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Die Interpretation des Novellentitels von Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd"

Seminararbeit 1998 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Interpretation des Novellentitels „Ein fliehendes Pferd“ anhand der zentralen Charaktere
2.1. Das Motiv des ,fliehenden Pferdes’: Helmut Halm
2.1.1. Ein Opfer des ,sexuellen Befreiungsfanatismus’?
2.1.2. Das Schlüsselerlebnis
2.1.3. Flucht in ein Rollenverhalten
2.1.4. Das Motiv des ,Pferdes’
2.2. Der Verfolger des ,fliehenden Pferdes’: Klaus Buch
2.2.1. Das gesellschaftliche Ideal?
2.2.2. Der ,demaskierte’ Klaus Buch
2.2.3. Der Verfolger

3. Der Versuch der Zähmung des ,fliehenden Pferdes’
3.1. Die Titelepisode

4. Das Scheitern der Zähmung des ,fliehenden Pferdes’: Das Rodeo

5. Das Motiv des ,Pferdes’ bei Klaus Buch

6. Schlussbemerkung

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Ein fliehendes Pferd“ - eine Novelle, die ausschließlich die ,Midlife-Crisis’ bei Männern thematisiert?[1] Auf den ersten Blick könnte der Leser zu diesem Schluss kommen, jedoch wird schnell klar, dass die ,Midlife-Crisis’ lediglich die Themen der Novelle ergänzt und verdeutlicht. Die Vergangenheit der Figuren ist zum Verständnis ebenso wichtig, wie deren Gegenwart und Zukunftspläne. Die unterschiedliche Verarbeitung dieser Vergangenheit ist für die Handlung von zentraler Bedeutung.

Die ,Midlife-Crisis’ ist zwar Symptom der sichtbaren Lebenskrisen von Helmut Halm und Klaus Buch, die Ursachen sind jedoch im gesellschaftlichen Anspruch der 70er Jahre zu suchen.

Die Problematik der Gesellschaft hat demzufolge ebenfalls einen sehr wichtigen Stellenwert in der Novelle.[2]

Die Frage nach der Bedeutung des Buchtitels „Ein fliehendes Pferd“ stellt sich um so mehr, da das Bild des ‘fliehenden Pferdes’ sich wie ein Leitmotiv durch den Text zieht.

Neben diesem zentralen Symbol enthält die Novelle auch eine Titelepisode, in welcher die Figuren mit einem fliehenden Pferd konfrontiert werden[3]. Die Reaktionen der verschiedenen Figuren sind hier besonders aufschlussreich.

Außerdem mutet die Wortwahl zunächst ungewöhnlich an, denn mit einem ,stolzen’ Tier, wie das Pferd eines ist, würde man im allgemeinen Sprachgebrauch eher ein aktiveres Verb wie ,durchgehen’ verbinden, als das passive Wort ,fliehen’. Das Pferd - das Lieblingstier der Götter und Helden[4] - stellt man sich in der Regel nicht ,fliehend’ vor. Klarer wird der Titel, wenn man ein ,wildes’, ein ungezähmtes Pferd assoziiert. Denn ein natürliches und ungezähmtes Pferd folgt in erster Linie seinem Fluchtinstinkt.

Geschichtlich gesehen war es auch insbesondere das Pferd, dass dem Menschen durch seine Zähmbarkeit sehr viel Macht gab.[5] Nach der Domestikation und Dressur durch den Menschen entwickelte das Pferd die Charaktereigenschaften, welche man ihm jetzt zuschreibt.

Die Domestikation, die Dressur und der ursprüngliche Fluchtinstinkt lassen sich gut auf den Protagonisten der Novelle übertragen.

Die vorliegende Seminararbeit will, mittels einer Analyse der Verhaltensweisen der zentralen Charaktere, den Novellentitel interpretieren.

2. Die Interpretation des Novellentitels „Ein fliehendes Pferd“ anhand der zentralen Charaktere

Vor der Analyse sollte darauf hingewiesen werden, dass hier ein streng personales Erzählverhalten vorliegt, welches konsequent durchgeführt wird. So erhält der Betrachter sämtliche Informationen ausschließlich durch die subjektive Perspektive von Helmut Halm, ausgenommen in der von ihm wiedergegebenen wörtlichen Rede. Durch dieses Erzählverhalten wird der Gegensatz zwischen der Innenwelt Helmut Halms und seiner Außenwelt betont.

2.1. Das Motiv des ‘fliehenden Pferdes’: Helmut Halm

Grundsätzlich ist Helmut Halm ein gut saturierter Wohlstandsbürger der deutschen Gesellschaft. Obwohl er aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus stammt, studierte und promovierte er und unterrichtet nun an einem Elitegymnasium. Er heiratete vor mehr als zwanzig Jahren und ist Vater von zwei fast erwachsenen Töchtern.

2.1.1. Ein Opfer des ,sexuellen Befreiungsfanatismus’?: Trotz dieser stabilen Familiensituation und seiner beruflichen Karriere ist Helmut Halms Selbstbewusstsein komplett zerstört, weshalb er sich in einer tiefen Krise befindet. Die Gründe hierfür sind unter anderem in seinen Pubertätserlebnissen[6], aber hauptsächlich in den gesellschaftlichen Verhältnissen der 70er Jahre zu suchen. Helmut fühlt sich von den Leistungsansprüchen der Gesellschaft extrem unter Druck gesetzt.[7] Für ihn sind die Anforderungen der Gesellschaft an das Sexualleben zu hoch angesetzt. Folglich leidet er unter großen Versagensängsten, die nicht zuletzt von einem entscheidenden Urlaubserlebnis herrühren.

2.1.2. Das Schlüsselerlebnis: Helmut und Sabine werden vor dem Liebesakt gestört, weil sie mitanhören müssen, wie im Nachbarzimmer ein Liebespaar lautstark miteinander schläft. Sie fühlen sich dadurch in solchem Maße abgelenkt, dass sie ihr Vorhaben abbrechen.[8] Helmut Halm wird sich in diesem Augenblick bewusst, dass der Mann im Nachbarzimmer die zur Zeit propagierten Sexualitätsgebote erfüllt, während er dies niemals zu leisten vermag. Er entspricht nicht dem ewig potenten Mann, den die Medien fordern. Vor allem verletzt ihn die Vorstellung, dass Sabine ihn mit diesen gesellschaftlichen Maßstäben messen und mit dem Mann im Nachbarzimmer vergleichen könnte.

Seit diesem Schlüsselerlebnis empfindet Helmut Halm sich als Versager und sieht keinen anderen Ausweg, als vor dem eigenen Unvermögen zu fliehen. Er entscheidet sich zur Flucht nach innen, zur völligen Introvertiertheit, um sich vor Verletzungen und Bloßstellungen zu schützen. Aufgrund dieses Verdrängungsverhaltens ist er nicht in der Lage, Sabine seine Sorgen mitzuteilen, jedoch verfolgt ihn sein schlechtes Gewissen, weil er sich ihr gegenüber verpflichtet fühlt.[9]

Helmut Halm gerät in einen Teufelskreis aus dem es kein Entrinnen gibt, denn immerzu fühlt er sich von der Gesellschaft beobachtet, angegriffen und verurteilt.[10]

2.1.3. Flucht in ein Rollenverhalten: Seit diesem Schlüsselerlebnis zieht es Helmut Halm immer wieder an denselben Urlaubsort und in dieselbe Ferienwohnung zurück. Nur im Urlaub kann er sich für den Alltag zu Hause regenerieren und erholen. Die vergitterten Fenster der Ferienwohnung spiegeln sein innerstes Bedürfnis wieder, nämlich sich zurückzuziehen in geschützte, abgeschottete Räumlichkeiten.

Er hat kein Interesse daran, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, da er sie viel zu sehr fürchtet. Seine größte Befürchtung ist, dass seine Mitmenschen persönliche Informationen über ihn auch gegen ihn verwenden könnten. Denn nach Helmut Halms Ansicht ist Wissen mit Macht gleichzusetzen.[11] Mit dieser Macht verbindet er „Unterwerfung“[12] und „Dressur“[13], wovor er sich am meisten ängstigt.

Folglich hat er es sich zum Ziel gemacht, unerkannt zu bleiben, um unverwundbar zu sein.[14] Um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit sich völlig aufzugeben und in Rollen zu schlüpfen, welche andere von ihm erwarten. Ein Beispiel hierfür ist sein Ruf als Oberstudienrat. Er bemüht sich, als fortschrittlich zu gelten, was jedoch seinem wahren Charakter nicht im geringsten entspricht.[15] Ein anderes Beispiel ist sein Verhalten Frau Zürn, der Vermieterin seiner Ferienwohnung, gegenüber.[16] Seit ihrer ersten Begegnung hat er sich ausschließlich auf ihre Bedürfnisse eingestellt und versucht ihre Erwartungen zu ihrer Zufriedenheit zu erfüllen.[17]

Helmut Halms Flucht in diese Rollen wird also von dem tiefen Wunsch sein wahres ,Ich’ zu verbergen und zu schützen ausgelöst.[18]

2.1.4. Das Motiv des ,Pferdes’: „Unerreichbar zu sein, das wurde sein Traum.“[19] In seiner Phantasie stellt er sich vor, wie ein Pferd durch unendliche Wälder zu traben, um diese Unerreichbarkeit zu optimieren. Das in die Unendlichkeit ,trabende Pferd’ in seinem Traum symbolisiert seinen Wunsch, mit Leichtigkeit seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne von dieser eingeholt zu werden. Denn die Erinnerung an sein Leben vor dem Schlüsselerlebnis in Grado, an ein Leben, dass noch nicht von Verdrängung und Flucht geprägt war, würde ihn entblößt und schutzlos der Gesellschaft gegenüber zurücklassen. Er will kein Ziel anstreben, aber dennoch sein Leben in einer gleichmäßigen, ruhigen, entspannenden Geschwindigkeit fortsetzen. Seine Versagensängste lassen dies jedoch nicht zu. Das ,trabende Pferd’ wird so durch den gesellschaftlichen Druck zu einem ,fliehenden Pferd’. Folglich symbolisiert das ,fliehende Pferd’ die Verbergungsbedürfnisse Helmut Halms.

[...]


[1] „Ich finde einfach, wir sollten, bevor wir fünfzig sind, noch einmal vom Stapel laufen.“ Walser. S. 110

[2] Vgl. Fetz. S. 122.

[3] Vgl. Walser. S. 88f.

[4] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie.

[5] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie.

[6] Vgl. Walser. S. 51f.

[7] „Wer den Sexualitätsgeboten dieser Zeit nicht genügte, war praktisch ununterbrochen am Pranger.“ Walser. S. 66.

[8] Vgl. Walser. S. 65f.

[9] „Er hätte ihr längst sagen müssen, was bei ihm dazwischenkam [...].“ Walser. S. 67

[10] „Wer den Sexualitätsgeboten dieser Zeit und Gesellschaft nicht genügte, war praktisch ununterbrochen am Pranger.“ Walser. S. 66

[11] „Je mehr ein anderer über mich wüsste, desto mächtiger wäre er über mich, also...“ Walser. S. 37. ; Vgl. auch Walser. S. 13.

[12] „Sie benützten sie zu seiner Behandlung. Zu seiner Unterwerfung.“ Walser. S. 13.

[13] „Zu seiner Dressur.“ Walser. S. 13.

[14]Inkognito war seine Lieblingsvorstellung.“ Walser. S. 12.

[15] „Das war ein Feld, wo er sein Inkognito noch gerettet hatte.“ Walser. S. 68.

[16] „Das Schönste an diesem Urlaubsverhältnis war die jährlich wachsende, aber völlig annäherungslose Vertrautheit zueinander.“ Walser. S. 16.

[17] „Er hatte lediglich sein Benehmen so eingerichtet, wie es, nach seinem Gefühl, Frau Zürn am liebsten hatte.“ Walser. S. 15.

[18] „[...], dann wollte er fliehen. Einfach weg, weg, weg.“ Walser. S. 12.

[19] Vgl. Walser. S. 13.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638147835
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7563
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1+
Schlagworte
Interpretation Novellentitels Martin Walsers Pferd Novelle Jahrhundert

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