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Charakteristische Dualismen in der Literatur der Romantik. Zu Ludwig Tiecks "Der Runenberg" und E.T.A. Hoffmanns "Die Bergwerke zu Falun"

Hausarbeit 2007 34 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1.1 Vorüberlegung
1.2 Inhalt in Kurzfassung
1.3 Gliederung der Arbeit

2. Außen wider Innen
2.1 Gefangen im Inneren
2.2 Untrennbarkeit
2.3 Instabile Charakter und deren äußere Beeinflussung
2.4 Der unüberbrückbare Widerstreit oder Verlust der Kontrolle

3. Oberwelt wider Unterwelt
3.1 Wie hängen Außen – Innen mit Oberwelt – Unterwelt zusammen?
3.2 Was ist das ‚Andere’?
3.3 Ungeheurer Höllenschlund und sonnenheller Himmel
3.4 Das Geheimnis des Unendlichen

4. Frauenbild
4.1 Psychoanalytische Bedeutung
4.2 Ein ewiges und ein vergängliches Glück

5. Nachwort

6. Schemata
6.1 Übersicht der Figuren „Der Runenberg“
6.2 Übersicht der Figuren „Die Bergwerke zu Falun“
6.3 Assoziationsketten in Elis’ Träumen

7. Quellen
7.1 Abbildungsverzeichnis
7.2 Bearbeitete Werke
7.3 Sekundärliteratur
7.4 Internetlinks

1. Vorwort

1.1 Vorüberlegung

„...das Seltsamste und das Gewöhnliche war so ineinander vermischt, dass er es unmöglich sondern konnte.“[1]

‚Er’ ist Christian - Ludwig Tiecks Protagonist der Märchennovelle[2] „Der Runenberg“. Die zitierten Worte des Erzählers besagter Novelle, wirken sinnbildlich für zahlreiche Erzählungen, Epen und Märchen der Romantik und die Unstetigkeit der Gedankenwelt ihrer Protagonisten und Figuren. Nie zuvor in der Literaturgeschichte idealisierte eine Strömung in solchem Ausmaß die losgelöste Innenwelt ihrer Figuren „auf das rein Willkürliche des Geistes, auf den Zufall seiner Einfälle“[3], auf Träume, Phantasien die nicht zwingend konkret an ein Subjekt bzw. Objekt gebunden sein müssen sondern oft rein aus dem Selbst, aus der ungeahnt tiefen Psyche der Figuren erwachsen. Dass sich aus dieser Innenwelt, gerade im Dualismus zur alltäglichen Umwelt, auch Probleme auftun können, liegt nah und wurde nicht selten als Thema in verschiedenen Erzählungen und Märchen verarbeitet. Sei es Florio aus Joseph von Eichendorffs „Das Marmorbild“, Albert von Chamissos Peter Schlemihl, Ludwig Tiecks besagter Christian oder seien es die Gestalten E.T.A. Hoffmanns wie der Enthusiast aus dem Nachtstück „Die Abentheuer der Sylvester-Nacht“, Nathanael aus „Der Sandmann“ oder Elis Fröbom aus „Die Bergwerke zu Falun“ – sie alle sind als epische Figuren von ihrem Inneren bestimmt und positionieren den Leser zwangsläufig auf die vom Autor geschaffene, meist fließende Grenze zwischen tatsächlicher Realität und pathologischer, eigener Wahrnehmung. Kein Wunder also, dass die Romantiker von jeher eine rigide Abgrenzung zur vorangegangenen Aufklärung und zur Klassik wollten, aber auch deutlich erfahren haben. Das signifikante und viel zitierte Verdikt von keinem geringeren als Johann Wolfgang von Goethe, spricht hierfür Bände:

Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“[4]

Wenig verwunderlich scheint es gerade in Anbetracht dessen, dass sich anlehnend an Beobachtungen romantischer Schriftsteller, auch themenübergreifend Wissenschaften mit den Phänomenen der menschlichen Psyche befassten. Themen wie Somnambulismus, Wahnvorstellungen, Bewusstseinsverlust oder Ich-Spaltung waren zunehmende Forschungsgebiete für die sich noch in den Anfängen befindende Psychologie bzw. Psychoanalyse.[5] Während sich zeitgleich andere Literaturströmungen vorrangig äußerlichen Abläufen widmen...

„...spüren die Romantiker den inneren Gesetzen der lebendigen, dynamischen belebten Natur nach. Innere Gesetzmäßigkeit ist ihnen wichtig, weil sie diese als geistig und deshalb von der Außen- und Sinnenwelt unabhängig glauben. [...] Die Literatur der Frühromantik beschäftigt sich daher mit dem Innenleben des Menschen, den Seelenvorgängen, den Träumen, Stimmungen, Ahnungen, Erinnerungen und beginnt ein Bildersystem zu entwickeln, das die organische und anorganische Welt, Naturvorgänge, spezifische Zeiten (d.h. Nacht, Dämmerung), familiäre Beziehungen usw. zur Zeichensprache von menschlich-individueller, psychischer Dynamik und Entwicklung macht.“[6]

Gerade die besagten Naturvorgänge sind es, die oft maßgeblich in die Geschichten einfließen und nicht bloße Rahmenhandlungen bleiben, sondern konkret zur Projektionsfläche verschiedener Wünsche und Sehnsüchte der handelnden Figuren werden und somit einen symbolischen und meist transzendentalen Eigenwert erlangen.[7]

Als eine solche Reflexions- bzw. Projektionsfläche, erwiesen sich nicht selten die deutlich vorhandenen Polaritäten der Natur, als Symbolik für die Zerrissenheit der romantischen Figuren. Gegensätze wie „Tag und Nacht, Kraft und Materie, Schwerkraft und Licht [und][...] männlich-weiblich“[8] finden sich in der Natur und somit auch in der Literatur der Romantik.

In meiner Arbeit werde ich versuchen genau jene, der Geschichte innewohnende Polaritäten der Figuren und ihrer menschlichen als auch biologischen Umwelt, zu beleuchten. Ich untersuche hierzu zwei Werke, die sich nicht nur durch ihre innerlich zerrissenen Protagonisten und deren Konflikt innerhalb einer polarisierten Natur auszeichnen, sondern auch dadurch, dass beide Werke überaus viele Parallelen im Verlauf ihrer Geschichte aufweisen. Es handelt sich um Ludwig Tiecks Märchen „Der Runenberg“ von 1802, und E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ aus dem Jahre 1819.

1.2 Inhalt in Kurzfassung

Die beiden folgenden Absätze sollen ausschließlich einen kurzen und wertungsfreien Abriss des Inhalts beider Werke geben. Jegliche symbolische und metaphorische Deutung sowie nähere Erklärung zu beiden Werken bleibt hierbei zunächst außen vor. Auf den Seiten 30 und 31 findet sich darüber hinaus eine Übersicht, welche die Figuren beider Werke systematisch einordnet.

Der Runenberg“ erzählt die Geschichte von Christian, einem jungen Mann, der seine Heimat und Familie verlassen hat um, auf sich allein gestellt in die Berge zu ziehen. Als Jäger verbringt er dort seine Tage in der Natur bzw. Bergwelt, bis ihn eines Tages die Einsamkeit packt und er scheinbar zufällig einem Fremden begegnet der ihn zum so genannten Runenberg geleitet. Durch eine Art Fenster erblickt Christian auf jenem Berg eine übermenschliche, schöne Frauengestalt welche ihm eine geheimnisvolle Steintafel überreicht. Christian, der, unsicher ob sich jenes Ereignis wahrhaftig zugetragen hat, am nächsten Morgen erwacht, geht nun in ein nahe gelegenes Dorf. Dort heiratet er Elisabeth, eine fromme, junge Schönheit, arbeitet und vergrößert Jahr um Jahr sein Gut, vergisst jedoch nie seine Erlebnisse in den Bergen. Nach langen und glücklichen Jahren, zieht ihn die Sehnsucht zu den Gesteinen und Metallen wieder zum Runenberg hinfort.

Die Bergwerke zu Falun“ sind das Ziel des jungen Seefahrers Elis Fröbom, der nachdem seine Mutter verstorben ist, auf Geleit eines fremden Bergmanns, nach Falun geht um dort seine Bestimmung zu suchen. Zunächst schockiert von der düsteren Bergwelt die genau das Gegenteil seiner bisherigen Arbeit zu sein scheint, verliebt er sich in Ulla, die Tochter eines Bergwerkvorstehers, bei welchem Elis unterkommt. Angetrieben von der Liebe zu Ulla arbeitet Elis mit großem Eifer, verspürt aber nach und nach eine stetig wachsende, fremdartige Anziehungskraft von der Unterwelt die bis in seine Träume reicht. Am Tage, an welchem schließlich die Vermählung mit Ulla stattfinden soll, verspürt Elis einen solch großen Drang erneut in die Berggruben hinab zu steigen und, seinem Traum folgend, einen außerordentlichen Stein zutage zu fördern. Dort wird er verschüttet und erst nach Jahrzehnten kann seine nahezu nicht verweste Leiche geborgen werden.

1.3 Gliederung der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in die drei folgenden Hypothesen:

1. Die Gedanken und Handlungen der Protagonisten sind sowohl von äußeren Einflüssen, als auch von inneren Antrieben motiviert, welche sich häufig gegensätzlich gegenüberstehen.
2. Die Kontrastierung zwischen Oberwelt und Unterwelt ist ein deutliches Sinnbild für die den Protagonisten innewohnende Zwiegespaltenheit.[9]
3. Das Frauenbild in den jeweiligen Werken ist geprägt von einem Dualismus zwischen der real existierenden Frau (bzw. Partnerin) und der entgrenzten, mythischen Gestalt einer Frau.

2. Außen wider Innen

2.1 Gefangen im Inneren

Am Rande eines ausgelassenen Festes, zu Ehren der rückgekehrten Seefahrer, begegnet der Leser Elis Fröbom, der nicht wie all seine Kameraden feiert, sondern abseits in Einsamkeit um seine verstorbene Mutter trauert. Das zumindest ist der einzige, von Elis selbst genannte, Grund für seine Trauer. Während es seinen Kameraden nicht gelingt ihn von seinem Trübsinn zu befreien, merkt man wohl „daß der Dirne süß Gelispel recht in sein Inneres hineingeklungen [ist].“[10] Allerdings schickt Elis auch sie gleich weg um allein zu sein. Zum ersten Mal im Stück wird sein Inneres als etwas Abgesondertes und deutlich von der Umwelt Getrenntes beschrieben, in das man eben hineindringen muss, um es zu erreichen. So sind es zunächst starke äußere Einflüsse, welche sein Gemüt wirklich beeinflussen, wie hier zunächst der Tod der Mutter. Wie abgesondert sich Elis von seiner Außenwelt selbst betrachtet, eben nicht nur betrachtet wird, zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass er sich in seiner Trauerhaltung unverstanden und somit, gerade ohne seine Mutter, allein fühlt:

„ach, daß niemand an meinen Schmerz glaubt, ja daß man mich wohl albern und töricht schilt, das ist es ja eben, was mich hinausstößt aus der Welt.“[11]

Während es zumindest zu Beginn dieser Geschichte den Anschein hat, als bestünde eine klare Linie zwischen Elis’ Innerem und dessen was in seiner Umwelt passiert, mutet es bei der Betrachtung des Christians aus „Der Runenberg“, zumindest am Anfang so an, als sei er ein Spielball seiner Umwelt ohne eigen motivierten Antrieb. So „blickte [er] mit einer Art Verwunderung auf, dass er sich nun in diesem Tale [...] wiederfand“[12], oder er spricht von einer „fremden Gewalt“[13] die ihn hinweg zog und sagt, über seine Vergangenheit reflektierend:

„mein Geist war seiner selbst nicht mächtig, wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wünschen.“[14]

2.2 Untrennbarkeit

Die Schwierigkeit Christians Charakter genauer zu erfassen besteht nicht zuletzt darin, dass gleich mit Anbeginn der Geschichte nicht absolut sicher gedeutet werden kann, ob sich Ereignisse tatsächlich, so wie beschrieben zutragen, oder ob der Leser einen Sachverhalt nur mit der Wahrnehmung Christians auffasst, selbst wenn in diesem Moment der Erzähler die Situation schildert.

„Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er schreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmütig verscholl.“[15]

Eine ebenfalls überaus augenfällige Textstelle, welche „Der Runenberg“ aufweist, zeigt wie sich Wahrnehmungen des Äußeren durch eine innere Prägung verschieben und beeinflussen können. Christian unterhält sich zum ersten Mal mit dem Fremden über den Runenberg und meint, dass ihm damals, als er bereits mit einem alten Förster über die wundersamen Dinge des Berges sprach, „grauenhaft zu Mute war.“[16] Als nun allerdings der Fremde über die Wunder des Berges spricht, macht es den Anschein, als verwandle sich Christians gesamtes Umfeld oder eben die Wahrnehmung dessen, und rücke den Berg und den Weg dorthin in ein angenehmes Licht:

„Der junge Jäger [...] verdoppelte nur seine Schritte nach dem Runenberg zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern, lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redete ihm Gewässer und rauschende Wälder zu und sprachen ihm Mut ein.“[17]

Ebenso ist das Zureden eines Fremden Auslöser dafür, dass Elis Fröbom nicht mehr zurück auf See möchte bzw. kann, da, als er zurück am Hafen ist, sein Gemüt ins nahezu traumähnliche Wanken kommt.

„Aber bald gewahrte er, wie alle Lust an ihm vorüberging, wie er keine Gedanken in der Seele festhalten konnte, wie Ahnungen, Wünsche, die er nicht nennen vermochte, sein Inneres durchkreuzten. Er dachte mit tiefer Wehmut an seine verstorbene Mutter, dann war es ihm wieder als sehne er sich, nur noch einmal jener Dirne zu begegnen [...] [u]nd dann fürchtete er wieder, träte auch die Dirne aus dieser oder jener Gasse ihm entgegen, so würd es am Ende der alte Bergmann sein, vor dem er sich [...] entsetzen müsse.“[18]

Auffällig hieran ist nicht nur die ungreifbare Abneigung, die er plötzlich gegenüber der Seefahrt hat und wie sein Geist plötzlich völlig zerrüttet scheint, sondern vor allem, wie mehrere Personen, in kurz hintereinander folgender Reihung in einer Assoziationskette auftauchen.[19] Jenes sind Entwicklungen der eigenen Psyche, die aber ebenso nicht unwesentlich vom Umfeld und vorangegangenen Begegnungen beeinflusst sind. Hier eine Trennlinie zu ziehen ist kaum möglich.

2.3 Instabile Charakter und deren äußere Beeinflussung

Deutlich ist bislang schon geworden, dass Elis, wohl mehr noch als Christian, eine stimmungsschwankende, geradezu instabile Person ist, deren inneres Gefühl durch vermeintlich kleinste äußere Faktoren umkippen kann. Beispielsweise verfällt Elis in eine panische Angst, als er zum ersten Mal die Bergwerke in Falun erschaut und ist fest überzeugt am darauf folgenden Tage sofort umzukehren. Doch dann trifft er Ulla:

„Sowie Elis Fröbom die Jungfrau erblickte, war es ihm, als schlüge ein Blitz durch sein Innres und entflamme alle Himmelslust, allen Liebeschmerz – alle Inbrunst, die in ihm verschlossen.“[20]

Direkt im Anschluss aber, nimmt er sich selbst als Fremdling war und seine Stimmung schlägt ins Gegenteilige um:

„Aber dann fühlte er sich, auf der Türschwelle stehend, ein unbeachteter Fremdling, elend, trostlos, verlassen und wünschte, er sei gestorben...“[21]

[...]


[1] Tieck, Ludwig, „Der Runenberg“, S. 37 (Im weiteren Verlauf der Arbeit abgekürzt mit RB.).

[2] Wie zahlreiche romantisch, epische Schriften ist eine genaue Klassifizierung der Gattung nur schwer möglich. Märchennovelle und Naturmärchen oder schlicht Märchen, sind die, für „Der Runenberg“ am häufigsten gebrauchten Gattungsbegriffe.

[3] Wellenberger, Georg, „Der Unernst des Unendlichen“, S. 15.

[4] Kleine, Sabine, „Häßliche Träume“, S. 9 (zit. n. Eckermann, Johann Peter, „Gespräch mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens.“, Hrsg. von Ernst Beutler, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 332).

[5] Vgl. Mahlend, Ursula, „Die Psychologie der Romantik“, S. 592-596.

[6] Ebd. S. 593.

[7] Vgl. Gröf, Siegfried, „Fremd bin ich eingezogen...“, S. 8-9.

[8] Ellenberger, Henry F., „Die Entdeckung des Unbewußten.“, S. 287.

[9] Die Begriffe „Oberwelt“ und „Unterwelt“ sind erstrangig gültig für „Die Bergwerke zu Falun“ finden aber eine deutlich vergleichbare Entsprechung in „Der Runenberg“ in den Begriffen „Ebene“ und „Bergwelt“.

[10] Hoffmann, E.T.A., „Die Bergwerke zu Falun“, S. 6 (im weiteren Verlauf der Arbeit abgekürzt mit: BzF.).

[11] Ebd., S. 8.

[12] RB, S. 27.

[13] Ebd., S. 30.

[14] RB, S. 30.

[15] Ebd., S. 29.

[16] Ebd., S. 33.

[17] Ebd., S. 33.

[18] BzF, S. 15.

[19] Siehe Übersicht S. 32.

[20] BzF, S. 21.

[21] BzF, S. 21.

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