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"Der Charakter des Menschen bestimmt sein Schicksal?" - Die Anlage-Umwelt-Debatte

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Begriffe der Anlage-Umwelt-Debatte
2.1 Der Begriff der Anlage
2.1.1 Gene
2.1.2 Geno- und Phänotyp
2.2 Der Begriff der Umwelt
2.3 Umwelteinflüsse
2.4 Auswirkungen von Anlage und Umwelt

3. Theoretische Modelle
3.1 Nativismus
3.2 Milieutheorie
3.3 Interaktionstheorie
3.4 Dialektisches Modell

4. Methoden und Ergebnisse der Vererbungsforschung
4.1 Selektive Zuchtwahl bei Tieren
4.2 Familienstatische Untersuchungen
4.3 Zwillingsforschung
4.4 Ziele der Zwillingsforschung
4.4.1 Verschiedene Methoden der Zwillingsforschung
4.4.2 Der Vergleich von eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren
4.4.3 Der Vergleich von Zwillingen mit anderen Geschwistern
4.4.4 Der Partnervergleich bei eineiigen Zwillingen
4.4.5 Der Vergleich gemeinsam aufgewachsener mit getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen

Zusammenfassung/Kommentar

1. Einleitung

„Der Charakter des Menschen bestimmt sein Schicksal“ – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Nun lautet allerdings die erste Frage: Wie setzt sich Charakter zusammen? Ist er uns „in die Wiege gelegt“, oder wird er für uns von unserer persönlichen Umwelt wie ein Puzzle Stück für Stück „auferlegt“ und ist somit ein Produkt aus Umwelt und Genen? So kann man sich doch vorstellen, dass ein Mensch, der in der USA aufgewachsen ist, anders geprägt sein und sich somit ganz anders entwickelt haben, als der gleiche, der in Sibirien aufgewachsen ist, oder etwa nicht?

Genau auf diese Fragen bezieht sich die Anlage-Umwelt-Thematik. Allerdings ist nicht nur der Charakter Thema - verschiedenste Fragestellungen sind Gegenstand der Debatte.

Viele Leute behaupten, die Entwicklung der Kinder sei auf den Erziehungsstil der Eltern zurückzuführen- auf der anderen Seite stehen diejenigen Eltern, die ihr Kind einfach für „schwer erziehbar“ erklären, oder erklärt kriegen.

Immer wieder lassen sich dazu verschiedene Meinungen und Theorien finden. Philosophen ließen sich über die Möglich- oder auch Unmöglichkeiten der Vererbung und Erziehung aus, es folgten eine Reihe von Untersuchungen, um diese Frage zu beantworten zu können, wobei es bis heute mehrere Theorien gibt, die dieses Problem zu erklären versuchen.

Aufgrund der Tatsache, dass die Wissenschaft sich weitgehend uneins über das Thema Anlage-Umwelt (allein der Zusatz „Debatte“ bestätigt dies!) ist, beschäftigt sich diese Hausarbeit nicht mit genauen Fragestellungen, sondern stellt einen Querschnitt durch verschiedene Zeiten, Modelle und theoretische Ansätze dar.

Dabei geht es im ersten Teil um grundlegende Begriffe der Anlage-Umwelt-Thematik, im zweiten Teil stelle ich die – teilweise – kontroversen Ansichten und Theorien über diese Debatte dar, um im dritten Teil über die verschiedenen Untersuchungsmethoden überzugehen.

2. Begriffe der Anlage-Umwelt-Debatte

2.1 Der Begriff der Anlage

Die Entwicklung des Menschen beginnt mit der Befruchtung einer Eizelle durch eine männliche Keimzelle (Samen)[1]. Diese Keimzellen enthalten die genetischen Informationsträger, die sogenannten Chromosomen. Sie tragen das Erbmaterial von einer Generation zu der nächsten. Auch jede andere menschliche Zelle besitzt Chromsomen, beim Menschen sind es 23 Chromosomenpaare, also 46 einzelne Chromosomen. Die chemische Struktur der Chromosomen ergibt den genetischen Code. Diese chemische Struktur ist bei allen Chromosomen die gleiche: Man nennt sie Desoxyribonucleinsäure (nachstehend DNS abgekürzt)[2]. Die DNS bildet „lange, fadenförmige Moleküle, die ähnlich wie eine Strickleiter aufgebaut sind. Jeder Faden besteht aus zwei Ketten. Die nebeneinander liegenden Kettenglieder sind durch Brücken miteinander verbunden.“[3]

Beide Stränge des DNS-Moleküls umwinden sich wie eine Spirale.

2.1.1 Gene

Ist der grundlegende Aufbau der DNS gleich, gibt es Unterschiede in der Anordnung der Querverbindungen (Brücken). Es gibt vier verschiedene Arten von Brücken, sie bilden die Grundlage des genetischen Codes. Man kann hier die Erbanlage vergleichbar verschlüsselt wie eine Morsenachricht finden: Beim genetischen Code entstehen durch Anordnung der vier Zeichen die „Sprache“ der Erbinformation. Eine längere Folge von Brücken bildet einen Chromosomenabschnitt und somit ein Gen[4].

2.1.2 Geno- und Phänotyp

Unter dem Begriff Genotyp versteht man die individuelle genetische Ausstattung eines Individuums, das Chromosomenmaterial. Evolutionsbiologisch gesehen besteht die Identität eines Lebewesens in seinem Genotyp. Der Genotyp eines Organismus bleibt sein Leben lang unverändert. Er ist es, der sich im „Verlauf der Stammesgeschichte von den einfachen Bauplänen anaerober Bakterien bis hin zu den unvorstellbar komplexen Bauplänen von Menschen mit ca. 3,5 Milliarden Code-Stellen entwickelt“[5]. Die Selektionskräfte der Umwelt nehmen Einfluss auf ihn, Lebewesen sind „Vehikel für den Genotyp, um sich fortzupflanzen“[6]. Es besteht aber keine mechanische und direkte Verbindung zwischen Genotyp und dem äußeren Erscheinungsbild des Menschen, dem Phänotyp, worunter auch Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale zählen. Es werden keine Merkmale vererbt, sondern Anlagen. Gegensätzlich zum Genotyp ist der Phänotyp lebenslänglichen Veränderungen unterworfen. Sie ergeben sich aus der Wechselwirkung des Genotyps und seiner Umwelt, ihnen sind unterschiedliche Grenzen gesetzt.

Die Verbindung zwischen Geno- und Phänotyp wird durch Prozesse hergestellt, „die sowohl vom Chromosomenmaterial als auch von den Bedingungen des Milieus abhängen“[7]. Alle phänotypischen Ausprägungen sind immer nur indirekt mit dem Genmaterial verbunden. „Je mehr Prozesse zwischen Genotyp und Phänotyp ablaufen und wirksam werden, umso weniger dürften sie mit bestimmtem Genmaterial in Beziehung zu bringen sein“[8]. Umgekehrt ist der Phänotyp auch nie unabhängig vom Genotyp zu betrachten.

Die Enge zwischen den Beziehungen von Geno- und Phänotyp ist je nach Merkmalsbereich verschieden. Weitgehend ist der Genotyp für „die anatomisch-physiologische Struktur des menschlichen Organismus sowie die Stadien seiner Reife (z.B. Geschlechtsreife)“[9] verantwortlich. Weiterhin bestimmt der Genotyp die morphologischen und funktionellen Hauptmerkmale, also Haut- oder Augenfarbe und Blutgruppe sowie gewisse Stoffwechselvorgänge. Die meisten Anomalien diesbezüglich gehen auf chromosomale Defekte zurück.

Diese Definitionen lassen folgende Überlegungen zu:

- Der gleiche Genotyp kann unter verschiedenen Umwelteinflüssen zu verschiedenen Genotypen führen.
- Im Gegensatz dazu können Bereiche eines Phänotyps trotzdem auf verschiedene Genotypen zurückzuführen sein.
- Der Genotyp ist nicht allein zuständig für den Phänotyp- er schränkt nur die Möglichkeiten bestimmter Umwelteinflüsse ein, die für den Phänotyp verantwortlich sind.

2.2 Der Begriff der Umwelt

„Der Begriff der Umwelt umfasst in der Vererbungsforschung (Genetik) alle Einflüsse, die auf das Individuum von der Befruchtung der Eizelle bis zum Tode eines Individuums einwirken und nicht genetischen Wirkungen zugeschrieben werden können“[10].

2.3 Umwelteinflüsse

Es können hierbei zwei Arten von Umwelteinflüssen unterschieden werden:

a) Umwelteinflüsse organischer Art

Sie rufen eine organische Wirkung hervor, diese wiederum das Verhalten des Individuums beeinflusst.

b) Verhaltensbezogene Umwelteinflüsse

Sie sind direkte Reize oder auch Auslöser für psychische Reaktionen.[11]

Weiterhin sind „umweltlabile und umweltstabile Eigenschaften“[12] zu differenzieren, dabei geht es darum, ob die Erbanlage mehr oder weniger starken Einfluss zulässt. Dementsprechend ist das Körpergewicht zum Beispiel eine labile Eigenschaft, es hängt außer von der Veranlagung weitgehend von den Lebensgewohnheiten des Menschen ab. Entgegengesetzt hierzu ist die Körpergröße eine umweltstabile Eigenschaft.[13]

Dabei spielen alle möglichen Faktoren eine Rolle: sei es der „Spiegel der Hormone, denen ein Fötus im Mutterleib ausgesetzt ist, bis zu individuellen Erfahrungen wie zum Beispiel eine Verletzung während der Kindheit oder die Begegnung mit einem bestimmten Lehrer in der dritten Klasse“[14]. Sowohl kulturelle sowie soziale Faktoren als auch die Erziehung gehören dazu.

3. Theoretische Modelle

Welche Rolle spielt die Anlage, welche Rolle die Umwelt in der menschlichen Persönlichkeitsbildung? Dabei ergeben sich grundsätzlich zwei extreme Lösungsansätze:

a) Alles ist der Anlage, den Genen, zuzuschreiben.
b) Alles ist der Umwelt zuzuschreiben.
Ein weiterer Ansatz steht zwischen diesen Ansätzen:
c) Alles ist ein Zusammenspiel der beiden Faktoren.

Dass das System viel komplexer ist, versuchen viele Experimente, später am Beispiel der Zwillingsstudien näher erläutert, aufzuzeigen. Sie versuchen auch zu erklären, wofür genau Anlage, wofür Umwelt verantwortlich ist, denn als sicher gilt, dass beide Faktoren unser Verhalten beeinflussen.

Zwischen diesen beiden Lösungsansätzen finden sich weitere Modelle, die verschiedene Standpunkte vertreten und im Folgenden näher erklärt werden.

Die folgenden Ansätze sind weitgehend in der Anlehnung an H. Rosemann geschrieben.

[...]


[1] vgl. H. Rosemann (1976): Anlage und Umwelt. Biologische und gesellschaftliche Grundlagen der Entwicklung. Arbeitshefte für Psychologie, Band 4, Berlin.

[2] vgl. G. Bubolz & H. Fischer (1980): Entwicklung und Sozialisation unteranthropologischen, psychologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Aspekten. Arbeitshefte für Erziehungswissenschaft, 5. Auflage, Frankfurt am Main, S. 8.

[3] ebenda

[4] vlg. G. Bubolz & H. Fischer (1980): Entwicklung und Sozialisation unteranthropologischen, psychologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Aspekten. Arbeitshefte für Erziehungswissenschaft, 5. Auflage, Frankfurt am Main, S. 8.

[5] J. Asendorpf: Keiner wie der andere, S. 161.

[6] ebenda

[7] H. Rosemann (1976): Anlage und Umwelt, S. 13.

[8] ebenda

[9] H. Rosemann (1976): Anlage und Umwelt, S. 13.

[10] ebenda, S. 14.

[11] vgl. ebenda

[12] E. Zerbin-Rüdin (1977): Vererbung – Umwelt – Ich-Steuerung aus der Sicht eines Genetikers. In: Österreichische Arbeitsgemeinschaft „Arzt und Seelsorger“ (1977): Umwelt. Ich-Steuerung. Linz-Wien-Passau, S. 7-27, S. 8.

[13] vgl. ebenda

[14] P. Copeland & D. Hamer (1998): Das unausweichliche Erbe. Wie unser Verhalten von unseren Genen bestimmt ist. Bern, München, Wien, S. 61.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638897655
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76027
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Schlagworte
Charakter Menschen Schicksal Anlage-Umwelt-Debatte Proseminar

Autor

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