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Die Entdeckung der "pädagogischen Schöpferkraft" von Beruf und Wirtschaft: Eine Auseinandersetzung mit der klassischen deutschen Berufsbildungstheorie

Seminararbeit 2003 27 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Geschichte vor der klassischen Berufsbildungstheorie

II. Die klassische Berufsbildungstheorie
1. Georg Kerschensteiner
l.l Voraussetzungen und Ausgangssituation für die Entstehung der Berufsbildungstheorie bei Kerschensteiner
l.2 Aufgaben und Ziele der Berufsbildungstheorie
l.2.l Die Theorie der Bildung und das Problem von Beruf und Bildung
l.2.2. Die staatsbürgerliche Erziehung
l.2.3. Die Umwandlung der Fortbildungsschulen in Berufsschulen
l.3. Die Einheit von Berufs- und Allgemeinbildung
2. Eduard Spranger
2.1. Arten der Bildung. Die Bildungsdefinition bei Spranger
2.2. Das Drei-Stadium-Gesetz der Bildung
2.3. Die Rolle der Berufsschule in der Berufsbildungstheorie Sprangers

Literaturverzeichnis

Die Entdeckung der „pädagogischen Schöpferkraft“ von Beruf und Wirt­schaft: Eine Auseinandersetzung mit der Klassischen Berufsbildungstheorie

Einleitung:

Die klassische deutsche Berufsbildungstheorie gehörte zu den wichtigsten Bildungstheorien im 20. Jahrhundert. Fast 50 Jahre stand sie im Mittelpunkt der bildungspolitischen und erzie­hungswissenschaftlichen Forschung und sie verkörperte die erste berufs- und wirtschaftspä­dagogische Denkschule am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Entdeckung der „pädagogischen Schöpferkraft" von Beruf und Wirtschaft gehörte dabei zu den herausragenden Ergebnissen der klassischen Berufsbildungstheorie. Verantwortlich für diese „Entdeckung" waren vor allem Georg Kerschensteiner und Eduard Spranger, die zu den wichtigsten Vertretern der klassischen Berufsbildungstheorie zu zählen sind. Deshalb sollen anhand dieser Seminararbeit ihre wichtigsten Konzepte, Ideen und Vorstellun­gen über die Berufsbildungstheorie vorgestellt werden. Eine entscheidende Bedeutung nimmt dabei die Frage ein, wie Kerschensteiner und Spranger die Entdeckung der „pädagogischen Schöpferkraft" von Beruf und Wirtschaft begründeten und rechtfertigten und welche Bedeutung dem „Beruf“ in diesem Zusammenhang zuteil wur­de.

Im ersten Kapitel soll zunächst die Geschichte der klassischen Berufsbildungstheorie be­schrieben werden, wobei vor allem die Epoche des Neuhumanismus in Augenschein genom­men werden soll. Die Betrachtung der Epochen der klassischen Berufsbildungstheorie erscheint unabdingbar, wenn man das Entstehen und die Bedeutung der klassischen Berufs­bildungstheorie verstehen will.

Innerhalb des zweiten Kapitels erfolgt dann die zentrale Auseinandersetzung mit der klassi­schen deutschen Berufsbildungstheorie. Der erste Punkt dieses Kapitels behandelt dabei die Berufsbildungstheorie von Georg Kerschensteiner. Zunächst sollen die Voraus­setzungen und Ausgangssituationen für die Entstehung der Berufsbildungstheorie bei Kerschensteiner erläu­tert werden (1.1). Wie entstand die Theorie von Kerschensteiner und wie kann sie erklärt werden? Auf diese Frage soll eine Antwort gefunden werden. Danach erfolgt die Auseinandersetzung mit den Aufgaben und Zielen der Berufsbildungstheo­rie (1.2). Drei Aspekte und Problemstellungen stehen hierbei im Zentrum der Betrachtung:

- Wie sind die Jugendlichen zu erreichen? Die Theorie der Bildung und das Problem von Beruf und Bildung (1.2.1).
- Wie lässt sich das Bildungsinteresse bzw. der „innere Beruf“ des Jugendlichen aufde­cken? Das Prinzip der staatsbürgerliche Erziehung (l .2.2).
- Welche Grundvoraussetzungen müssen geschaffen werden, damit das Berufsbildungs­system erfolgreich sein kann? Die Umwandlung der Fortbildungsschulen in Berufs­schulen (1.2.3).

Anschließend erfolgt in Abschnitt 1.3 eine Auseinandersetzung mit den Vorstellungen Kerschensteiners über die Einheit von Berufs- und Allgemeinbildung. Was führte dazu, dass Kerschensteiner die Meinung vertrat, dass die Berufsbildung an der Pforte zur Menschenbildung stehe?

Der zweite Punkt des zweiten Kapitels setzt sich dann mit der Berufsbildungstheorie von Eduard Spranger auseinander. Spranger unterscheidet in seiner Berufsbildungstheorie zwischen mehreren Arten der Bildung. Für das Verständnis seiner Konzepte werden diese Arten der Bildung im Abschnitt 2.1 erläutert.

Welche Rolle spielten nun die Berufsbildung und Allgemeinbildung bei Spranger? Um diese Frage beantworten zu können, benötigt man den Zugang zu dem „Drei- Stadium- Gesetz der Bildung", in welchem Spranger die Phasen der Bildung in „Grundbildung", „Berufsbildung" und „(höhere) Allgemeinbildung" einteilt (2.2).

Abschließend soll noch kurz erörtert werden, welche Rolle Spranger der Berufsschule inner­halb seiner Theorie zuschrieb (2.3), um dann in einer Schlussbetrachtung zusammenfassen zu können, worin die Gemeinsamkeiten von Kerschensteiner und Spranger liegen und weshalb sie maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die „pädagogische Schöpferkraft" von Beruf und Wirtschaft entdeckt werden konnte.

I. Die Geschichte vor der klassischen Berufsbildungstheorie

Wissenschaftshistorisch argumentiert stellen Erziehungs- und Bildungstheorien den ältesten Bestand erziehungswissenschaftlicher Reflexionen dar.[1]

Die Anfänge der Berufsbildungstheorie lassen sich auf das Zeitalter der Aufklärung zurück­führen, in welchem sich die Berufsbildungstheorie zum ersten Mal ideengeschichtlich entwi­ckelte.[2]

Entscheidend ist nun die Frage, wie diese Epoche der Aufklärung im Hinblick auf die Berufs­bildungstheorien charakterisiert werden kann. Im Mittelpunkt aller zeitgenössischen Texte über Erziehung stand dabei die Hochschätzung des Verstandes und ein großes Vertrauen in die menschliche Vernunft. Die Aufklärungspädagogik antwortete auf die vielen Problemlagen in der überwiegend landwirtschaftlichen Gesellschaft mit einem Programm, das die Erziehung gesellschaftlich brauchbar werden ließ. Diese entwickelten Ideen im Zeitalter der Aufklärung stellten einen immensen Fortschritt dar, weil sie davon ausgingen, dass alle Bevölkerungs­gruppen eine formale Bildung erhalten sollten. Um das ermöglichen zu können, wurden zahl­reiche öffentliche Pflichtschulen errichtet, die hauptsächlich die Alphabetisierung der Gesell­schaft sicherstellen sollten und konnten.[3]

Trotzdem spielt die Aufklärungsepoche für die Entstehung von Berufsbildung­stheorien eher eine untergeordnete Rolle, da zu dieser Zeit noch nicht kategorial zwischen „allgemeiner" und „beruflicher" Bildung unterschieden wurde. Die Bildung folgte dem obersten Erziehungsstil der „gesellschaftlichen Brauchbarkeit", das sie zu erfüllen hatte.[4]

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in der Epoche des Neuhumanismus, schwenkten die Bil­dungstheoretiker um und setzten sich nun für eine „allgemeine Bildung des Menschen" ein. Im Mittelpunkt stand jetzt die „Menschenbildung", die universalistisch ausgerichtet sein soll­te[5]. Eine solche Forderung nach allgemeiner Menschenbildung war grundsätzlich eine Kampfansage gegen die Pädagogik der deutschen Aufklärung, denn die Erziehung orientierte sich nun alleine am Ideal des allseitig ausgeformten Menschen und nicht mehr an seiner Stan­desordnung[6].

Der preußische Staatsbeamte Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der für die Reform des preußischen Schulwesens zuständig war, differenzierte in dieser Zeit zu ersten Mal zwischen „allgemeiner" und „specieller" Bildung[7]. Gemeinhin gelten dabei in der Berufspädagogik die Ausführungen Humboldts über „allgemeine" und „specielle" Bildung als „Gründungsurkun­de" der Berufsbildungstheorien[8].

Humboldt führte aus, dass alle Schulen, die unter der Aufsicht des Staates stehen, ausschließ­lich allgemeine Menschenbildung bezwecken sollen. Die Bedürfnisse nach spezieller, beruflicher Bildung müssten abgesondert, und „nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden".[9]

Weiterführend vertrat Humboldt die Meinung, dass man die Berufs- und Allgemeinbildung nicht „vermischen" dürfe, weil andernfalls die Bildung unrein werde, und man erhält we­der vollständige Menschen, noch vollständige Bürger einzelner Klassen[10]. Durch die allge­meine Menschenbildung sollten die Kräfte, d.h. der Mensch selbst, gestärkt, geläutert und geregelt werden und durch die „specielle" Bildung sollte der Mensch lediglich Fertigkeiten zur Anwendung erhalten[11]. Mit dieser Festlegung wurde die Berufsbildung als „illegitim" angesehen und auch strukturell aus dem Bildungssystem hinaus verwiesen[12]. Es kam quasi zu einer Kampfansage gegen die Aufnahme beruflicher, ökonomischer und technischer Inhalte in den Unterricht überhaupt[13].

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wirkte sich diese strukturelle Abwertung beruflicher Bildung in mentalitätsgeschichtlicher Sicht negativ auf die weitere gesellschaftliche Beurtei­lung ihrer Legitimität aus[14]. Die Allgemeinbildung wurde mit einem positiven und die Be­rufsbildung mit einem negativen Vorzeichen versehen[15] und zunehmend fungierte die allge­meine Bildung als „kompensatorischer Machtbegriff“ und als „Ersatzreligion“[16]. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Vorläufer der heutigen Berufsschulen innerhalb des Dualen Systems, nämlich die Fortbildungsschulen und deren Pflichtbesuch durchgesetzt wurde, flammte schließlich eine Diskussion auf, die die Allgemein- und Berufsbildung zu­sammenführen wollte.

Ab diesem Zeitpunkt kann berechtigterweise von der Existenz eigen­ständiger Berufsbildungstheorien gesprochen werden.[17]

Den in diesem Kapitel beschriebenen bildungstheoretisch - gesellschaftspolitischen Ansatz des Neuhumanismus und den Variantenreichtum von Berufsbegriffen muss man vor Augen haben, wenn man Entstehen und Bedeutung der nun folgenden klassischen Berufsbildungs­theorie verstehen will.[18]

II. Die klassische Berufsbildungstheorie

Die klassische deutsche Berufsbildungstheorie entstand als erste berufs- und wirtschaftspäda­gogische Denkschule zu Beginn des 20. Jahrhunderts und prägte das Selbstbild der Disziplin bis zum Ende der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte[19]. Zu den wichtigsten Vertretern der klassischen Berufsbildungstheorie gehörten Georg Kerschensteiner und Eduard Spranger. Deshalb stehen ihre Ausführungen im Zentrum der folgenden Betrachtungen. Die klassische Berufsbildungstheorie, wie sie von Kerschensteiner und Spranger vertreten wurde, unterstellt dabei, dass es möglich sei, die Ausformungen aller Anlagen des Einzelmen­schen mit den an ihn gestellten beruflichen Anforderungen zu harmonisieren[20]. Es geht hier­bei also um das „komplexe wechselseitige Implikationsverhältnis von beruflicher Tätigkeit und humaner Bildung im Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung“[21]. Daraus ergibt sich anschließend die Frage, wie dieses Verhältnis, vornehmlich in der Phase des Aufbaus der Be­rufsfähigkeit des Menschen pädagogisch gestaltetet werden kann bzw. sollte[22]. Um den funk­tionalen Erfordernissen gerecht zu werden, votierten die klassischen Berufsbildungstheoreti­ker wie Kerschensteiner und Spranger also für eine Synthese von „allgemeiner“ und „berufli­cher“ Bildung in der Aufbauphase der Berufsfähigkeit des Menschen[23].

[...]


[1] Vgl. Lange, U./ Harney, K. Rahn, S./ Stachowski, H. (Hrsg.): Studienbuch Theorien der beruflichen Bildung. Grundzüge der Diskussion im 20. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 2001, S.12.

[2] Vgl. Backes-Haase, A.: Berufsbildungstheorie – Entwicklung und Diskussionsstand, in: Schanz, H. (Hrsg.): Berufs- und wirtschaftspädagogische Grundprobleme, Baltmannsweiler 2001, S. 23.

[3] Vgl. Lange, U. et al., a. a. O., S. 12-13.

[4] Vgl. ebenda, S. 13.

[5] Vgl. ebenda, S. 13.

[6] Vgl. Zabeck, J.: Allgemeinbildung und Berufsbildung. Über den Widersinn der Restauration eines Gegensatzes mit der Absicht, ihn zu überwinden, in: Schanz, H. (Hrsg.): Grundfragen der Berufsbildung, Bd.1, Stuttgart 1974, S.44. / Vgl. Backes-Haase, A., a. a. O., S.24.

[7] Vgl. Lange, U. et al., a. a. O., S. 13.

[8] Vgl. ebenda, S. 39.

[9] Vgl. ebenda, S. 40.

[10] Stratmann, K.: Berufs- und Wirtschaftspädagogik, in: Groothoff, H.-H. (Hrsg.): Erziehungswissenschaftliches Handbuch, Bd. V, Teil 2: Die Handlungs- und Forschungsfelder der Pädagogik (Differentielle Pädagogik), Königsstein/Ts. 1979, S. 293.

[11] Vgl. Lange, U. et al., a. a. O., S. 40.

[12] Vgl. Backes-Haase, A., a. a. O., S. 25.

[13] Vgl. Zabeck, J.: Allgemeinbildung und Berufsbildung…, a. a. O., S. 45.

[14] Vgl. Backes-Haase, A., a. a. O., S.25.

[15] Vgl. Zabeck, J.: Allgemeinbildung und Berufsbildung…, a. a. O., S. 46.

[16] Vgl. Backes-Haase, A., a. a. O., S. 25.

[17] Vgl. Lange, U. et al., a. a. O., S. 13-14.

[18] Vgl. Lipsmeier, A.: Didaktik der Berufsausbildung. Analyse und Kritik didaktischer Strukturen der schulischen und betrieblichen Berufsausbildung, München 1978, S. 18.

[19] Vgl. Backes-Haase, A., a. a. O., S. 25.

[20] Vgl. Zabeck, J.: Allgemeinbildung und Berufsbildung…, a. a. O., S. 47.

[21] Backes-Haase, A., a. a. O., S.22.

[22] Vgl. ebenda, S. 22.

[23] Vgl. Lange, U. et al., a. a. O., S. 20.

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638811323
ISBN (Buch)
9783638837804
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76235
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,5
Schlagworte
Entdeckung Schöpferkraft Beruf Wirtschaft Eine Auseinandersetzung Berufsbildungstheorie

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