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Aufstellungsarbeit in der Teamberatung - Systemische Kompetenzen im Coaching

Studienarbeit 2004 55 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung und Überblick

2 Die Beschreibung des gestellten Soziogramm

3 Relevante Ansätze zur Ableitung des Gestellten Soziogramm
3.1 Der soziometrische Ansatz
3.2 Aufstellungen nach Bert Hellinger
3.3 Systemischer Ansatz
3.4 Lösungsorientierter Ansatz

4 Teamberatung und Teambegleitung in der Jugendhilfe
4.1 Struktur der Gruppen und der Teamarbeit in der stationären Jugendhilfe
4.2 Fokus der Teamberatung und Teambegleitung in der Gruppenarbeit

5 Das Gestellte Soziogramm in der Praxis
5.1 Überblick und Rahmen der Erprobung
5.2 Exemplarische Darstellung eines gestellten Soziogramms
5.3 Begleitende Bewertung durch Fragebogen
5.3.1 Auswertung des Fragebogen
5.3.2 Auswertung Fragebogen zur Gesamtbewertung
5.4 Diskussion der Ergebnisse des Fragebogens und der gesammelten Erfahrungen zum gestellten Soziogramm

6 Das gestellten Soziogramm und Coaching
6.1 Unterschiede zwischen Teamberatung und dem Coaching
6.2 Chancen und Grenzen des gestellten Soziogramms im Coaching

7 Literatur / Quellen

8 Anhang

9 Das Gestellte Soziogramm
9.1 I. Vorstellung der Methode
9.2 Durchführung

10 Systemische und lösungsorientierte Fragen

1 Einführung und Überblick

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einer modifizierten Me­thode der systemischen Struktur­aufstellung, die von mir seit mehreren Jahren im Rahmen der stationären Jugendhilfe in der Be­rat­ung von Wohngruppenteams angewandt wird.

Die Idee zur Anwendung entstand in einem Seminar des WA zum Thema Organisations­aufstellung. Hier lernte ich die Aufstellungsarbeit nach Hellinger kennen. Das Setting der Aufstellungsarbeit nach Hellinger passt nicht ohne spezifische Anpassungen in den strukturellen Rahmen der Be­ratung von Wohngruppenteams. So steht im Mittelpunkt der Teamberatung der Verlauf der pädagogischen Hilfe der anvertrauten Jugendlichen. Die Ausein­andersetzung mit der eigenen Haltung und Situation des Beratenden findet nur im Bezug der pädagogischen Fragestellungen statt. Der Rahmen der Teamberatung wird hierbei durch die hierarchischen Strukturen unserer Jugendhilfeeinrichtung bestimmt. So ist meine Rolle als Teamberater auch nicht zu trennen von der Funktion der Dienst- und Fachaufsicht über die Wohngruppenteams.

Der Mangel an geeigneten Beratungs- und Analysemethoden sowie die Faszination an der Aufstellungsarbeit motivierten mich adaptierte Anwendungsmöglichkeiten für die eigene Teamberatung zu suchen und auszuprobieren. Als Ergebnis dieser Suche und des Experimentierens mit Elementen der Aufstellungsarbeit verdichtete sich eine Methode, die ich als Gestelltes Soziogramm bezeichne. Neben Elementen aus der Aufstellungs­arbeit sind im gestellten Soziogramm auch Ideen und Prinzipien aus anderen Methoden und Denkrichtungen integriert. So drückt sich die besondere Nähe zur Soziometrie nach Moreno in dem von mir gewählten Namen aus.

Die Idee zu dieser Arbeit entstand ebenfalls im WA-Studium. Die Notwendigkeit einer schriftlichen Arbeit zum Abschluss der Sequenz „Systemische Kompetenzen im Coaching“ sowie mein Interesse, die, eher im praktischen Tun entwickelte und angewandte, Methode zu reflektieren, war der Ausgangspunkt. Die Anwendung des gestellten Soziogramms sowie die Be­ratung der Wohngruppenteams hat nur einen begrenzten Bezug zum Thema Coaching. Da ich in meinem beruflichen Kontext kein Coaching durchführe und die Teamberatung der größtmögliche Bezug zum Thema darstellt, habe ich mich dennoch entschlossen diese Arbeit im Rahmen der Sequenz Coaching zu schreiben.

Die Arbeit gliedert sich in folgende Teile: Im Kapitel 2 soll die Methode des gestellten Soziogramms und ihre Durchführung be­schrieben werden. Im Kapitel 3 werden die fachlichen Wurzeln des gestellten Soziogramms erörtert. Hierbei werde ich auf das Soziogramm nach Moreno sowie auf die Auf­stellungsarbeit nach B. Hellinger und dem systemischen und lösungsorientierten Ansatz ein­gehen.

Die strukturellen Gegebenheiten der Teamberatung in der Jugendhilfe werden im Kapitel 4 dar­gestellt. Die Kenntnis hierüber ist notwendig, um die Chancen und Möglichkeiten der Methode des gestellten Soziogramms aufzuzeigen.

Die Nützlichkeit der Methode wurde aus der Perspektive der Teammitglieder durch einen Fragebogen ermittelt. Der Rahmen der Erprobung sowie die Ergebnisse der Befragung werden im Kapitel 5 dargestellt.

Das Kapitel 6 versucht den Bezug zum Thema Coaching und der Sequenz herzustellen. Es werden die Merkmale des Coaching dargestellt, Unterschiede zur Teamberatung aufgezeigt sowie die Anwendung des gestellten Soziogramms im Coaching thematisiert.

2 Die Beschreibung des gestellten Soziogramm

Mit der Anwendung des gestellten Soziogramms werden zwei Zielsetzungen verfolgt. Zum einen können soziale Gruppenstrukturen analysiert und dargestellt zum anderen Lösungs­räume für Probleme und Konflikte ermittelt werden.

Die Methode kann in der Einzel- , sowie in der Gruppen, bzw. Teamberatung angewandt werden. Sie bedarf der Moderation eines Beraters, der über Erfahrungen in der Durchführung sowie in der Anwendung systemischer Gesprächsführung verfügt. Der Moderator sollte in einer distanzierten Rolle zur fokussierten Gruppe stehen. Er leitet die Ratsuchenden und führt sie durch den Aufstellungsprozess nach dem folgenden festgelegten Schema: [1]

Schritt I: Vorbereitung

- Für die Durchführung wird ausreichend Platz sowie vorbereitete Pappfiguren benötigt
- Es wird ein leitendes Thema im Team formuliert und erläutert.
- Es wird festgelegt, wer die Dokumentation und wer die Aufstellung der Figuren übernimmt.
- Für die Durchführung wird ausreichend Platz sowie Pappfiguren benötigt
- Das Thema wird durch eine präzise Fragestellung oder Definition des Ziels konkretisiert
- Hierbei ist es wichtig darauf zu achten, dass die Fragestellung oder die Formu­lierung des Ziels konkret, eindeutig und präzise formuliert wird.
- Abgeklärt wird, ob auch die Teambetreuer in die Aufstellung einbezogen werden.

Schritt II:
Grundaufstellung

- Jede Figur repräsentiert ein Gruppenmitglied. Das gewählte Teammitglied stellt die Figuren entsprechend der festgelegten Fragestellung/Zielsetzung und den vor­handenen sozialen Beziehungen in der Gruppe auf.
- Der Prozess des Stellens soll möglichst gefühlsge­leitet durchgeführt werden.
- Die anderen Teammitglieder enthalten sich dabei aller Kommentare.
- Zum Abschluss überprüft das Teammitglied das Gesamtbild und beschreibt den anderen Teammitgliedern die Positionen und Beziehungen innerhalb der Aufstellung.

Schritt III:
Diskussion und Korrektur der Grundaufstellung durch das Team

- Nachdem das Teammitglied die Aufstellung abgeschlossen hat wird das Beziehungsbild nun vom Gesamtteam unter Anwendung vor allem kontext­orientierten, systemischer Fragen erörtert.
- Nachdem die Grundaufstellung eingehend erörtert wurde und Korrekturen vorgenommen wurden wird die Grundaufstellung festgehalten.

Schritt IV:
Veränderung der Grundaufstellung durch das Team

- Ausgehend von der korrigierten Grundaufstellung und der leitenden Fragestellung / Problem­stellung werden Möglichkeiten zur Problemlösung / Ressourcenaktivierung gesucht.
- Hierzu werden bessere Konstellationen gesucht und ausprobiert.
- Die sich hierzu ergebenden Veränderungen der Aufstellung werden durch systemische, möglichkeitskonstruierende Fragen erörtert und überprüft.

Schritt V:
Auswertung

- Wenn eine, der Fragestellung und Zielsetzung entsprechende veränderte Aufstellung gefunden, wird diese festgehalten.
- Erkenntnisse, Handlungsweisen und Zielsetzungen, die sich aus dieser Aufstellung ergeben werden ebenfalls dokumentiert.
- Zum Abschluss findet eine kurze Reflektion des Prozesses statt.

Bei dem gestellten Soziogramm geht es nicht um die objektive und empirisch abgesicherte Visual­isierung eines sozialen Systems. Vielmehr soll das soziale System von der stellenden Person aus ihrer subjektiven heraus Wahrnehmung generiert werden. Dies bedeutet, dass die Intuition und eigene Gefühle den Prozess des Aufstellens stark bestimmen.

Als hilfreich hat sich hier in der praktischen Teamberatung erwiesen, dass die Protagonisten der Aufstellung ihre Aufstellungsfiguren selber gestalten. So haben sich die Kinder und Jugend­lichen der Wohn­gruppen auf Papprollen entsprechend ihres Selbstbildes dargestellt. Die Vor­teile liegen im persönlichen und individuellen Charakter, die diese Figuren ausstrahlen.

Das Anleitungsschema geht von einem Team, einer Gruppe aus, die das gestellte Sozio­gramm anwendet. Hierbei hat es sich als sinnvoll erwiesen, die Grundauf­stellung durch einzelne Einzelpersonen durch­zu­führen. Versuche, die Grundauf­stellung durch die gesamte Gruppe zu erstellen hat häufig dazu ge­führt, dass nur unter großen Schwierigkeiten ein einheitliches Bild gefunden wird und dieses auf­grund der vorausgegangenen Konsensbildung blass und wenig aus­sage­kräftig erscheint.. Bis zum Ende der Grundaufstellung können sich die anderen Team­teilnehmer daher nur durch Verständnisfragen beteiligen.

Die Sichtweise der anderen Teammitglieder fließt unter Schritt III: „Diskussion und Korrektur der Grundaufstellung durch das Team“ in den Prozess ein. Hier wird unter Anwendung kontextorientierten, systemischen Fragen versucht den Wahrnehmungsraum der teilnehmenden Teammitglieder bezüglich des visualisierten Systems zu erweitern. Bestehende Sichtweisen sollen so hinter­fragt und neue Aspekte entdeckt werden. Die Aufstellung bewirkt einen Abstand und er­möglicht so eine Metaposition der Betrachtung. Neue Aspekte können durch eine Veränderung der Aufstellung ausprobiert werden.

In diesem Prozess ist die Diskussion innerhalb des Teams ausgesprochen wichtig und hilfreich. Das Team kommuniziert und überprüft ihre Sichtweisen zum gestellten Sozialsystem.

Im Schritt IV: „Veränderung der Grund­aufstellung durch das Team“ geht es um die Gene­rierung von Veränderungs- und Lösungsräumen im Bezug zu der leitenden Ausgangsfrage oder Zielsetzung. Hierbei werden möglichkeitskonstruierende, systemische Fragen angewandt. Ideen und kreative Vorschläge können diskutiert werden und in ihren Auswirkungen auf das soziale System innerhalb der Aufstellung ausprobiert und simuliert werden.

Die Visualisierung hilft hier, noch nicht bedachte Auswirkungen auf das gesamte System oder Bedingungen außerhalb der konkreten Fragestellung zu erkennen und abzu­schätzen.

Die Diskussion zur Veränderung der Grundaufstellung führt innerhalb des Teams zu einer Ab­stimmung des gemeinsamen Vorgehens.

Zu betonen ist, dass dieser Prozess nicht als eine Art „social-engienering“ missverstanden werden darf, bei dem neue Strukturen eines sozialen Systems am Reißbrett konstruiert werden. Wie auch für den ersten Teil des gestellten Soziogrammes geht es hier nicht um die Suche nach der einen gültigen und objektiven Problemlösung. Vielmehr sollen Ressourcen des sozialen Systems erkannt und mögliche Handlungswege ent­wickelt werden. Die Wirksamkeit der Schritte muss bei der Umsetzung überprüft und entsprechend angepasst werden.

3 Relevante Ansätze zur Ableitung des Gestellten Soziogramm

3.1 Der soziometrische Ansatz

Ein früher und fast klassischer Ansatz zur Erfassung und Darstellung von zwischen­mensch­lichen Beziehungen und bestehende Konstellationen in Gruppen stellen sozio­metrische Er­heb­ungs­techniken dar. Sie wurden von dem amerikanischen Psychiater J. L. Moreno in den 30. Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer wissenschaftlichen Methode entwickelt. Sein soziometrischer Ansatz wurden in den 50. Jahren auch in Deutschland publiziert und praktiziert[2]

Soziometrische Erhebungen erfassen vor allem die gefühlsmäßigen Beziehungen der Gruppenmitglieder zueinander, die sich in ihren Interaktion durch Anziehung und Abstoßung zeigen. Konkret können durch soziometrische Untersuchungen das Gruppenklima, die Dichte der Gruppenbeziehungen, Positionen und Rollenverteilungen sowie Macht und Rang­posi­tionen bestimmt werden.[3]

Einen besonderen Stellenwert nahmen soziometrische Erhebungen im Bereich der Schule in Form der Darstellung von Gruppenstrukturen des Klassenverbandes dar.

Die Soziometrie kennt verschiedene Erhebungs- und Darstellungstechniken. Im Be­reich der Er­heb­ung werden die Beobachtung und die Befragung unterschieden.

Bei der Beobachtung registriert ein außerhalb stehender Beobachter die Interaktionen der Gruppe und erfasst diese nach Qualität und Quantität. Für die Beobachtung hat R. F. Bales ein Kategoriensystem entwickelt.

Bei der soziometrischen Befragung werden die Daten schriftlich erhoben. Die Gruppen­mit­glieder werden anhand spezifischer Wahlkriterien nach bevorzugten oder abgelehnten Partnern innerhalb Gruppe befragt.

Hier einige Beispiele möglicher Fragen:

- Neben wem möchtest Du sitzen ?
- Mit wem möchtest du gerne zusammen­arbeiten ?
- Wer soll zu Deinem Geburtstag kommen?
- Mit wem möchtest du verreisen ?

Die Darstellung der soziometrischen Daten können in sehr verschiedenen Diagrammformen visualisiert oder in Tabellen dargestellt werden.

Daneben ist es möglich verschiedene stat­istische Kennzahlen zu berechnen. Hier soll lediglich auf die darstellende Form des Sozio­gramms, bzw. Morenosoziogramms eingegangen werden.[4] Moreno arbeitete mit einem Symbolsystem und stellte die Zusammenhänge in einem Netz­diagramm dar.[5]

In der Mitte des Bildes werden die meist gewählten Person und darum herum die Gruppen­mitgliedern per Kreis/Quadrat aufgezeichnet. Die qualitativen Beziehungen der Grup­pen­mitglieder werden durch verschiedene Arten von Linien symbolisiert. Folgende Beispiele geben Positionen wieder, die in einem Soziogramm erkennbar sind:

- Der Star: Ein Mitglied, welches häufig gewählt wurde
- Der Führer: Erhält bei allen Kriterien überdurchschnittlich
Wahlnennungen
- Der Isolierte: Wählt nicht und wird nicht gewählt
- Der Abgelehnte: Erhält mehr negative als positive Nennungen

Hier ein Beispiel für eine Soziogrammdarstellung[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7 ist der Gruppenstar

5 wurde nicht gewählt und steht abseits

2-3 stellten ein zusammengerücktes Paar dar, von ihm weist eine Kette über 6 zu 1

1-4-7 stellt ein dominantes Dreieck in der Gruppe dar

Im Vergleich vom Morenosoziogramm zum gestellten Soziogramm werden Ähnlichkeiten, aber auch gravierende Unterschiede deutlich.

Eine deutliche Parallele besteht in der Möglichkeit Beziehungen und Strukturen innerhalb sozialer Gruppen zu visualisieren und damit einer distanzierten Betrachtung zugänglich zu machen. Hierbei verwenden beide Methoden sehr vergleichbare Symbole zur Darstellung.

Ein sehr wesentlicher Unterschied besteht darin, dass sich die Soziometrie als eine sozial­wissen­schaftliche Methode versteht, die bei entsprechender Anwendung zu empirisch gesicherten Ergebnissen führt. Daher können die soziometrischen Daten auch in qualitativen Darstellungsformen, wie durch nummerische Tabellen und statistisch ermittelte Kennzahlen dargestellt werden.

Das hingegen gestellte Soziogramm konstruiert Er­geb­nisse und Bilder entsprechend der indi­viduellen Wahrnehmung.

So lässt sich das Morenodiagramm als analytisch-kausale Methode umschreiben, während das gestellte Soziogramm eher hermeneutischen Methoden zuzuordnen ist.

Die Auswahlfaktoren des Moreno­sozio­gramms sind vor der Durch­führung exakt festgelegt und begründet.

Auch ist ihre Anzahl stark begrenzt. Beim gestellten Soziogramm spielen, außer der leitenden Fragestellung oder festgelegte Zielsetzung vorab erstellte Auswahl­kriterien keine Rolle. Die Durchführung erfolgt der Aufstellung weitgehend geleitet vom Gefühl und der Intuition.

Das Morenosoziogramm versucht die Strukturen und Beziehungen in einer Gruppe zum Augenblick der Erhebung einzufrieren. Informationen über die Gruppenstruktur hinaus gibt das Morenosoziogramm nicht. Das gestellte Soziogramm hingegen regt zu eine Erörterung der Bedingungen, Wirkzusammenhänge sowie der Vor- und Nachteile der dargestellten Strukturen an. Unter verschiedenen Gesichtspunkten kann die Aufstellung verändert und korrigiert werden. Im Morenosoziogramm kann die Zukunftsperspektive nicht dargestellt und erörtert werden. Das gestellte Soziogramm hingegen ermöglicht es Hypothesen über zukünftige Entwicklungen der Gruppenstruktur zu bilden und diese im Möglichkeitsraum der Aufstellung auf ihre Auswirkungen für die Gruppe zu simulieren.

3.2 Aufstellungen nach Bert Hellinger

Das Familienstellen ist eine Methode, die sich aus dem Psychodrama, der Gruppendynamik und der Gestalttherapie entwickelt hat.[7] Sie besteht im wesentlichen darin, dass ein Klient be­züg­lich einer Fragestellung aus dem familiären Kontext, Stellvertreter für die Mitglieder seiner Familie auswählt und diese gesammelt in Beziehung zueinander stellt. Die so aufgestellten Ver­treter werden zu ihren Gefühlen und Empfindungen befragt, die auf dem ihnen zuge­wiesenen Platz aufsteigen. Unter Leitung des Therapeuten wird die Konstellation nun soweit modi­fiziert, dass alle einen subjektiven guten Platz bekommen. Je nach den gegebenen Umständen werden Ausgeschlossene mit bestimmten Lösungssätzen gewürdigt, Schuld zurück­gegeben wo sie hingehört, Vater / Mutter angenommen oder Verantwortung über­nommen. Das neu auf­ge­stellte Lösungsbild wird vom Klienten verinnerlicht und kann für ihn positive Wirkungen auf be­stehende Konfliktkonstellationen, wie brüchige Beziehungen, Problemkinder oder seelische Ver­letzungen entfalteten. Die Aufstellungen sind nicht zwingend auf Familien beschränkt, sondern können auch mit anderen sozialen Systemen, wie Organisationen, Arbeitsgruppen oder Paarbeziehungen durch­ge­führt werden.

Hellinger geht in seinem Denken davon aus, dass Familien sowie auch andere soziale Systeme durch eine grundlegende Ordnung gekennzeichnet sind. Diese ist ausserbewußt und auf der archaischen Beziehungsebene unterhalb der Kommunikationssebene ange­siedelt.[8] Diese Grund­ordnung bezeichnet Hellinger auch als „Ordnung der Liebe“ [9]. Positive Veränderungen ent­wickeln sich, wenn die Aufstellung die bestehende Grund­ordnung berücksichtigt wird. Lösungen werden somit nicht neu konstruiert oder gestaltet. Vielmehr hilft die Aufstellung anzuerkennen was ist und das System der Grundordnung entsprechend auszurichten.

Zentrales Arbeitsmittel in der Aufstellung ist die repräsentative Wahrnehmung der Stell­vertreter[10]. Gemeint ist hiermit, dass die Stellvertreter, sobald sie aufgestellt sind eine andere Wahrnehmung haben. Sie fühlen und denken wie die Personen, die sie vertreten ohne sie zu kennen oder über detaillierte Informationen über sie zu verfügen.

Hellinger äußert hierzu, dass diese Phänomen zwar nachprüfbar, aber psychologisch oder philosophisch nicht erklärbar ist.[11] Die repräsentative Wahrnehmung hilft in der Aufstellung Problemhintergründe zu erleuchten und durch Umstellungen herauszufinden, wie die Probleme zur Zufriedenheit der Beteiligten gelöst werden könnten.

Die Aufstellung selber wird als eine Art Kraftfeld beschrieben. A. Mahr spricht hier von wissenden Feldern und betont, dass gute Lösungen in diesem Kraftfeld begründet liegen. Er äußert hierzu:

„Es ist mir in der Zeit klar geworden, das die Weisheit der guten Lösungen in Familien­auf­stell­ungen nicht so sehr allein in uns, den Klienten oder den Therapeuten, liegt, sondern im Energiefeld der Aufstellung: wir werden von guten Lösungen viel eher gefunden, als dass wir sie finden oder erfinden“[12]

[...]


[1] ) Die Beschreibung der Methode zeigt die Art und Weise auf, wie ich diese im Rahmen der Teamberatung meines beruflichen Kontext angewandt habe. Die hier aufgezeigten Regeln und Bedingungen können daher nicht als universelle Voraussetzungen betrachtet werden. Vielmehr stellen sie Empfehlungen dar, die sich in der Anwendung als nützlich erwiesen haben.

[2] So wurde Morenos Standardswerk „Grundlagen der Soziometrie“ 1954 in Deutschland verlegt

[3] Vgl. D. Freudenreich, Gruppendynamik und Schule, Darmstadt 1986, S. 83

[4] Vgl. E. Höhn u. G. Siedel, Das Soziogramm, Göttingen 1976, S. 26 ff.

[5] Vgl. C. Weiß, Pädagogische Soziologie, Heilbrunn 1972, S. 59

[6] Ebenda, S. 63

[7] Vgl. Bert Hellinger, Das Familienstellen: eine Standortbestimmung, 2003 veröffentlicht im Internet www.hellinger.com

[8] Vgl. Eva Madelung, Wiesloch 16. April 1999, Pressekonferenz auf der Arbeitstagung „Ein Wind lässt viele Drachen steigen“, veröffentlicht im Internet www.hellinger.com

[9] ebenda

[10] Albrecht Mahr, Die Weisheit kommt nicht zu den Faulen, in: Gunthard Weber (Hrsg.) Praxis des Familien­stellens , Heidelberg 1998, S. 32

[11] Vgl. Bert Hellinger, 2003, a.a..O.

[12] Vgl. Albrecht Mahr, a.a.O., S. 30

Details

Seiten
55
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638804967
ISBN (Buch)
9783638837620
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76112
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Weiterbildungsstudium Arbeitswissenschaft
Note
keine
Schlagworte
Aufstellungsarbeit Teamberatung Systemische Kompetenzen Coaching Systemische Kompetenzen Coaching

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