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Zur Bedeutung und praktischen Umsetzung von Stimmbildung im Musikunterricht mit Primarschülern

Seminararbeit 2003 35 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Das körpereigene Musikinstrument „Stimme“
1.1. Kurze anatomische Erläuterungen
1.1.1. Das Ansatzrohr (supralaryngeale Resonanzräume)
1.1.2. Der Kehlkopf (Larynx)
1.2. Die professionell ausgebildete Gesangsstimme
1.3. Der Eutonus – Grundprinzip für das Singen und die Arbeit mit der Stimme
1.4. Optimale Körperhaltung
1.5. Schaffung von Resonanzräumen
1.6. Der Atemtrakt
1.7. Stimmpflege
1.7.1. Stimme und Nachahmung
1.7.2. Der natürliche Tonumfang der Kinderstimme
1.7.3. Übungen für die Stimme und mit der Stimme
1.7.4. „Jeder kann singen!“ – „Jeder kann singen?“ – Die „Brummer“

2. Fazit

3. Quellenverzeichnis

0. Vorwort

Singen macht Spaß. Singen ist Teil unseres Lebens, unserer und einer jeden Kultur, zu fröhlichen und zu traurigen Anlässen. Eigenes Singen oder zumindest der Gesang anderer Menschen begleitet uns vom Beginn bis zum Ende unseres Daseins.

Kleine Kinder und auch Kinder der Grundschule singen besonders gerne. Sie schämen sich nicht, wie vielleicht Jugendliche, anderen ein Lied vorzutragen. Es kommt ihnen (noch) nicht auf das perfekte Halten der Melodie oder die korrekte Intonation an. Im Vordergrund stehen der Gebrauch und das Ausprobieren des körpereigenen Instruments Stimme.

Diese innere Freude und Motivation zu Singen sollte und muss auch schon in der Grundschule gepflegt werden. Leider aber dominiert bei Primarschülern das bloße „Singenlassen“ seitens der Lehrer: Zum Teil ohne Rückkopplung tragen die Kinder ein Lied vor. Das musikalische Ausdrücken des Kindes wird lediglich hingenommen. Dass die Stimme aber eine Gabe ist, die „gepflegt, entwickelt und aufgebaut“ (Wagner, 1992, S. 38) werden muss, kann – nein, muss – auch schon in der Grundschule selbstverständlicher Bestandteil des Singens sein. Selbstverständlich darf nicht eine Singstimme angestrebt werden, die Berufssängern gleichkommt. Die ‚Möglichkeiten der stimmbildnerischen Einflussnahme auf die kindliche Singstimme dürfen nicht überschätzt werden’ (vgl. Helms et al., 1997, S. 106).

In dieser Seminararbeit habe ich mich mit dem Stimmapparat an sich, sowie seiner Pflege und Erhaltung im Grundschulbereich auseinandergesetzt. Es werden theoretische Grundlagen als auch praktische Umsetzungsmöglichkeiten dargelegt, die zeigen, dass Stimmbildung keineswegs nur ausgebildete Sänger angeht, und ohne große Probleme kindgerecht in den Unterricht eingebaut werden kann.

1. Das körpereigene Musikinstrument „Stimme“

1.1. Kurze anatomische Erläuterungen

1.1.1. Das Ansatzrohr (supralaryngeale Resonanzräume)

Das Ansatzrohr umfasst alle für das Sprechen und Singen nötigen Bestandteile im Kopfbereich. Es stellt in seiner Gesamtheit eine Art Hohlraum dar, der kaudal (am unteren Ende des Organs) von den Stimmlippen und kranial (am oberen Ende des Organs) von den Mundlippen und den Nasenöffnungen begrenzt ist.

Das Ansatzrohr setzt sich zusammen aus:

- dem Mundvorhof und der Mundhöhle,
- dem Nasenhaupthof und den Nasennebenhöhlen,
- dem Rachen (unterteilt in unterer Rachen, Mundrachen, Nasenrachen),
- und dem hier für uns interessanten Kehlkopfanteil.

1.1.2. Der Kehlkopf (Larynx)

Der Kehlkopf ist Teil des Atemtraktes, und muss sich als Knorpelgerüst vorgestellt werden, dass durch Gelenke, Bänder und Muskeln zusammengehalten und bewegt wird.

Im Larynx findet die Bildung des Primärklanges statt, der im Rachen-, Mund- und Nasenraum zur individuellen Stimme geformt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Kehlkopf hat primär vitale Aufgaben zu erfüllen, z.B. den Schutz der Atemwege vor eindringenden Speisen oder Fremdkörpern, sich äußernd im Husenreflex.

Lediglich sekundär ist er stimmerzeugendes Organ, d.h. im Prozess der Stimmgebung, auch Phonation genannt, wird der Luftstrom aus der Lunge in hörbaren Klang umgewandelt. Dabei trifft die Luft auf die Stimmlippen, die daraufhin zu schwingen beginnen. Der so erzeugte Primärton wird durch die Resonanzwirkung des Ansatzrohres, d.h. durch eine akustische [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Filterung und die Veränderung des Klanges, zu unterschiedlichen Sprech- und Singlauten, also zum eigentlichen Ton. Die akustische Filterung ist durch die Muskelbewegungen der inneren Kehlkopfmuskulatur beeinflussbar. Die innere Muskulatur trägt die Verantwortung für die Erweiterung (Öffnung) und die Verengung (Schließung) der Stimmritze (der Raum zwischen den Stimmlippen, durch den die Luft strömt) und für die Spannungsregulation der Stimmlippen, und damit für die Tonhöhe. Die Abbildung zeigt die Stimmlippen, die (weiß) geschlossen aneinander liegen. Der senkrechte, dünne schwarze Strich entspricht der Stimmritze.

1.2. Die professionell ausgebildete Gesangsstimme

Die ungeübte Stimme eines Laiensängers klingt nicht nur anders als die eines ausgebildeten Sängers, der Klang einer ungebildeten Stimme ist in der tieferen Lage außerdem anders, als in einer höheren. Stimmbrüche, also abrupte Klangunterschiede, sind dagegen dem geschulten Sänger in der Regel fremd, denn er kann seine Stimme über alle Lagen hinweg gleichmäßig kraftvoll ausschöpfen.

Weiterhin ist der professionelle Sänger – im Gegensatz zum ungeübten Sänger – im Stande, seiner Stimme unterschiedliche Klangfarben zu verleihen. Hartes, warmes oder metallisches Singen ist ihm in fast jeder Lage ohne Probleme möglich. Diese Art der Gesangsgestaltung steht z.B. einem Laienchor-Sänger nur begrenzt zur Verfügung, auch wenn seine „musikalische Phantasie ihn zu [einem] sensiblen künstlerischen Ausdruck“ (Binge, 1994, S. 169) befähigen würde.

Ein geübter Sänger muss außerdem seine Stimme bei ihrem Einsatz nicht jedes Mal neu finden, und kann „die Teile seiner Stimme mühelos koordinieren und zusammenschalten“ (Binge, 1994, S. 169).

Möglich wird ihm dies u.a. durch eine gut trainierte Muskulatur, ein „aufgeschlossenes Muskelnetz“ (Binge, 1994, S. 169) im Bereich des Kehlkopfes. Mit Hilfe von Übungen, die die einzelnen Muskelgruppen trainieren, erreicht der Sänger schließlich über längere Zeit den Aufbau von Spannungsverhältnissen, die ihm ein lockeres aber präzises Singen in unterschiedlichen Tonlagen, auf verschiedenen Vokalen, laut oder leise, und unter verschiedenen Klangfärbungen ermöglichen. Bei diesem lockeren Singen, bei dem eine Balance zwischen den Spannungsverhältnissen erreicht werden, aber gleichzeitig Verkrampfung vermieden werden soll, spricht man auch von einer „Ökologie des Singens“ (Binge, 1994, S. 169), einer stimmhygienischen und effektiven Muskelspannung, die dem geschulten Sänger sicher schon in Fleisch und Blut übergegangen und Voraussetzung für schönes Singen ist.

Ein optimaler Gesangston verfügt über Obertöne, egal ob forte oder piano gesungen wird, so dass eine gewisse Tragfähigkeit erkennbar wird. Deshalb versuchen schlechte Sänger, oft laut zu singen, um den Mangel an Obertönen durch Lautstärke auszugleichen. Wann ein Ton diese Tragfähigkeit gewinnt, muss von jedem Sänger individuell erhört und geübt werden, um irgendwann punktgenau aufgerufen werden zu können.

Solch eine trainierte Gesangsstimme kann im Primarbereich freilich nicht das Ziel sein. Sie fordert eine konsequente und langwierige Übung, mit der außerdem erst nach der vollkommenen Stimmausbildung, also nach dem pubertären Stimmbruch begonnen werden sollte. Andernfalls kann die Stimme nachhaltig geschädigt werden.

Welche Möglichkeiten sich allerdings für die ansatzhafte Stimmbildung in der Grundschule bieten, die wie in der professionellen Gesangsausbildung auf der „Aktivierung von Körper, Atmung und Resonanz“ (Helms et al., S. 106) beruhen, um eine schöne, ausgeglichene Singstimme bei Kindern zu erhalten, soll im Folgenden dargelegt werden.

1.3. Der Eutonus – Grundprinzip für das Singen und die Arbeit mit der Stimme

Das Wort „Eutonus“ leitet sich ab aus dem griechischen „eu“ für gut, und „Tonus“, einem Spannungszustand, und meint medizinisch den regulären, natürlichen und optimalen „Spannungszustand von Muskeln und Gefäßen“ (Wagner, 1992, S. 40). Der Begriff Eutonus ist aber als „Lebendigkeitsprinzip“ (Wagner, 1992, S. 40) auch auf andere Bereiche, wie das Singen, übertragen worden. Zur Verdeutlichung diese Graphik:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die beiden äußersten Positionen „lahm“ und „starr“ stehen stellvertretend für einen „Zustand der Unbeweglichkeit, des Nichtlebens, des Toten“ (Wagner, 1992, S. 40). Der jeweilige Abschnitt zwischen „schwach“ und „schlaff“ bzw. zwischen „verspannt“ und „verkrampft“ markiert Erkrankung, Unwohlsein. Der in der Graphik schraffierte Bereich zwischen „locker“ und „gespannt“, hier auch als sinnvoll, natürlich und ideal benannt, ist der Pendelbereich oder auch das Zentrum zwischen Entspannung und Spannung. Der Mensch fühlt sich wohl. Eben dieser Eutonus spielt auch in der Stimmbildung eine Rolle. Nicht nur, dass sich die Stimme generell oder zumindest zum Übungs- und Singezeitpunkt in diesem Balancebereich befinden sollte, auch die Atmosphäre, die Umgebung in der mit den Kindern geübt und gesungen wird, sollte dem entsprechen. Es ist klar, dass eine verkrampfte Stimmung, z.B. der strenge Lehrer, vor dem die Schüler Angst haben, oder ein zu schlaffe Atmosphäre („Na ja, also wenn ihr wollt, könnt ihr mitsingen. Ihr müsst aber nicht, es ist schließlich eure Entscheidung hier … Ach übrigens, hat gestern jemand von euch das Fußballspiel geseh’n? …) der Stimmbildung wenig förderlich ist. Da die Stimme immer auch von der Stimmung der jeweiligen Person abhängig ist, sollten Stimmübungen möglichst spielerisch durchgeführt werden oder ins Spielgeschehen integriert sein, da Kinder im Moment des Spiels über die nötige Anspannung und Lockerheit zugleich verfügen.

1.4. Optimale Körperhaltung

Wie eben angeführt, bilden auch die Stimmung und unsere Emotionen wesentliche Faktoren zum Klang unserer (Sing)Stimme. Bei einem zu schlaffen Körper, also zum Beispiel einer depressiven Verfassung unseres Gemüts, oder bei einer tief in uns sitzenden Wut, die zu Verkrampfung führt, ist auch das Singen kraftlos bzw. übersteuert. Abgesehen von der körperlichen Verfassung und ihrem Einfluss auf das Singen soll es nun aber um eine generelle ideale Singe-Körperhaltung und um dafür dienliche Übungen im Unterricht gehen.

Die Basis für gutes Singen bildet die durch die Wirbelsäule bestimmte Körperhaltung, die Statik des Körpers. Sie ist ‚Grundvoraussetzung für die gute Funktion des Instruments Stimme’ (vgl. Wagner, 1992, S. 41).

Eine optimale Körperhaltung wird aufgebaut, indem man:

- den Rücken streckt,
- ihn dadurch bewusst hält und trägt,
- den ‚Kopf oben behält’ (vlg. Wagner, 1992, S. 41), damit ist aber nicht ein „Nase in die Luft“-Recken gemeint.

Um diese gerade Haltung zu erreichen, kann man sich mit der Vorstellung, stehend ein Buch auf dem Kopf zu balancieren, behilflich sein. Dadurch wird eine ganze Reihe von Veränderungen bezüglich der Haltung ausgelöst:

- ‚die Halswirbel strecken sich,
- die Nackenkrümmung begradigt sich,
- die Schultern sind gelockert,
- das Brustbein ist etwas angehoben,
- die losen Rippen im unteren Brustkorbbereich sind locker gespreizt,
- die Bauchwand ist straffer,
- die Gesäßmuskeln sind leicht gespannt,
- damit wird das Becken leicht nach vorn gedreht, das Hohlkreuz normalisiert, und die Knie sind nicht länger nach hinten durchgedrückt.’

(vgl. Wagner, 1992, S. 41)

Auch wenn diese bewusste Haltung zunächst ungewöhnlich erscheint, so sollte man sie als LehrerIn ausprobieren, um zu wissen, was man bei den Kindern (zu Anfang natürlich für sie unbewusst) erreichen will.

Um bei den Schülern ein verstärktes Körperbewusstsein und eine optimale Körperhaltung zu erzielen, folgen nun einige Anregungen nach Wagner, 1992, S. 42 – 44, die ich teilweise um eigene Ideen ergänzt bzw. differenziert habe. Wagner spricht sich für eine im Spiel erlebte Wirbelsäule aus, aber nicht um der bloßen Wirbelsäule willen!, die so gekräftigt und trainiert werden soll.

1. Balancieren

Die Kinder balancieren nach der Manier eines „Kunststücks“ Gegenstände, wie kleine Kissen und Säckchen, Plüschtiere oder Filmdöschen auf ihrem Kopf, um eine gerade Körperhaltung zu erzielen.

2. Waage

Die Kinder tragen auf den Handflächen ihrer seitlich ausgebreiteten Arme jeweils einen Luftballon, und bewegen sich zu ruhiger Musik, langsamen Trommeln o.ä. durch den Raum. Auf ein vorher vereinbartes Signal (ein Geräusch, Stopp der Musik, …) bleiben sie stehen und verhalten sich mit ihren Armen wie eine Waage, deren Waagschalen sich langsam einpendeln. Auf diese Weise wird durch die nach oben gedrehten Handflächen und dessen Auswirkung auf die Schulterpartie das Brustbein angehoben. Durch das Pendeln der Waage werden die Seitenpartien des Oberkörpers vorsichtig gedehnt.

3. Seifenblasen

Jedes Kind steht in einem Gymnastikreifen, den es mit nach oben gerichteten Handflächen trägt. So kugelig und rund wie eine Seifenblase „schweben“ die Kinder zu passender Musik nun durch den Raum; wer aneckt (an einem anderen Kind, einem Tisch, …) „zerplatzt“: er/ sie legt seinen Reifen nieder und bleibt stehen.

[...]

Details

Seiten
35
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638800297
ISBN (Buch)
9783638803076
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75486
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Grundschulpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Umsetzung Stimmbildung Musikunterricht Primarschülern Didaktik Lernbereiche Musikunterrichts Grundschule

Autor

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