklärungsbedürftig wird.

Der fundamentale Wandel erstreckt sich auf verschiedenste Bereiche, wie Wissenschaft, Religion, Wirtschaft und Politikverständnis, und setzt weitreichende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur und den Individuen in Gang. Begleitet wird die Umwälzung der Art zu denken und zu erkennen durch ein differentes Verständnis von der Beschaffenheit der Wirklichkeit. Der Diskurs ist nicht mehr derselbe, nicht sein Inhalt, nicht seine Felder und nicht die darin Sprechenden[18].

Grundlegend geändert hat sich auch die Definition des Mensch-Seins. Mensch-Sein wurde an die Vorstellung der Existenz eines Subjekts geknüpft, welches rational, authentisch, autonom und selbstbewusst konzeptioniert wurde. Eine wesentliche Hintergrundfolie des Prozesses ist es, dass der Mann zur Norm erhoben wird und aus dem Diskurs verschwindet. Mensch und Mann werden identisch und Norm, an der Andersartigkeit gemessen wird.

Die Vorstellung von der fundamentalen Differenz der Geschlechter ist (...) nicht nur ein historisch noch sehr junges Phänomen, sie ist auch konstitutiv mit der bürgerlichen Gesellschaft verbunden und keineswegs ein Überbleibsel aus vorbürgerlicher Zeit[19].

So ist die Binarität der Geschlechter keine absolute Größe, sondern ein historisches Produkt.

Im Weiteren entwerfe ich einen gedanklichen Rahmen, der zunächst ein Verständnis des Konstruktionscharakters von Geschlecht herstellt. Hier werde ich die Theorien von Butler und Maihofer darstellen und diskutieren. Butlers Ansätze dienen mir mit ihrer radikalen Zuspitzung der Bedeutung von Sprache zur Erhellung des Konstruktionscharakters von Geschlecht. Maihofer stellt einen spannenden Einwand gegen ihre Position dar. Sie liefert zusätzlich einen guten Überblick über unterschiedliche Theorieansätze und entwirft einen interessanten Ansatz, um das Verhältnis von Diskurs und Materialität zu denken. Damit erhalte ich einen Rahmen, der die Überlegungen zu den momentanen Veränderungen in der Vorstellung von Geschlecht und Männlichkeit theoretisch gründet. Dabei wird Geschlecht nur über die Binarität von Männlichkeit und Weiblichkeit als relationale, binäre und hierarchische Konstruktionen hergestellt.

2.1. Die Geschichte der Geschlechter

2.1.1. Unterschiede in Gleichheit

Ein systematischer Blick in die Vergangenheit der Geschlechter macht deutlich, dass die Vorstellung von und damit auch Geschlecht an sich eine soziale Konstruktion ist. Laqueur zeigt, dass vor dem 18. Jahrhundert die Idee von einem Ein-Geschlecht-Modell galt, d.h. ein Wissenschaftsmodell, welches aus nur einem biologischen Geschlecht die sozialen formt. „Über Tausende von Jahren hatte als Allerweltsweisheit gegolten, dass Frauen über die selben Genitalien wie Männer[20] verfügen. Der einzige Unterschied war, dass „ihre innerhalb und nicht außerhalb des Körpers sind[21]. Daraus folgt nun mitnichten eine gesellschaftliche Gleichbehandlung oder die Nicht-Existenz der Kategorien Mann und Frau. Laqueur betont gerade, dass Frauen in dem Modell zwar „genau die gleichen Organe, aber an genau den falschen Plätzen[22] haben, und folgert für das damalige Denken: „Frauen sind nach innen gekehrt, also weniger vollkommen[23]. Die Hierarchisierung verläuft entlang des Kriteriums Vollkommenheit, denn „der Standard der menschlichen Körper und seiner Repräsentation ist der männliche Körper[24]. Dabei baut die Hierarchie der Geschlechter nicht auf ihrem vermeintlichen Unterschied auf, eher illustriert der Unterschied die soziale Differenz. Die Verbindung von Geschlecht und Hierarchie wird auch in einer Interpretation der aristotelischen Vorstellung deutlich: „Eine Frau ist ein weibliches Wesen, das frei ist; ein Mann ein männliches, das Bürger ist; ein Sklave ist eine Person, deren sexuelle Identität ohne Belang ist[25]. Hierin drückt sich ein Denken aus, das einer ganzen Personengruppe einen sexuellen und damit auch einen bestimmten geschlechtlichen und gesellschaftlichen Status verweigert und in dem System der Geschlechter unterschiedliche Hierarchien legitimiert. Gleichzeitig ist das Geschlecht an den sozialen Status als Bürger, Frau oder Sklave gebunden.

Diese Vorstellungen war nun aber nicht nur eine Allerweltsweisheit, sondern ebenso Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion und gerichtlicher Praxis.

Das grundlegend andere Verständnis von Geschlecht basiert, so Laqueur, auf einer gänzlich verschiedenen Vorstellung von der Beschaffenheit der Welt. So bildet sich Geschlecht, aber auch sozialer Stand, Gottesgefälligkeit und Ähnliches entlang von Achsen, anhand derer Bedeutung konstruiert und zugemessen wurde. Die Form war nicht schon immer Bedeutungsträgerin, sondern wurde, je nach Position auf der Achse, mit Bedeutung versehen. Die Gegensätze männlich/weiblich, Natur/Kultur, heiß/kalt... wurden „auf den Leib geschrieben[26] und waren nicht schon in ihm enthalten. Oder mit Laqueur:

Weil er (der Leib) als veranschaulichend und nicht als determinierend verstanden wurde, konnte der Ein-Geschlechter-Leib Verschiebungen beliebiger Zahl sowohl in den Achsen als auch in den Bewertungen von Unterschieden erfassen und absorbieren.”[27]

So konnten Männer und Frauen die gleichen Eigenarten und Charaktermerkmale besitzen. Zusammenfassend läßt sich mit Dürr formulieren: „Sowohl Männer als auch Frauen waren (...) von beiden Prinzipien durchdrungen. Die Geschlechter trennte infolgedessen nur ein gradueller, aber kein wesensmäßiger Unterschied[28].

Männlichkeit und Weiblichkeit orientierte sich an einer Einstufung in die Prinzipien aktiv und passiv[29], so dass im Falle gleichgeschlechtlicher Sexualität die eingenommene Rolle entscheidend war. Aktive Männer in der Homosexualität galten weiterhin als Männer, passive Männer als Frauen und vice versa[30]. Eine solche Sicht verweist aber auch darauf, dass Männer und Frauen als unterschiedliche soziale Gruppen gedacht wurden. Zum Beispiel galten unterschiedliche Begriffe von Ehre. Die Ehre der Frau ist an ihre sexuelle Integrität gebunden, die des Mannes ist ständisch und habituell[31].

Zusammenfassend läßt sich festhalten, dass sich das gesicherte Wissen der damaligen Zeit sehr wohl auch an den Körpern orientiert, allerdings eher als Spiegelbild gesellschaftlicher Ordnung, die Körper sind wesentlich weniger stark fixiert[32].

Generell vertritt Laqueur die These, dass „das biologische Geschlecht (sex) oder der Leib als das Epiphänomen verstanden werden muß, während sich das soziale Geschlecht (gender)[33], das wir als kulturelle Kategorie fassen würden, primär oder real war[34].

Hier deutet sich aber eine gravierende Schwierigkeit in Laqueurs Untersuchung an. Auch wenn er die Bedeutung des Körpers als kulturell erzeugt betrachtet, so argumentiert er gleichzeitig auf der Annahme einer grundlegenden Unterscheidbarkeit von Männern und Frauen. Die Existenz der beiden Kategorien und ihr notwendiger Bezug aufeinander wird in der Untersuchung nicht problematisiert. Mögliche Alternativen werden nicht gedacht, Laqueur verharrt in der Dualität der (sozialen) Geschlechter und deren heterosexuellem Bezug. In Anerkennung ‚realer’ biologischer Unterschiede definiert Laqueur selber den Unterschied zwischen Männern und Frauen entlang des Besitzes einer Gebärmutter[35]. Durch Formulierungen wie: „Es geht mir nicht darum, die Wirklichkeit des Sexus (...) zu leugnen[36] konstruiert er selber die Selbstverständlichkeit biologischer Kriterien und der Notwendigkeit heterosexuelle aufeinander bezogener Geschlechter. So kann er zwar die Kategorie Geschlecht und ihre Veränderungen beschreiben, aber nicht ihre Produktion; Geschlecht bleibt ein Effekt des Körpers.

Eine andere Kritik formuliert Dürr, die Laqueur vorwirft, eine zu buchstabengetreue Lesart zu benützen, bei welcher der „metaphorische Sinn[37] der interpretierten Texte verloren ginge. Laqueur gebe als Wahrheit der Texte aus, was eigentlich lediglich seine Interpretationen sind.

2.1.2. Die Aufklärung, die Moderne, die neuen Bürger

Es gibt Freunde und Feinde. Und es gibt Fremde.

Zygmunt Baumann

Die Veränderung des Denkens und des Wissens, die im 18. Jahrhundert einsetzt, bezieht sich auf vielfältigste gesellschaftliche Bereiche: Familie, Ökonomie, Technik, die (Wieder-)Entdeckung der Naturwissenschaften, die Kolonialisierung außereuropäischer Erdteile[38]. Dieses geht einher mit einem Wandel in den grundlegenden Essenzen des Denkens der Menschen. Der Wandel basiert auf der Durchsetzung der Idee der abendländischen Vernunft, der Entwicklung von Subjekten und einer distinktiven Weltsicht. Die Distinktion ist dabei wesensmäßig und ausschließlich, die Differenz konstituiert und definiert die „Ordnung der Dinge[39]. Jedes Ding, jedes Individuum wird zu einem Gegenstand epistemologischer, zuerst naturwissenschaftlicher, später auch geistes- und erziehungswissenschaftlicher Untersuchungen[40] und mit der Vorstellung eines wahren Kerns, einer Essenz versehen. Entscheidend ist dafür die „Nachfrage nach Wissen[41], welches die Stelle des Glaubens einnimmt und Wahrheit und Wirklichkeit produziert. Der Diskurs über das wahre Wesen der Dinge, erkannt und geschieden in aufwendigen, sich ständig vermehrenden Verfahren, hält Einzug.

Descartes Paradigma: „Ich denke, also bin ich[42] beinhaltet, paradigmatisch für den neuen Zeitgeist, drei wesentliche Annahmen, die nun bedeutungsvoll werden: die Existenz eines selbstbewussten ‚Ichs’, die Privilegierung des Denkens, der Vernunft, des homo sapiens, und die Vorstellung vom Sein, von Materialität. Das bürgerliche Subjekt wird geboren, oder genauer: es gebiert sich selbst. Aus dem Subjektbegriff entwickelt sich die Vorstellung eines authentischen, autonomen, bürgerlichen (und stillschweigend männlichen) ‚Ichs’. Das ‚Ich’ ist, so Trenkle, sprachlich nur in den modernen europäischen Sprachen angesiedelt. Er zeigt auf, dass viele nicht-europäischen Kulturen kein abgegrenztes Subjekt kennen, sondern häufig eher Kollektiv- oder Gemeinschaftsidentitäten besitzen. Das moderne Subjekt hingegen ist der Gesellschaft immer als vorgängig angenommen, die Gesellschaft erscheint als abgeleitete Struktur[43]. Dabei ist diese Annahme ein tautologischer Schluss, das Subjekt definiert sich über sich selbst.

So werden zwei, und eben genau zwei, anhand vermeintlich klarer biologischer Kriterien unterscheidbare Geschlechter entdeckt. „Man erfand zwei biologische Geschlechter, um den sozialen eine neue Grundlage zu geben[44].

Mit den aufkommenden, naturwissenschaftlichen Methoden wandelt sich nun auch langsam die Vorstellung von Geschlecht.

Während vorher die Verschiedenheiten auf einer Achse gradueller Unterschiede situiert waren, wobei der Mann den Maßstab größerer oder geringerer Vollkommenheit darstellte, werden sie jetzt dagegen in binär-hierarchischer Opposition einander entgegengesetzt, wobei der Mann zum Maßstab absoluter Verschiedenheit wurde und die Frau zum ‚Anderen’ schlechthin[45] .

Neu an dem Modell ist, dass es seinen Wirkungsanspruch auf alle erhebt. Wurden früher nur eklatante Abweichungen von der Geschlechterordnung als Sünde verfolgt und reglementiert, so setzt sich nun ein wissenschaftlicher Fokus durch, der die Aufrechterhaltung der Norm und die Fortpflanzung der gesunden Art in den Verantwortungsbereich der je einzelnen definiert[46].

Während früher lediglich vor Gericht festgestellt werden musste, dass ein Geschlechtswechsel stattgefunden hat, so setzt nun „das grausame Spiel der Wahrheit[47] ein, bei dem ein aufwendiges medizinisches und psychologisches Prozedere in Gang gesetzt wird.

Mit dem Aufkommen des Bürgertums als hegemoniale Klasse beginnt auch eine neue Form der Ausgrenzung von Frauen. In der gleichen Bewegung, die das bürgerliche Subjekt stillschweigend als männlich entwirft und Mensch-Sein mit Mann-Sein in eins gesetzt wird, vollzieht sich die Etablierung einer weibliche Sonderanthropologie[48] und des Ausschlusses von Frauen aus der öffentlichen Sphäre. Der wissenschaftliche Fokus richtet sich auf die Erforschung und Fixierung von Frauen. Die Frau wird Hausfrau und Mutter. Der Mann wird Bürger, der Bürger wird Mann. Die mit der Festschreibung einhergehende Einengung der Ausgestaltungsmöglichkeit von Geschlecht „war hervorragend geeignet für die wachsende Aufteilung zwischen Arbeit und Heim, wie sie vom frühindustriellen Kapitalismus gefordert wurde[49]. Gleichzeitig stellt die Kultur des Bürgertums „eine Selbstaffimierung und Selbststilisierung des bürgerlichen Mannes gegenüber dem männlichen Adel sowie den Bauern und Proletariern dar[50]. Der distinktive Entwurf des bürgerlichen Mannes stilisiert auch die bürgerliche (Ehe-) Frau, die aus der Proklamation besonderer weiblicher Eigenschaften einen Machtgewinn gegenüber anderen Weiblichkeitsmodellen zu ziehen vermag[51].

2.2. Und so wird’s gemacht: Geschlechter

Am Anfang war das Wort,

und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe geworden.

Johannes-Evangelium

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion, verwoben mit den jeweiligen gesellschaftlichen Diskursen und Praktiken. Darin unterscheidet sich Geschlecht nicht von anderen identitären Merkmalen, wie Klasse, Ethnie, sexuelle Orientierung, Gesundheit. Die soziale Konstruktion von Geschlecht in der bürgerlichen Moderne rekurriert dabei auf die Dichotomie sex / gender. Abgesehen von Ansichten, die auch den Bereich des sozialen Lebens in den Wirkungsbereich der Natur (Hormone, Gene, Physiognomie; je nach Mode) verschieben, herrscht heute die Vorstellung von einem Sozialen, das irgendwie auf die Natur einwirkt, vor. Die Vorstellung, das Geschlecht würde einem Körper quasi übergestülpt, verfehlt aber den Charakter des Konstruktionsprozesses. Diese Annahme impliziert nämlich, dass es einen Körper gibt, auf den das Geschlecht geschrieben wird, ein Rest von Körper, der der Sprache vorgängig ist. Ein Stück der Wahrheit der Biologie. Das bedeutet letztendlich, dass jegliche Trennung in ein körperliches und ein soziales Geschlecht auf einen außerhalb der Gesellschaft stehenden Rest verweist, eben den neutralen Körper[52]. Der Rest wird zudem mit der Bezeichnung ‚natürlich’ versehen, was sein Bestehen unangreifbar festklopfen soll. Sex wird damit, nach Butler, zur „Konstruktion des radikal Nicht-Konstruierbaren[53]. Oder, anders formuliert, ist es deutlich erkennbar, dass die Strategie der Naturalisierung darauf abzielt, den Körper als etwas Starres und Unveränderbares und damit als Basis für diverse Machtstrategien zu präsentieren. In dem folgenden Kapitel soll nun gezeigt werden, wie Geschlecht in seiner Konstruiertheit begriffen und gleichzeitig das Problem der Materialität berücksichtigt werden kann.

2.2.1. Gender trouble und Diskurse

„When I use a word,” Humpty Dumpty said in rather a scornful tone,

„it means just what I choose it to mean – neither more nor less.”

The question is, ” said Alice,whether you can

make words mean different things.”

The question is,” said Humpty Dumpty,

which is to be the master – that’s all.”

Alice in Wonderland

Butlers Buch „gender trouble“ hielt in der Rezeption, was der Titel versprach. Die Thesen sorgten nach Erscheinen für intensive Diskussionen und eine verstärkte Auseinandersetzung über das Verhältnis von Sprache, Körper und Geschlecht. In ihrem Buch plädiert sie für eine kritische und subversive Theorie des Geschlechts, die diskursive Machtstrategien aufdecken und nach Möglichkeit verschieben soll. Sie spricht dafür, dass nicht die Geschlechtsidentität (gender) als Folge des ‚natürlichen’ Geschlechtskörpers abgeleitet werden kann, sondern dass sex als Teil von gender gesehen werden muss. Die soziale Geschlechtsidentität ist so machtvoll, dass auch die scheinbare Vordiskursivität des Geschlechtskörpers als Effekt des Sozialen begriffen werden kann. Gender beinhaltet demzufolge auch die diskursiven Mittel, um sex als ‚natürlich’ gegeben erscheinen zu lassen, und verschleiert dadurch genau die diskursive Produktion des sex. Butler benennt die Vorstellungen über Geschlecht insgesamt als Machtstrategie, die durch einen diskursiven Prozess der Naturalisierung in und an Körpern eine Bipolarität (zwischen Männern und Frauen) konstruiert, die als Grundlage sämtlicher Erscheinungsformen von Sexismen dient.

Butler zufolge ist die Identität einer Person nicht ohne ihre Geschlechtsidentität zu denken.

Das machtvolle Feld, in dem sich diese Konstitution und Verwerfung von Identitäten vollziehen, bezeichnet Butler allgemein als die „kulturelle Matrix”[54]. Eine der wichtigsten Strukturierungsraster ist die der heterosexuellen Matrix . Butler schreibt hierzu:

Der Begriff ‚heterosexuelle Matrix´ steht in diesem Text für das Raster der kulturellen Intelligibilität, durch das Körper, Geschlechtsidentitäten und Begehren naturalisiert werden. (...) Damit die Körper eine Einheit bilden und sinnvoll sind, muß es ein festes Geschlecht geben, das durch eine feste Geschlechtsidentität zum Ausdruck gebracht wird, die durch eine zwanghafte Praxis der Heterosexualität gegensätzlich und hierarchisch definiert ist[55].

Butler versucht eine Infragestellung der als allgemeingültig gesetzten Aussage, dass hinter jeder Tätigkeit (agency) auch ein Täter bzw. eine Täterin (agent)[56] steht. Eine derartige Infragestellung bedeutet einen Angriff auf das handelnde Subjekt[57]. Butler begründet ihre Kritik am Subjektbegriff damit, dass wichtige Akte der Konstruktion von Geschlecht und damit von Identität in einem „intertextuellen Raum”[58] stattfinden, der durch performative Akte konstruiert wird. Performativität meint den Vollzug einer Handlung durch den Sprechakt[59]. Anders gesagt, Sprache hat die Macht, allein durch Bezeichnungen oder, wie Butler sagt, „Bezeichnungspraxen” materielle Handlungen hervorzubringen, es gibt keinen Täter, keine Täterin. Das Mächtige und Listige an der Sprache, so Butler, sei nun gerade der Anschein, den sie erweckt, lediglich etwas vorgängig Existierendes, Grundlegendes und Unabänderbares zu beschreiben. Sprache ist also in der Lage, die in ihr wohnende Macht der Hervorbringung zu verschleiern[60]. Obwohl es den Anschein hat, als würde Sprache lediglich ein Werkzeug sein, um einen Körper zu beschreiben, dessen materielle Substanz eben der Bezeichnung vorhergeht, ist die Sprache eben nicht der Effekt der Materie, sondern produktiv und konstitutiv. Erst im Moment der performativen Bezeichnungsakte werden Körper hervorgebracht. Durch die Analyse der Untrennbarkeit des Signifikats, also das zu Beschreibende, und des sprachlichen Signifikanten hat Butler die der Bezeichnungspraxis scheinbar vorgängige Materialität als Fiktion entlarvt.

Veränderungen innerhalb der heterosexuellen Matrix denkt sich Butler entlang der Strategie der Parodie, wie zum Beispiel durch cross-dressing. „Die Handlungsmöglichkeit ist in der Möglichkeit anzusiedeln, die Wiederholungen zu variieren[61]. Diese parodistischen Variationen können für Verwirrung und Unsicherheit in den traditionellen Diskursen sorgen und sie somit beeinflussen.

2.2.2. Geschlecht als Existenzweise

An der Position von Butler kritisiert Maihofer nun, dass ihre „epistemologischen Überlegungen zur allgemeinen ontologischen Aussage, derzufolge es letztlich unterschiedslos nur Sprache gibt[62], führen. Die immense Bedeutung der Sprache bei Butler führt selber zu absoluten Aussagen und Wahrheiten, nämlich: „der Körper und das Geschlecht sind in Wahrheit nur eine ‚Fiktion’[63]. Der Diskurs wird zum neuen Subjekt, allem vorgängig und wahrhaftig. Butler kippe damit radikal und ausschließlich auf eine - die diskursive - Seite der Dichotomie Natur/Kultur und überwindet die Dichotomie so gerade nicht.

Demgegenüber schlägt Maihofer eine andere Vorgehensweise vor. Die von ihr angestrebte Neubestimmung von Geschlecht muss erstens die Dichotomie zwischen Natur und Kultur, Körper und Geist als historisch gewachsene Praxis begreifen. Sie muss sich zweitens bewusst sein, dass es jenseits des Denkens und Erkennens in Dichotomien keine wissenschaftliche Sprache gibt; deswegen bleiben alle Versuche, diese zu überwinden, notwendigerweise prekär. Drittens wird die Frage nach der Bedeutung und dem Stellenwert der Natur bei ihr theoriepragmatisch ausgeklammert. Da die Frage momentan nicht abschließend zu klären ist, kann zwar über sie weiter gestritten und geforscht werden, für ihr Forschungsvorhaben reicht es Maihofer aber festzuhalten, dass der Punkt nicht eindeutig beantwortbar ist und deswegen von ihr nicht bearbeitet wird. Dementsprechend ist die Betrachtung von Geschlecht als gesellschaftliche Konstruktion eine theoriepragmatische und keine ontologische Aussage[64].

Wichtig für ihre Arbeit ist der Begriff des hegemonialen Diskurses[65], den sie an Foucault anlehnt[66]. Dabei wird der Diskurs nicht nur als gesprochene Sprache, sondern als „Handlungsweise, Körperpraxis, Naturverhältnisse, Kunst, Architektur etc.[67], bzw. als eine Kombination aus verschiedenen Elementen, verstanden. Die einzelnen Beiträge zu dem Diskurs können unterschiedliche Reichweite und Bedeutung haben, wichtig ist, dass sie sich auf eine gemeinsame Ähnlichkeit beziehen. Hegemonial wird ein Diskurs, „wenn er innerhalb einer Gruppe, Klasse, Gesellschaft oder gar gesellschaftsübergreifend dominiert, in dem er z.B. die herrschenden Normen, Werte und Verhaltensstandards einer Gesellschaft konstituiert[68]. Die Dominanz, ein Begriff, den sie synonym mit Hegemonie verwendet, drückt sich nicht notwendigerweise repressiv aus, sondern funktioniert zumeist durch ein System von Anreizen hervorbringend[69]. Wichtig ist Maihofer die Feststellung, dass Dominanz kein, oder nicht ausschließlich ein, von außen aufgenötigter Zugriff ist, sondern genauso ein Prozess der Selbststilisierung und Selbstkonstituierung[70]. Dabei bleibt der Diskurs nicht äußerlich, nicht deskriptiv, sondern bringt die Materialität der Körper gleichsam hervor.

Die Materialität versucht Maihofer mit dem Terminus von Geschlecht als gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise zu verdeutlichen. Der Begriff rekurriert auf Althussers Versuch, Ideologien nicht als - marxistisch verstanden - falsches Bewusstsein, sondern als „materielle Existenz[71] zu begreifen. Damit will sie versuchen, die Dichotomie zwischen Geist und Materie theoretisch aufzuheben. Die Frage nach der Vorgängigkeit von Idee oder Praxis gibt sie zugunsten der Vorstellung vom „Verhältnis der Gleichursprünglichkeit[72] auf, beides fällt untrennbar in eins. So kann die Annahme von Geschlecht als Existenzweise erstens die materielle Existenz, gegenüber der Vorstellung von Geschlecht als reines Bewusstseinsphänomen, mitdenken. Zum zweiten soll gegenüber dem Entwurf von Geschlecht als Effekt, als gleichsam äußere Struktur, auf einer körperlichen und seelischen Materialität beharrt werden. Drittens will sie gegenüber identitären Konzepten eine Vorstellung von Historizität entwickeln, die auf Materialität bezogen werden kann, ohne Stützpunkte in einer vermeintlichen natürlichen Basis suchen zu müssen. „Insofern stellt diese Auffassung eine begriffliche Balance zwischen Natur und Kultur, Körper und Geist, Materie und Bewußtsein her[73]. Um ihre Auffassung zu unterstreichen, unternimmt sie eine Präzisierung des Begriffes Existenzweise durch die Adjektive gesellschaftlich - kulturell.

Maihofer leitet ihre Vorstellung von Materialität mit dem Verweis ein, dass nicht nur sex immer schon gender ist, sondern dass in der Umkehrung gender auch immer eine materielle Seite besitzt.

Ausdrückliches Ziel ist aber, sich die Materialität des Geschlechtskörpers als etwas vorzustellen, was von der Macht oder der Norm des biologischen Geschlechts hervorgebracht wird, also als etwas, was nicht vorher existiert hat, ohne zugleich zu behaupten, der Geschlechtskörper (...) würde von der Norm des biologischen Geschlechts erzeugt, existieren also vorher nicht”.[74]

Dabei strukturiert die Norm der biologischen Geschlechter - und nicht Geschlecht selbst - die Art der Wahrnehmung des Körpers (die Inkorporierung verleiht der Norm gleichzeitig eine große Stabilität). Auch wenn der gesellschaftlich erzeugte Geschlechtskörper genau nicht durch sex verursacht wird, existiert Geschlecht nur durch dessen Normierung und durch die normierten Körper als Stützpunkte des Diskurses.

Wie oben ausgeführt, konnte die Norm der modernen Geschlechterordnung erst in einem langen Prozess des Wechsels vom Ein-Geschlecht- zum Zwei-Geschlechter-Modell durchgesetzt werden. Dabei umfaßt die Norm ein ganzes Set an körperlichen Praxen, Gesten, Gefühlen etc., welche in der Binarität zwischen Mann und Frau eindeutig und zweifelsfrei zugeordnet werden können[75]. Als zentrales Strukturelement für die Produktion von geschlechtlich eindeutigen Körpern benennt Maihofer, „daß alle diese verschiedenen Praxen wie Existenzweisen binär in ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ codiert sind und daß diese binäre Codierung zweitens zugleich patriarchal hierarchisch ist[76]. Hier führt sie den Machtbegriff in ihr Modell mit ein, der Körper erst durch die Ausschließlichkeit der Binarität in das Machtverhältnis zwingt, welches ihn zum Frauen - oder Männerkörper macht. Gleichzeitig bringt diese Zuschreibung die binäre Welt mit der ihr innewohnenden Hierarchie auch immer wieder hervor. Dabei bezieht sich die Hierarchie nicht nur auf unterschiedliche Wertigkeit von Männern und Frauen, sondern auf die Errichtung des Maßstabes Mann gleich Mensch einerseits und Frau als das Besondere andererseits. Die herrschende Vorstellung erweist sich „als eine Verallgemeinerung ‚männlicher’ Denk-, Gefühls- und Handlungsweisen[77]. Macht ist dabei nicht zielgerichtet, sondern in enger Anlehnung an Foucault ein Kräfteverhältnis. „Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall[78]. Dementsprechend gibt es kein außerhalb der Macht, sondern produktive, vielschichtige Relationen. In Verlängerung und als Veranschaulichung des Gedankenganges würde ich schlussfolgern, dass es kein außerhalb der Geschlechter gibt. Jeder Versuch, die Binarität zu durchkreuzen, wird gesellschaftlich sanktioniert[79].

Jedes geschlechtliche Machtverhältnis wird in Form von Recodierung in Mikropraxen erzeugt und führt dazu, dass einzelne Individuen nicht nur als Mann oder Frau identifizierbar sind - und zwar genau, ausschließlich, eindeutig und unveränderlich -, sondern dieses auch sind in dem Sinne einer Selbstidentifikation und einer Selbstdarstellung, sie existieren gleichsam wirklich für sich und andere als Frau oder Mann[80].

Daraus folgt nicht nur die offensichtliche Ungleichheit, sondern für Frauen generell die Unmöglichkeit, selbstauthentisches Subjekt zu sein, da sie sich ihren Subjektstatus immer schon innerhalb einer männlichen Definition von Subjekts errichten müssen[81].

Maihofer verweist darauf, dass die Individuen nicht nur durch einen einheitlichen Geschlechterdiskurs, sondern auch durch Klasse, Ethnizität etc. konstituiert werden. Die Diskurse können dabei lokal differieren und vielfältig miteinander verwoben sein.

Als strategischen Ausweg schlägt sie eine Anerkennung der Geschlechterdifferenz vor, nicht um die Differenz zwischen den Geschlechtern zu ontologisieren, sondern auf der Grundlage einer generellen Anerkennung von Differenzen[82].

2.2.3. Materialität, Norm und Sprache

Unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau

Friedrich Nietzsche

Butler greift die Kritik an ihrem ersten Buch auf und analysiert in dem Folgewerk „Körper von Gewicht“ die materielle Ebene von Geschlecht. Ihr Vorschlag ist

eine Rückkehr zum Begriff der Materie, jedoch nicht als Ort oder Oberfläche vorgestellt, sondern als ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkungen von Begrenzungen, Festigkeit und Oberfläche herstellt, den wir Materie nennen[83].

Der Körper werden dabei als Wirkung einer Machtdynamik erfasst, sie sind in ihrer Materialität also nicht trennbar von der machtvollen Norm, die sie reguliert, aber auch erst in den Grenzen der Norm konstituiert. Der Körper ist nicht einfach Sprache, nur eine linguistische Position, aber er steht mit der Sprache in einem direkten Zusammenhang. Denn zum einen kann sich die Materialität nicht außerhalb der Sprache begeben, andererseits wirken Zeichen nur dadurch, dass sie erscheinen, und sie erscheinen mit materiellen Mitteln[84]. „Stets schon im anderen mitenthalten, immer schon über das andere hinausschießend, sind Sprache und Materialität niemals vollkommen identisch noch vollkommen verschieden[85]. Einen Platz in der Sprache zu haben, als sprechendes Subjekt anerkannt zu werden, bedeutet, die Norm, das Gesetz der Heterosexualität eingeschärft zu bekommen und in Übereinstimmung mit dem Gesetz materialisiert, körperlich formiert und reguliert zu werden.

Foucault beschreibt den Wahnsinn als das notwendigerweise Verworfene der Vernunft[86], oder die Entdeckung der Perversionen als Kehrbewegung zur Installierung der normativen, der ‚objektiv richtigen’ Sexualität. Die Figur ähnelt der Butler‘schen Annahme bezüglich der Konstituierung eines sexuellen Subjektstatus, einer sexuellen Identität. Der Bereich des aus der Norm ausgeschlossenen markiert erst die Differenz, die Grenze und verdichtet so die Identität, die jeweils genau so und nicht anders ist und sein kann. Es ist konsequenterweise verfehlt, anzunehmen, dass Identitäten abschließend angenommen werden. Identifizierungen werden zwar als gewünschtes Ereignis präsentiert und privilegiert, sie sind aber lediglich die phantasmatische Inszenierungen eines Ereignisses. Identitäten sind nicht fest, sondern bedürfen der ständigen Wiederholung und Wiederherstellung. Die Identifizierung mit einem Geschlecht verläuft immer im Bezug auf ein Gesetz, ein Verbot, eine Verwerfung, verknüpft mit der Drohung, gegen das Verbot zu verstoßen, wenn die Identifizierung nicht erfolgt.

Allerdings betont Butler im Bezug auf die Macht der Hervorbringung stärker als Foucault in seiner Analyse der ‚Repressionshypothese‘ die Bedeutung des Außen, des Verworfenen und Verbotenen. Der Diskurs regelt die materiellen Effekte, die er hervorbringt, durch die Ausgrenzung des Unsagbaren und die Wiederholung der Wahrheit. Butler weist damit die Vorstellung, dass die soziale Bedeutung in die Körper hineingedrängt wird, zurück. Wenn das biologische Geschlecht – so ihre Argumentation – seine soziale Bedeutung erst vollständig durch die soziale Konstruktion erhält, dann bleibt nichts Biologisches übrig, was beschreibbar sein könnte[87]. Dabei ist die Frage, wer denn die Konstruktion konstruiere, falsch gestellt, da sie von der Existenz von etwas Vorgängigem ausgeht, diese Denkstruktur an sich aber nicht den Charakter von sozialer Konstruktion zu fassen vermag.

Ihr Fokus richtet sich nicht darauf, wie das soziale Geschlecht konstruiert wird, sondern fragt: „Durch welche Normen wird das biologische Geschlecht selbst materialisiert ?”[88] Performativität als ständiges Wiederzitieren ermöglicht keine freie Wahl des Geschlechts, die Norm des Geschlechts bezieht ihre Macht aus dem Erzwingen des Zitates. Die Norm ist diejenige der heterosexuellen Hegemonie. Das ‚symbolische Gesetz‘ der Geschlechter funktioniert nur auf der Grundlage der ständigen Neuformulierung des Gesetzes. Ein Gesetz ohne Aktualisierung wäre – so Butler – kein Gesetz, sondern ein (religiöses) Gebot. Das Gesetz bezieht seine Macht aus der Norm, die mit ihm immer wieder aufgerufen und bestätigt wird und eben nicht aus dem einmaligen Akt des Rechtsprechens. So ist dann auch der Zwang zur Wiederholung der eigentliche Antrieb der Performativität. Materialisierung kann verstanden werden als „ein Erlangen des Daseins durch das Zitieren von Macht, ein Zitieren, das in der Formierung des ‚Ichs‘ ein ursprüngliches Komplizentum mit der Macht herstellt[89].

Sie erweitert ihren theoretischen Ansatz also einerseits um einen Performativitätsbegriff, der stärker auf die Zitierung der Norm ausgerichtet ist, und andererseits wendet sie sich intensiver der verworfenen Seite, dem Verbotenen, zu. Dementsprechend wandelt sich auch ihr Begriff von Veränderung. Nicht mehr die Vervielfältigung von Geschlechtern, welche die heterosexuelle Matrix verwirren, wird von ihr als Strategie vorgeschlagen, sondern die Privilegierung von Gegenentwürfen, die dann die Norm bloßstellen. Es geht stärker darum, die normativen Begriffe in ihrem Imaginären zu entlarven[90]. Ihr Gedanke des lesbischen Phallus ist keine Parodie eines realen, heterosexuellen Phallus, sondern die Umschreibung einer immer schon imaginären Identifizierung[91].

Eine letzte theoretische Wendung erhält ihr Werk in ihrem Buch „Hass spricht“. Hier beleuchtet Butler, wie Subjekte erst durch die Ansprache in den Kreis derer, die für sich als Subjekte sprechen dürfen, eintreten. Durch Sprache werden Subjekte konstruiert, zum Teil auch über jenes, was nicht gesagt wird oder gesagt werden kann. „Durch den Namen werden die Möglichkeiten des sprachlichen Lebens ebenso eröffnet wie verworfen[92]. Sprache ist aber für Butler nicht vollständig festgelegt, die Bezeichnungen entziehen sich in ihrer Performativität, in der Kraft, die Wirklichkeit durch Bezeichnungspraxen hervorzubringen, der Intention des Sprechaktes. Dabei ficht sie die Trennung zwischen Sprache und Handeln an und zeigt am Beispiel von verletzendem rassistischem Sprechen, wie hier Sprechen und Handeln in eins fallen.

Die Möglichkeit zur Veränderung verschiebt sie hier wieder stärker in den Bereich der Sprache. Sie fordert, den (politischen) Kampf um Begriffe wiederaufzunehmen. In der Differenz zwischen der Intention des Sprechaktes und der Interpretation wird ein immer schon dagewesener Spalt offensichtlich, durch den Umformulierungen möglich sind, die dazu führen können, dass „der herrschende Diskurs enteignet werden kann, (und hierin) eine Möglichkeit seiner subversiven Resignifikation liegt[93].

Ihr Ziel ist nunmehr eine Strategie zur Wiederaneignung und Umschreibung von Begriffen des herrschenden Diskurses in emanzipatorischem Sinn, allerdings mit unvorhersagbaren Folgen. An anderer Stelle formuliert sie: „Die gegenwärtige Wiedereinschreibung solcher Begriffe wie Universalität, Anerkennung, Emanzipation wird genau die Definitionen wiederbeschwören, und wiederbearbeiten, die unmöglich geworden sind - unmöglich aber notwendig[94]. Auch wenn sie hier keine Perspektive entwirft, wie sich die Wiedereinschreibung konkreter gestaltet, so ist die theoretische Wendung doch auch als eine Annäherung an Maihofers Position zu betrachten. Anders formuliert: Butler berücksichtigt stärker die Beharrungsmacht der materiellen Seite von Geschlecht.

2.2.4. Diskussion

Zuletzt bleibt die Frage, wie diskursiv und mimetisch

hergestellte gender-Freiheiten umgesetzt werden können.

Welche diskursfähigen und konflikttauglichen

Symbolisierungen retten die Lockerungen

des Geschlechterverhältnisses über den Montag?

Lisa Pfahl

Für die Diskussion um die Kategorie Geschlecht sind die Einwände von Butler von entscheidender Bedeutung. Ihre radikal-linguistische Position ist meiner Meinung nach aber hauptsächlich als Reaktion auf die bis dato bestehende sex / gender Trennung innerhalb feministischer Wissenschaft zu betrachten. So ist der oben ausgeführten Kritik von Maihofer an Butlers Buch „gender trouble“ zuzustimmen. Allerdings würde ich meine Kritik dahingehend erweitern, dass Butler sich nicht nur auf eine Seite der Dichotomie schlägt, sondern ihre Position jenseits ihrer Schärfe in dem ersten Buch seltsam substanzlos bleibt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden auf einen Text reduziert, der – ohne Ende, ohne Anfang, ohne Referenz – selbstrezitierender Text bleibt[95]. Auch wenn sie sich um die theoretische Gründung von Veränderungsmöglichkeiten bemüht, so ignoriert sie gleichzeitig einschneidende Brüche, Veränderungen, historische Prozesse. Anders als Foucault, der historisch bezogen argumentiert, kann sie Umbrüche nicht in ihr Modell einarbeiten. Woher kommen denn die veränderten Diskurse? Wo kann sich Butler das Potential für die Veränderung von Zitaten denken? Warum erreichen bestimmte Diskurse Gewicht? Es bleibt unklar, woher die Veränderungen, die Verschiebungen im Diskurs kommen. Die Zurückweisung der Frage, wer denn die Konstruktion konstruiere, stellt noch keine Antwort dar.

In ihren späteren Büchern versucht sie dann, der Materialität größeres Gewicht zu verleihen, verliert darin aber ihre Schärfe. Die Forderung nach dem Wiederaufnehmen des Kampfes um Definitionen entbehrt nun – trotz der verwirrenden und virtuosen linguistischen Herleitung – jeder Originalität.

Maihofer und Butler betonen sehr die Seite des Individuums. Nun wird Geschlecht sicherlich auch in alltäglichen Praxen hergestellt, allerdings vernachlässigen beide, dass sich die Diskurse nicht nur in körperlichen Praxen, sondern auch in Institutionen und Strukturen niederschlagen, die sich tendenziell unabhängig von der individuellen Rezeption fortsetzen. Beide berücksichtigen zwar den institutionellen Aspekt - Maihofer in ihrem Diskursbegriff, Butler durch die Anlehnung an den Begriff des Gesetzes - das Individuum erscheint aber als die bedeutsamste Ausformungsebene von Geschlecht.

Maihofers theoriepragmatischen Vorannahmen und die Privilegierung der Vorstellung der Gleichursprünglichkeit haben meines Erachtens zwei Seiten. Einerseits beschränken sie den Horizont der Arbeit, sie klammert wichtige Fragen aus pragmatischen Gründen aus. So entkommt sie zwar dem sex / gender Streit und kann deswegen zu neuen Erkenntnissen gelangen, ihre Setzung der Ausklammerung überzeugt mich nicht. Ob die theoriepragmatischen Annahmen auch an anderer Stelle vorgenommen werden könnten und sich dann ganz andere Ergebnisse erzielen lassen, beschäftigt sie nicht weiter. Ihre scheinbar willkürliche Setzung hinterläßt ebenfalls einen Eindruck von Substanzlosigkeit. So kann sie nur beschreiben, aber keine wirksamen Strategien zu Veränderung entwerfen, ein Vorhaben, welches sie ja auch zurückweist. Andererseits muss ich schlichtweg eingestehen, dass es mir auch nicht möglich ist, den von Maihofer ausgeklammerten Bereich genauer zu bestimmen, es sei denn unter Verwendung von Butlers radikaler linguistischer Position.

[...]


[1] Platon in „Politeia“, zit. nach Wieland 1978, S. 200.

[2] In dieser Arbeit wird öfter von Realität und Wirklichkeit die Rede sein. Ich begreife die beiden Begriffe, ähnlich wie Geschlecht, als soziale Konstruktionen. Wenn ich den Begriff Realität verwende, meine ich zumeist die Ideologie, die annimmt, es gäbe unveränderte Realitäten, ewige Wahrheiten, eine Vorstellung, die ich nicht teile, die aber im Kontext der Arbeit eine Rolle spielt. Unter Wirklichkeit verstehe ich eher eine konstruierte Materialität; etwas, das Wirkung hat.

[3] Foucault 1994, S. 41.

[4] Bourdieu 1997, S. 216.

[5] Beinah zu simpel erscheint es, an dieser Stelle auf ein Beispiel aus der eigenen pädagogischen Praxis zu verweisen. In der Einrichtung, in der ich arbeite, galt es, eine Vertretungsstelle in einer Mädchen-WG zu besetzten. Anstatt einer Frau, die eigentlich für die Stelle fachlich angezeigt gewesen wäre, wurde ein Mann eingestellt mit dem Hinweis, „Er ist ja auch kein Macker”.

[6] Es gibt ebenfalls die Bezeichnung kulturelle oder gesellschaftliche Konstruktion. Ich verwende, wenn ich meine Ansicht vertrete, den Begriff soziale Konstruktion, da er sowohl die subjektive, als auch die gesellschaftliche Seite mit zum Ausdruck bringt. Gesellschaftliche Konstruktion legt als Begriff einen zu starken Fokus auf die gesellschaftlichen Mechanismen, die das Individuum diesen als tendenziell ausgeliefert darstellen. Kulturelle Konstruktion betont meines Erachtens nach zu stark die Mechanismen des Konstruktionsprozesses.

[7] In dieser Arbeit wird oft von Körper die Rede sein. Ich verstehe Körper nicht als statische, vorsprachliche Konstante, sondern als im Konstruktionsakt hervorgebracht. Nichtsdestotrotz wirken sie, sie sind Verkörperungen von Diskursen und gleichzeitig materielle Beiträge zu Redeweisen über Geschlecht und Männlichkeit.

[8] Vgl. Kessler/McKenna 1978. Mit ‚linguistic turn‘ wird die verstärkte Betrachtung von Sprache in den Geisteswissenschaften seit Anfang der 90er Jahre bezeichnet.

[9] Für die Begriffe vgl. z.B. Beck 1986, Baumann 1995, Benhabib/Butler u.a. (Hrsg.) 1993.

[10] So der Untertitel von Connells Buch ”Der gemachte Mann”, Connell 1999.

[11] Es mag verwirrend klingen, die Männlichkeit der Modernen als tradiert und klassisch zu beschreiben, da doch modern gerade nicht mit ‚veraltet‘ assoziiert wird. Verständlich wird dieser Blick aus einer postmodernen Perspektive, die die bisher gängige Inszenierung von Männlichkeit hinterfragt.

[12] Ich benutze den Begriff ‘Enthierachisierung’, da er kein absolutes Ziel, wohl aber eine Richtung hin zu weniger Starrheit und Dominanz in den Männlichkeitsentwürfen andeutet.

[13] Zur Kritik an der zunehmenden Überwachung öffentlicher und privater Räume: vgl. StadtRat 1998.

[14] Vgl. Foucault 1992, S. 27 – 48.

[15] Wenn in dieser Arbeit von Männlichkeit und Geschlecht die Rede ist, so beziehe ich mich immer auf die Situation in der Bundesrepublik bzw. in ähnlichen gesellschaftlichen Kontexten, wohl wissend, daß es auch hier Brüche, Gegenläufigkeiten und Unterschiedlichkeiten gibt.

[16] Butler 1991, S. 219.

[17] Eigenwerbung von RTL.

[18] Dabei gibt es kein exklusives vorher - nachher in dieser Entwicklung, sondern verschiedene Prozesse, die mit unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit stattgefunden haben. Trotzdem läßt sich von einem deutlichen Bruch zu dieser Zeit sprechen.

[19] Maihofer 1995, S. 22.

[20] Laqueur 1996, S. 16.

[21] Bischof Nemesius von Emesa, zit. nach: Laqueur 1996, S. 16.

[22] Laqueur 1996, S. 40.

[23] Laqueur 1996, S. 40.

[24] Laqueur 1996, S. 79.

[25] Spellman, zitiert nach Laqueur 1996, S. 70.

[26] So auch der Titel von Laqueurs Buch.

[27] Laqueur 1996, S. 78.

[28] Dürr 1998, S. 76, Hervorhebung J. Budde.

[29] Vgl. auch Götsch 1999, S. 11.

[30] Eine Vorstellung, die Foucault für die antike griechische Gesellschaft beschrieben hat. Wichtig ist weniger die Erfüllung einer geschlechtsbezogenen sexuellen Norm, als die Verwirklichung eines guten Lebens. Vgl. Foucault 1997.

[31] Vgl. Götsch 1999, S. 11 - 16.

[32] Vgl. Laqueur 1996, S. 121 - 125.

[33] Die Debatten um sex und gender setzte ich als bekannt voraus. Siehe auch West/Zimmermann 1991 oder Maihofer 1995.

[34] Laqueur 1996, S. 20.

[35] Vgl. Laqueur 1996, S. 124.

[36] Laqueur 1996, S. 24.

[37] Dürr 1998, S. 77.

[38] Nach Connell sind die Konquistadoren die erste Gruppe, „die im modernen Sinne als erkennbar ‚männlicher‘ Typ definiert wurde”. Connell 1995b, S. 32.

[39] So der Titel eines Buches von Foucault 1991.

[40] In diese Zeit fallen reihenweise Untersuchungen über die Entwicklung der Erde, allgemeiner Menschenrechte, Entwicklungsstufen der Menschheit, die Ordnung der Atome, Sternenkarten u.v.m..

[41] Foucault 1992, S. 98.

[42] Descartes 1960 IV, 1, 33, S.53.

[43] Trenkle 1992, S. 99.

[44] Laqueur 1996, S. 173.

[45] Maihofer 1995, S. 99.

[46] Vgl. Ott 1997, S. 113.

[47] Foucault 1998, S. 12, vgl. auch ebd. S. 7 – 18.

[48] Eine genaue Ausführung zur weiblichen Sonderantrophologie findet sich bei Hornegger 1991.

[49] Keller 1998, S. 72.

[50] Maihofer 1995, S. 24.

[51] Ebd. S. 27.

[52] Wobei die Annahme eines neutralen Körpers schon ein deutlicher Fortschritt ist gegenüber biologistischen Ansätzen, die verschiedenen Körpern kategorial und deterministisch bestimmte Eigenschaften zuweisen.

[53] Butler 1991, S. 24.

[54] Ebenda.

[55] Ebenda, S. 219 f..

[56] Ich erwähne an dieser Stelle - wie die Übersetzerin - auch die englischen Originaltermini, da die Übersetzung ins Deutsche unzulänglich ist.

[57] Butler verweist darauf, daß nicht der postmoderne Tod des Subjekts ihr Ziel ist, wie ihr von Benhabib unterstellt wird (vgl. Benhabib 1993), sondern daß sie lediglich zeigen will, daß es die Autonomie des Subjekts in einer vorgängigen Form nicht gibt, daß das Subjekt nicht ohne das Feld von Handlungen zu denken ist, in deren Schnittpunkt es zu verorten ist und deren Produkt es letztlich auch ist. Vgl. Butler 1993, S. 40 ff..

[58] Butler 1991, S. 50.

[59] So wird z.B. bei der Taufe eines Kindes mit dem sprachlichen Benennungsakt auch das Geschlecht hervorgebracht. Dieses wird in der interessierten Nachfrage „Was ist es denn...(Junge oder Mädchen)?” ständig wiederholt. Gleichzeitig mit dem Ausspruch vollzieht sich die Handlung. Verletzendes Sprechen oder Gerichtsurteile sind dabei zwei, von Butler häufig angeführte Beispiele. Häufig wird unter Performativität ein exklusives Ereignis wie Eheschließung verstanden, Butler insistiert dagegen auf der Wiederholbarkeit und Alltäglichkeit performativer Akte.

[60] Vgl. Butler 1993, S. 52.

[61] Butler 1991, S. 213.

[62] Maihofer 1995, S. 48; Hervorhebung im Original.

[63] Maihofer 1995, S. 53; Hervorhebung im Original.

[64] Vgl. Maihofer 1995, S. 77/78.

[65] Zum Begriff des hegemonialen Diskurses vgl. auch Maihofer 1994.

[66] Vgl. Foucault 1978.

[67] Maihofer 1995, S. 80.

[68] Maihofer 1995, S. 81.

[69] Vgl. Foucault zu der Idee der Hervorbringung 1992, S. 25 - 66, auch: „Anstatt von einer allgemein anerkannten Repression ... muß man von diesem positiven, wissensproduzierenden, diskursvermehrenden, lusterregenden und machterzeugenden Mechanismen ausgehen”, Foucault 1992, S. 93.

[70] Vgl. Maihofer 1995, S. 104.

[71] Althuser 1977, S. 136.

[72] Maihofer 1995, S. 84.

[73] Maihofer 1995, S. 85.

[74] Maihofer 1995, S. 89; Hervorhebung im Original

[75] Neben dem populären Beispiel der ‚toilet segregation‘, das Goffman beschreibt, ließe sich z.B. der nach Geschlechtern regulierte Zugang zum Amtsgericht Hamburg nennen.

[76] Maihofer 1995, S. 182.

[77] Maihofer 1995, S. 102.

[78] Foucault 1992, S. 114.

[79] So können Transsexuelle oder transgender people im hegemonialen Diskurs nicht als eigenes, zwischen-, gar nicht- oder sonstwie Geschlecht betrachtet werden, sondern müssen das ganze Geschlecht wechseln. Die Methoden, mit denen diese Korrekturen vorgenommen werden, sind rigide und gewaltförmig. Vgl. Reiter 1997.

[80] Maihofer 1995, S. 93.

[81] Vgl. Maihofer 1995, S. 103.

[82] Ähnlich argumentiert sie in einem Vortrag an der HWP am 14.01.99, indem sie hinterfragt, warum die Feststellung der Andersartigkeit im abendländischen Denken automatisch mit dem Recht auf Unterdrückung einhergeht.

[83] Butler 1995, S. 31.

[84] Vgl. Butler 1995, S. 100.

[85] Butler 1995, S. 100.

[86] Vgl. Foucault 1993.

[87] Vgl. Butler 1995, S. 26/27.

[88] Butler 1995, S. 32.

[89] Butler 1995, S. 38.

[90] Vgl. Butler 1995, S. 315 - 319.

[91] Vgl. insbesondere zum lesbischen Phallus Butlers Freud und Lacan – Lektüre, Butler 1995, S. 123 - 127.

[92] Butler 1998a, S. 65

[93] Butler 1998a, S. 222.

[94] Butler 1998b, S. 214.

[95] Es geht hier nicht um die Wiedereinführung einer ontologische Sicht vom Sein, sondern um die Hinterfragung der Vorstellung einer sich selbstrezitierenden Zeichenkette.

Details

Seiten
126
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638716413
ISBN (Buch)
9783638718684
Dateigröße
866 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75364
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Inszenierungen Schnittstelle Kultur Geschlecht

Autor

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Titel: Inszenierungen an der Schnittstelle von medialer Kultur und Geschlecht