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Der Sprach- und der Nationenbegriff in Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit am Beispiel des Abschnittes Das sonderbare Mittel zur Bildung des Menschen ist Sprache

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Andersons Imagined Communities

3. Die Bedeutung des Sprachbegriffes
3.1. Die Schrift

4. Nation und Sprache
4.1. Offensichtliche Verknüpfungen
4.2. Verknüpfungen über äquivalente Eigenschaften
4.3. Kritik

5. Zusammenfassung

6. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Betrachtet man die heutige Interpretation des Nationenbegriffes, so findet sehr häufig eine Verknüpfung von Sprache und Nation statt, in der Form, die jeweilige Sprache für die Nation konstitutiv zu denken. Dieser Gedanke taucht das erste Mal zum Ende des 18. Jahrhunderts auf, als der Begriff der modernen Nation geprägt wurde. Auch in dem geschichtsphilosophischen Hauptwerk des einflussreichen Kulturphilosophen Johann Gottfried Herder, den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit[1] taucht eine solche Verbindung auf.

Das damalige Denken sowie die heutige weit verbreitete Auffassung zum Nationenbegriff widersprechen allerdings vielen Interpretationen des Begriffs, die in der Folgezeit entwickelt wurden. Bereits Ernest Renan wendet sich etwa hundert Jahre später dagegen: „Die Sprache lädt dazu ein, sich zu vereinigen; sie zwingt nicht dazu.“[2] Noch weiter geht Benedict Anderson, der Nationen in seinem Buch Die Erfindung der Nation[3] als Imagined Communities (Vorgestellte Gemeinschaften) beschreibt.

Vor dem Hintergrund der Thesen von Anderson drängt sich mir die Frage auf, wie es im 18./19. Jahrhundert möglich war, die Nation derart eng an die Sprache zu knüpfen. Dies möchte ich am Beispiel des Abschnitts Das sonderbare Mittel zur Bildung des Menschen ist die Sprache.[4] aus dem zweiten Teil von Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, die 1785 erschienen, tun. Am gewählten Text soll deutlich gemacht werden, dass Herders Nationenbegriff immer zusammen mit der Sprache gedacht wird, von dieser abhängig ist und bedeutende Merkmale mit ihr teilt. Außerdem soll deutlich gemacht werden, welche Probleme eine solche Verknüpfung mit sich bringt.

Dazu werde ich zunächst einmal in Andersons Nationenbegriff einführen, um meine theoretische Grundlage zu klären, mit Hilfe derer ich den ausgewählten Text untersuchen möchte. Danach analysiere ich die Bedeutung, die Herder dem Sprachbegriff und insbesondere der Schrift zukommen lässt, damit klar wird, welchen Stellenwert die Sprache in der zu zeigenden Verknüpfung von Nation und Sprache einnimmt. Anschließend untersuche ich die Verwendung der Begriffe der Sprache und der Nation im Text, um belegen zu können, an welchen Stellen sie auf welche Art verknüpft werden, wobei auch Lücken in dieser Verknüpfung aufgezeigt werden sollen.

2. Andersons Imagined Communities

In dem 1983 zum ersten Mal erschienenen Buch Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism (dt. Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts) stellt Benedict Anderson die bedeutsame These auf, dass Nationen vorgestellte, begrenzte, souveräne Gemeinschaften sind. Diese Begriffsbestimmung ist nicht zwingend abwertend, was sich bei der näheren Untersuchung[5] der Definition zeigt:

Dass Nationen vorgestellte Gemeinschaften sind, bedeutet in diesem Fall lediglich, dass eine Gemeinschaft existiert, obwohl ein Mitglied niemals alle anderen Mitglieder dieser Gemeinschaft kennt. Die Nation wird als begrenzt definiert, da ihre Mitglieder „in genau bestimmten [...] Grenzen leb[en].“[6] Mit dem Begriff der Nation wird ebenfalls die politische Forderung nach Souveränität verbunden, da Nationen davon „träumen [...], frei zu sein“[7]

Ein weiterer wichtiger Zug seines Begriffs ist die Differenz, welche Anderson zwischen Nationalismus und anderen Begriffen für Weltanschauungen zieht, ersterer ist weniger ein rational begründbares Weltbild (wie z. B. Liberalismus), sondern sollte begrifflich eher „wie ‚Verwandtschaft’ oder ‚Religion’“[8] gefasst werden.

Abseits von seinem Nationenbegriff untersucht Anderson das Zustandekommen der Nation überhaupt und unterschiedlicher Formen von Nationen und belegt somit die Historizität der Nation, indem er nachweist, dass dies ein Begriff des ausklingenden 18. Jahrhunderts ist. Als einen der wichtigsten Faktoren für die Entstehung des modernen Nationenbegriffs nennt Anderson den sich durchsetzenden Buchdruck, der gemäß der Prinzipien des kapitalistischen Wirtschaftens Bücher in der Volkssprache druckt, weil für diese ein größerer Markt besteht. Dadurch wird die Sprache der Bevölkerung vereinheitlicht und kann sich gegenüber den so genannten heiligen Sprachen Latein und Griechisch durchsetzen. In der Pluralität der Sprachen gibt es keine heilige Sprache mit angenommener sicherer Referenz auf eine ontologische Wahrheit mehr.[9]

3. Die Bedeutung des Sprachbegriffes

Zunächst einmal soll die Bedeutung der Sprache im Herderschen Kontext belegt werden, um aufzuzeigen, welchen Rang sie bei dem Zusammenwirken der Begriffe Sprache und Nation einnimmt. Der Sprachbegriff durchzieht Herders Werk: Große Teile seines Denkens sind auf dem Fundament seiner Sprachphilosophie aufgebaut, welche er mit der 1771 erschienenen Abhandlung über die Sprache[10] begründet.[11] Die Sprache nimmt zufolge eine zentrale Rolle ein: „Sie ist das Medium, in dem sich auch das nichtsprachliche Sein verständlich machen lässt“[12]. Im Gegensatz zu vielen anderen Denkern seiner Zeit, ist auch die Vernunft, der zentrale Begriff der Aufklärung, von der Sprache abhängig.[13]

Im ausgewählten Textstück wird die Bedeutung des Sprachbegriffes ebenfalls hervorgehoben: Schon die Überschrift des Abschnittes „Das sonderbare Mittel zur Bildung des Menschen ist Sprache“[14] belegt die herausragende Stellung, in welche die Sprache durch Herder gebracht wird: In der Zeit, wo Bildung als Mittel zur Formung des Menschen durch die Aufklärung an Stellenwert gewinnt, steht für Herder gerade die Sprache im Zentrum der Bildung.

Der menschliche Körper ist nach Herder für die Sprache geschaffen, dies stellt er zu Beginn des Abschnitts fest:

Wie eine Saite der anderen zutönt und mit der reinern Dichtigkeit und Homogeneität aller Körper auch ihre vibrierende Fähigkeit zunimmt: so ist auch die menschliche Organisation, als feinste von allen, notwendig auch am meisten dazu gestimmt, den Klang aller andern Wesen nachzuhallen [...].[15]

[...]


[1] Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit; Frankfurt/Main 1989

[2] Renan, Ernest: Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne; Hamburg 1996; S. 27

[3] Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts; Frankfurt/Main 2. Erweiterte Auflage 1996

[4] Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, S. 345-354

[5] Vgl. Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, S. 16-17

[6] Ebd., S. 16

[7] Ebd., S. 17

[8] Ebd., S. 15

[9] Ebd., S. 18-27, 40-46

[10] Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache; in: ders.: Frühe Schriften 1764-1772; Frankfurt/Main 1985, S. 695-810

[11] Vgl. Heise, Jens: Johann Gottfried Herder zur Einführung, Hamburg 1998, S.21

[12] Ebd., S. 10

[13] Vgl. Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, S. 347: „[E]ine reine Vernunft ohne Sprache ist auf Erden ein utopisches Land.“ Vgl. hierzu auch: Heise: Herder zur Einführung, S. 8, 35 und 76

[14] Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, S. 345

[15] Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638813174
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75796
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut, Abteilung Neuere deutsche Literatur
Note
Voll gut (1,7)
Schlagworte
Sprach- Nationenbegriff Herders Ideen Philosophie Geschichte Menschheit Beispiel Abschnittes Mittel Bildung Menschen Sprache Drama Nation

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