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Ludwig Tieck, Die Theorie des Wendepunkts und des Wunderbaren - Eine Analyse seiner späten Novellen anhand ausgewählter Beispiele

Seminararbeit 2005 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Tieck und die Zeit des poetischen Realismus

2. Zur Rezeption der Wendepunkttheorie und des Wunderbaren im Werke Ludwig Tiecks

3. Die Gemälde
3.1. Kritik zum Wendepunkt in der Novelle „Die Gemälde“

4. Das Fest zu Kenelworth

5. Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss

6. Abschlußanalyse: Hält Ludwig Tieck seine eigenen Regeln ein?
6.1. Revision: Die Gemälde
6.2. Revision: Das Fest zu Kenelworth
6.3. Revision: Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

0. Einleitung

Ludwig Tieck, Romantiker und einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus im 19. Jahrhundert, ist Mitbegründer der literarischen Gattung „Novelle“, deren Bezeichnung erstmals in Verbindung mit Boccaccios „Decamerone“ (1348/53) verwendet wurde. Im Jahre 1829 formulierte Tieck eine Novellentheorie, in der er auch die für ihn wichtigste Kostituente dieses Genres, den Wendepunkt, charakterisierte. Hierzu äußerte er sich wie folgt:

„Eine Begebenheit sollte anders vorgetragen werden, als eine Erzählung; diese sich von Geschichte unterscheiden, und die Novelle nach jenen Mustern sich dadurch aus allen anderen Aufgaben hervorheben, daß sie einen großen oder kleinern Vorfall ins hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist. Diese Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt, und doch natürlich, dem Charakter und den Umständen angemessen, die Folge entwickelt, wird sich der Phantasie des Lesers um so fester einprägen, als die Sache, selbst im Wunderbaren, unter andern Umständen wieder alltäglich seyn könnte. So erfahren wir es im Leben selbst, so sind die Begebenheiten, die, uns von Bekannten aus ihrer Erfahrung mitgetheilt, den tiefsten und bleibendsten Eindruck machen.[...]“[1]

Diese Ausführungen zeigen, dass der Wendepunkt nach Tieck ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten zu erfüllen hat, die mit dem Motiv des Wunderbaren eng verknüpft sind. Das Ziel dieser Arbeit wird es sein, die Beziehung zwischen dem von Tieck formulierten Wendepunkt und seinem Kolorit des Wunderbaren zu verdeutlichen. Hierbei wird zunächst ein kurzer Überblick über die literatur- und gesellschaftsgeschichtlichen Hintergründe der Novellen Tiecks gegeben.

Es folgt eine grobe Zusammenfassung verschiedener Rezeptionspositionen von Tieck-Forschern, in der deren Divergenzen und Konformitäten bezüglich der Wendepunkttheorie und der Theorie des Wunderbaren aufgezeigt werden sollen, bevor diese Punkte anhand konkreter Novellenbeispiele diskutiert werden.

Am Ende stellt sich heraus, in wiefern die von Ludwig Tieck aufgestellte Wendepunkttheorie repräsentativ ist für seine eigenen Novellen und in welcher Konsequenz er die grundlegenden Reglementierungen selbst eingehalten hat.

1. Tieck und die Zeit des poetischen Realismus:

Um die späten Novellen Ludwig Tiecks besser interpretieren zu können, ist die Kenntnis einiger wichtiger literatur- und gesellschaftsgeschichtlicher Hintergründe unabdingbar. Bereits zur Biedermeierzeit ab 1820, intensiv ab etwa 1850, wendeten sich zahlreiche Schriftsteller von der idealisierenden Weltanschauung der Romantiker ab und begannen, das Leben so zu beschreiben, wie es tatsächlich war. Die Menschen sahen sich zu der Zeit immer mehr den Zwängen übernatürlicher Mächte ausgesetzt, die im Wesentlichen ein Resultat der aufkommenden Industrialisierung waren. Sie verursachten Lebensängste und führten zu Verzweiflung und Wahnsinn. Um diese Realität zu verschönern, ließen die poetischen Realisten, zu denen auch Ludwig Tieck gehörte, Elemente aus der Romantik in ihre Werke einfließen. Mit poetisch dargestellten, fantastischen und märchenhaften Anteilen versuchten sie, dem schrumpfenden Daseinsvertrauen der Menschen entgegenzuwirken und zugleich Kritik an der menschenverachtenden Gesellschaft zu üben. Hierbei war es Tiecks Ziel, die Menschen wieder auf die kleinen Wunder im Alltäglichen aufmerksam zu machen und sie in ihrer Verzweiflung aufzubauen, ohne ihnen ein allzu großes Vertrauen in übernatürliche Kräfte suggerieren zu wollen. Religiöser Fanatismus, primitiver Aberglaube, Weltschmerz und Zerrissenheit bedrohten die menschliche Existenz[3], und die galt es nicht mehr zu romantisieren. Mit der Abwendung von der Romantik überwand Tieck auch die eigene romantische Weltanschauung, die er einst selbst vertreten hatte. Dennoch stand bei den poetischen Realisten das lebensbejahende Prinzip im Vordergrund, welches in ihren Werken gerade durch die kleinen Wunder im Alltäglichen ausgedrückt wurden. Sie konnten in ausweglosen Situationen dazu beitragen, dass sich plötzlich und unerwartet durch ein Ereignis alles zum Guten wendete. Darauf basierte auch die Gestaltung der Wendepunkte in Tiecks Novellen, die in den Menschen ein wenig Gottvertrauen hervorrufen konnten.[2]

2. Zur Rezeption der Wendepunkttheorie und des Wunderbaren im Werke Ludwig Tiecks:

Mit seiner Wendepunkttheorie setzten sich Kritiker schon zu Lebzeiten Tiecks auseinander und versuchten, allgemeine und übergeordnete Anwen-dungseigenschaften für den Wendepunkt und das damit verbundene Wunderbare zu finden. Als Resultat kristallisierten sich unterschiedliche Meinungen heraus, die den Wendepunkt als psychologisches, artistisches, strukturelles oder rein äußerliches, oberflächliches Moment ansahen[5]. Eine solche Klassifikation kann aber nur dann vorgenommen werden, wenn jedes Werk einzeln untersucht wird, um diesem gerecht zu werden[6]. Fest steht, dass Tieck seine Novellen, und auch den Wendepunkt, vor allem in der Tradition Cervantes verfasste. In seinem Aufsatz „Zur Geschichte der Novelle“ aus dem Jahr 1834 schrieb er über den Spanier:[4]

„[...] Aber dieser große Erfinder wies die Leser und Autoren auf das wirkliche Leben hin, und sein großer Genius zeigte, wie das Alltägliche und Geringe den Schimmer und die Farbe des Wunderbaren annehmen könne [...]“

Das alltägliche, wirkliche Leben, welches Tieck in seinen Novellen thematisierte, machte ihn zu einem Vorreiter des Realismus. Seine Theorie zur Novelle hingegen sorgte in Teilen bei den Kritikern für Verwirrung und Unklarheit. Während für sie der Wendepunkt selbst durch den Begriff der Punktualität K.W.F. Solgers[7] (romantischer Philosoph und Freund Tiecks, 1780-1819) erklärbar war, da dieser die Auffassung Tiecks vom Zusammentreffen von Göttlichem und Irdischem geprägt hatte, blieb insbesondere der Begriff des Wunderbaren in den eigenen Definitionen des Autors im Dunkeln. Die Eigenschaften des auftretenden Wunderbaren versuchte Tieck auch anhand der Werke anderer Autoren in recht abstrakter Weise zu erklären, z.B. in seinen Ausführungen über Aischylos` Orestie, was Peter Wesollek wie folgt kommentierte:

„Die Bestimmungen „Unauflösbares“ einerseits, „Nachahmung und Darstellung“ andererseits könnten mit den Begriffen „Wunderbares“ und „Alltag“ korrespondieren; doch selbst wenn der Nachweis der Bedeutungsähnlichkeit oder –gleichheit erbracht werden könnte, wäre damit nicht viel gewonnen. Denn der Hinweis, daß der Dichter Aischylos das Geheimnisvolle durch ein Geheimnis ausgleichen will – ein Unterfangen, dem der Versuch der Dichtkunst gleichgesetzt wird, sich des Unauflösbaren zu bemächtigen -, verdeutlicht nur, daß etwas Undefiniertes, vielleicht Undefinierbares vorliegt, dessen Walten im Leben einzig durch Gleichartiges ausgeglichen werden, aber nicht durch diskursives Denken erfaßt werden kann.“[8]

Auch Ludwig Tieck schien gemerkt zu haben, dass ihm das Erläutern des komplexen und in hohem Maße philosophischen Sachverhaltes nicht in ausreichendem Maße gelungen war. Eine Aussage seinerseits macht diesen Umstand besonders deutlich:

Ich habe hiermit nur andeuten wollen, warum ich im Gegensatz früherer Erzählungen verschiedene meiner neueren Arbeiten Novellen genannt habe.“

Dennoch existieren einige Charakteristika, die die Tragweite des Wende-punkts und des Wunderbaren einzugrenzen vermögen. P. Wesollek und R. Köpke beispielsweise stimmen in dem Punkt überein, dass es auf die individuelle Sicht des Menschen auf das Wunderbare ankommt, dass also folglich kleine Geschehnisse im Alltag durchaus von den sie Erfahrenden als wunderbar angesehen werden können, während sie andere als bedeutungslos betrachten würden, da sie sich nicht in genau derselben Situation befinden und somit die Relevanz des Ereignisses, das für die einen eine Wende einleiten kann, für sie eine andere, geringere ist. Einigkeit unter den Tieck-Forschern herrscht auch in dem Punkt, dass Wendepunkt und Wunderbares unmittelbar miteinander einhergehen. In seiner Definition legte Ludwig Tieck fest, dass „... das Wesen des Wunderbaren seinen Charakter eben durch die Wende erhält.“ Überdurchschnittlich oft ist die Liebe der übergeordnete Bereich, der Wunder und Wende miteinander vereint. Am Versuch, das Wunderbare und den Wendepunkt unter diesem Gesichtspunkt zusammenzufassen, sind jedoch die Theoretiker ebenfalls gescheitert. Beispielhaft ist ein Kommentar Ralf Stamms, der schrieb: „Die Menge faßt es nicht, das wahre Wunderbare.[9] Dass dies aber auch gut ist, sieht E.H. Zeydel und verweist in einer Äußerung auf die religiöse Komponente des Wunderbaren:

“Real miracles are marked by divine benevolence and occur in the broad daylight of routinary life. And since they proceed from God, it behoves man neither to construct systems upon them nor to draw conclusions from them.”[10]

[...]


[1] Tieck, Schweikert. Bd. 11, S. 8

[2] Gneuss: Der späte Tieck als Zeitkritiker. S. 107 f.

[3] Gneuss: S. 108

[4] Wesollek S. 57 f.

[5] Wesollek S. 60

[6] Wesollek S. 60

[7] Heyse, Schunicht S. 52

[8] Wesollek: Die Novellentheorie. S. 64 f.

[9] Stamm S. 148

[10] Zeydel, Tieck, S. 299

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638816922
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76207
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Ludwig Tieck Theorie Wendepunkts Wunderbaren Eine Analyse Novellen Beispiele Literarische Gattungen Novelle

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